Lebenserinnerungen einer verdienten Klosterfrau (Heinrich Schidelko)

Langjährige Superiorin Schwester Eva Maria über Leben und Klostergeschichte

Wenige Monate bevor Schwester Eva Maria die Leitung des Klosters St. Ursula in Villingen an die neue Superiorin Schwester Roswitha abgeben hat (siehe auch den Bericht „Im Kloster ist auch Gegenwart Geschichte“ in diesem Heft) verfasste sie zusammen mit Heinrich Schidelko einen Bericht, in dem sie ihre Lebenserinnerungen aufzeichnete. Anmerkung der Redaktion: Wir sind dankbar, diesen Bericht im vorliegenden Jahresheft „Villingen im Wandel der Zeit“ veröffentlichen zu dürfen.

Da ich nun ein fortgeschrittenes Lebensalter erreicht habe, möchte ich aus meinem Leben und dem des Klosters St. Ursula erzählen. Meine Lebenserinnerungen sind im Jahr 2011 von Herrn Schidelko bei mehreren Treffen im Kloster aufgezeichnet und von mir anschließend gegengelesen worden. Sie geben meine persönlichen Erinnerungen und mein Wissen über die Geschichte des Klosters wieder.

Meine Heimat

Meine Heimat ist Wildtal bei Freiburg, ein kleines Dorf am Rande des Schwarzwalds, das früher noch außerhalb der Stadt lag. Oben am Berg waren viele Bauernhöfe und unten im Tal wohnte die übrige Bevölkerung. Mein Vater hatte nach Wildtal eingeheiratet. Er stammte aus dem benachbarten Gundelfingen. Das Interessante dabei ist, dass zwischen Wildtal, das am Berg liegt, und Gundelfingen im Tal früher die Grenze verlief. Gundelfingen war in den Köpfen der Menschen damals Ausland, denn die Wildtäler gehörten zu Vorderösterreich und die Gundelfinger zu Baden. Diese Teilung war zwar schon damals Geschichte, dennoch hatten weiterhin die Menschen in den beiden Dörfern nichts miteinander zu tun und gehörten auch unterschiedlichen Konfessionen an. Aber meine Mutter und einige andere Mädchen aus dem Dorf haben die Buben aus Gundelfingen gern gesehen, so wie umgekehrt die Gundelfinger Buben die Wildtaler „Maidli“ gerne beobachteten. Das war damals den älteren Leuten wie meinem Großvater nicht so recht. Schließlich waren die „Maidli“ aus Wildtal ja alle katholisch.

Mein Vater war ein begeisterter und guter Sänger und Mitglied im Gundelfinger Gesangsverein. Diesem gehörten damals auch alle anderen Buben aus Gundelfingen an. Das mütterliche Elternhaus stand direkt am Rebberg in Wildtal. Eines abends kamen die Buben aus Gundelfingen und sangen: „Herzliebchen mein unterm Rebendach, o hör mein kleines Lied! Des trauten Stimme, sie ruft dich wach von Sehnsuchtsschmerz durchglüht.“ Mein Großvater war darüber erzürnt, dass die Buben vor einem Wildtaler Haus sangen und hat gedroht: „Jetzt geh ich in den Keller, hol den Schlauch und spritz die Kerle ab.“ Als er aber hörte, wie schön sie sangen, brachte er es nicht übers Herz, sie nass zu machen. So lernten sich meine Eltern schließlich kennen und kurze Zeit später heirateten sie. Neben meinen Eltern vermählten sich bald noch weitere Mädchen aus Wildtal mit Gundelfinger Buben. Meines Wissens war es damals der erste Kontakt zwischen Wildtal und Gundelfingen zwischen denen in den Köpfen der Menschen noch die alte Grenze lag.

Abb. 1: Weihnachten 1943: Meine Mutter mit meiner kleinen Schwester Rosemarie, meinem Bruder Paul und mir.

