Nichts ist so, wie es scheint. (Anita Auer)

Ein Forschungsprojekt sucht nach Geschichtsklitterungen in der volkskundlichen Sammlung der Städtischen Museen

„Zwei gemütliche Alte aus Schwenningen, Württemberg“, so bezeichnete der Berliner Fotograf Hans Retzlaff seine Aufnahme von 1934 1. Das Foto hängt heute im Heimat- und Uhrenmuseum in Schwenningen in der Trachtenabteilung im 1. Obergeschoss (Abb. 1) und war bereits mehrfach Thema im „Heimatblättle“, wo man die Identität der abgebildeten „Hippen“ diskutierte.

Hans Retzlaff war kein ausgebildeter Fotograf.

„Er arbeitete bis zu seiner Entlassung während der Weltwirtschaftskrise als Bankangestellter in Berlin und begann 1929 eine neue berufliche Laufbahn als Fotograf“2. Er reiste durch die deutschsprachigen Lande und „dokumentierte und heroisierte die ländliche Bevölkerung“3. Die hierbei entstandenen Fotos bot er verschiedenen volkskundlichen Instituten zum Kauf an, unter anderem dem „Institut für deutsche Volkskunde“ in Tübingen, aber auch dem Freiburger Volkskundeinstitut, mit denen es bald zu einer engen Zusammenarbeit kam.

An Retzlaffs Aufnahmen wurde besonders geschätzt, dass er von „‚ursprünglich bäuerlichen‘,

‚verschlossenen‘ Menschen die Einwilligung fürs Fotografieren“4 bekam. Er bezahlte offensichtlich jedoch keine Honorare, – das hätte womöglich diese Form des Gelderwerbs für ihn unrentabel gemacht –, sondern bedankte sich bei den Abgebildeten mit einem Abzug. Dies hat für die heutigen WissenschaftlerInnen den Vorteil, dass die Identität der Abgebildeten häufig leicht zu recherchieren ist, wenn die Fotos über die Erben in die Sammlung kommen.

Abb. 1: Hans Retzlaff, Zwei Frauen aus Schwenningen, Villingen, 1934.

 

So ist auf der Rückseite des Fotos im Heimat- und Uhrenmuseum handschriftlich vermerkt: „auf dem Bild links: / Christine Widmann, geb. Schlenker / („Stierlechristin“) / Schwenningen a. N., Hofstatt 3 / geb. 8.4.1865 / gest. April 1952 / gestiftet von Familie Wilhelm Schlenker / und Martha (geb. Heim) / Schwenningen, Heilbronnerstr. 56 / Juni 1979″. Das „Originalbild“ der rechts abgebildeten kleineren Frau wurde 1998 an das „Heimatblättle“ gesandt5. Laut der Einsenderin, Anne Ma. Barth, geb. Benzing, aus Aalen-Wasseralfingen, handelt es sich um ihre Großmutter („Kraftbüble“)6 Benzing. Für beide Dargestellten gibt es noch weitere Identifikationen, die beweisen, dass sie wohl „typische Schwenninger Erscheinungen“ repräsentierten. Was den Wahrheitsgehalt der Zuschreibungen angeht, dürften diejenigen, die sich auf die eigene Verwandtschaft beziehen, den größten besitzen.

Abb. 2: Hans Retzlaff, Gruppenfoto von TrachtenträgerInnen vor dem Wäschehaus Schilling, Villingen, 1934.

 

Die beiden Frauen sind ganzfigurig abgebildet und stehen sich gegenüber, die Gesichter einander zugewandt. Sie scheinen im Dialog, der Mund der Linken ist leicht geöffnet, der Mund der Rechten zu einem Lächeln verzogen. Auf dem Kopf tragen beide die für die Baar typische Haube, das „Käpple“, mit Bänderschmuck, der auf den Rücken fällt. Sie ist so aufgesetzt, dass die Stirn halb und damit der Haaransatz vollständig verdeckt ist. Das Ohr wird freigelassen. Auffallend ist die füllige Statur der beiden, die durch die Hippe, den in feine Falten gelegten wollenen Rock, und die Armhaltung noch betont wird. Beide legen die Arme leicht verschränkt um ihre Körpermitte, was etwas unnatürlich wirkt, da sie dort kein wirkliches Auflager finden (wie zum Beispiel eine hochschwangere Frau), sondern etwas verkrampft in Position halten müssen. Sie stehen vor einer rau und unachtsam verputzten Wand, rechts im Hintergrund ist ein schräger Balken, Teil eines Giebels, zu sehen. Eine Straßenszene in Schwenningen?

