Steinmetzzeichen von Hans Amann in der Johanniskirche entdeckt. (Wilfried Steinhart )

Die Besucher der jüngst restaurierten Johanneskirche an der Gerberstraße haben vermutlich dem Grabmal, das bis zur Kirchen-Renovation 2012 auf der rechten Seite nahe der Kanzel angebracht war, bisher wenig Beachtung geschenkt.

Die Kirche wurde spätestens 1336 erstmals erwähnt, 1711 begegnet sie uns als barockisierte Kirche zu St. Johann, seit 1859 ist sie die evangelische Johanneskirche. Zu ihr gehörte seit langer Zeit der historisch bisher nicht untersuchte Gedenkstein. Davon wird zu reden sein.

Das Grabmal (Abb. 1) wurde wahrscheinlich anlässlich der Renovierung der Johanniskirche 1924–1926 im Boden des Kirchenschiffs zusammen mit anderen Grabplatten gefunden. Grabungsunterlagen sind im Archiv VS keine vorhanden.

Abb. 1: Mässlin Grabmal, 53 cm breit und 65 cm hoch.

 

Zu dem Begriff Grabmal bzw. Epitaph ist Folgendes zu sagen: Würde es sich bei dem einst wandseitig angebrachten Stein um ein Epitaph handeln, wäre das – begrifflich erklärt – ein „Denkmal in dichterischer Form zum Andenken an einen Verstorbenen“, das als „steinerne Tafel dem Grabmal beigefügt“ wurde, d. h. es wäre eine „vom Grab unabhängige Gedächtnistafel“.1

Diese Auslegung ist nach den anzunehmenden Fundumständen auszuschließen. Der ergrabene Stein muss vielmehr in seiner plastischen Gestaltung und inhaltlich ohne epigrafische Würdigung als ein Grabmal, konkret als die Grabplatte gesehen werden, die nach der Beisetzung in der Kirche das Grab der Toten deckte, wie das auch heute noch gelegentlich auf den Friedhöfen geschieht.

H

 

 

 

 

 

 

 

A Abb. 2: Bildausschnitte vom unteren Bereich des Grabmals.

 

Auf diesem Grabmal entdeckte ich im April 2010 ein Steinmetzzeichen sowie links und rechts davon die Buchstaben H und A. (Abb. 2).

Durch die Beschäftigung mit Epitaphien und Steinmetzzeichen wurde mir schnell bewusst, wem dieses Steinmetzzeichen zuzuordnen ist, nämlich keinem geringeren als dem aus Ulm stammenden Hans Amann, der seit 1597 in Villingen sesshaft und tätig war.

In Villingen hat er Bedeutendes geschaffen: 1598 die Wappentafel des Benediktinerabtes Michael Gaisser (Kopie am sogenannten Abt- Gaisser-Haus, Original im Franziskanermuseum), die Zunftlade der Bauleute (Franziskanermuseum), Kuchenbackmodel für das Kloster der Clarissen 1613 (im Kloster St. Ursula noch teilweise erhalten), Wappentafel am ehemaligen Pfleghof des Benediktinerinnenklosters Amtenhausen 1614 in der Gerberstraße 27 („Stiftskeller“). Auch im Villinger Münster in der nördlichen Turmkapelle rechts des Nägelinkreuzes, dem sogenannten „finsteren Chörle“, befindet sich ein herausragendes Werk Amanns. Dies ist das noch einzige erhaltene Epitaph im Villinger Münster. Es erinnert an die Grablege des Villinger Junkers Johann Christoph Wiedmann, von Mühringen stammend. Er ist am 28. März 1621 gestorben. Dessen Schwester Barbara war seit 1587 mit dem Villinger Bürger Andreas II. Ifflinger von Granegg verheiratet. Seine Ehefrau, die adlige Anna von Dettingen (Kreis Freudenstadt), stammt aus dem Ort, der auch die frühere Heimat des Verfassers ist. In den Jahresheften von 2008, S. 13 –15 und 2010, S. 19–22 des Geschichts- und Heimatverein Villingen wird darüber berichtet.

Nun zur Person der bis jetzt unbekannten Frau auf dem Grabmal in der Johanneskirche, das leider erheblich beschädigt ist.