 

Am 24. August 1929 bin ich in der Frauenklinik in Freiburg auf die Welt gekommen. Mit sechs Jahren besuchte ich die Schule in meinem Dorf. In Wildtal gab es damals eine kleine Volksschule mit zwei Klassen: 1.– 4. und 5.– 8. Klasse. In der dritten Klasse hatten wir eine gute Lehrerin, die sich sehr um uns kümmerte. Wer einigermaßen begabt war, sollte auf die höhere Schule gehen. Die Lehrerin ging zu meinen Eltern nach Hause und überredete sie, mich auf die höhere Schule in Freiburg anzumelden. So kam ich dann 1939 nach Freiburg auf das Goethe-Gymnasium, das damals Hindenburg-Gymnasium hieß. Jeden Morgen musste ich durch Feld und Wiesen eine halbe Stunde laufen bis nach Zähringen zur Straßenbahn, die mich dann in die Innenstadt nach Freiburg brachte. Während des Krieges 1943/44 wurde der Schulbetrieb ganz eingestellt. Mein Vater war damals als Soldat in Russland und meine Mutter war allein mit uns Kindern (Abb. 1). Ich kann mich noch gut an den großen Bombenangriff auf Freiburg 1944 erinnern. Ich war in meinem Elternhaus draußen in Wildtal, als am Abend Freiburg bombardiert wurde. Gegen 23:00 Uhr kamen die ersten Flüchtlinge in unser Dorf und auch zu uns ins Haus. Wir hatten viele Bekannte aus der Stadt, die nach dem Bombenangriff jeden Abend zu uns kamen und schliefen. Die alten Leute durften in unseren Betten ruhen und wir Jungen lagen zum Schlafen auf dem Boden. Obwohl es eigentlich eine schwere Zeit war, war es doch schön, dass man, auch wenn man nicht viel hatte, sich gegenseitig half. Bei allem war man froh und dankbar, dass man noch lebte.

1945 war der Krieg zu Ende und die St.-Ursula-Schule in Freiburg, die von den Nazis geschlossen worden war, wurde wieder eröffnet. Das Gebäude in der Eisenbahnstraße war im Krieg glücklicherweise nicht zerstört worden, so dass es jetzt als Schule genutzt werden konnte. Es sah durch die Kriegseinflüsse natürlich heruntergekommen aus. Aber die Mauern standen noch und die zerbrochenen Fensterscheiben wurden wieder erneuert. An St. Ursula machte ich zunächst die Mittlere Reife. Anschließend musste ich auf das Goethe-Gymnasium wechseln, um dort 1950 die allgemeine Hochschulreife abzulegen.

Mein Weg ins Kloster

Als Heranwachsende war ich in der katholischen Jugend aktives Mitglied. Ich habe diese Zeit in sehr schöner Erinnerung. Wir gehörten damals zur Pfarrei Zähringen und waren schon eine „tolle Truppe“. In meiner Jugendzeit gab es dort nette und gute Vikare, die mit uns viel unternahmen. Im Oktober 1948 war in ganz Freiburg – auch bei uns in Zähringen – Mission. Drei Padres des Redemptoristen-Ordens führten bei uns die Mission durch. Sie wohnten sonst das Jahr über im St.-Ursula- Kloster in Villingen. Nach dem Krieg sollten sie in einem neuen Wohngebiet am Bickeberg eine Kirche bauen. Dieses Projekt hat sich dann später aber zerschlagen. Die Redemptoristen waren gute Prediger. Zwei Wochen hat diese Mission gedauert. An einem Donnerstagabend nach dem Gottesdienst sagte mir der Vikar, dass ich einmal in die Sakristei zum Pfarrer gehen solle. Dort sagte mir der Stadtpfarrer: „Du, Erika, morgen gehst du nicht in die Schule. Ich brauche dich morgen im Wildtal. Der eine Pater benötigt dich bei euch im Gasthaus Kandelblick. Dort möchte er mit allen Wildtälern, die nicht runter nach Zähringen können, die Heilige Messe feiern. Da brauche ich jemanden, der ihm den Weg zeigt. Außerdem möchte er noch einigen Kranken die Heilige Kommunion bringen.“ Damals gab es ja noch keine Autos bei uns und deswegen mussten wir alles zu Fuß unternehmen. Nach der Heiligen Messe morgens um 8:00 Uhr im Kandelblick marschierten wir den Tag durch Wildtal, besuchten die Kranken und brachten ihnen die Krankenkommunion. Unterwegs fragte mich der Pater, was ich denn später einmal werden möchte. Damals war ich schon in der Oberstufe. Ich antwortete ihm: „Ich tät halt gern Medizin studieren. Und dann habe ich noch so eine Spleen, ich würde gern Missionsärztin werden.“ „Und sonst“ hat er dann gefragt, „sonst hast du nichts im Kopf?“ Dann habe ich geantwortet. „Ich könnte auch Pädagogik studieren. Ich hab mich halt noch nicht entschieden.“ Dann ist er hellhörig geworden und hat gesagt, „ich komm gerade von einem Orden, der unterrichtet“. So hat er mir dann von Villingen, dem St.-Ursula- Kloster und der Schule erzählt. Für mich war es damals sehr schwer vorstellbar Ordensschwester zu werden. In Zähringen gab es im Kindergarten Vinzentinerinnen, die ich persönlich sehr schätzte. Aber das Gewand, das die Vinzentinerinnen trugen, hat mir gar nicht gefallen, weil es so altmodisch und unpraktisch war. Doch der Pater versicherte mir, dass im St.-Ursula-Kloster in Villingen sehr moderne Frauen seien, die auch etwas sehr Gutes tun. Er riet mir, dort einmal hinzugehen und die Frauen kennenzulernen, nicht damit ich dort eintrete, sondern damit ich ein anderes Bild von den Schwestern bekäme. Dann war die Mission bei uns am Ort vorbei und die Padres waren wieder weg. Kurze Zeit später kam eine Karte von dem Pater und er schrieb mir, dass er mit der Schwester Superiorin Xaveria gesprochen habe, und dass ich einmal vorbeikommen solle. Frech und couragiert wie ich so war, fuhr ich einfach nach Villingen und schaute mir das Kloster und den Orden an. Das war im Oktober 1948. Damals schlief ich in einem der Gästezimmer im Erdgeschoss, dort wo heute das Lehrerzimmer ist. Ich war von der Arbeit und dem Leben hier so angetan, dass ich mich entschied, hierhin zu gehen. Das war der Anfang! Ich blieb dann im Briefwechsel mit der Schwester Superiorin Xaveria und besuchte das Kloster noch ein paar Mal für einige Tage. Nach meinem Abitur, Ostern 1950, begann ich in Gengenbach das Lehramtsstudium mit dem Ziel, Volksschullehrerin zu werden.