Mitnichten. Auf einem Gruppenfoto, das sich in der Sammlung des Franziskanermuseums befindet (Abb. 2), sehen wir die gleiche Szene als Teil einer größeren Komposition vor dem Wäschehaus „Wilhelm Schilling“ in der Oberen Straße in Villingen. Wieder sind die Frauen einander zugewandt mit ähnlicher Armhaltung, allerdings hält sich nun die Linke am Handgelenk der rechten Hand fest. Diese Haltung wirkt etwas motivierter als die auf der Einzeldarstellung des Frauenpaares. Die Rechte sieht man fast nur mit dem Rücken, wodurch der Bänderschmuck der Haube besser zu sehen ist. Links im Hintergrund stehen drei Frauen in St. Georgener Tracht, zwei davon mit unbedecktem Kopf, eine bereits „unter der Haube“ (verheiratet).

Abb. 3: Ernst Schilling in seiner Trachtenbandweberei, Villingen, 1934.

 

Vor dem Eingang des Ladens steht links ein Herr in Anzug und Krawatte mit einem kleinen Mädchen neben sich. Man sieht dieses Paar von der Seite, denn es ist parallel zum Bürgersteig aufgestellt. Der Herr lächelt zwei Villingerinnen in Tracht und Goldhauben zu, die ihm schräg gegenüber wie aufgereiht im Eingang stehen. Vor dem rechten Schaufenster stehen zwei weitere Trachtenpaare (Junge und Mädchen, Mann und Frau) und studieren die Auslagen bis auf die Frau ganz rechts, die den ihr zugeordneten Herrn ansieht. Alles in allem eine wohl ausgewogene Komposition. Das ganze Querformat des Fotos von links nach rechts ist ausgefüllt. Gruppierungen ergeben sich durch Körperwendung und Blickrichtung. Überschneidungen der einzelnen Gruppen vermitteln einen Gesamtzusammenhang der Szene. Auf der Rückseite des Fotos ist ein Stempel: „Hans Retzlaff / Berlin-Charlottenburg 5 / Hebbel-Str. 2 / Tel. CO Fraunhofer 1798“, mit Bleistift und in Handschrift steht dabei „1933“7.

Ein weiteres Foto aus der Museumssammlung (Abb. 3) weist denselben Stempel auf, aber keine Datierung. Es zeigt den freundlichen Herrn im Anzug des vorigen Fotos – nun allerdings der Jacke ledig und nur in Weste – vor einem Webstuhl8. Er streicht über ein Seidenmoiréeband, das zwischen einem Stuhl und einem Gerät zum Spulen der Bänder aufgespannt ist. Er blickt nach links unten auf das Band und seine Hand. Auf einem Tisch im Vordergrund links sind eine Vielzahl unterschiedlich breiter und farbiger Bänder aufgestapelt.

Eine Nachfrage beim heutigen Inhaber des Wäschehauses Schilling, Bernhard Schaumann, ergibt folgendes: Der Großvater, Ernst Schilling, betrieb eine Trachtenbandweberei im Haus, die 1848 gegründet worden war. Er ist der freundliche Herr auf dem Gruppenfoto, das Kind neben ihm die jüngste Tochter Regina. Seine Ehefrau, Emma, geb. Konstanzer, blickt zwischen den zwei Villingerinnen aus dem Ladengeschäft heraus (wohl zur Tochter).

Außer dem Gesamtbild auf der Straße wurden bei dieser Gelegenheit von Hans Retzlaff weitere Fotos, davon einige auf der rückwärtigen Terrasse des Hauses, inszeniert. Zum Teil befinden sie sich noch im Besitz der Familie Schaumann. Weitere Einzelaufnahmen auf der Terrasse zeigen unter anderem den Narro9, die Alt-Villingerin10 und den Narro mit zwei Alt-Villingerinnen11. Letzteres beweist, dass – zumindest in Villingen – die Tracht nur noch an Fastnacht oder bei anderen Brauchtumsveranstaltungen im Sinne einer Kostümierung, einer (fastnächtlichen) Verkleidung getragen wurde, während ja die Straßenszene von Retzlaff suggeriert, die Trachten würden zeitgleich noch im Alltag, auf der Straße getragen. Für die Schwenninger Tracht scheint das allerdings (eher) zuzutreffen.

