Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in Villingen nach 1862 (Heinz Lörcher)

Einleitung: Sichtweisen 

Wenn wir unser Verhältnis zu Juden und Jüdischer Geschichte betrachten, wird sofort an das 3. Reich und die Ermordung der Juden gedacht. Dieser Blick bleibt notwendig. Aber daneben ist auch ein anderer Blickwinkel nötig. Geschichte nimmt immer nur einen Verlauf, aber es bestehen verschiedene Möglichkeiten und wir sollten versuchen, diese verschiedenen Möglichkeiten wahrzunehmen. Das 3. Reich war nicht die einzige Möglichkeit der Geschichte.

Die Sichtweise der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung Villingens zum Ende des 19. Jahrhunderts war eine andere. Die Bevölkerung lebte nicht mit Blick auf die Katastrophe, sondern mit Blick auf die vielfältigen Möglichkeiten des Lebens und des Zusammenlebens.

Feindbilder

Etwas anderes fällt einem beim Durchlesen der Zeitungen der 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts ins Auge: Es gab ein Feindbild, das ausgiebig gepflegt wurde; ein Feind im Innern, der als national unzuverlässig galt; und das war damals der schlimmste Vorwurf; die Zeitung schrieb von Pöbelhaufen, moralischer Verwilderung, Missachtung der religiösen Gebräuche und Gesinnung, Hass und Unfrieden, „Rohheit, Verwilderung, Unduldsamkeit und Fanatismus, der selbst vor Kirchenschändungen nicht zurückschreckt“, geistiger Beschränktheit, Aberglauben, Fäulnis, „Halsstarrigkeit“. An einem Ort wurden einem Gegner „Dynamitpatronen mit Selbstzünder vor die Türe gelegt“; und einem haben sie so zugesetzt, dass er jetzt geistig umnachtet sei.

Dieser Feind wurde „im Kampf mit dem Reich“ gesehen. Immer wieder wird der Begriff „Kampf“ und „Krieg“ benützt; Deutschland befinde sich in Gefahr; der Gegner wolle „die Vernichtung jeder freien individuellen Anschauung“. Der Gegner habe „dem deutschen Gewissen und dem deutschen Reiche den Krieg erklärt“. Und die Zeitung meint: „Es gibt keine Kompromisse mit diesem Gegner“. Und es heißt: … „Gestärkt an Sehen und Macht geht der Staat aus diesem Kampf hervor und die Welt wird den leitenden Staatsmännern, die den Kampf aufnahmen, noch in den spätesten Geschlechtern Dank wissen für die Errungenschaften, die der Menschheit daraus erwachsen sind.“

Bei diesem Feind handelte es sich um die katholische Amtskirche und ihre Anhänger.

Im Jahr 1875 gab es keine Zeitungsnummer, in der nicht mit mehr oder weniger gehässigem Ton über die Katholiken berichtet wurde – teilweise mit mehreren Berichten in einer Nummer.

Dieser Hinweis auf ein Feindbild will deutlich machen: Feindbilder führen nicht zwangsläufig zu Katastrophen. Sie können abgebaut werden, so wie sie aufgebaut wurden.

1. Bedeutung des Jahres 1862

1862 wurden in Baden 2 Gesetze verabschiedet, die für die Stellung der Juden wichtig waren: das Gesetz zur Gewerbefreiheit und vor allem das Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten. Wichtigster Inhalt dieses Gesetzes war, dass Juden das Recht erhielten, sich in jeder Gemeinde niederzulassen und das Bürgerrecht zu erwerben.

Über das Gesetz zur bürgerlichen Gleichstellung der Israeliten wird im „Schwarzwälder“, der Villinger Zeitung, ausführlich und durchweg sachlich berichtet – insgesamt 20 mal in diesem Jahr 1862.

So heißt es am 15. 10., dem Tag der Verabschiedung dieser Gesetze: Der heutige Tag, an welchem das Doppelgesetz der Gewerbefreiheit und der Gleichstellung der Israeliten in’s Leben tritt, wird von unserer ganzen Bevölkerung als ein wichtiger und bedeutungsvoller anerkannt, und von einzelnen Seiten her wurde er am frühen Morgen mit Böllerschüssen begrüßt … (und weiter)

… So viel betrachten wir als ausgemacht, daß die gesellschaftliche Freiheit einem sittlich freien und mündig gewordenen Volke nur segensreiche Früchte bringen kann. Wenn aber hie und da ein Einzelner durch Gewerbefreiheit und Judengleichstellung in Nachtheil geräth, so liegt ganz gewiß die Schuld an ihm selber und nicht am Gesetze, welches Jedem es möglich macht, sich ein seinen Wünschen und Fähigkeiten entsprechendes Dasein zu gründen.

Für die Villinger Zeitungsleser war die bürgerliche Gleichstellung der Juden ein lebenswertes Beispiel für die liberale Gesinnung.

Bei der jüdischen Bevölkerung stand der badische Großherzog in hohem Ansehen. So schreibt etwa die Zeitschrift des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens 1909 zur 100-Jahr-Feier des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten in Baden: „Der Gedanke der Gleichberechtigung der Juden hat eigentlich in Baden zuerst Wurzeln geschlagen“ und berichtet, dass der Großherzog ausdrückt: „Was sein Urgroßvater geschaffen habe, wolle er ebenso wie sein Vater pflegen und das Wohl aller Landeskinder im Auge haben – ohne Unterschied“; die Juden nennt der Großherzog bei dieser Gelegenheit „Unsere lieben Landsleute“.

In Baden gab es schon vor 1870 jüdische Richter und Staatsanwälte. Nur ein bekennender Jude wurde in Deutschland Minister. Das war in Baden, wo Moritz Elstätter von 1868 bis 1895 Finanzminister war.

Betrachtet man die Zeitungsberichterstattung der Jahre nach 1862 so ergibt sich für die Villingerinnen und Villinger ein Bild, das das Judentum meistens in eine Reihe mit anderen Religionen stellt. Von Juden werden positive Verhaltensbeispiele und negative Beispiele berichtet, wie von anderen Bevölkerungsgruppen auch, und bekannte jüdische Personen werden erwähnt, ohne dass ihre Religionszugehörigkeit genannt wird – 1862 wird etwa Berthold Auerbach, der jüdische Schriftsteller, beim ausführlichen Bericht über das Deutsche Schützenfest zitiert mit seinem Wunsch „wir mögen sein ein einig Volk von Brüdern“.

2. Zur Situation von Juden in Villingen 1862–1933

2.1 Bevölkerungszahl

Der Anteil jüdischer Bevölkerung war in Deutschland insgesamt und in Baden nie hoch gewesen. In Baden war der Bevölkerungsanteil um 1862 herum mit 1,8 % am höchsten gewesen; er sank dann bis 1925 auf 1,1%. Die absolute Zahl lag immer um 25.000 Personen.

