195 Jahre Firmengeschichte Görlacher (Marga Schubert)

Familiengeschichte ist auch ein Stück Stadtgeschichte

Vor 195 Jahren, anno 1817, gründete Schlossermeister Ignaz Görlacher eine kleine Werkstatt an der Bickenstraße in Villingen, die im Laufe der kommenden fast 200 Jahre über Generationen hinweg bis heute in Villingen Erfolgsgeschichte schreiben sollte.

Nach seinem frühen Tod übernahm der zweitjüngste Sohn Fridolin die väterliche Werkstatt. Das Vorhaben des jungen Meisters, durch Vergrößerung eine breitere Existenzgrundlage zu schaffen, fand jedoch bei Mutter und Geschwistern wenig Anklang. Er zog die Konsequenzen und erwarb das Anwesen des ehemaligen Metzgers Held an der Oberen Straße. Er richtete dort eine neue Werkstatt mit Wohnung ein und schuf damit den neuen Ausgangspunkt der handwerklichen Familientradition. Der zweitjüngste Sohn seiner fünf Kinder, nach dem Großvater Ignaz getauft, kam nach Gesellenjahren in der Fremde im Alter von 23 Jahren zurück, um sich mit seiner ganzen jugendlichen Schaffenskraft dem Ausbau des väterlichen Geschäftes zu widmen. Aus der Werkstatt an der Oberen Straße wurde ein Ladenraum, die Werkstatt selbst erweitert und in den rückwärtigen Gebäudeteil verlegt. Bald sah man im Laden die ersten Fahrräder, Öfen und Herde ausgestellt. Der Schlosserei wurde eine Mechanikerwerkstatt angegliedert. 1894 übernahm Ignaz Görlacher II als Chef der dritten Generation nach dem Tod des Vaters endgültig das Geschäft und heiratete die Tochter des Villinger Metzgermeisters Bär. Das Ehepaar hatte drei Kinder, Sohn Fridolin und die Töchter Maria und Gertrud. Ignaz Görlacher gehörte als angesehener Handwerks- und Handelsmann auch dem Bürgerausschuss an, war Vorstand in verschiedenen Berufsorganisationen, Mitglied der Handwerkskammer Konstanz, gehörte dem Badischen Landtag an und war auch Villinger Feuerwehrkommandant.

Fridolin Görlacher, Sohn des Firmengründers Schlossermeister Ignaz Görlacher.

 

Mit finanzieller Hilfe des Schwiegervaters, der sich sehr aufgeschlossen zeigte für die Pläne seines ebenso ideenreichen wie unternehmungsfreudigen Schwiegersohnes wurde der Weg für den weiteren Aufstieg geebnet. Das südlich anstoßende Haus des Altrabenwirtes Hall wurde gekauft und umgebaut. Wenige Jahre später kam das Haus des Glasers Fürst an der Bärengasse hinzu, und es entstand nach Umbauten ein zusammenhängender Gebäudekomplex zwischen Obere Straße und Bärengasse. In diese Zeit fallen auch die Anfänge der späteren Görlacher’schen Eisenhandlung.

Um die Jahrhundertwende währte es nicht lange, dass der Villinger Jugend in der Oberen Straße bei Görlacher bereits die ersten Motorräder vorgeführt wurden. Zwangsläufige Folge war der Vertrieb von Automobilen mit der Folge an Arbeiten für Reparatur, Pflege und Wartung der Fahrzeuge. Ein kleiner Stamm tüchtiger Mechaniker und Hilfskräfte wurde herangebildet. Der Krieg 1914/18 brachte zwar große Einschnitte, Nachkriegsjahre und Inflation mussten überwunden werden. Doch mit dem späteren wirtschaftlichen Aufschwung wurden die Betriebsräume in der Innenstadt bald zu klein und Görlacher baute an der Mönchweiler Straße eine geräumige Werkhalle und eine Autoreparaturwerkstatt, sowie Lager und Büroräume.

Ignaz Görlacher II starb 1926 mit erst 60 Jahren und Sohn Fridolin II übernahm nun als Chef der 4. Generation sein Lebenswerk. Träger der Firma war zunächst die Erbengemeinschaft aus Witwe Maria, Sohn Fridolin und den beiden Töchtern Maria und Gertrud. Durch die Ehe von Maria Görlacher mit Karl Kissendorfer aus Oberndorf 1931 war der Schwager als Leiter der kaufmännischen Abteilung in die Unternehmensführung mit eingetreten, übernahm später die Anteile seiner Ehefrau als Mitinhaber, übernahm nach dem Tode von Fridolin Görlacher II die komplette Geschäftsführung. 1937 wurde aus der Firma eine OHG, 1959 dann eine KG.

Am Weißen Sonntag des Jahres 1936 fiel das Geschäftshaus an der Oberen Straße einem Brand zum Opfer. Der moderne Neubau wurde bereits im Frühjahr 1937 bezogen. Als zum ersten Mal im neuen geräumigen Verkaufsraum an der Oberen Straße ein Mercedes-Cabriolet ausgestellt war, ging diese Neuigkeit wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Viele Neugierige belagerten das Schaufenster. Bereits 1936 schloss Görlacher den ersten Vertretervertrag mit der Daimler-Benz AG ab und arbeitete viele Jahrzehnte mit dem Unternehmen.

