Regina Hiekisch (Stefan Simon)

Eine Weltoffenheit, die sich in künstlerischer Vielfalt bemerkbar macht

Abb. 1: Regina Hiekisch hat Hesses Gedicht „Stufen“ in ihrer vierteiligen Serie „In allem Anfang“ verinnerlicht und auf ihre ganz individuelle Weise abstrahiert verbildlicht.

 

Kunst entsteht nie im luftleeren Raum. Sie bedarf stets der Vorbilder und der Auslöser. Die jeweiligen Lebensumstände sind dabei die maßgeblichen Parameter. Und davon gibt es einige im Leben von Regina Hiekisch. Die verschiedenen Facetten auf ihrem Lebensweg spiegeln sich auch in ihrem ein überaus breites Spektrum umfassenden Kunstschaffen wider. Kunst ist eben wie das Leben allemal ein weites Feld: Regina Hiekisch wurde 1933 in Zwickau (Sachsen) geboren. Von 1952 bis 1956 besuchte sie die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und die Universität Leipzig, wo sie Kunsterziehung für höheres Lehramt studierte. 1956 legte sie ihr Staatsexamen ab. Bis zum Mauerbau unterrichtete sie Schüler der Erweiterten Oberschule in Gräfenheinichen/Bitterfeld. Als die Mauer gebaut wurde, floh sie mit ihrem Mann in den Westen. 1970 wurde sie ans Gymnasium am Romäusring als Kunsterzieherin berufen, wo sie bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1992 tätig war. Soweit ihre Vita im Kurzdurchlauf.

Die Kunstwerke jedoch lassen uns den Menschen Regina Hiekisch näher kennen lernen. Auch wenn die Künstlerin selbst, wie sie es bei ihrer Ausstellung im vergangenen Sommer im Unterkirnacher Rathaus souverän unter Beweis stellte, zwischen ihrem Werk und dem Betrachter vermitteln kann, können sich die Exponate auch ohne wortreiche Erklärungen ihrer Autorin behaupten. Das funktioniert, sofern sich der Betrachter Zeit zur Auseinandersetzung nimmt.

 

 

Abb. 2: Die Künstlerin setzt sich in ihrem umfangreichen Werk häufig mit der Bibelgeschichte auseinander.

Denn zuerst einmal gilt es sich analog zu der Gouache „Heilix Durcheinander“ in dem Hiekischen Kunstkosmos aufgrund der unterschiedlichsten Eindrücke zurecht zu finden. Das Nebeneinander von scheinbar Disparatem ergibt durchaus Sinn. Denn die Arbeiten sind authentischer Ausdruck einer Künstlerin, die so ihre vielfältigen persönlichen Erlebnisse verbildlicht. Ein Schlüsselwerk, das in seiner Thematik die Grundlage für sämtliche künstlerische Phasen bildet, ist die vierteilige Arbeit „In allem Anfang“.

In der vermeintlich abstrakten farbkräftigen Bilderserie, in der Hiekisch Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ markant und stilsicher thematisiert, wird an dessen allgemeingültige geniale Kernaussage erinnert (Abb 1). „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ Diese Textpassage zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben und die Kunst von Regina Hiekisch. Aufgrund ihrer tiefen christlichen Überzeugung und ihrer konsequenten politischen Haltung in ihrer alten Heimat schikaniert, floh sie 1961 in den Westen und wagte hier den Neuanfang: als Künstlerin, politisch engagierte Bürgerin und als Christin. Einen thematischen Schwerpunkt in dem umfangreichen Werk nehmen eben auch die religiös motivierten Arbeiten ein, das Thema mal mehr, mal weniger sichtbar gemacht.

In der Serie „Bible faces“ schöpft die Künstlerin aus dieser existentiellen Inspirationsquelle (Abb. 2).