Im Deutschen Reich insgesamt lag der Bevölkerungsanteil mit ca. 1% noch niedriger.

In Baden hatte vor 1862 der Großteil der Juden in kleinen Gemeinden wie Schmieheim, Gailingen, Randegg gewohnt. Nach 1862, als sie die Niederlassungsfreiheit erhielten, zogen viele von dort in die Städte.

In den ersten Jahren nach 1862 war die Zahl der jüdischen Bewohner in Villingen noch sehr gering und 1864 war in keinem Kreis Badens die Zahl so niedrig. In den nächsten Jahren nahm die Zahl deutlich zu: Insgesamt sind in der Zeit zwischen 1862 und 1940 ca. 350 jüdische BürgerInnen für längere oder kürzere Zeit in Villingen gewesen.

Gesamtzahl     kath.    evang.     Israel.

1875: 5.585 4.926 634 20

1885: 6.140 5.254 856 27

1890: 6.423 5.427 964 31

1900: 7.819 6.383 1.352 62

1910: 10.924 8.728 2.120 60

1925: 13.982 10.804 2.979 51

1933: 14.565 10.968 3.152 56

1936: 15.922 12.100 3.500 46

Schon lange vor 1862 waren jüdische Händler in Villingen aktiv gewesen; 1782 sind 13 verschiedene jüdische Händler (vor allem aus der Horber Gegend) genannt, die mit unterschiedlichen Waren nach Villingen kamen. Und 1853 wurden 6 Juden genannt, die sich hier ständig aufhielten; sie hatten ihr Quartier im Gasthaus zum Paradies bzw. Gasthaus zur Krone: Israel Bernheimer, Elias, Josef und Leopold Guggenheimer und Jonas und Samuel Weiss.

Viehhandlungen von Marx Schwab, Rietstraße 40 (ab 1890, 1910 an seinen Sohn Jacob übergeben)

 

Louis Schwarz, Gerberstraße 33 (ab 1898; 1927 Übergab an seinen Sohn Hugo)

 

Hermann Bikart, Kanzleigasse 6, (ab 1919; sein Vater Sigmund hatte ab 1895 seine Viehhandlung in Gerberstraße 26 und ab 1918 in Waldstraße 11)

 

Zu der Zeit als die Juden Niederlassungsfreiheit erhielten, war Villingen eine Stadt mit etwas mehr als 4000 Einwohnern. Industrialisierung und Verkehrsentwicklung brachten in diesen Jahren große Veränderungen; 1865 war mit den Vorarbeiten für die Bahnlinie von Offenburg her begonnen worden; 1873 war sie vollendet.

2.2 Status der Gemeinde

Aufgrund der geringen Zahl jüdischer Personen in Villingen wurde Villingen nie eine eigenständige jüdische Gemeinde, sondern blieb der Gemeinde Randegg zugeordnet. Villingen hatte keine Synagoge, der Rabbiner kam zu den hohen Feiertagen von Randegg, und Villingen hatte lediglich einen Betsaal, in dem sich die religiös bewussten Juden zum Sabbat trafen.

Michael Lion war der erste offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinschaft hier in Villingen. 1921 gab er diese Funktion an Salomon Bloch ab.

Ab 1897 erhielt die jüdische Gemeinschaft von der Stadt eine Unterstützung für ihren Religionsunterricht.

2.3 Berufe der jüdischen Bevölkerung Villingens

a) Viehhandel

Dass Viehhändler im 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert eine große Bedeutung hatten, kann man am Viehbestand in Villingen erkennen:

            1858    1890    1900    1913    1929

Pferde             213      203       218       244      194

Rindvieh     1076      1066    1013     1199     928

Bei der badischen Viehzählung 1922 gab es in Villingen 1199 viehbesitzende Haushaltungen.

Am stärksten waren Juden in Villingen im Viehhandel vertreten; sie waren in dieser Branche vor 1933 führend.

Sie waren aus kleinen Orten gekommen, wie Rexingen, Gailingen und Schmieheim. Die Bedeutung dieser kleinen Orte für den Viehhandel war zurückgegangen, als in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts das Eisenbahnnetz ausgebaut wurde und den Juden die Niederlassungsfreiheit zugestanden worden war. Durch die Verkehrsanbindung war beispielsweise Villingen ein guter Standort geworden.

Noch 1930 hatten von den 6 hier ansässigen Viehhandlungen 4 jüdische Besitzer: die Gebrüder Bikart, Hugo Schwarz und Jakob Schwab. Hermann Bikart am Münsterplatz hatte eine Viehwaage, die von vielen Villingern genutzt wurde.

Als erste Viehhändler siedelten sich hier nacheinander 3 Brüder Schwab an, die aus Schmieheim gekommen waren. Die Anwesenheit jüdischer Familien ist in Schmieheim seit 1624 belegt; 1875 wohnten dort 486 jüdische BürgerInnen, das waren 45 % der gesamten Bevölkerung:

– Isaak kam 1870 nach Villingen und starb hier 1892; 3 seiner Kinder sind schon vor 1890 in die USA ausgewandert, eine Tochter blieb in Villingen und hat Michael Bloch geheiratet,

– seine Brüder Samuel und Marx kamen 1884 nach Villingen.

Die Familie von Marx Schwab lebte über 3 Generationen in Villingen (Bild 2).

Bild 2: Jakob Schwab(Privatfoto Rita Jakob)

 

Vier der 7 Kinder von Marx und Fanny bzw. Pauline Schwab haben in Villingen in der Rietstraße 40 gelebt. Ihr Sohn Jakob, der 1881 in Schmieheim geboren ist, hat eine Ausbildung als Metzger gemacht und hat dann in Villingen den Viehhandel von seinem Vater übernommen; seine Geschwister Heinrich und Martha hatten ein Wäschegeschäft in der Rietstraße. Marx Schwab ist 1923 in Villingen gestorben.

 

Bild 3: Herkunft der Beschäftigten und Mieter von Marx und Jakob Schwab: Rot gezeichnet sind die Herkunftsorte – daran zeigt sich, wie eng verflochten Schwabs mit Villingen und dem Villinger Umland waren.

 

 

Marx und sein Sohn Jakob waren auch als Arbeitgeber und als Vermieter vielfach mit Villingen und seinem Umland verbunden: Zwischen 1876 und 1920 waren aus dem näheren Umkreis von Villingen mehr als 30 nichtjüdische Dienstmädchen oder Knechte bei Marx oder Jakob Schwab beschäftigt und sie hatten 40 nichtjüdische Mieter (Bild 3).

