Villinger Glocken in aller Welt (Gerhard Hauser, Hermann Colli)

Meisterwerke des Glockengießerhandwerks

Diese Grüninger-Glocke fotografierte die Villingerin Kitty van der Cruijsen in Finnland während einer Urlaubsreise. Dort hängt das Exemplar im Glockenmuseum Vaskikello. Bild: van der Cruijsen

Die Glocken des knapp vier Jahrhunderte in der Zähringerstadt ansässigen Unternehmens Grüninger befinden sich in aller Herren Länder. Allerdings sind kaum Exemplare in Villingen erhalten geblieben: Sie wurden ein- oder umgeschmolzen und haben Kriege nicht überstanden. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen besitzen für zahlreiche Villinger Grüninger-Glocken einen magischen Klang. Umso erfreuter sind Urlauber aus dem Schwarzwald, wenn sie in Finnland auf das Glockenmuseum Vaskikello (was Bronze- oder Messingglocke bedeutet) stoßen1. Dort am Rande eines Wäldchens sind heute 1000 Glocken zu sehen, unter anderem ein prächtiges Einzelstück der Grüninger- Dynastie. Wir haben im Jahresheft „Villingen im Wandel der Zeit“, Jahrgang 2012, kurz darüber berichtet.

Zum Teil wurden die Exemplare an das Glockenmuseum verkauft wie die mit acht Tonnen größte Glocke Finnlands, die ursprünglich im thüringischen Apolda gegossen wurde und aus Deutschland unter der Bedingung abgegeben wurde, dass sie mit Ehrfurcht behandelt und ausgestellt werde2.

Wie allerdings eine Glocke der Grüninger Gießerei in den hohen Norden kam, gibt noch Rätsel auf. Auf dieser Glocke sind die Worte „Zum Andenken an sein Kind gestiftet, 1912 im Weltkrieg eingeschmolzen, durch milde Gaben neu gegossen“ eingraviert. Unter der Abbildung einer Figur befindet sich der Spruch: „Agnesglöcklein den Kindern geweiht, Künde den Frühling derEwigkeit.“ Am unteren Rand dann die Inschrift „Benjamin Grüninger Söhne in Villingen 1924“. Handelte es sich um eine Auftragsarbeit, wo hing die Glocke ursprünglich? Diese Fragen kann auch der Karlsruher Glockenexperte Kurt Kramer nicht beantworten. Er verweist aber darauf, dass es in Hamburg einen sogenannten Glockenfriedhof gab. Dort lagerten während des Zweiten Weltkriegs die Exemplare, die für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen werden sollten. Nach Kriegsende wurden die verschonten Teile in die Heimatgemeinden zurückgebracht. Wenn dies nicht möglich gewesen sei oder die Eigentümer die Glocken nicht zurückforderten, konnten Sammler in aller Welt zuschlagen. So entstand ein Glockenmuseum in Südamerika und eventuell fand auf diese Weise auch die Grüninger-Glocke ihren Weg nach Finnland.

Besucher schwärmen jedenfalls vom vollen dunklen Klang der Glocke. Mit ihr gelangte ein Exemplar nach Nordeuropa, das aus der Blütezeit des Unternehmens zu Beginn des 20. Jahrhunderts stammte. Damals war die Glockengießerei, die 1580 von einem Hans Raeblin (Reble) gegründet worden war, bereits über 300 Jahre alt. Der Betrieb befand sich wegen der enormen Brandgefahr immer in der Nähe der inneren Ringmauer, zunächst im Bereich der Käferburg, ab 1672 auf einem Areal der Johanniter (ehemals Landratsamt, heute Seniorenresidenz), dann im Bereich des „Glockehisli“, einem bastionsartigen früheren Pulverrondell hinter dem Gymnasium am Romäusring. 1924 zog der Betrieb, der seit 1645 durch Heirat den Namen Grüninger erhielt, ins Goldenbühl, wo das Gebäude heute noch als Teil der Alugießerei steht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte das Unternehmen dann nach Neu-Ulm, wo es in den fünfziger Jahren den Betrieb einstellte.3

Bis 1930 goss das Unternehmen rund 2000 Glocken, die nicht nur nach Deutschland geliefert wurden. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Grüningers „global tätig“, schätzt der Leiter des Villinger Franziskanermuseums, Michael Hütt, die Bedeutung des Betriebs ein. So seien 1905 drei Glocken mit 4186, 1816 und 875 Kilogramm nach Mexiko Stadt verschifft worden. Dieser Auftragwurde zusammen mit der Turmuhrenfabrik Schneider ausgeführt. Allerdings sei diese Order außergewöhnlich gewesen, teilt das heute noch existierende Schonacher Unternehmen mit. Die Glocken läuten noch heute in der Kathedrale der mexikanischen Hauptstadt. Sie sind aber offensichtlich in keinem guten Zustand.