Einzelne, vor allem alte Frauen kleideten sich in den 1930er Jahren noch in Schwenninger Tracht. Dafür spricht auch die Anekdote, die in der Familie Schaumann überliefert wird: Die beiden Schwenningerinnen hätten während der langen Foto-Sitzung ein dringendes Bedürfnis verspürt und daher den Hausbesitzer gefragt, „Wo goots do ge bruu’ze ?“ (die kursiven Vokale werden nasal gesprochen)12. Ihm, der schon damals außer Posamenten, Stoffen und Bändern, auch Strümpfe (also Dessous im weitesten Sinne) feilbot, wurde spätestens in diesem Augenblick vollkommen klar, dass die beiden sich für diese Verrichtung keiner Unterwäsche entledigen mussten …

Das Foto des originellen Schwenninger Paares wird 65 Jahre später zum Titelbild einer Publikation des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. In diesem Buch mit dem Titel „Völkische Posen, volkskundliche Dokumente“ setzt sich das Institut mit seiner Geschichte in den 1930er und 1940er Jahren auseinander und stellt sich die Frage, inwieweit das Fach Anteil an nationalsozialistischer Ideologie hatte. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Fotografien Retzlaffs als nicht dokumentarisch, sondern von der Ideologie der Machthaber geprägt gewertet werden müssen. Die Authentizität, die Retzlaff vorspiegelt, nährt sich aus seinen raffinierten Kontextualisierungen. So blicken die Fotografierten so gut wie niemals direkt in die Kamera, werden in „natürlichen“ Posen und Zusammenhängen dargestellt, zudem wählt der Fotograf gefällige Bildkompositionen. Für die Fotografie der Schwenningerinnen gilt: Die Übernahme der Pose auf dem Doppelporträt für das Gruppenfoto (oder umgekehrt) beweist die Gesuchtheit des Motivs und den inszenatorischen Aufwand, der betrieben wurde. Die Krux hierbei ist, dass der Berliner Fotograf Hans Retzlaff – wie andere zeitgenössische Fotografen auch – ungeheuer viel fotografiert und in populären Bildwerken publiziert hat. Darüber hinaus bilden seine Fotos einen Schwerpunkt in den Bildarchiven der zuständigen wissenschaftlichen Institute. Sein Blick auf die ländliche Bevölkerung beeinflusst den unseren noch heute oder irritiert zumindest. War es nicht doch so, wie er es zeigt? Eine verwandte Problematik untersucht am Beispiel der Schwarzwaldsammlung Oskar Spiegelhalders ein Forschungsprojekt, das 2012 begonnen wurde. Die Kooperation der Technischen Universität Dortmund und des Franziskanermuseums Villingen-Schwenningen ist auf drei Jahre angelegt und wird von der VW-Stiftung gefördert. „Das Unsichtbare und das Sichtbare. Zur musealen Herstellung von Region am Beispiel der Schwarzwaldsammlung von Oskar Spiegelhalder“ widmet sich einem noch etwas älteren Protagonisten volkskundlichen Erkenntnisinteresses, der aber unter ganz ähnlichen Vorzeichen gearbeitet hat. Seine Geschichtsklitterungen zu entdecken, in der Dokumentation, in der Auswahl und Zuschreibung der Objekte, hat sich das Projekt zur Aufgabe gestellt. Ergebnis wird eine Ausstellung und Begleitpublikation zum Abschluss des Projekts 2015 sein.

Anmerkungen:

1 Hägele, Ulrich und Gudrun M. König (Hg.): Völkische Posen, volkskundliche Dokumente. Hans Retzlaffs Fotografien 1930 bis 1945, Marburg 1999, S. 200 (5A 542).

2 Wie Anm. 1, S. 21.

3 Wie Anm. 1, S. 22

4 Wie Anm. 1, S. 23

5 Heimatblättle, Jg. 46, Heft 11, November 1998, S. 4 und 5.

6 Ich danke Renate Krüger und weiteren Mitgliedern des Heimatvereins Schwenningen für die Unterstützung meiner Recherchearbeit zur Identität der Dargestellten im Vorfeld des Artikels.

7 Der Zusammenhang des Gruppenbildes mit den Einzeldarstellungen ist so eklatant, dass die Datierung „1933“, die vielleicht später ergänzt wurde, mir nicht stimmig vorkommt. Das Straßenbild wurde sicherlich auch 1934 aufgenommen.

8 Wie Anm. 1, S. 203 (Abb.), datiert 1934 (6/19)

9 Wie Anm. 1, S. 215 (Abb.), datiert 1934 (25/443)

10 Wie Anm. 1, S. 199 (Abb.), datiert 1934 (5A437)

11 Wie Anm. 1, S. 216 (Abb.), datiert 1934 (25/444)

12 Für die korrekte Verschriftlichung und den Aussprachehinweis danke ich ebenfalls Renate Krüger.