Aber bemerkenswert ist: Jakob, seine Frau Bella und seine zwei Kinder Hans und Friedel Rita, die beide in Villingen geboren sind, haben ihre Liebe zu ihrer Heimatstadt Villingen nie verloren. Sie sind im Dezember 1939 nach Israel emigriert. 1955 kam zuerst Hans Schwab nach Villingen zurück und hat hier einen Uhrenvertrieb gehabt. 1957 kamen Jakob und Bella Schwab wieder nach Villingen zurück (Bild 4).

– Sigmund Bikart und seine Frau Ernestine kamen 1894 von Gailingen nach Villingen. In Villingen sind 5 ihrer 7 Kinder geboren. Bikart hatte seine Viehhandlung zuerst in der Gerberstraße 26; 1918 verlegt er sie in die Waldstraße 11. Zwei seiner Söhne waren dann ebenfalls in Villingen Viehhändler: Louis führt die Viehhandlung in der Waldstraße weiter und Hermann eröffnete 1919 am Münsterplatz, in der Kanzleistr. 6 eine Viehhandlung und betrieb die dortige Brückenwaage.

– Louis Schwarz, der Bruder von Ernestine Bikart, und seine Frau Bertha kamen 1898 mit 5 Kindern von Rexingen, einem Dorf bei Horb, das ebenfalls einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil gehabt hat. Ihre jüngste Tochter ist 1903 in Villingen geboren. Louis Schwarz gehörte 1910 zu den 8 % der Bestverdienenden in Villingen. Die Viehhandlung hat Louis Schwarz 1927 an seinen Sohn Hugo Heinrich übergeben.

Bild 4: Jakob Schwab nach seiner Rückkehr nach Villingen (1957) – hier hat er sich wohlgefühlt (Privatfoto Rita Jacob).

 

 

Bild 5a: Bertha und Louis Schwarz, die 1898 nach Villingen gekommen waren (Privatfoto Heinz Schwarz).

 

Bild 5b: Hochzeit von Hugo Schwarz und Irma Oberndörfer (1926) (Privatfoto Heinz Schwarz).

Auch von den anderen Viehhandelsfamilien haben 3 Generationen in Villingen gelebt:

Die 3 Kinder von Hugo und Irma sind in Villingen geboren: Margarete 1928, Heinz Julius 1929, Manfred 1931. In seinem Haus in der Gerberstraße 33 war die Viehhandlung und gleichzeitig war dort auch der jüdische Betsaal, der in der „Kristallnacht“ 1938 zerstört wurde – eine Gewalttat, die den Enkeln von Louis heute noch bedrückend und bedrängend in Erinnerung ist (Bild 5a, b).

Bis zu ihrem Berufsverbot im 3. Reich war die Mehrheit der Villinger Viehhändler jüdisch.

b) Textilhandel und Manufakturwaren Stark vertreten waren die jüdischen Familien außerdem im Textileinzelhandel:

Michael Lion, verheiratet mit Babette geb. Guggenheim, eröffnete 1868 hier eine Kleiderhandlung. Er war der erste Jude, der sich seit dem Mittelalter wieder fest in Villingen niederließ (Bild 6a, b).

 

 

Bild 6a, b: Michael Lion (Privatfoto Gabrielle Zucker) und sein Geschäftshaus, Niedere Str. 25.

 

 

 

Bild 7a, b: Geschäftsanzeigen im „Schwarzwälder“ von Michael Lion zu christlichen Festtagen (1875).

 

 

 

 

Michael Lion ist 1842 in Ettenheim, in Südbaden, geboren. Seit dem 18. Jahrhundert wohnten dort jüdische Familien.

Die 4 Töchter Lions sind in Villingen geboren. Über seine Frau ist Michael Lion verwandt mit Familien, die im 19. Jahrhundert verschiedene Grundstücke in Villingen hatten (der Besitz blieb im 20. Jahrhundert teilweise in diesen Familien, sodass die Nachkommen mit der Stadt sich nach1945 wegen Entschädigungszahlungen auseinandersetzen mussten).

Lions Tochter Frieda heiratete Gabriel Ortlieb; dessen Schwester Mathilde war mit Salomon Bloch verheiratet, der hier in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein großes Konfektionsgeschäft hatte.

In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts erwarb Lion sein Haus in der Niederen Straße.

In den 80er Jahren hatte Michael Lion einige nichtjüdische Schneider beschäftigt; darunter auch einige, wie Johannes Widmaier, Bartholomäus Weißer, Mathäus Förnbacher, Ludwig Wolber, Heinrich Fink, Alois Egner, Johann Gerstle, Stefanie Renz, die sich später in Villingen selbstständig machten. In den Jahren 1886 –1893 waren insgesamt 19 Schneider bei ihm beschäftigt. In dieser Zeit gehörte er bei den Schneidern zu den größten Arbeitgebern. Er hatte auch in Mönchweiler Heimarbeiter beschäftigt. Hauptgeschäft von Lion war allerdings nicht die Herstellung von Bekleidungen, sondern der Verkauf.

Für die Tageszeitung war er ein wichtiger Anzeigenkunde; allein im Jahr 1875 hat er 28 Anzeigen geschaltet. Und dabei hat er bei den entsprechenden Gelegenheiten die christlichen Feste seiner Kunden angesprochen: Für die Konfirmation machte er Angebote und ebenso für Weihnachten (Bild 7a, b); er hatte keine Anzeigen für die jüdischen Feste, denn seine Kunden waren vor allem christlich. Und selbstverständlich spielte in den Anzeigen ebenso wie bei seinen christlichen Konkurrenten die Religionszugehörigkeit des Firmeninhabers keine Rolle.

Auch als Arbeitgeber und Wohnungs- bzw. Zimmervermieter war er in Villingen wichtig:

Von 1874 bis 1921 waren bei ihm für kürzere oder längere Zeit mehr als 40 nichtjüdische Dienstmädchen aus dem Villinger Umland beschäftigt.

Bis 1925 wohnten Lions in Villingen; sie sind dann ins Altersheim nach Gailingen gezogen; Michael Lion ist mit 87 Jahren 1929 gestorben; seine Frau Babette 1926 mit 81 Jahren. Sie sind wie ihre Tochter Mina auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen beerdigt.

Als weitere Textil- und Manufakturwarenhändler kamen im 19. Jahrhundert zuerst Markus Bloch (1889 –1903) und dann die Gebrüder Salomon und Michael Bloch (aus Gailingen) nach Villingen. Die Blochs blieben bis in die Zeit des 3. Reiches.

Die Geschwister Salomon und Michael Bloch stammen aus Randegg. Salomon Bloch ist dort 1856 geboren, seine Frau Mathilde 1861 in Wangen am Bodensee. Von ihren 6 Kindern sind die jüngsten 5 (Jenni, Frieda, Hans, Louis und Samuel) in Villingen geboren.

