Im Kloster ist auch Gegenwart Geschichte (Marga Schubert)

St. Ursula unter neuer Leitung / Ist Schwester Roswitha die letzte Superiorin?

Ein markantes Gebäude im Villinger Stadtbild: Das Kloster St. Ursula in der Bickenstraße, Nummer 25 direkt neben dem Bickentor. Bild: Colli

 

Die Zeit bleibt nicht stehen, so gerne man das auch gelegentlich möchte. Auch hinter Klostermauern nicht. Doch schließt man im Kloster St. Ursula in Villingen die Pforte hinter sich und geht die breiten, stillen Flure entlang, die bestückt sind mit historischen Bildern, Schnitzereien, Malereien, christlichen Statuen und antiken dunklen Möbeln, so ist man fast versucht zu glauben, dass hier die Zeit wahrhaft stillgestanden ist. Und es beschleicht den Besucher immer wieder eine intensive Ehrfurcht vor der fast 800-jährigen Klostergeschichte Villingens.

Doch die Zeit ist natürlich nicht stehen geblieben im Kloster St. Ursula. Und die verrinnende Zeit brachte aktuell nun auch personell wieder eine Änderung im Klosterleben mit sich. Die heute 83- jährige Schwester Eva Maria, seit 60 Jahren im Kloster St. Ursula, über 50 Jahre Lehrerin und 32 Jahre lang bekannte und beliebte Superiorin, gab altershalber ihr Amt und die Verantwortung in jüngere Hände ab. Seit 15. Juli 2012 ist die 77-jährige Schwester Roswitha nun Superiorin des Klosters und hält die Fäden der Verwaltung fest in den Händen.

Die alte und die neue Superiorin im Kloster St. Ursula: links Schwester Roswitha, rechts Schwester Eva Maria. Schwester Roswitha war schon immer neben ihrer geliebten Arbeit als Lehrerin die eher sachlich denkende kaufmännische Kraft im Klosterbetrieb, die mit den alltäglichen Zahlen und Fakten jonglierte, während Schwester Eva Maria mit genau so viel Liebe unterrichtete, daneben aber statt zwischen harten Zahlen und Fakten lieber auf den Pfaden der Geschichte wandelte, immer auf der Suche nach Spuren der Vergangenheit, nach Wahrung der Tradition von Kirche und Kloster. Zwei völlig verschiedene Charaktere, die sich aber harmonisch ergänzen, diese beiden Klosterfrauen. Bild: Schubert

 

Die Jüngste im Bunde der nur noch drei verbliebenen Ursulinerinnen im Kloster ist mit 72 Lebensjahren Schwester Sigrun, die 2003 aus dem aktiven Schuldienst ausschied. Bis vor drei Jahren gehörte auch Schwester Gisela noch zum Quartett der Verblieben. In den 50er/60er-Jahren lebten hier noch zwischen 80 und 90 Klosterschwestern.

Die neue Superiorin weicht der Realität nicht aus: „Nun werde ich es eben sein, die das Kloster in einigen Jahren auflösen muss. Denn nur so lange wir drei Schwestern noch in der Lage sind, den Betrieb aufrecht zu erhalten, solange Pater Fuchs noch den Gottesdienst in der Klosterkirche zelebrieren kann, wird das Kloster bestehen können“. Sie sagt das sachlich und ohne große Wehmut.

„Das sind einfach Tatsachen“, denn: die Zeit bleibt nicht stehen.

In Aalen/Württemberg als Roswitha Wecker geboren, lebt die neue Superiorin bereits seit 55 Jahren in Villingen. 1957, im Alter von 22 Jahren, wagte die gelernte kaufmännische Angestellte den Schritt ins Klosterleben. Sie wollte aber schon immer Kinder unterrichten und im Kloster St. Ursula bekam sie die Möglichkeit dazu. Sie durfte auf Lehramt studieren.