Die meisten Abnehmer für seine Produkte fand Grüninger jedoch in Süddeutschland. Hier hingen viele Grüninger-Exemplare in den Glockentürmen, gerade auch in Villingen. Das 1909 vom Unternehmen Grüninger gegossene neue Münstergeläut war von so bestechender Qualität, dass es im Ersten Weltkrieg nicht eingeschmolzen wurde. Der Großteil der Glocken überstand aber den Zweiten Weltkrieg nicht, nur das kleinste Stück, die Franciscus-Seraphinus-Glocke, auf der ein Abbild des Heiligen Franziskus eingraviert worden war, blieb den Villingern erhalten. 2006 kehrte sie als eine von 51 ins Glockenspiel des Münsters zurück.

Die vier größten Glocken des Münsters aus dem Geläut der Glockengießerei Grüninger, die nach der Renovation des Münsters von 1906 bis 1909, am 13. Juni.1909 geweiht wurden. 1942 beschlagnahmte die Nazi-Regierung die Glocken, um sie für Waffen umzuschmelzen.

 

 

Alle sieben Glocken des Geläuts, das nach der Münster-Renovation angeschafft wurde, wie sie zur Glockenweihe am 13. Juni 1909 vor dem Gotteshaus aufgehängt waren. Interessant sind die handschriftlichen Eintragungen mit Namen und Gewicht der Glocken. Manfred Hildebrandt hat diese historische Postkarte gesammelt und in seinem Buch „Villingen auf alten Ansichten“ veröffentlicht.

 

Auch die beiden anderen Grüninger-Glocken des Franziskanermuseums befinden sich im Münster. In Rietheim sowie in der Villinger Johanneskirche wurden ebenfalls alle Glocken, außer der kleinsten, konfisziert. Dies war auch in Tannheim der Fall. In dem Villinger Stadtbezirk hängt aber dennoch noch ein volles Geläut. Woran das liegt? Bereits im Jahre 1949, kurz nach der Währungsreform, stellte die Gemeinde Tannheim 10000 Mark für neue Glocken zur Verfügung. Die wurden am 14. Juni 1950 von der Firma Grüninger gegossen, die 1948 nach Straß bei Ulm umgezogen war, nachdem in Villingen die französische Zivilregierung dem Unternehmen offensichtlich keine Betriebsgenehmigung mehr erteilt hatte. Die Weihe erfolgte am 23. August 1950. Das neue Geläut wurde in den Tönen f, as und b gestimmt, die zur vorhanden Glocke mit einer c-Stimmung passte. Die größte davon hat einen Durchmesser von 118 Zentimetern und wiegt eine Tonne. Auf ihr ist ein Bild der Dreifaltigkeit eingraviert. Die zweite Glocke trägt ein Bild der Muttergottes mit Jesuskind und die dritte das Bild des heiligen Michael. Die kleinste Glocke aus dem Jahr 1900 schmückt der heilige Josef. Allerdings hatte das Unternehmen in den fünfziger Jahren seine beste Zeit bereits hinter sich.

Aber nicht nur die Glockengießerei wurde bei der Firma Grüninger betrieben. So wurden auch Handspritzen für die Feuerwehr gegossen. Noch heute ist ein Exemplar im Tannheimer Heimatmuseum zu sehen.4

Das Unternehmen Grüninger produzierte nicht nur Glocken: Eine Kübelspritze wird von Helmut Neininger im Tannheimer Heimatmuseum besonders gepflegt. Bild: Murr

 

 

Güningers Grab auf dem Villinger Friedhof.

 

Ehernes Zeugnis auf Grüningers Grab

Ein markantes Zeugnis der Glockengießerzunft findet man noch heute auf dem Villinger Friedhof. Das Grab der Grüningers ziert eine Glocke, die das Andenken an den Meister der Glockengießerkunst und hoch geschätzten Villinger Bürger wach halten soll. Diese Glocke verkündet eine Botschaft, die bis in unsere Zeit reicht.

Portrait von Benjamin Grüninger auf der Glocke, die seinen Grabstein auf dem Villinger Friedhof ziert.

 

Auf der Grabtafel am Sandsteinsockel der Glocke steht schlicht:

Hier ruht in Gottes Frieden

Benjamin Grüninger

Glockengießereibesitzer

geboren: 30. April 1873

gestorben: 8. Februar 1927

Anna Grüninger geb. Roth

geboren: 22. Dezenmber 1873

gestorben: 21. März 1935.

Die Inschrift der Glocke, die mit einen Medaillon mit einem Portrait des Verstorben geschmückt ist, lautet:

„Was Deine Meisterhand uns schuf

erwarb der Bürger Dank in Stadt und Land.

Dir aber sei der ehernen Glocke Ruf,

ein Gruß zur ew’gen Heimat nachgesandt“.

Auf der Rückseite eine Bitte des Verstorbenen:

Ich bitte um die Gebete aller derjenigen,

die mich im Leben gekannt und geliebt haben.

Darunter ist zu lesen:

Mein Jesus Barmherzigkeit

Barmherziger Jesus gib ihm die ewige Ruhe.

Anmerkungen:

1 Zum Beispiel SÜDKURIER, 1. September 1999, 4. August 2012 oder Geschichts- und Heimatverein, Jahrgang XXXV, 2012,

2 Siehe Internetseite www.vaskikello.fi

3 Die Geschichte der Grüningers in Villingen: Hermann Preiser, Jahresheft 9, Geschichts- und Heimatverein, 1984/85

4 SÜDKURIER, 8. August 2012