Blochs kamen 1892 nach Villingen; 1894 kauften sie ein Haus in der Gerberstraße, 1898 ein Wohn- und Geschäftshaus Niedere Str./Ecke Schlösslegasse; 1900 die Niedere Str. 11 und dann in den 20er Jahren Rietstr. 15 (ab 1894 war hier Kaufhaus Schweriner, dann Steinberg, dann Boss); 3 der Kinder arbeiteten im elterlichen Geschäft mit, der Jüngste, Samuel, leitete die Schwenninger Filiale.

Bild 8: Das Geschäftshaus von Salomon Bloch, Rietstr. 15 (vor ihm war in diesem Haus das Manufakturwarengeschäft von Emil Schweriner und dann von Joseph Boss gewesen).

 

 

Bild 9: Das Geschäftshaus von Michael Bloch, Niedere Str. 43.

 

Salomon Bloch betrieb ein Kleider- und Tuchgeschäft (Bild 8). Er gehörte schon 1900 zu den 8 % Höchstverdienenden in Villingen; 1929 hatte er ca. 25 Beschäftigte. Im Juli 1938 ist er in die Schweiz ausgewandert; das Geschäft wurde 1938 „arisiert“. 1950 ist Salomon Bloch in der Schweiz gestorben.

Von den 6 Kindern wohnten 1929 5 in Villingen (Tochter Jenny war in Karlsruhe verheiratet; sie ist im KZ umgekommen).

Salomons Bruder Michael Bloch war über seine Frau mit Schwabs, Rietstr. 40, verwandt. Sein Textilgeschäft „Gebrüder Bloch“ betrieb er im Haus Niedere Str. 43, das er 1891 von seinem Schwiegervater übernommen hat (Bild 9). 1924 betrieb er Filialen in Hornberg, Löffingen und St. Georgen.

1925 kam seine Firma in finanzielle Schwierigkeiten und er übergab das Geschäft an seine Tochter.

Blochs 4 Kinder sind in Villingen geboren. Die Tochter Martha war mit dem Schwenninger Zahnarzt Max Bikart verheiratet.

1900 gehörte Michael Bloch noch zu den Mittelbesteuerten, 1903 zu den 8 % der Höchstbesteuerten.

Nach seiner Emigration in die Schweiz ging er in die USA und ist dort 1953 gestorben.

Im 19. und 20. Jahrhundert waren im Textil- und Konfektionshandel außerdem als Selbstständige Emil Schweriner (Nachfolger: Steinberg & Co., 1894 –1914), Martin Stern (als Nachfolger von Michael Lion), Josef Boss (ab 1910), Heinrich und Martha Schwab (ab 1924), Moritz Feibusch (ab 1925 in Villingen), Felix Zaitschek (ab 1929) und seine Schwester Emmy und Hermine Cernoch (ab 1930 in Villingen) tätig.

c) Andere Berufe

Es gab bei der jüdischen Bevölkerung Villingens ein breites Berufsspektrum:

Im Staatsdienst waren Julius Oppenheimer

1896 –1900 als Notar; Dr. Emil Odenheimer war als Referendar 1897 Notariatsvertreter in Villingen; Dr. Richard Darmstädter war 1902 Amtsrichter am Amtsgericht; Johann Wertheimer war Rechtspraktikant am Amtsgericht (1906); ebenso Staatsangestellter war Berthold Haberer beim Finanzamt (ab 1925) und Josef Zivi (1902) und Max Moritz Lieben (1910) als Lehrer, Leopold Weil als Professor am Realgymnasium (1919); Joseph Hirsch (1911), Sigmund Kassewitz (1912) und Felix Müller (1919/20) als Lehramtspraktikanten.

Einige arbeiteten in gewerblichen Berufen:

Siegfried Guggenheim als Schriftsetzer; Markus Bloch als Lithograph; Max Weil als Maler (1902); Max Klopfer als Säger (ab 1911) und dann als Seifensieder; Leonhard Neumann (1896) und Max Goldschläger 1913 als Seifensieder; Abraham Mathes Landbrand 1911 als Buchbinder; Leopold Kirchheimer 1899 als Bäcker; Julius Weißberger als Konditor (1905/6); Julius Marxsohn 1911/12 als Uhrmacher; Johann Eichenbaum (1907) und Wilhelm Weinstock (1920 bei El.Ges. Oberle) als Monteure; als Fabrikarbeiter Isak Adler 1909; Leopold Oppenheimer 1912/1913 als Baumeister bei der Bahn; Herbert Oberdorfer 1916 als Ingenieur; Hermann Faber als Hilfsarbeiter; Jakob Schwarz als Elektroingenieur.

Einige arbeiteten in künstlerischen Berufen: Arnold Cheikowsky (1906) und Max Grodnik- Grodinsky als Schauspieler; Julius Giesen als Kapellmeister.

Einige arbeiteten im Hotel- und Gaststättengewerbe: Hans Friede als Portier in Klosterring 1 1906; Walter Dürrheim 1912 als Tellerwäscher.

Einige arbeiteten in Gesundheitsberufen: Als Arzt Dr. Leopold Hahn (1919 –1925) und Dr. Fritz Spanier 1919; als Dentist Alphons Leo 1920 und als Zahntechniker Desider Deutsch 1907.

Dann gab es noch andere Dienstleistungsberufe:

Jacob Bernheimer, Joseph Veit und sein Sohn Daniel, Joseph Guggenheim, Jacob, Karl und Leopold Rothschild als Immobilienhändler; Jakob Weizmann 1911 als Chauffeur; Max Berber 1913 als Dekorateur; Julius Hirsch und Gertrud Mayer (1920) als Bankbeamte; Max Schwab 1892 als Photographenlehrling und ein anderer Max Schwab 1898 als Schneider.

Als Rechtsanwalt arbeitete Bernhard Schloß (ab 1898) und bei ihm Dr. Leopold Maier als weiterer Anwalt und William Bloch als Rechtspraktikant. Bernhard Schloß war als Anwalt auch wirtschaftlich sehr erfolgreich und angesehen: Schon 8 Jahre nach seiner Niederlassung in Villingen war er hier der Anwalt mit dem höchsten Einkommen; 1899–1904 ist er Aufsichtsratsmitglied der Uhrenfabrik Villingen AG; nach dem 1. Weltkrieg wird er Mitglied im Aufsichtsrat der Villinger Volksbank und 1930 –1933 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Villinger Volksbank.