Abb. 2: Mein „Hochzeitskleid“ vor meiner Einkleidungsfeier 1954.

 

Zum St.-Ursula-Kloster in Freiburg, das ich aus meiner Schulzeit kannte, hat es mich nicht hingezogen. Die Schwestern in Freiburg waren sehr fein, haben auf Etikette großen Wert gelegt und haben sich vor allem für höhere Mädchenerziehung interessiert. Die Schwestern in Villingen dagegen waren bodenständiger und haben angepackt, wo es nötig war. Hier war eine viel offenere Atmosphäre. Meine Eltern waren von meiner Entscheidung, ins Kloster zu gehen, zunächst nicht begeistert. Es ist ihnen sehr schwer gefallen. Meine Mutter meinte, „du musst wissen, was du tust“. Erst später waren sie mit meiner Entscheidung einverstanden.

Die Anfangsjahre in St. Ursula

Als ich am 1. Mai 1954 nach dem Abschluss des Lehramtsstudiums nach Villingen kam, war ich zunächst für ein halbes Jahr Postulantin. Darauf folgte für ein Jahr das Noviziat und anschließend legte ich zweimal jeweils für drei Jahre das Gelübde auf Zeit ab. Pfingsten 1962 versprach ich dann die ewige Profess (Abb. 2).

Abb. 3: Mein neues Ordensgewand nach der Einkleidungsfeier 1954; rechts Sr. Hildegard.

 

Die St.-Ursula-Schwestern trugen schon damals auch in der Öffentlichkeit keinen Schleier, sondern nur eine kleine Kappe. Das Gewand der Schwestern entsprach dem Witwenkleid der Villingerinnen im 18. Jahrhundert. Es bestand aus einem schwarzen Kleid, einem Leinenkragen und einem Schal mit Fransen. Außerdem trugen wir noch eine Schürze. In der Machart war es also vergleichbar wie es jetzt die Villingerinnen an Festtagen und an der Fasnet tragen (Abb. 3). Unsere Ordensgründerin wollte nämlich, dass ihre Schwestern kein Ordenskleid, sondern das Witwenkleid ihrer Zeit und ihres Ortes trugen.