„Der Fragende“, „Der Verzweifelnde“, „Die Seherin“, „Der Insichgekehrte“: in den Gesichtern, die in einer pastosen, gerissenen, mit Sand versehenen Mischtechnik hergestellt sind, ist die Suche nach dem Sinn des Daseins eindrücklich eingeschrieben, immer auch verbunden mit der bangen Frage, wie es nach dem irdischen Jammertal wohl weitergehen wird. Weniger deutlich auf den ersten Blick, dafür in ihrer Wirkung umso nachaltiger, sind die „Textarbeiten“.

Abb. 3: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“: großformatige Malerei, die sich immer auch ein Restgeheimnis bewahrt.

 

In der Verbindung von Schrift, im konkreten Fall einer Passage von Dietrich Bonhoeffers Text „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, und Kunst hat die Künstlerin eine intermediale Kunstform geschaffen, die in ihrer semantischen Dichte und ihrer Vieldeutigkeit eine ungewöhnlich große Ausdruckskraft bereithält (Abb. 3). Obwohl sich Hiekisch auf einen ganz konkreten Text bezieht und mit dessen thematischer Kernaussage – Bonhoeffer hat sich in seinen Schriften mit dem Kirchenproblem und der Diesseitigkeit des Christentums auseinandergesetzt – ihr Werk durchaus konform geht, lassen die Schriftarbeiten viel Raum zur individuellen Interpretation. Ein verkürzter Satzbau und die Wiederholung der markanten Textfragmente, aus denen immer wieder neue Sätze formuliert werden können, sowie der Verzicht auf Satzzeichen, läßt eine Sprachstruktur entstehen, die in ihrer facettenreichen Zersplitterung auf Vieldeutigkeit aber in dem harmonisch-spannungsvollem Bildgefüge auch auf Labilität verweist. Das Auge des Betrachters springt von den inhaltlichen zu den formalen Elementen, es wandert von den großen ruhigen Flächen zu der Lebendigkeit der Schrift. Ob der Betrachter nun den Text entziffern kann ist zunächst einmal unerheblich. Wichtiger als eine sofort erfassbare Botschaft ist das Erkunden, das Lesen der Bilder, die sich somit immer auch ein Restgeheimnis bewahren. Dies ist auch vorhanden, wenn sich die Künstlerin nicht direkt ersichtlich mit Texten auseinandersetzt. Bei den Radierungen, die Hiekisch für eine Ausstellung anlässlich der Europäischen Glockentage entworfen hat, steht der Betrachter zunächst einmal vor einem abstrakten Konstrukt. Feine Linien, die sich in einem seismografischen Auf und Ab bewegen, werden in der Arbeit

Abb. 4: Bei der Herstellung von Radierungen kommt das Talent und das Können Regina Hiekischs zum Vorschein.

 

„Innerer Friede“ von schwungvollen Aufwärtslinien überlagert. Eine zweite Platte mit filigranen roten Linien bildet den Hintergrund. Regina Hiekisch interpretiert diese Komposition folgendermaßen:

„Atmende innere Ruhe/Friede.“ Und jetzt kommt doch wieder die Literatur als künstlerischer Impulsgeber zum Vorschein. Denn die ehemalige Kunsterzieherin hat sich für die vermeintlich ungegenständlichen Werke mit Schillers „Glocke“ beschäftigt. Schillers Thema „Friede“ hat sie bildhaft dargestellt mit einer festen Kontur einer Negativform eines Glockenschwungs. Die Umrisslinie überschneidet den Prägerand und bildet einen starken Kontrast zum Linienspiel im Hintergrund. Beim „Glockengeläut“ erzeugen unterschiedliche dunkle Flächen und Linien die Dynamik und thematisieren somit das Geläut. Die Auseinandersetzung mit der Bibel, der tief christliche Grundgedanke bedeutet für Hiekisch selbstverständlich auch ein Interesse für den Menschen, das Menschsein im allgemeinen, für andere Kulturen und zeigt somit eine bodenständige Weltoffenheit.

