Wieder ein Stück Stadtgeschichte sichtbar gemacht (Wolfgang Trenkle)

Villinger Gutleuthaus und die St.-Vitus-Kapelle im Modell

Sein Name klingt ziemlich altertümlich, sein Aussehen ist es nicht: der schnittige Teil des „Gutleuthaus“ in der Villinger Gerwigstraße 6 ist erst zweieinhalb Jahre alt (Abb. 1), und der Rest als umfangreich sanierter Nachkriegsbau des einstigen „Maison de France“ auch nur ein paar Jahrzehnte älter. Das, was im Villinger Gutleuthaus aktuell getan wird, ist als Handlung aber durchaus als uralt zu bezeichnen: Der Caritasverband für den Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinen inzwischen 350 hauptund noch einmal so vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat dort seinen zentralen Sitz und er versucht, sogar schriftlich definiert in seinem Leitbild, als katholischer Wohlfahrtsverband das umzusetzen, was ein wohltätiger Nazarener vor 2.000 Jahren mit Herz und Hand predigte und konkret vorlebte.

Abb.1: Soziales Engagement im Jahr 2012: Das heutige Gutleuthaus der Caritas.

 

Genau dort, wo das heutige Gutleuthaus steht, wurde im 14. Jahrhundert das erste Gutleuthaus Villingens errichtet. Äußerst grob übersetzt, könnte man das Gutleuthaus als ein spätmittelalterliches Krankenhaus bezeichnen. Klingt Gutleuthaus schon nicht gerade modern, tut es „Leprosorium“ erst recht nicht. Das Gutleuthaus war ein solches: Hierher wurden Menschen mit ansteckenden Krankheiten (Lepra = Aussatz) verbracht, erkrankte Menschen ohne finanzielle Mittel und Durchreisende mit allerlei Symptomen. Zur Sicherheit der Bevölkerung stand das Gebäude mit Kapelle ausgegrenzt vor der Stadtmauer Villingens. Innerhalb dieser fand sich noch die sogenannte „Siechenschaffnei“, eine organisatorisch dem Gutleuthaus angegliederte Einrichtung. Ab dem 17. Jahrhundert gab es auch noch ein sogenanntes „Franzosenhaus“, in welchem Syphiliskranke behandelt wurden. Die Geschlechtskrankheit wurde damals als Franzosenkrankheit bezeichnet. Auch wenn es danach klingt: das „Maison de France“ hat mit diesem Haus nichts zu tun. Viele Jahrhunderte hielt der historisch wichtige Gebäudekomplex des Gutleuthauses und seiner angrenzenden St.-Vitus-Kapelle durch, selbst im 20. Jahrhundert konnte er noch 44 Jahre stehen, bis der Zweite Weltkrieg auch hier seine zerstörerische Fratze zeigte.

Wie sich bestmöglich an das Gutleuthaus erinnern? Der Villinger Modellbauer Dietmar Kempf hat sich einen ganz besonderen Weg einfallen lassen: Er baute die fast vergessene soziale Einrichtung anhand vieler überlieferter Quellen im Maßstab 1:50 äußerst detailgetreu nach (Abb. 2). Seit Ende Juni 2012 steht das fertiggestellte Modell dort, wo es den besten Platz in der Zähringerstadt finden konnte: im Foyer der Caritas-Zentrale.

Abb. 2: Ein Meister im Modellbau: Dietmar Kempf mitdem Gutleuthaus undderSt.­ Vttus-Kapelle.

 

 

Abb.3: Keine einfache Bastel­ arbeit: Der Dachstuhl des Gutleuthauses im Maßstab 1:50.

 

Abb. 4: Tiefe Einblicke gewährt das Modell bis ins unterste Stockwerk hinein.

„Der Nachbau ist eine großartige Leistung“, sind sich der Vorstandsvorsitzende des Caritasverbandes Otto Sieber und Geschäftsführer Michael Stöffelmaier einig. Wer sich in der Gerwigstraße 6 Unterstützung holt, beispielsweise in der Behindertenhilfe, der Hilfe für Jugend, Familie und Senioren, der Schulsozialarbeit oder der Migrationsberatung, den erinnert das ausgestellte Modell an den spätmittelalterlichen Vorgänger.

Obwohl mit Gütenbach der Sitz des größten Modellgebäude-Herstellers Deutschlands von Villingen nicht weit entfernt ist, hat das Kunstwerk von Dietmar Kempf nichts mit Häuschen für die Modelleisenbahn zu tun. Kempf verwendet in seinen komplexen Modellen meist originale Materialien und Pläne. Gepresste Plastikwände und -dächer kommen darin nicht vor. So ist beispielsweise der Dachstuhl (Abb. 3) komplett in herkömmlicher Zimmermannstechnik erstellt. Erst eine Lupe macht an manchen Stellen deutlich, mit welcher Akribie der gelernte und heute berentete Industriemeister der Firma Winkler arbeitet.

Abb. 5: Ohne akribisch gezeichneten Bauplan startet bei Dietmar Kempf, einst Ausbilder von Technischen Zeichnern der Villinger Firma Winkler, kein Projekt. So auch beim Gutleuthaus.

 

 

Abb. 6: Kaum zu unterscheiden zwischen einstiger Realität und Modell: der Blick zwischen Haus und Kapelle.

 

So sind beispielsweise Träger und Querstreben des Dachstuhls verzapft. Auch dort, wo man im geschlossenen Zustand des Gebäudes nichts sieht, ist etwas vorhanden: Kempfs Modell ist mehr als doppelbödig – wer das Dach abnimmt, kann sich Stockwerk um Stockwerk durch das Haus bewegen (Abb. 4).

Rund 1.000 Stunden in zwei Jahren hat der historisch sehr interessierte Villinger an seinem Werk gearbeitet. Hierzu gehört auch die Recherche in verschiedenen Archiven von Kirche und Stadt (Abb. 5). Eines musste er leider nicht recherchieren, sondern erlebte es mit eigenen Sinnen: „Ich erinnere mich noch gut, als ich als kleiner zehnjähriger Junge mitansehen musste, wie der Villinger Bahnhof und die umliegenden Gebäude bombardiert wurden“, so Kempf. Ein Eindruck, der unauslöschliche Spuren bei ihm hinterlassen hat. Bei diesem Bombardement ging auch das Gutleuthaus und die St.-Vitus-Kapelle (Abb. 6) unter. Kempfs Modell und die umfangreiche soziale Arbeit der Caritas sorgen dafür, dass das historische Gebäude in Erinnerung bleibt und das Christentum immer wieder neu mit dem Caritasmotto „Not sehen und handeln“ in die Tat umgesetzt wird.