Mein Tagesablauf sah in den ersten Jahren wie folgt aus: Um 5:30 Uhr stand ich auf und um 6:30 Uhr versammelten wir uns alle in der Kirche zur Laudes und dann zur Heilige Messe. Anschließend gab es Frühstück. Um 8:00 Uhr begann für die Ordensfrauen die Schule. Ich ging rüber in die Klosterringschule. Der Unterricht dauerte meist bis 12 Uhr. Im Kloster gab es dann Mittagessen. Die Sext beteten wir nach dem Essen gemeinsam in der Kirche. Nach einer Phase der Rekreation mussten alle Ordensfrauen für die Schule arbeiten, das heißt Unterricht vorbereiten und Klassenarbeiten korrigieren. Um 18:00 Uhr beteten wir in der Klosterkirche die Vesper. Am Abend nach dem Nachtmahl gab es nochmals eine Phase der Rekreation, bevor wir zum Ende des Tages in der Kirche die Komplet sprachen. Um 21:30 Uhr sollten wir alle im Bett liegen.

Die Anfangsjahre an St. Ursula habe ich in sehr schöner Erinnerung. Damals gab es unter uns Schwestern einige Musikerinnen, die ein Instrument spielten. Außerdem sangen wir alle in einem Chor. Es gab 6– 8 Anfängerinnen, wobei einige von ihnen schon damals das Kloster wieder verließen, weil sie z. B. nicht ehelos leben wollten.

Abb. 4: Sr. M. Siegrun, Sr. M. Gisela †, ehemalige Direktorin des Progymnasiums, Sr. Eva Maria und Sr. M. Roswitha (v.l.n.r.) im neuen Ordenskleid im Jahr 2007.

 

Sonntags nach der Heiligen Messe fuhren wir häufig gemeinsam mit der erfahrenen Klosterfrau Sr. Rita mit den Fahrrädern zum Klosterhof bei Fischbach. Mir ist noch gut ein Ausflug in Erinnerung, bei dem wir in der Nähe des Klosterhofs am Straßenrand vesperten. Wir hatten Wecken und Landjäger dabei. Als einige Leute vorbeikamen, rief Schwester Rita ganz plötzlich „Wecken weg, Rosenkranz raus!“. Über diesen Spruch mussten wir noch Jahre später immer wieder lachen. Ein paar Mal waren wir im Winter draußen zum Schlittenfahren. Natürlich trugen wir beim Schlittenfahren unser normales Ordenskleid. Wir waren damals schon eine fröhliche Gruppe.

Die 60er Jahre

Die meisten Schwestern unseres Klosters haben das 2. Vatikanische Konzil (1962– 65) und seine Beschlüsse begrüßt. Es brachte frischen Wind in unseren Klosteralltag. Wir haben uns darüber gefreut, dass in der Kirche endlich etwas vorwärts geht. Für unseren Orden brachte das Konzil ein neues Ordensgewand. Wir legten das alte Villinger Häs ab und erhielten nun das graue oder schwarze Ordenskleid, das wir noch heute anziehen (Abb. 4). Das schwarze Ordenskleid tragen wir sonntags und an Festtagen, das graue Ordenskleid ist für den Alltag bestimmt. Die 68er Revolte und die damit verbundene Kritik an der Kirche hat unser Klosterleben nicht betroffen. Wir waren in unserem Glauben so gefestigt, dass uns diese Kritik nicht verunsicherte. Auch in der Schule kann ich mich von Seiten der Eltern an keine negative Begebenheit erinnern.

Meine Zeit an der Klosterringschule

1954 gab es im St.-Ursula-Kloster noch rund 85 Ordensschwestern. In dieser Zeit wurde noch in Ordensschwester und Ordensfrau unterschieden. Die Lehrerinnen hießen alle Ordensfrauen. Das waren seinerzeit über 60 Nonnen. Diejenigen, die im Kloster arbeiteten, nannte man Schwestern. In den 50er Jahren gab es an St. Ursula neben der Volksschule, die heute die Klosterringschule ist, eine Handelsschule und ein Progymnasium.

Abb. 5: Meine Schüler beim Kinderumzug.