Und einige jüdische Soldaten waren in der Zeit des 1. Weltkriegs in Villingen stationiert und wohnten bei Villinger Familien (außer den jüdischen Kriegsteilnehmern aus Villinger Familien): Rudolf Wertheimer (1915/16), Max Cahn (1915–1917), Salomon Kurz (1917/18) und Siegfried Moss (1918) als Soldat; Georg Hirsch (1917) und Josef Kurz (1917/18) waren Musketier; Leopold Fränkl (1915 –1917), Isak Guggenheim (1917) und Fritz Holland (1918) als Unteroffizier; Dr. Haymann (1917/1918) und Richard Hurwitz als Arzt und Max Hemmerdinger als Zahnarzt beim Militär.

Die meisten hier Genannten arbeiteten nur vorübergehend in Villingen. Auch das unterschied sie nicht von anderen Beschäftigten, die in die Stadt kamen und nach kürzerer oder längerer Zeit Wohnort und Arbeitsstelle wechselten.

Viele der genannten Juden hatten Nicht-Juden als Arbeitgeber. Das gilt natürlich für die vielen genannten Berufe, bei denen es keinen jüdischen Arbeitgeber gab. Wohl arbeiteten die meisten jüdischen kaufmännischen Angestellten, die nach Villingen kamen, bei jüdischen Arbeitgebern. Aber auch im Handel war das nicht immer der Fall: Fritz Schlesinger arbeitete 1917/1918 als Kaufmann bei Th. Säger, Samuel Dukas 1918 als Kaufmann bei Merz & Comp/Donaueschingen.

2.4 Beteiligung am Gemeindeleben

In den knapp 70 Jahren, in denen jüdische Familien hier wohnten, waren sie aktiv am Gemeindeleben beteiligt:

a) politische Beteiligung:

Michael Lion war von 1904 – 1912 Mitglied des Bürgerausschusses.

Bild 10: Familie Schloß.

 

 

Salomon Bloch war bei der Bürgerausschusswahl 1912 auf der Wahlvorschlagsliste der Fortschrittlichen Volkspartei (wie auch Bernhard Schloß und

Louis Schwarz).

Rechtsanwalt Bernhard Schloß (Bild 10) war von 1909 ab Bürgerausschussmitglied bzw. Stadtverordneter (auch 1932, bei der letzten Wahl vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er gewählt) und hat in dieser Funktion vielfach für die Demokraten im Gemeinderat Stellung genommen; bei der Wahl 1912 war er Spitzenkandidat auf einer der Listen der Fortschrittlichen Volkspartei. Auch sein Sohn Erich hat sich in der liberalen Partei politisch engagiert. Im Jahr 1925 trug es ihm ein Strafverfahren ein, dass er beim Verbandstag des Landesverbands Südmark des Deutschnationalen Jugendbundes an gewalttätigen Gegendemonstrationen beteiligt war; er erhielt damals 6 Monate Gefängnis auf Bewährung wegen erschwertem Landfriedensbruch.

Auch Emil Schweriner, der 1915 mit seiner Familie nach Offenburg zog, war bei den Demokraten.

Lothar Rothschild beteiligte sich in den 30er Jahren bei der SAJ in Schwenningen.

b) Vereine

Recht rasch und intensiv beteiligten sich die jüdischen Bewohner am Leben und den Aktivitäten der Villinger Vereine und Organisationen:

In den Vereinschroniken wird die Religionszugehörigkeit nicht genannt. Darin drückt sich schon aus, dass nicht die Religion das Einigende oder Trennende war, sondern das Vereinsziel hat verbunden.

Beim FC 08 ist besonders die Aktivität von Hugo Schwarz und Louis Bikart aufgefallen. Aber sie waren nicht die einzigen jüdischen Vereinsmitglieder:

– Jakob und Julius Bloch waren 1911 Mitglieder geworden, Jakob Schwab war Mitglied, Sigmund Guggenheim und Mendel Birken 1912; und Hans Schwab ist nach seiner Rückkehr von Israel in den 50er Jahren dem FC 08 beigetreten.

– Josef Bikart und Julius Schwarz traten 1916 als aktives Mitglied ein.

Hugo Schwarz und Louis Bikart spielten immer wieder in der Mannschaft mit (Bild 11) und hatten beide aktive Funktionen im Vorstand, als Kassier, Spielleiter, Spielausschussmitglied, und Hugo Schwarz als 2. und 2 Jahre (1916 –1918) als 1. Vorsitzender. Wie sehr Louis Bikart und Hugo Schwarz den lokalen Traditionen verhaftet waren sieht man etwa daran, dass Hugo Schwarz sich 1911 für eine Fasnachtsveranstaltung des Vereins einsetzt, wobei ihm allerdings die Mehrheit nicht folgt.

Bild 11: Louis Bikart (unten links) 1913 in der 1. Mannschaft des FC 08. (Aus: Ein Leben in Schwarz-Weiß, 100 Jahre FC 08 Villingen).

 

 

Beide beteiligen sich aktiv in der Vorbereitung und der Gestaltung der Weihnachtsfeiern des Vereins, sind im Festkomitee; 1910 spielt Louis Bikard beim Weihnachtsspiel mit dem Titel „Das Waisenkind in der Christnacht“ mit.

Andere Vereine, bei denen sich auch jüdische Mitglieder beteiligten, waren der Skiclub. Hier beteiligten sich 1913 Doris Schloß bei Skiläufen und 1924 die Tochter Anneliese.

Bernhard Schloß war von Beginn an Mitglied im Skiclub (in den erhaltenen Mitgliederlisten ist er an der 3. Stelle genannt) für die Jahre 1911/12–1923/24 sind die Mitgliederlisten erhalten und in den Jahren war er immer Mitglied. Weitere Mitglieder jeweils für einige Jahre: Elsa, Jakob und Julius Bloch, Alice Katz, Erich Schloß, Emil, Fritz und Walter Schweriner und Professor Weil. Im Skiclub waren jüdische Mitglieder im Vergleich zu ihrer Zahl in der gesamten Bevölkerung deutlich überrepräsentiert; das hängt sicherlich damit zusammen, dass es ein Verein war, in dem der Mittelstand dominierte.

Dazu kamen der Turnverein (Jakob Schwab), der Tennisclub (Elsa Bloch), der Schachclub – hier war Bernhard Schloß 1930 Vorsitzender geworden, der Schwarzwaldverein und der Deutsche Alpenverein (Bernhard Schloß war in beiden Mitglied) der Stammtisch im „Faller“ (Hermann Bikart), Kegel- Club (Jacob Bloch, Robert Rafael Gideon), Gesang- Verein (Jakob Schwab), der Artillerie-Verein (Hermann Bikart) und natürlich die Narro-Zunft (Bernhard Schloß, Hermann Bikart, Louis Bikart, Jakob Bloch, Julius Bloch, Michael Bloch, Robert Rafael Gideon, Heinrich und Jakob Schwab, Hugo Schwarz).

