Der Villinger Fahnenschwinger (Gerhard Graf)

Wappen oder Erkennungszeichen des Geschichts-und Heimatvereins Villingen

Die Originalzeichnung (in Schwarz-Weiß) fertigte Jakob Kallenberg, gesicherte Tätigkeit in Bern von 1535 bis 1565. Kallenberg war ein Holzschnittmeister, Maler und Illustrator aus Bern. Seine Initialen (IK) vermerkte er in den Darstellungen meist auf einem Stein (siehe Villinger Fahnenträger hinter dem rechten Fuß).

Den Vordergrund des jahrhundertealten Holzschnitts dominiert in stehender Haltung eine martialische Gestalt. Mit der Hand ihres nach oben gereckten rechten Armes hält sie den Schaft einer Fahnenstange. Hinter ihrem Rücken entfaltet sich, von der Stange wegführend, ausschnitthaft über die ganze Bildbreite, das geblähte Tuch eines Symbols: eine Fahne.

Deren Sinngehalt wird aus heraldischer Sicht im Folgenden nachzugehen sein.

Doch zunächst zu der abgebildeten kriegerischen Gestalt. Sie bildet offensichtlich Staffage, denn eine konkrete Zuordnung oder Identifizierung ist, auch für Villingen, nicht möglich. Zumindest verweist die Uniformierung auf einen Landsknecht oder Söldner und korrespondiert zeitlich mit der Drucklegung des Stichs im 16. Jahrhundert, also in eine Zeit, in der angeworbene, für Sold und Beute dienende anonyme Gefolgsleute die allgemeine Heeresstruktur feudaler Mächte bildeten. Die Attribute der Person sind dafür typisch und aufschlussreich: Der Hut, d. h. das Barett, als Vorläufer der eisernen Sturmhaube, das Wams über dem vermutlichen Kettenhemd, die geplusterten Ärmel mit dem einen Hosenbein sowie schließlich die Bewaffnung: als Stangenwaffe die Hellebarde und der Spieß, hier ersetzt durch die vorangetragene Fahne, das Schwert, der Dolch, von denen in historisch korrekter Abbildung unser Krieger lediglich das Schwert auf Höhe des Gürtels zur Linken und den Dolch an der rechten Seite trägt.

Die auffällig gepuffte und geschlitzte Kleidung der Landsknechte, die eine imponierende Wirkung erzielen sollte, wurde in adeligen Kreisen als Anmaßung betrachtet. Auf Initiative Maximilians I. billigte ihnen der 1503 tagende Reichstag zu Augsburg jedoch das Recht zu, sich nach eigenem Gutdünken zu kleiden. Die Bekleidung war absolut uneinheitlich, lediglich die Offiziere waren meist durch eine bunte Schärpe erkennbar.

Nun zum Fahnenbild. Es ist als Hoheitszeichen der historische Schlüssel zu Villingen.

Bisher war ich der Meinung, dass Jakob Köbel der Zeichner unseres Villinger Fahnenschwingers sei (so auch P. Revellio in Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, 1964, S. 280). Daher suchte ich Anfang Januar 2012 nach historischen Dokumenten von Jakob Köbel u. a. im Internet – und wurde bei „ebay“ fündig.

Auf der Seite von ebay wurde ein Buch aus dem Jahr 1579 angeboten mit, zu meiner großen Verwunderung, einer Vielzahl der Seitendarstellungen.

Auf der Internetseite des Kunstantiquariates Joseph Steutzger wurden 16 Einzel-Holzschnitte mit Abbildungen von Fahnenschwingern des Jakob Kallenberg aus der ersten Auflage des o.g. Buches des Jahres 1545 angeboten.

In dem von „ebay“ angebotenem Buch „Wapen/ Deß Heiligen Römischen Reichs Teutscher Nation/ als Keyserlicher und Königlicher Mayestat/ auch der Churfürsten/ Fürsten/ Grafen/ Freyherrn/ Rittern/ und der mehrer theil Stätt so zu dem Reich (in Teutschem Kabd gelegen) gehören und gehört haben. Auch wie/ wo/ und durch wen/ die erwehlung und Krönung eines römischen Königs und Keysers geschehen sol. Mit einer erklärung zu ende dieses Buchs/ wie ein jedes Wapen gemahlt werden sol. Jetzundt widerumb auffs neues in Truck verfertiget“ befinden sich Holzschnitte von Jakob Kallenberg und Texte von Jakob Köbel.

Dieses Buch erschien, in zweiter Auflage 1579 von Johann Schmitt, in Verlegung Sigmund Feyerabends. In diesem Buch fehlen zwei Blätter: D 1 und D 4.

Möglicherweise wurde das o.g. Buch durch Köbel in Auftrag gegeben und/oder er wollte es verlegen. Er starb 1532 jedoch vor der ersten Auflage im Jahre 1545, gedruckt von Cyriak Jakob.