Zu sehen ist eine liegende Frau mit einem Rosenkranz vor der Brust. Unten befinden sich auf dem Grabmal zwei Wappen, von denen aber nur noch das linke zuzuordnen ist. Nach dem Oberbadischen Geschlechterbuch von Kindler & Knobloch handelt es sich um das Wappen der Mässlin von Granegg (Abb. 3 u. 4). Die dem Wappen zuzuordnende Person ist mit Sicherheit der Vater. Das Wappenschild ist geteilt. In der oberen Hälfte ist ein nach links zeigender Pfeil. Da der gesamte obere Teil des Grabmals abgebrochen ist, sind keine Schriftzeichen mehr vorhanden. Somit ist nur das Geschlecht, jedoch nichts darüber hinaus bekannt.

Mässlin ist ein altes Geschlecht der Stadt Rottweil. In dem „Patriziat der Stadt Rottweil“ von Ruth Elben steht u. a. Folgendes: Konrad Mässlin war 1382 Bürger der Stadt Rottweil. In nachfolgenden Generationen waren es die Geschwister Konrad (Priester) und Hans (Bürger in Rottweil,

Abb. 3: Wappen des Mässlin von Granegg am Grabmal.

 

 

Abb. 4: Wappen des Mässlin von Granegg im Wappenbuch.

 

1415 Bürgermeister in Rottweil), die am 25. August 1405 von Ek. Hans Pfuser und dessen Gattin Else die „Veste Granegg“ nebst dem naheliegenden Dorf Niedereschach um 1700 Gulden kauften. Er, Hans Mässlin v. Granegg und sein Bruder Eberhard verkauften die „Veste“ Granegg am 30. Oktober 1453 an das Benediktinerkloster Gengenbach und dieses am 11. August 1460 weiter an das Kloster St. Georgen. Ab 3. Februar 1465 bis ca. 1505 war Frh. Conrad Yfflinger der Besitzer. Dieser war schon 1480 Satzbürger in Villingen.

Zum Begriff Satzbürger: Es war ein Bürger mit Lebensmittelpunkt außerhalb der Stadt, der nur zeitweise in der Stadt wohnte, von den allgemeinen städtischen Lasten befreit war und „Satzgeld“ zahlte. Dies waren oft Adlige, Klosterangehörige und andere mit Haus- oder Grundbesitz in der Stadt.

In Rottweil waren Angehörige der Familie Mässlin u. a. als Richter, Ratsherren, bzw. Bürgermeister und Schultheissen tätig. In den Villinger Taufbüchern der Münsterpfarrei taucht der Name Mösserlin, Messerlin, Mäserlin in den Jahren um 1600 öfters auf, ohne hier genealogische Verbindungen prüfen zu wollen.

Da das Grabmal in der Johanneskirche an der Gerberstraße, also der ehemaligen Eigenkirche der Johanniter, einem nach der Ordensregel halb-weltlichen Ritterorden, aufgefunden wurde, muss es einen persönlichen Bezug der abgebildeten Frauensperson gegeben haben, den es in Zukunft noch zu erforschen gilt.

Vielleicht handelt es sich um eine Ordensschwester, d.h. eine der „Frouen ze sant Johan“ die es zumindest im Mittelalter bei den Johannitern gegeben hat. Es könnte aber auch eine adlige Stifterin aus dem Umland oder eine mit ihrem Wohlwollen finanziell zugetane Frau bzw. deren Familie aus der gehobenen Villinger Bürgerschaft gewesen sein.

An dieser Stelle darf ich Herrn Werner Huger, Ehrenmitglied des GHV, für seine Unterstützung herzlich danken.

Literatur bzw. Quellen:

1 Vgl. Dr. Edith Boewe-Koob, Jahresbroschüre des GHV XXXI/2008, Seite 10.

Manfred Reinartz: „Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Niedereschach“ Band 1.

Ruht Elben: „Das Patriziat der Reichstadt Rottweil“, 1964.

Julius Kindler & Knobloch: „Oberbadisches Geschlechterbuch“. Taufbuch der Münsterpfarrei Villingen.