Bei der Frw. Feuerwehr war besonders Michael Lion aktiv: er war 1902 Leutnant der Spritzenmannschaft, im Verwaltungsrat; insgesamt war er 37 Jahre bei der Frw. Feuerwehr, wegen Krankheit ist er 1905 zurückgetreten. Als Mitglieder der Feuerwehr werden außerdem Julius und Michael Bloch und Louis Schwarz genannt.

Auch in den wirtschaftlichen Organisationen waren jüdische Mitglieder aktiv, natürlich in der Vereinigung der Viehhändler, aber z.B. auch in der Volksbank: Gründungsmitglied war Simon Bloch;

Julius Bloch war Mitglied der Villinger Volksbank und Bernhard Schloß schon 1918 Mitglied des Aufsichtsrats und von 1930 bis 1933 Aufsichtsratsvorsitzender.

c) Staatsbürgerliche Pflichten

Selbstverständlich übernahmen Juden wie ihre nichtjüdischen Mitbürger die verschiedensten staatsbürgerlichen Pflichten:

– sie waren Wahlhelfer, Zähler bei den Volkszählungen, Quartiergeber bei Manövern, Mitglieder bei den Hilfsmannschaft der Feuerwehr.

– Auch in städtischen Gremien waren jüdische Bürger tätig: Nach dem 1. Weltkrieg wurde 1919 in der Stadt neu ein Mieteinigungsamt eingerichtet, das bei der großen Wohnungsnot vor allem zum Schutze der Mieter tätig sein sollte. Zum ersten Vorsitzenden wurde vom Gemeinderat Dr. Leopold Maier bestimmt, der bei Rechtsanwalt Schloss tätig war.

Und besonders einschneidend war natürlich die Beteiligung am Krieg als deutscher Soldat: Michael Lion war als Villinger Soldat in den Kriegen 1866 und 1870/71.

Die nationale Begeisterung und der Einsatz für das Deutsche Reich waren in der ganzen 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ein bestimmendes Thema. Diese Begeisterung teilten viele Juden vor allem mit vielen Evangelischen in Deutschland.

Als in Villingen 1873 der Kriegerverein gegründet wird, ist Michael Lion bei der Gründung aktiv beteiligt. Er ist zuerst Schriftführer und wird 1877

1. Vorstand. Zweck des Vereins war, in Not gekommene Krieger zu unterstützen, das patriotische Gefühl zu hegen und zu pflegen und die Erinnerung an die denkwürdigen Tage der Jahre 1870/71 zu wahren. Michael Lion war auch aktiv dabei, als in den umliegenden Gemeinden Kriegervereine gegründet wurden. Ausführlich wird in der Tageszeitung über die Einweihung des Villinger Kriegerdenkmals im September 1875 berichtet.

Bild 12: Dieses Dokument des Kriegervereins, mit der Unterschrift von Michael Lion als 2. Vorsitzendem, ist im Sockel des Kriegerdenkmals (1875) eingelegt.

 

In der Widmungs-Urkunde der Stadt (Bild 12), die in den Sockel eingelegt wurde, heißt es: „im Jahr 1870/71 eilte die deutsche Nation begeistert in den Kampf, und … es durchdrang heut im ersten Augenblick der Gefahr das ganze deutsche Volk die heilige Begeisterung für unsere gute, reine Sache. Vom Fels zum Meer stund geeinigt ein Volk von Brüdern gegen den Feind“. Beim Bankett zu dieser Einweihung, so heißt es weiter,

„ergriff zunächst das Mitglied des Kriegervereins Villingen, Herr Kaufmann Lyon das Wort und sprach in schwungvollen Worten über die deutsche Nation und das deutsche Volk und brachte diesen ein Hoch, das brausenden Beifall fand.“

Gerade die uns heute befremdlich erscheinende nationale Begeisterung und Kriegsbegeisterung nach dem Krieg 1870 zeigt, wie einig sich Juden und Nichtjuden in Villingen in ihren Werthaltungen und ihrer nationalen Identifikation waren.

 

Bild 13: Erich Schweriner, am 11.1.1915 gefallen. Auffällig ist, dass 1938, im Goldenen Ehrenbuch der Gefallenen und Toten der Stadt Villingen im Weltkrieg 1914 – 1918 Erich Schweriner nicht verschwiegen wurde (es wurde allerdings nicht vermerkt, dass er jüdisch war).

 

 

Viele Villinger Juden haben sich am 1. Weltkrieg beteiligt und sind auch freiwillig in den Krieg gezogen: Als Soldaten Ernst Baer, Hermann und Louis Bikart, 3 Söhne von Salomon Bloch (Jakob, Hans und Louis), Julius Bloch, Heinrich Schwab, Jakob Schwab, Hugo Schwarz, Erich und Fritz Schweriner – Jakob und Hans Bloch, Heinrich Schwab und Hugo und Jakob Schwarz kamen mit schweren Verletzungen aus dem Krieg nach Hause; Fritz und Erich Schweriner (Bild 13) sind gefallen.

Es war übrigens für die Juden sehr kränkend, dass im 1. Weltkrieg eine sogenannte Judenzählung vorgenommen wurde, um zu prüfen, ob die Juden sich vor ihrer sog. nationalen Pflicht drückten. Es stellte sich dabei heraus, dass die Juden sogar überproportional bei den Soldaten vertreten waren und das Ergebnis der Zählung wurde nie veröffentlicht. Aber in der selbstverständlichen Identifikation mit dem Deutschen Reich hat diese Zählung für viele Juden einen Bruch bedeutet; sie waren es bisher nicht gewohnt gewesen, dass ihre nationale Zuverlässigkeit in Zweifel gezogen wurde.

2.5 Weitere Bereiche des Zusammenlebens in Villingen

Die hier getroffene Auswahl von Bereichen des Zusammenlebens bezieht sich auf ein Konzept, das Professor Gögercin 2007 für die Stadt Villingen erstellt hat. Er hatte die Aufgabe, ein Integrationskonzept für die städtischen Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund zu erstellen und erarbeitete dafür zuerst ein Gedankenraster für die Feststellung, was gelungene Integration bedeutet:

Für ihn ergaben sich 4 Dimensionen:

– Strukturelle Integration (rechtliche Gleichstellung; Integration ins Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt und Wohnungsmarkt – Segregation)

– Kulturelle Integration (Sprache, Verhalten)

– Soziale Integration (Eheschließungen, Mitgliedschaft in Vereinen, Freundeskreise)

– Identifikatorische Integration (persönliches Zugehörigkeitsgefühl)

a) Strukturelle Integration

Der Wille zu guter Bildung für die Kinder war einer der Gründe gewesen, warum es die Juden in die Städte zog. Eine Statistik besagt, dass in Deutschland 1906 nur 8 % aller Kinder einen über die Volksschule hinausgehenden Abschluss erhielten, für jüdische Kinder lag dieser Anteil bei 59 Prozent. Akademische Berufe übten auf Juden eine große Anziehungskraft aus. Es war ein Mittel für den sozialen Aufstieg. Auch in Villingen waren die jüdischen Schülerinnen und Schüler im Realgymnasium überproportional vertreten. Lag ihr Anteil in der Bevölkerung immer unter 1 %, lag er im Realgymnasium meistens darüber; im Jahrgang 1902/3 waren es über 5 % der Schüler.