 

Die meisten Klosterfrauen arbeiteten an der Klosterringschule. Diese war damals die „Maidlischul“ in der Stadt. Sie bestand seit 1776 und war bis ins 20. Jahrhundert hinein die einzige Mädchenschule in Villingen. Als ich 1954 an der Klosterringschule anfing, arbeiteten dort fast nur Klosterfrauen, auch wenn diese Schule damals schon in staatlicher Trägerschaft war. Die Handelsschule, die man nach der Volksschule oder der Mittleren Reife besuchen konnte, leitete Schwester Christa. Direktorin des Progymnasiums war Schwester Gisela. In der Handelsschule gab es sehr viele Interne. Das waren Schülerinnen, die nicht nur an der Schule lernten, sondern das Jahr über im Internat der Schule wohnten. Sie feierten mit uns auch alle Feste mit, was ich in sehr schöner Erinnerung habe. Das Internat befand sich dort, wo heute der Zeichensaal ist und in den Stockwerken darunter.

Meine Zeit an der Klosterringschule habe ich in sehr guter Erinnerung. Mit den Schülern meiner Klassen führte ich zahlreiche Theaterstücke auf.

Alle zwei Jahre nahm ich mit meinen Schülern unter einem bestimmten Motto am Kinderumzug teil (Abb. 5). Außerdem dichtete ich zu vielen Anlässen im Schulleben wie Abschlussfeiern oder Verabschiedungen gemeinsam mit meinen Kollegen Lieder, sang im Chor wie den „Klosterring Singers“ mit oder schrieb kleine Sketche. Mit der Zeit nahm die Zahl der Klosterfrauen an der Schule immer mehr ab. 1967 waren nur noch 12 Frauen aktiv im Schuldienst der Klosterringschule. Das war eine Tendenz, die sich immer weiter fortsetzte. Als ich 1989 als letzte Ordensschwester an der Klosterringschule in den Ruhestand ging, endete dort eine lange Tradition in der Stadt. Aber wir hatten in unseren Mauern noch die Realschule und das Progymnasium.

Schwere Zeiten

Doch mit dem personellen Rückgang im Kloster kamen auch finanzielle Schwierigkeiten auf uns zu. Ende der 80er Jahre konnten wir die jährlich 500.000 DM für unsere Schulen nur noch schwer zusammenbringen. Daher ging ich zu unserem Bischof Wolfgang Kirchgässner und bat ihn um Rat, was wir mit unseren Schulen machen sollten. Anscheinend waren andere Klöster mit Schulen in einer ähnlichen Situation, so dass sich die Vertreter im Ordinariat mit dem Bischof berieten und schließlich die Schulstiftung gründeten. In der Schulstiftung sind u. a. zahlreiche kirchliche Schulen ehemaliger Klöster zusammengefasst. Sie werden von der Ortskirche finanziell unterstützt.

1990 übergab ich schließlich die St.-Ursula- Schulen, d. h. die Realschule und das damalige Progymnasium in die Trägerschaft der Schulstiftung.

Im Laufe der nächsten Jahre nahm die Zahl der Ordensschwester immer mehr ab. Heute sind wir leider nur noch drei Klosterfrauen in diesem Kloster. Diese Entwicklung mitzuerleben ist nicht einfach. Es ist der Lauf der Zeit, dass heute zum Glück keiner mehr Ordensschwester werden muss, damit junge Mädchen eine Schulbildung erhalten.

Unsere Ordensgründerin Anne de Xainctonge hat es sich vor 400 Jahren zur Aufgabe gemacht, Mädchen das gleiche Recht auf Bildung zu gewähren wie Jungen. Das war damals absolut unüblich. Heute sind wir St.-Ursula-Schwestern in Europa vielleicht nicht mehr so wichtig, weil wir genügend Lehrerinnen haben.

Was ich auch sehr bedauere, ist die Tatsache, dass mit unserem Sterben eine fast 800-jährige Klostergeschichte hier an diesem Ort zu Ende geht. Seit etwa 1230 leben in dem alten Haus neben dem Bickentor fromme Frauen, später als Ordensgemeinschaft der Clarissen und ab 1782 die St.- Ursula-Schwestern.

Heute blicke ich dankbar auf ein erfülltes Leben und auf das, was ich als Leiterin meiner Gemeinschaft für Haus und Mitschwestern leisten konnte, zurück (Abb. 6). Ich bin sehr dankbar, dass ich als Leiterin von meinen Mitschwestern angenommen wurde, und dass wir gut zusammengelebt haben auch mit denen, die bereits vorausgegangen sind.

Abb. 6: Sr. Eva Maria im März 2012.