Nach dem Studium unterrichtete Schwester Roswitha drei Jahre in der Klosterringschule. Schließlich wurde sie am Progymnasium St. Ursula zur Internatsleiterin berufen, ein Amt, das sie 20 Jahre lang ausübte. Zusätzlich unterrichtete sie immer auch als Lehrerin. Nach Schließung des Internats Mitte der 80-er Jahre baute sie die Tagesheimschule auf, war deren Leiterin bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2001.

Durch das großartige Portal des Klosters St. Ursula gehen nicht nur die Schwestern, sondern jeden Werktag auch hunderte von Mädchen und Buben, die die St. Ursula-Schulen besuchen. Bild: Colli

 

Noch heute werden in der Tagesheimschule etwa 40 der rund 700 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums St. Ursula, das vor längerer Zeit schon in die Verantwortung des erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg übergegangen ist, tagsüber betreut, bekommen auch ihr Mittagessen.

Nach ihrer Pensionierung übernahm Schwester Roswitha die Klosterverwaltung, die sie nun schon seit gut zehn Jahren erfolgreich managt. Immerhin beschäftigt das Kloster insgesamt 13 Mitarbeiter und hat damit die Größe eines kleineren Wirtschaftsbetriebes. Wurde früher im Kloster die Buchhaltung noch über die großformatigen „Journale“ abgewickelt, die Ältere vielleicht noch kennen, machte die Zeit der neuen Medien auch vor Klostermauern nicht halt. Schwester Roswitha bildete sich weiter, belegte Computerkurse und der Wirtschaftsprüfer brachte ihr nach und nach das Buchungsprogramm bei. Heute ist sie „fit wie ein Turnschuh“ am Computer und führt ihren kleinen Betrieb „Kloster St. Ursula“ souverän. Neben Haus, Hof, Küche und Kirche an der Bickenstraße/ Bärengasse natürlich auch den zum Kloster gehörenden Klosterhof zwischen Schabenhausen und Fischbach. Heute ist ein Teil des Gebäudes vermietet, die landwirtschaftlichen Flächen verpachtet. Doch den Klostergarten bewirtschaftet Schwester Roswitha immer noch selbst. Ein Tag pro Woche gehört „ihrem“ Garten. „Das ist für mich Erholung pur, auch wenn ich von morgens bis spätabends arbeiten muss“, so freut sie sich. Neben Gemüse und Beerensträuchern, die sie anbaut und pflegt, fällt so immer wieder „Frischkost“ für die Klosterküche ab. Doch die Blumen sind ihr ein und alles. Und wenn Schwester Roswitha einen dicken, duftenden Strauß als Klosterschmuck mitbringt, freuen sich alle. Blumen sind auch ihre Favoriten bei ihrem zweiten Hobby, dem Fotografieren. Und im Kloster werden dann wunderschöne Grußkarten aus den Aufnahmen gebastelt.

Die neue Superiorin könnte ein Buch schreiben über ihre bis jetzt 55 Jahre Klosterleben und Schulbetrieb. Viele Veränderungen erlebte sie mit, allein schon was die Um- und Anbauten auf dem Klosterareal betrifft. Als sie nach Villingen kam, gab es noch die alte riesige Scheune im Hof, unter deren Dach sie bei Regen oft spazierte und den Rosenkranz betete. Auch das „Bärenhäusle“ an der Bärengasse stand noch.

Tausende von Schülern und Schülerinnen hat Schwester Roswitha seither unterrichtet. Deshalb darf sie samstags kaum ins Städtle gehen, denn dann kommt sie stundenlang nicht mehr heim. Immer wieder ruft jemand freudig aus: „Hallo Schwester Roswitha, erinnern Sie sich? Ich bin doch der Klaus, (oder der Josef oder die Marianne oder Hildegard). Ich ging doch bei Ihnen in die Schule“: Das freut die Klosterfrau natürlich, erkennt sie darin doch, dass ihre Arbeit Früchte getragen hat und im Bewusstsein der Menschen in Erinnerung geblieben ist.