Als Teil der strukturellen Integration nennt Prof. Gögercin das Wohnen. Villingen war nach 1862 nicht so groß, dass sich Wohnghettos als Siedlungen hätten bilden können.

Aber es ist nur ein Aspekt, dass Villinger Juden als Hausbesitzer neben katholischen oder evangelischen Haubesitzern wohnten. Daneben gibt es zwei andere Aspekte des Miteinander-Wohnens:

Jüdische Hausbesitzer in Villingen traten wie die nichtjüdischen Villinger oft als Vermieter auf und ihre Mieter waren meistens keine Juden. Es waren Arbeitnehmer, die für kurze oder längere Zeit nach Villingen kamen und hier bei Nichtjuden oder Juden ein Zimmer suchten.

Und die meisten jüdischen Beschäftigten, die für kürzere oder längere Zeit nach Villingen zur Arbeit kamen, fanden ein Zimmer oder eine Wohnung bei nichtjüdischen Vermietern.

b) Kulturelle und soziale Integration

Kulturelle und Verhaltensunterschiede haben zwischen Nichtjuden und Juden nicht bestanden, unterscheidend war nur die Religion; aber bei der Prägung durch Religion wurden nach 1870 die Unterschiede zwischen Katholiken, Altkatholiken und Evangelischen stärker empfunden als zu den Juden. Die Schülerinnen und Schüler erinnern sich wohl an einen Unterschied, der die christlichen Kinder neidisch machte: Die jüdischen Kinder haben am Samstag in der Schule keine Klassenarbeiten mitgeschrieben.

Als im 20. Jahrhundert das Judentum nicht mehr nur als Religion verstanden wurde, sind allerdings neue Differenzen entstanden.

Für die soziale Integration nennt Gögercin als Stichpunkte

– Eheschließungen

– Mitgliedschaft in Vereinen

– Freundeskreise

Betrachtet man die Eheschließungen, dann stellt man fest, dass Ehen zwischen Katholiken und Protestanten Ende des 19 Jahrhunderts in Villingen nichts Außergewöhnliches waren. Und auch Ehen zwischen Juden und einem christlichen Ehepartner waren keine Seltenheit. In Baden insgesamt waren von den jüdischen Eheschließungen in den 10 Jahren nach 1898 etwas mehr als 8 % mit einem christlichen Ehepartner abgeschlossen; in Großstädten war das deutlich anders: In Charlottenburg kamen 1907 auf 100 Ehen zwischen 2 jüdischen Ehepartner 37 mit einem christlichen Ehepartner. In Villingen sind mindestens 11 Ehen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Ehepartnern verzeichnet.

Die Kinder aus diesen Ehen waren immer christlich getauft. Das war zu Beginn des 3. Reiches auch bei mehr als 3/4 der Kinder aus jüdisch-christlichen Ehen im ganzen Reichsgebiet der Fall. Damit wird das Problem sichtbar, dass Mischehen wohl anzeigen, wie wenig die Religionszugehörigkeit als trennend angesehen wird; aber das Aufgeben der eigenen Religionszugehörigkeit oder das Nicht- Weitergeben an die Kinder bleibt als Integrationserweis fraglich.

Eine deutlichere Aussage über die soziale Zusammengehörigkeit von jüdischen und nichtjüdischen Villingern lässt sich m.E. machen, wenn die Mitgliedschaft in Vereinen und die Freundeskreise betrachtet wird.

Über Freundeskreise lässt sich heute durch den großen zeitlichen Abstand natürlich kaum etwas sagen. Sicherlich bedeutete aktive Vereinsmitgliedschaft auch starken persönlichen Umgang. Aber es gibt auch andere Indizien – das stärkste sind natürlich die Eheschließungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Ehepartnern. Ein weiteres Beispiel: Jüdische Villinger waren ab und zu Trauzeugen bei christlichen Ehen,

– Michael Bloch 1907 bei der Eheschließung von Bertha Dilger, die 2 Jahre bei ihm im Haushalt gearbeitet hatte;

– Hans Bloch war 1921 Trauzeuge bei Elsa Held, die ungefähr in seinem Alter war;

– Und Julius Bloch war 1922 Trauzeuge bei der Ehe von Architekt Friedrich Luick.

Und umgekehrt war der Gastwirt Adolf Dold Zeuge beim Ehevertrag zwischen Jacob Rosenfeld und Emma Kiefe 1873.

Eine enge persönliche Bindung drückt sich auch darin aus, dass der Gemeinderat Wilhelm Bichweiler 1890 nach dem Tod von Fanny Schwab, der

1. Ehefrau von Marx Schwab, einer der 2 Beiräte für die Vormundschaft der 5 minderjährigen Kinder wird und Bierbrauer Willibald Riegger ist Beiratsstellvertreter.

Hierher ist auch zu rechnen, wenn bei finanziellen Angelegenheiten jüdische Bürger als Bürgen für nichtjüdische Geschäftsleute auftraten (und umgekehrt).

c) Identifikatorische Integration

Als 4. Dimension hat Prof. Gögercin die identifikatorische Integration angeführt, also die Überlegung, wie die Einzelnen sich persönlich ihrer Gemeinde zugehörig fühlen. Ich denke, dass der Blick auf die aktiven Vereinsmitgliedschaften und auf die politische Betätigung zeigt, dass die jüdischen Villinger sich hier ebenso verwurzelt sahen, wie ihre nichtjüdischen Mitbürger.

Sichtbar ist diese Identifikation auf jeden Fall dort, wo Villinger jüdische Bürger sich an Spendenaktionen beteiligten, die immer wieder für Opfer von Bränden oder Unglücksfällen durchgeführt wurden. Als Spender sind 1868 beim großen Brand in Donaueschingen Michael Lion, Isaak Schwab und Jakob Bernheimer genannt.

Zu dieser Form von Integration gehört m.E. auch die Beteiligung an sozialen Aktivitäten – so waren unter den 165 Villinger Familien, die 1914 für 3 Monate Kinder von Kriegsteilnehmern zum Essen aufgenommen haben, auch Sigmund Bikart und Emil Schweriner.