Das Haus Görlacher vor dem Brand am Weißen Sonntag 1936.

 

Die gute Zeit wurde durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen. Das Stahlbauwerk musste unter Einsatz von Fremdarbeitern auf die serienmäßige Fertigung von Waggonbauteilen umgestellt werden. Das Autoreparaturwerk arbeitete während des Krieges ausschließlich für den Heereskraftfahrzeugpark. Nach äußerst schwierigen Jahren lebte nach der Währungsreform auch der Betrieb in den Görlacher-Unternehmen wieder auf und eine starke Aufstiegsepoche begann. Als 1949 auch die Daimler-Benz-Werke die Produktion wieder aufnahmen, lief auch der Autohandel und die Autowerkstatt wieder stark an.

1953 erwarb die Firma Görlacher den Brandplatz des früheren landwirtschaftlichen Anwesens Dold und Glatz an der Bärengasse und baute ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus. Im Erdgeschoss wurde ein Ausstellungs- und Lagerraum für Haushaltsgeräte eingerichtet, in den drei Obergeschossen wurden Wohnungen für Belegschaftsangehörige eingerichtet. Neben diesem Gebäude entstand eine Großgarage, die heute noch genutzt wird.

Ein Idyll in der Bärengasse, wo sich der Hintereingang der Firma Görlacher befand. Der Torbogen besteht noch heute.

 

Die nächsten Jahre waren von rasantem Wachstum und immer neu hinzukommenden Aufgaben im Stahl- und Leichtmetallbau geprägt. Nachdem 1957 an der Schelmengaß ein Wohn- und Bürogebäude mit Auto-Ausstellungsraum errichtet und die Reparaturwerkstätte für Personenkraftwagen erweitert war, mussten im Laufe der folgenden Jahre weitere Neu- und Erweiterungsbauten geschaffen werden, unter anderem auch eine neue Lkw-Werkstätte. Ebenso entstand in den Jahren 1962/63 aufgrund der neuen Bautendenzen auch eine moderne Fertigungs- und Montagehalle für Stahlkonstruktion an der Rosswette, die bis 2003 von Helmut Görlacher betrieben wurde.

1965 entstand im neuen Industriegebiet „Ifängle“ ein moderner Betrieb für Leichtstahlbau und die Herstellung von Stahlmöbeln für moderne Büromaschinen. Für diesen Betrieb hat als Vertreter der fünften Generation der Görlachers, Ignaz Görlacher jun. – im Freundes- und Familienkreis jedoch Fritz genannt – die Verantwortung übernommen. Auch in der Abteilung Eisenhandlung begann eine neue Zeit des Wiederaufbaus mit tausenden von Artikeln für den industriellen, handwerklichen und privaten Bedarf.

So hat sich aus der ehemaligen kleinen Schlosserwerkstatt von anno 1817 im Verlauf von fünf Generationen bei wechselvollen Schicksalen das Haus Görlacher zu einem namhaften Handwerks-, Handels- und Fabrikationsbetrieb entwickelt, das 1967 zum 150-jährigen Bestehen über 100 Mitarbeiter beschäftigte, so schreibt die Chronik zum Jubiläum.

In der Geschichte des Unternehmergeschlechtes Görlacher kamen in den folgenden 45 Jahren bis heute durch Verheiratungen und Fusionen neue Namen in der Geschäftsführung dazu, die Entwicklung war geprägt durch vielerlei Veränderungen.

Die Tochter Gertrud von Karl Kissendorfer heiratete Walter Oberecker, der nach dem Tode von Karl Kissendorfer mit in die Geschäftsführung einstieg.

1972 wurden die drei Bereiche Autowerkstatt und -handel, Stahlbau und Eisenwarenhandel getrennt, heute würde man sagen, es wurden Profit- Center daraus gemacht. Die Dachgesellschaft Ig Görlacher, heute von einem der Söhne von Walter Oberecker, Joachim Oberecker, geleitet, verwaltet heute die eigenen Immobilien und ist nach wie vor als Gesellschafter im Autohaus vertreten, das in den Anfängen lange Autohaus Görlacher hieß, dann durch Fusionen Bürk & Görlacher, später Südstern und heute Südstern-Bölle heißt.

Der Stahlbau im Ifängle heißt heute „Görlacher Ignaz F., Blechformteile GmbH“ und wird von Tochter Heike Görlacher geleitet.

Der letzte Besitzer der Eisenwarenhandlung aus dem Familienclan war Karl-Heinz Kreyer, von dem der heutige Besitzer, Hubert Bartle, die Firma kaufte und erfolgreich ausbaute.

(Text in Auszügen aus der Chronik, die Fridolin Görlacher zum 150-jährigen Bestehen der Firma Görlacher schrieb).