Jakob Köbel, auch Kobel, Kobelius, Kobelin, Kobilinus (geb. 1462 in Heidelberg, gest. 1533 in Oppenheim), war ab 1494 Protonotar (Stadtschreiber) von Oppenheim und neben dieser Funktion noch rechtskundiger Prozesshelfer, amtlicher Feldmesser und Eichmeister sowie Rathauswirt, Buchdrucker, Verleger, bedeutender mathematischer Schriftsteller (Rechenmeister), Mitglied (Sodale) der humanistischen Vereinigung Rheinische Gesellschaft für Wissenschaft und Hospes der Sektion Oppenheim (s. Kircher – v. Kotzebue, Bd.: 16, Leipzig, S. 345, 1882).

Köbel hatte mit großer Sicherheit, neben seinen vielen beruflichen Tätigkeiten und Veröffentlichungen, keine Zeit, die „Fahnenschwinger“ zu zeichnen – wohl aber, sie ggf. für ein (Fahnen-)Buch mit Wappeninhalten in Auftrag zu geben. Diese Aufgabe übernahm wohl Jakob Kallenberg.

Der Titel „Wapen…“ wurde irrtümlich als Wappenbuch des Johann Köbel bezeichnet. In diesem Buch befindet sich nicht ein einziges Wappen sondern Abbildungen von Wappen auf einer Fahne.

Paul Revellio hatte sich in „Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen“ (1964, Seite 280), sowohl in der Zuordnung des Zeichners, in der Bezeichnung „Wappenbuch“ wie auch im Datum geirrt (1545). Die Initialen „IK“ führten sicherlich zur Verwechslung des tatsächlichen Zeichners, hatten doch Jakob Köbel und Jakob Kallenberg die gleichen Anfangsbuchstaben.

Wappen befinden sich grundsätzlich auf einem Schild!

Wappen der Stadt Villingen bis 10. August 1530 – Siebmacher 221

 

Jakob Kallenberg, der viele Bücher u. a. auch des Berner Verlegers Apiarius illustrierte, ist der Meister der die Holzschnitte für das zuvor (so-)genannte („Wapen“-)Buch fertigte. Von ihm stammen alle in den Büchern von 1545 und 1579 abgebildeten Darstellungen.

Aber – woher stammen dessen Kenntnisse der Wappen, deren Inhalte er auf die Fahnen übertrug?

1545

 

1579
1545 (ohne Kolorierung)
1579

 

 

Kannte Kallenberg die Züricher Wappenrolle, das Siebmacher Wappenbuch oder das Wappenbuch Conrads von Grünenberg, Ritters und Bürgers zu Constanz aus dem Jahr 1480? Da seine Darstellungen der Wappen jedoch korrekt auf die Fahnen übernommen wurden bin ich sicher, dass Kallenberg Zugang zu einem einschlägigen Werk hatte.

An dieser Stelle ergeben sich die Fragen: hatte er das Aussehen der Landsknechtbekleidung und Stadtansichten frei erfunden? (In der Zeichnung des Villinger Fahnenschwingers erkenne ich keine Stadtansicht).

Trug unser Villinger tatsächlich diese Kleidung, war er aus Villingen oder auswärtiger Söldner? Da die Drucke in Schwarz/Weiß gedruckt wurden, stellt sich auch die Frage: wer hat den Druck des Villinger Fahnenschwingers koloriert? War es Kallenberg, der ja auch Maler und Illustrator war? Diese Frage kann ich heute (noch) nicht beantworten.

Zweifelsfrei können wir das uns vorliegende Blatt des Villinger Fahnenschwingers der zweiten Buchauflage aus dem Jahre 1579 zuordnen. Die Zeichnung hat die Maße 23,9 x 14,2 cm.

Das Erkennungsmerkmal für die Zuordnung ist die unterschiedliche Schriftart, wie man leicht aus den obenstehenden Zeichnungen ersehen kann.

Der Geschichts- und Heimatverein verwendet drei verschiedene Versionen des Fahnenschwingers: die kolorierte Zeichnung von 1545, die schwarz- weiße Zeichnung aus dem Jahre 1579 (das vermutliche Original befindet sich im Besitz eines Villinger Bürgers) und eine von einem späteren Zeichner vervollständigte Darstellung (s. unten).

 

 

 

 

 

 

Die erste Darstellung des Fahnenschwingers wurde vom GHV bereits im Jahresheft 1980 auf der Titelseite verwendet (Version 1579). Die zweite Darstellung befindet sich auf einem Jahresprogramm des GHV von 2003.

An dieser Stelle darf ich mich recht herzlich beim Ehrenmitglied Werner Huger für seine konstruktive Zusammenarbeit bedanken.