Dass die nationale Identifikation der Juden mit Deutschland im 20. Jahrhundert auch von jüdischer Seite nicht mehr fraglos war, zeigte sich daran, dass der Zionismus, also die Vorstellung, dass die Juden eine Nation sind und ein Land brauchen wie andere Nationen, zunehmend Anhänger bekam. Auch in Villingen gab es Anhänger des Zionismus; sie scharten sich um Lothar Rothschild.

3. Situation im 3. Reich

Im 3. Reich erlitten die jüdischen Bewohner Villingens zuerst viele Schikanen, wirtschaftliche Benachteilungen und Verlust von Rechten:

– Berthold Haberer verlor seine Arbeit beim Finanzamt,

– als Jakob Bloch kurz nach der Machtergreifung die Tochter von Metzger Dorer heiratete, zogen die Nationalsozialisten mit Transparenten durch die Stadt: „Christliches Mädchen laß ab von deinem Judenschatz“,

– zum Rechtsanwalt Bernhard Schloß (vor 1933 hatte er eine der größten Anwaltspraxen im Landgerichtsbezirk Konstanz) kamen kaum noch Mandanten, und viele Schuldner meinten ihre Schulden nicht mehr zahlen zu müssen,

– im Kaufhaus Michael Bloch durfte von den Kunden der Haupteingang nicht benutzt werden, sie konnten das Geschäft nur durch einen Seiteneingang betreten.

 

Bild 14: H. Flaig, Villinger Zeitgeschichte in Bildern, schreibt zu diesem Bild: Das Offizierskorps der hiesigen Garnison ließ sich von Bürgermeister Schneider die neuen Kneipp-Einrichtungen zeigen. Das Schild über dem Eingang läßt bereits Böses ahnen (S. 75).

 

– Wie anderswo wurde auch in Villingen die Unterdrückung der Juden für jeden sichtbar; H. Flaig zeigt ein Bild der Kneipp-Einrichtungen von 1935 oder 1936 – über dem Eingang hängt ein Schild „Dieses Bad wird von Juden nicht benützt“ (Bild 14). Ein Villinger erinnert sich, dass an einem Café stand „Juden haben keinen Zutritt“ und dass er jemanden kannte, der auf jedes Paket einen Aufkleber „Juden sind unser Unglück“ machte.

– In der Sitzung des Gemeinderats Villingen 10. 4. 1934 wird der Antrag der Fa. Gebr. Bloch auf Zulassung zur Annahme von Bedarfsdeckungsscheinen abgelehnt.

– Mitglieder der Partei wurden gewarnt, in „jüdischen Geschäften“ einzukaufen. Diese Bezeichnung „jüdische Geschäfte“ galt auch, wenn nicht der Inhaber jüdisch war, sondern seine Frau.

– 25.1.1937 verloren jüdische Viehhändler ihre Gewerbescheine.

Dann kam am 9.11.1938 die „Kristallnacht“ – auch in Villingen: Der Betsaal der Villinger Juden (Gerberstraße 33) wurde zerstört und dieses Werk in der hiesigen Tageszeitung entsprechend kommentiert (Bild 15).

Hugo Schwarz, Robert Gideon, Jakob und Sally Schwab wurden nach der „Kristallnacht“ mehrere Wochen im KZ Dachau inhaftiert und gequält.

Lebten 1933 nach 56 Juden in Villingen, war die Zahl im Oktober 1937 auf 46 zurückgegangen. Nach den Ereignissen vom November 1938 war ihnen allen klar, dass sie so rasch wie möglich Deutschland verlassen mussten. Aber auch das wurde ihnen schwer gemacht: Sie mussten nicht nur die von den Nazis bei der „Kristallnacht“ angerichteten Schäden selbst bezahlen; wer emigrieren konnte, musste eine hohe „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen (Salomon Bloch z.B. mehr als 80.000 RM).

Bild 15: Die „Kristallnacht“ gab es auch in Villingen (Schwarzwälder Tagblatt 10.11.1938)

 

 

Ein Teil der jüdischen BürgerInnen Villingens konnte der NS-Herrschaft entkommen und emigrieren, so die Familie von Michael Bloch, von Salomon Bloch    (die Tochter Julie, die nach ihrer Heirat nach Karlsruhe gezogen war, ist mit ihrem Ehemann im KZ umgekommen), von Hermann Bikart und von Bernhard Schloß. Außerdem gelang es, einige Kinder mit Kindertransporten ins rettende Ausland zu bringen, so Josef Haberer, Margarete Schwarz, Heinz Schwarz und Manfred Schwarz (Bild 16).

 

Bild 16: Die Geschwister Heinz (11 Jahre), Margarete (12 Jahre) und Manfred Schwarz (9 Jahre), 1940 in der Schweiz – Ihre Eltern sind in den Konzentrationslagern umgebracht worden. (Privatfoto Heinz Schwarz).

 

 

 

– Aber am 20. Oktober 1940 wurden alle jüdischen BürgerInnen, die noch in Villingen lebten – mit Ausnahme von 2 Frauen, die christlich verheiratet waren – nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Deportiert wurden: Hermann Faber, Berthold und seine Frau Georgine Haberer, Bella Kohn, die Geschwister Heinrich, Martha und Sally Schwab, Hugo und Irma Schwarz und Hugos Schwester Julie und seine Mutter Bertha. Von ihnen hat nur Bella Kohn das 3. Reich überlebt.

– In den Konzentrationslagern sind von den Villinger Juden außerdem umgebracht worden: Louis und Janette Bikart und deren Kinder Ruth und Silva Irene (der Sohn Sigmund überlebte die KZ-Haft), Bertha und ihr Sohn Erwin Boss, Lothar Rothschild, Lina und ihre Tochter Emmy Zaitschek.

– Die mit christlichen Männern verheirateten jüdischen Frauen wurden 1944 ins KZ Theresienstadt deportiert. Vor der Deportation musste ein 16-seitiger Fragebogen „Vermögenserklärung“ mit detaillierten Fragen ausgefüllt werden (nach dem Erlaß des Führers und Reichskanzlers über die Verwertung des eingezogenen Vermögens von Reichsfeinden vom 29.5.1941).

Nicht nur die Deportationen fanden in der Öffentlichkeit statt. Auch die Versteigerungen der Haushalte der Deportierten und der Haushalte der Emigrierten fanden unter großer öffentlicher Beteiligung statt.

Schluss

Mit dem Beitrag sollte deutlich gemacht werden, dass man die Geschichte nicht nur als Vorbereitung des 3. Reiches sehen muss. Das Gleichberechtigungsgesetz war 1862 verabschiedet worden, um den Menschen in Deutschland gleiche Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. So hat man das damals gesehen. Aber die Menschen haben später und im Nationalsozialismus einen anderen Weg gewählt. Als eine Lehre aus der Geschichte kann man sich fragen: Ergreifen wir immer die positiven Chancen des Zusammenlebens, die die jeweilige Zeit bietet?