Historische Schätze der Uhrmacherkunst Hellmut-Kienzle-Sammlung (Wolfgang Trenkle)

Abb. 1: Hinter dieser eher unscheinbaren Fassade eines der ältesten erhaltenen Gebäude Schwenningens, im städtischen Heimat- und Uhrenmuseum am Schwenninger Muslenplatz, Kronenstraße 16, befindet sich eine der wertvollsten Uhrensammlungen Deutschlands, die Hellmut-Kienzle-Sammlung.

 

Im Frühjahr 2013 ist sie nun immerhin schon wieder drei Jahre in der Neckarstadt: die Hellmut- Kienzle-Sammlung, eine der wertvollsten Uhrensammlungen, die es in Deutschland gibt. Anfänglich war eine große Begeisterung zu spüren und viele einheimische und auswärtige Besucher drängten sich in das Schwenninger Heimat- und Uhrenmuseum (Abb. 1), um die vielen zum Teil spektakulären Zeitmesser aus fast fünf Jahrhunderten zu sehen. Immerhin war lange unklar, ob die Sammlung in Landesbesitz überhaupt jemals wieder nach Schwenningen kommen würde. Inzwischen sind die Besucherströme merklich zurückgegangen. Konstant blieb hingegen die Qualität der Exponate.

Abb. 2: Technische Wunderwerke aus der Renaissancezeit – zu sehen im Schwenninger Heimat- und Uhrenmuseum.

 

Ein äußerst sehenswerter Schatz befindet sich da hinter der Fachwerk-Fassade eines der ältesten Schwenninger Häuser. Eine schwere Metalltüre schottet diese vom sonstigen Museum ab. Wer sie nutzt, findet sich plötzlich in einer anderen Welt wieder: Bewusst dunkel ist diese gehalten, so dass jene rund 150 Objekte, auf die es ankommt, besonders strahlend hervortreten. Dicke Panzerglasvitrinen machen zudem berechtigt deutlich, dass hier keine Gegenstände mehr ausgestellt sind, die mit sehr viel Glück auch auf Flohmärkten zu finden wären.

Über viele Jahre hinweg wurde die Sammlung von Hellmut Kienzle, Geschäftsführer des einst innerhalb der 50er und 60er Jahre bedeutendsten Uhrenherstellers in West- wie auch Ostdeutschland, der Kienzle Apparate GmbH, ansässig in der Uhrenstadt Schwenningen am Neckar, mit einer Jahresproduktion von bis zu fünf Millionen Armbanduhren, zusammengetragen. Kienzle war begeisterter Uhrenliebhaber. Selbstverständlich sammelte er Exponate der eigenen Schwenninger Produktion. Doch damals aktuelle Zeitmesser aus der Massenfertigung stellen den unbedeutendsten Teil der Sammlung dar. Den eigentlichen kulturgeschichtlichen, wie auch mit mehreren Millionen Euro monetären Stellenwert verleihen ihr hingegen die historischen Uhren, darunter zahlreiche Türmchen- und Dosenuhren bekannter Uhrmacher der ausgehenden Renaissancezeit und des Frühbarocks (Abb. 2 und 3) – gefertigt als Einzelstücke allesamt große Kunstwerke.

Da ist beispielsweise im zweiten der vier Räume eines der Prunkstücke und Prestigeobjekte der Sammlung, vor dem fast jeder Besucher lange und zurecht verharrt: eine inzwischen 397 Jahre alte, äußerst detailliert gravierte, vergoldete Halsuhr mit Stundenschlagwerk und Spindelhemmung; gebaut vermutlich in Frankreich (Abb. 4). Mit dem Jahr 1615 stammt sie aus einer Zeit, in der die spätere Uhrenregion Schwarzwald immerhin noch 25 Jahre vor sich hatte, bis seine Bewohner eine erste Holzuhr als Kopie metallener Werke aus längst etablierten Uhrenzentren, wie beispielsweise Straßburg oder Nürnberg, zusammenbauten.

Abb. 3: Um 1600 mit größter handwerklicher Kunst in Straßburg gefertigt wurde diese Türmchenuhr mit Schlagwerk: Einer der größten Schätze innerhalb der Hellmut-Kienzle-Sammlung.

 

Abb. 4: Auf die Minute kam es noch nicht so sehr an. Zumindest diese wunderschöne französische einzeigerige ovale Halsuhr mit vergoldetem Messinggehäuse aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zeigt sie noch nicht.