Einen unübersehbaren quantitativen wie qualitativen Schwerpunkt nehmen die Radierungen ein, die sie in ihrem Unterkirnacher Atelier auf der Druckpresse selbst herstellt (Abb. 4). Ob als Kaltnadel, Aquatinta, Blindätzung oder Farbradierung ausgeführt, die Künstlerin kennt sich in der technisch anspruchsvollen Tiefdrucktechnik aus. Das ist letztlich, wie auch ihre Affinität zu Schriftarbeiten, wieder ihrem Studium an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zu verdanken. Mit einem sicheren Gespür für kompositionelle und handwerkliche Gesetzmäßigkeiten holt sie die unterschiedlichsten Figuren, Formen und Strukturen aus der Platte heraus.

Abb. 5: „Muslime“: Die Künstlerin ist viel auf Reisen und hält vor Ort Land und Leute mit dem schnellen Tuschestrich fest.

 

Fast schon abstrakten Charakter haben die Radierungen „Netze“, „Eschatologische Landschaft“ oder „Durchblick“. Aufgrund der christlichen Grundhaltung der Künstlerin lässt sich aber rasch ein inhaltlicher Bezug herstellen. Auch in inhaltlich eindeutig fassbaren Blättern wie „Familie“, „Einzelgänger“, „Flüchtlingselend-Warten“, „Sich einmischen“, „Verbunden“ sind die Menschen überaus abstrahiert dargestellt. Die Reduktion auf wesentliche formale Elemente ist hier das Resultat einer konsequenten thematischen Umsetzung. Nicht ein radikales Entweder-oder und ein schwammiges Sowohl-als-auch interessiert die Künstlerin, es ist vielmehr der Fingerzeig auf allgemeingültige Werte, die das Zusammenleben der Menschen prägen. Dieses alles hinterfragende kritische Sujet ist kein Thema mehr, wenn die Künstlerin das Atelier verlässt, die reale Welt hautnah erlebt, auf Reisen geht. Diese Arbeiten handeln vom Hier und Jetzt und von einer sichtbaren Lebensfreude. Die eindeutig gegenständlichen Werke erzählen von der Reiselust der Künstlerin und von ihrer Neugier auf andere Menschen und Kulturen.

Die tektonische Festung „St. Malo“, „Indische Frauen“, „Muslime“ (Abb. 5) und das mexikanische „La Paz“ laden ein, auf den irdischen Pfaden Regina Hiekischs zu wandeln. Was bleibt ist ein vielfältiges Kaleidoskop von unterschiedlichsten Eindrücken. Die Bilderflut erzählt von einer Künstlerin, die den Spagat zwischen abstrakter und gegenständlicher Kunst beherrscht, von unterschiedlichsten Landschaftseindrücken der weitgereisten Künstlerin, von treffenden Momentaufnahmen aus den Skizzenbüchern von den zahlreichen GHV-Exkursionen (Abb. 6), von Potraitmalereien und Aktstudien.

Abb. 6: Regina Hiekisch hat auch bei den GHV-Exkursionen immer ihr Skizzenbuch dabei.

 

Schließlich stellt sich einem doch die Frage: Warum gibt es in diesem breiten Spektrum an unterschiedlichsten Stilen, Techniken und Motiven umfassenden Kunstschaffen kein einziges Villinger Motiv zu entdecken? Eine durchaus berechtigte Frage. Auf die Regina Hiekisch in ihrer überzeugenden Art selbstverständlich eine plausible Antwort hat. Das Thema habe sie ausführlich über zwei Jahrzehnte direkt vor Ort in der Villinger Altstadt mit ihren Schülern abgedeckt. Soviel künstlerische Freiheit muss dann doch sein.

Die Mitglieder des Geschichts- und Heimatvereins hatten die Gelegenheit, die Ausstellung im Unterkirnacher Rathaus unter Führung von Regina Hiekisch zu erleben. Der hier abgedruckte Beitrag von Stefan Simon entstand anlässlich dieser Führung.