Revellios eindringliche Mahnung wurde gehört (Hermann Colli)

Vor 30 Jahren Franziskaner-Konzerthaus eingeweiht

Nach einem Gemälde des bekannten Villinger Malers Albert Säger aus dem Jahre 1922 sah der Osiandergarten damals so aus! Der ehemalige Friedhof – später Osianderplatz – war mit einer Mauer umgeben und mit Bäumen bepflanzt. Säger malte das Bild an einem sonnigen Wintertag von seinem Haus in der Rietstraße 30 aus, wo er wohnte und seine Malerwerkstatt hatte.

 

Es war ein Ereignis ersten Ranges, das in die ganze Region ausstrahlte: Die Einweihung des Franziskaner-Konzerthauses am 17. September 1982, also vor 30 Jahren. Als „Meilenstein in der Geschichte der Doppelstadt“ wurde es gepriesen und mit einem Reigen von mehr als einem Dutzend hochkarätiger Konzerte bis in den Dezember hinein gefeiert. Dass der „Franziskaner“ von seiner Strahlkraft als Kulturzentrum nichts verloren hat, hat er in den drei Jahrzehnten eindrucksvoll bewiesen.

Zuvor hatte es auch kritische Stimmen gegeben. Lange bevor die Pläne für die kostspielige Renovation überhaupt auf den Tisch kamen, hatte sich der Villinger Ehrenbürger Dr. Paul Revellio sehr intensiv mit dem Villinger Franziskanerkloster beschäftigt. Es war geradezu eine Liebeserklärung an das historische Gebäude. Der Südkurier nahm Revellios Beitrag auf und veröffentlichte anlässlich der Einweihung des Franziskanerkomplexes einen Artikel mit der Überschrift: „Revellios eindringliche Mahnung“, in dem die große Sorge des Ehrenbürgers zum Ausdruck kommt.

Als der Villinger Stadtarchivar Professor Dr. Paul Revellio am 1. Juli 1966 starb, nahm er ein großes Anliegen mit ins Grab: Die Erhaltung des Franziskanerklosters, für die er sich zeitlebens stark gemacht hatte. Dieser Mann, der sich wie kaum ein zweiter Verdienste um die Geschichtsschreibung der alten Zähringerstadt erworben hat – was die Stadt Villingen damit belohnte, dass sie ihm am 24. September 1958 die Ehrenbürgerwürde verlieh – hat sich in seinem umfassenden Werk „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ sehr eingehend mit der Klostergeschichte der „Barfüßler“, wie die Franziskaner genannt wurden, befasst.

In dem Beitrag „Das Franziskanerkloster zu Villingen“ verfasste er eine aufrüttelnde Mahnung an die Bürgerschaft, die Klosteranlage, die ein beachtliches Stück Stadtgeschichte darstellt, zu erhalten.

„Keines der Bauwerke unserer an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Stadt ist während des 19. Jahrhunderts so entweiht und erniedrigt worden wie unsere Barfüßlerkirche“, schreibt Professor Revellio. „Einst ein weiter Kirchenraum, der während fünf Jahrhunderten unzählige Male eine bald andächtig gestimmte, bald ernste Gemeinde zum Preise Gottes, aber auch zu schwerer Besinnung versammelt hatte, vor dessen Altären das Villinger Zunfthandwerk seine Patrone als Schutzgeister seines täglichen Werkes in den vielerlei Nöten des Lebens um Hilfe anflehte, dann in rascher Folge Pferdestall, Kaserne, Kriegsmagazin und Feldbäckerei – und schließlich hat 1825 eine bettelarme und von allzu viel Not erdrückte Generation für den fast herrenlos gewordenen Bau keine bessere Verwendung mehr gewusst, denn als Stall, Scheune und Fruchtspeicher für die ausgedehnte Ökonomie des Spitals zu dienen mit dem Kreuzgang als Viehtränke. Hätte es in jenen Zeiten ein Gefühl verpflichtender Dankbarkeit der Vergangenheit gegenüber gegeben, so wäre solche Entwürdigung unmöglich gewesen.

Wohl wurde nach 100 Jahren (1934) der Innenraum der Kirche von seinem niedrigen Dienst befreit, aber mit dem Gewinn verband sich ein neuer Verlust: Die das Ganze zu einer echt mittelalterlichen Lebensgemeinschaft zusammenschließende Kirchhofmauer wurde niedergelegt und damit eine schmerzliche Wunde in das ehedem so geschlossene Straßenbild am Riettor geschlagen, die leidvollste seit dem Abbruch des Niederen Tores und der Vortore.

Reges Leben herrscht heute auf und vor dem Osianderplatz mit dem Franziskaner-Konzerthaus und dem Franziskanermuseum im Hintergrund. Der Klosterkomplex am Riettor ist Mittelpunkt im kulturellen Leben der Stadt und wird für zahlreiche Veranstaltungen genutzt.

 

Das so viele Jahrhunderte treu bewahrte Stadtbild, dem man draußen mit steigender Bewunderung begegnet, verlangt hier dringend eine Wiedergutmachung. Dazu braucht der des inneren Halts beraubte Kirchenraum mehr denn je neuer Festigung, wenn er erhalten werden soll. Das aber ist wieder nur möglich, wenn für ihn in unserer anders gearteten Welt eine neue Verwendung gefunden wird, nachdem die Kirche auf seine Wiederverwendung verzichtete.

Erhalten bleiben muss er im Interesse unseres mittelalterlichen Stadtbildes. Wo findet sich, eingebaut in eine städtische Lebensgemeinschaft, ein Kreuzgang von gleich guter Erhaltung? Nicht weniger ehrwürdig ist uns dieser Raum auch als Schauplatz wichtigster Ereignisse unserer Stadtgeschichte: keine Stätte war die vielen Jahrhunderte seit der Stadtgründung so eng auch mit dem öffentlichen Leben und der Wirtschaft der Stadt, wie dem Fühlen und Denken, mit Leid und Freud der einzelnen Familie verbunden wie die Franziskanerkirche.“

Soweit Professor Revellio. Was würde wohl der Villinger Ehrenbürger darum geben, wenn er dabei sein könnte, wenn die Franziskaner-Anlage als Kulturstätte ersten Ranges wieder ihren Platz in der Villinger Stadtgeschichte einnehmen und jetzt wieder ihrer Bestimmung übergeben werden kann? Er wäre sicher glücklich gewesen. Aber er würde sich auch darüber freuen, dass seine Mahnung, die er schon 1954 an die Villinger richtete, doch gehört wurde. Und er würde stolz sein, auf „seine“ Villinger. So war es vor 30 Jahren im Südkurier zu lesen.