Sammelleidenschaft war eines der Merkmale von Hellmut Kienzle. Er nutzte seine immer größer werdende Sammlung aber auch gezielt, um Kunden zu beeindrucken und letztlich Aufträge zu erhalten. Das im Schwenninger Heimat- und Uhrenmuseum ausgestellte, inzwischen auch schon ein halbes Jahrhundert alte Gästebuch der Kienzle Apparate GmbH zeugt davon, aus wie vielen Ländern Unternehmensvertreter in die Neckarstadt anreisten. Kienzle bewies neben Geschmack und Hingabe an das Produkt Uhr auch finanzielle Stärke: „Mit diesem Unternehmen kann man Geschäfte machen, dieser Hersteller steht auf sicheren Beinen, wenn er sich solch eine Millionen schwere Sammlung leisten kann.“

Ähnliche Aussagen provozierten sogar schon vor mehreren Jahrhunderten die in der Sammlung enthaltenen Exponate: Wer fein ziselierte und vergoldete Uhren damals sein Eigen nennen konnte oder gar namhaften Uhrmachern in Auftrag gab, der bewies, zu den oberen Ständen zu gehören. Ein Großteil der damaligen Gesellschaft besaß keinerlei mechanische Zeitmesser und konnte neben einfachen Sonnenuhren maximal auf die zentrale Kirchturmuhr zurückgreifen.

In den 60er Jahren konnte die Kienzle Apparate GmbH als bedeutendster Uhrenhersteller Deutschlands auf die Qualität seiner produzierten Uhren und die damit verbundenen riesigen Stückzahlen mehr als stolz sein. Doch der Boom hielt nicht ewig an. Nachdem die Uhrenindustrie in den 70er Jahren durch Strukturwandel mit Billigkonkurrenz aus Fernost mehr und mehr in sich zusammenbrach, musste die ab Februar 1961 im Gebäude der heutigen städtischen Galerie nahe des Bahnhofs eröffnete Sammlung zur Stützung des Unternehmens verkauft werden. Leider reichte auch dies nicht aus, um Kienzle zu retten. Einer der für die Neckarstadt prägendsten Unternehmen ging seinem Ende entgegen. Mit diesem verloren hunderte Bürger ihren Arbeitsplatz. Kienzle als Hersteller, als Marke, als wichtiges zeitgeschichtliches Fenster ist in Schwenningen aber noch immer präsent. In fast jeder Familie mit älteren Wurzeln innerhalb der Neckarstadt gibt es viele Erinnerungen durch einstige Mitarbeiter bei Kienzle.

Zur Stützung des Unternehmens Kienzle sollte die Sammlung 1974 verkauft werden. Zur strategischen Anhebung der Preise wurde hierzu auch angeblich großes ausländisches Interesse ins Verhandlungsspiel gebracht. Damit die wertvolle Sammlung keinesfalls ins Ausland gelangte, erwarb sie 1975 das Land Baden-Württemberg für acht Millionen DM und verbrachte sie nach Furtwangen – ein staatliches Museum im Landesbesitz, dessen Wurzeln als Lehrmittelsammlung auf die von Robert Gerwig gegründete Staatliche Uhrmacherschule 1850 zurückreichen. Richard Mühe, Professor an der in den 70er-Jahren noch so benannten Fachhochschule Furtwangen, war äußerst stolz, als Museumsleiter die wertvollen Uhren unter Auflagen in die von ihm betreute Sammlung im Oberen Bregtal integrieren zu können. Erst durch sie wurde die Sammlung zum „Deutschen Uhrenmuseum Furtwangen“, einer der bedeutendsten Uhrensammlungen der Welt. Ziel war bereits damals, Teile der Kienzle-Sammlung durchaus einst wieder in die Neckarstadt zurückzuführen, doch fanden sich hierfür lange keine passenden Räume. Noch relevanter waren allerdings für den Verbleib der Uhren in Furtwangen die dortigen hervorragenden konservatorischen Bedingungen. Die zum Teil mehr als 400 Jahre alten Eisenwerke erfordern vor allem eine konstant optimale Luftfeuchtigkeit. Diese konnte in Schwenningen nicht garantiert werden. Dennoch wurde 1982 ein spektakulärer Versuch unternommen, die Sammlung hier wieder zu zeigen: Die Exponate wurden ins Schwenninger Heimat- und Uhrenmuseum gebracht und dort in die bestehende Ausstellung integriert. Allerdings mit fatalen Folgen, da die Zeitmesser Schaden durch unzureichende raumklimatische Bedingungen nahmen. Die Uhren mussten einige Jahre später nach Furtwangen zurückgebracht werden.

Mit großem Aufwand konnten sie vom englischen Uhrenfachmann Ian D. Fowler restauriert werden. 2010 folgte ein weiterer und nunmehrendgültiger Versuch, die Exponate wieder an ihren Ursprungsort zu verbringen. In vier, vom restlichen Heimat- und Uhrenmuseum der Stadt Villingen- Schwenningen abgetrennten, vollständig klimatisierten Räumen, konnten rund 150 Exponate der millionenschweren Sammlung integriert werden. Nach einigen Wochen gaben Fachleute Grünes Licht. Der weitere Anlauf zur langfristigen Ausstellung der Hellmut-Kienzle-Sammlung war nun erfolgreich.

Die Museumsleiter Anita Auer und Michael Hütt legten den Schwerpunkt der Präsentation weniger auf die technische Darstellung der Zeitmessung, als vielmehr auf eine kulturgeschichtliche. Angesichts des knappen städtischen Etats war das Museum dennoch auf Spender und Sponsoren angewiesen. Besonders der Schwenninger Michael Kopp und die Uhrenstiftung des Stuttgarters Werner Schmid sind hier zu nennen.

Abb. 5: Auch Schwarzwälder Uhren wurden von Hellmut Kienzle gesammelt: Hier eine Lackschilduhr als sogenannter Figurenautomat aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Mönch läutet jeweils zum Gebet.

 

Von Hellmut Kienzle ebenfalls gesammelt wurden historische Schwarzwälder Uhren. Einige von ihnen sind ebenfalls ausgestellt (Abb. 5). „In höchster Präzision gefertigt, ganggenau, im Gebrauch unkompliziert, äußerst langlebig, modisch führend“ – solche Schlagwörter in der Hochzeit des weltweiten Absatzes der Kienzle-Uhren wurden diesen von deren Werbemanagern gerne verliehen. Kienzle suchte seinen Zeitmessern aus der Neckarstadt ein möglichst gutes Image zu verleihen. Die Attribute waren nicht falsch, viele der Zeitmesser aus Schwenningen laufen auch heute noch problemlos. „Etwas klapprig, nicht allzu genau, mit mittlerer Präzision gefertigt“ – so könnte man die frühen Schwarzwälder Uhren aus dem 17. Jahrhundert bezeichnen. In der Beschreibung fehlt dann allerdings noch ein wichtiger Begriff:

„unschlagbar günstig“.

Los ging es im Südschwarzwald mit dem später wirtschaftlich die Gegend so prägenden Uhrenbau zur Mitte des 17. Jahrhunderts. Anders als die damals schon seit rund 300 Jahren existierenden metallenen Räderuhren nutzten die Schwarzwälder ein weitaus billigeres Material. Waren anfänglich fast alle Teile aus Holz (eine Ausnahme bildete beispielsweise das Gewicht – ein anfangs simpler Stein), importierten mit steigendem Absatzmarkt die Uhrmacher auch bald Metall, aus dem sie Zahnräder frästen und Achsen drehten. Gehäuse und die alles zusammenhaltenden sogenannten Platinen waren selbst im 19. Jahrhundert noch aus Holz. Eine wichtige Rolle spielte auch Glas. Eingesetzt wurde es bei Glocken und Gewichten.

Mit einem heutigen Begriff könnte man sagen, dass die Schwarzwalduhr schnell ein ganz großer Renner wurde: Bis zu ihrem Aufkommen konnten sich in Europa nur die höchsten Gesellschaftsschichten eine eigene mechanische Uhr leisten. In einem ganz anderen Sinne Renner waren freilich auch die Uhrenträger – sie vertrieben die Schwarzwälder Produkte in ferne Länder und legten dabei tausende Kilometer zurück. Angesichts des günstigen Preises und der ausreichenden Qualität schafften es die Holzuhren, die mechanische Uhr als Statussymbol vom Sockel zu stoßen und damit die Räderuhr zu demokratisieren. In der Produktion waren die Schwarzwälder übrigens durchaus auch recht fortschrittlich. So stellten sie bald arbeitsteilig ihr Produkt her und forcierten spätestens mit der sogenannten Lackschilduhr im 19. Jahrhundert eine frühe Form der Massenfertigung.

Geöffnet hat das städtische Heimat- und Uhrenmuseum am Schwenninger Muslenplatz, Kronenstraße 16, von Dienstag bis Samstag jeweils zwischen 13 bis 17 Uhr sowie am Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Montags ist das Museum geschlossen.