Nutzung der ehemaligen Zehntscheuer der Universität Freiburg in Villingen (Joachim Wöhrle, Hansjörg Fehrenbach )

Foto der Zehntscheuer um 1968

 

Die Zehntscheuer in der Rietgasse 11/1 ist ein Kulturdenkmal nach § 2 des Denkmalschutzgesetzes. Demnach sind Kulturdenkmale Sachen, an deren Erhaltung aus wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht. Das Landesdenkmalamts Baden-Württemberg begründet die Ausweisung der Zehntscheuer als Denkmal wie folgt:

„Dreigeschossiges, mächtiges Eckgebäude zur Turmgasse, fluchtend angebunden an die traufständige Bebauung der Rietgasse auf deren Ostseite; wegen des in Villingen hoch anstehenden Grundwasserspiegels kein eingetiefter Keller; im Erdgeschoß zur Turmgasse hin zwei große, rundbogige Einfahrten; blockhafter Baukörper, zur Rietgasse durch kleine Fenster mit mittelalterlich gekehlten Gewänden gegliedert, dort im Erdgeschoß neben hochrechteckigem Eingang zum heutigen Treppenhaus rundbogiger älterer Eingang.

Das große Gebäude diente seit dem 16. Jahrhundert der Universität Freiburg als Zehntscheuer; vermutlich wurde zu diesem Zweck das Gebäude errichtet und ein an dieser Stelle bereits bestehender turmartiger Wohnbau in den Neubau integriert. Dieser vielleicht noch aus dem 13./14. Jahrhundert stammende Kernbau läßt sich auch heute noch leicht als etwa das Nordwest-Viertel des Gebäudes sowohl von außen wie von innen identifizieren, ein annähernd quadratischer Grundriß, mit auffällig dicken Mauern und mit Rundbogen-Eingängen, einer von der Rietgasse aus und einer im Inneren des Gebäudes.

Auch an der äußeren Fassade der Rietgasse ist der ältere Wohnbau von der Erweiterung zur Zehntscheuer sowohl in der Wandstruktur wie auch in der Fenstergliederung unterscheidbar, die Trennlinie verläuft genau zwischen dem Rundbogeneingang und dem Zugang zum Treppenhaus. Im Inneren lassen sich diese beiden Bauphasen ähnlich gut ablesen, die erhaltene Hausstruktur läßt dies trotz moderner Umnutzungen immer noch zu. Beschädigungen in Kriegswirren führten wohl zu einer Erneuerung des riesigen Dachstuhls im 18. Jahrhundert.

Wegen seiner vielfältigen architektur- und stadtbaugeschichtlichen, aber auch wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Bedeutung ist der Bau aus wissenschaftlichen Gründen ein Kulturdenkmal; seine Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen und exemplarischen Wertes im Interesse der Öffentlichkeit.“

Nachdem im Jahre 1847 die Abgabe des Zehnten an die Universität Freiburg in Villingen abgelöst wurde, entfiel auch die Nutzung der Zehntscheuer. Das große Gebäude im Villinger Rietviertel wurde versteigert und kam in private Hand. Die Zugehörigkeit des Gebäudes zur Freiburger Universität ist durch ein Ratsprotokoll vom 26. April 1759 aus dem Bestand des Stadtarchivs belegt. Darin ersucht der Schaffner der Freiburger Universität Carl Schuhe den Villinger Stadtrat um 14 Stamm Holz für die Reparatur der Zehntscheuer.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wechselte das Gebäude mehrfach den Eigentümer. So soll das Anwesen 1892 von Waldburga Dold, Witwe des Posthalters Johann Baptist Dold durch Versteigerung an den Schmied Meder übergegangen sein. Auch in den folgenden Jahren folgten noch mehrere Besitzer, sei es durch Verkauf oder auch Erbschaft.

Foto von 1937 bei den Tordurchbrucharbeiten.

 

Eine wirtschaftliche Nutzung des Gebäudes war zweifelsohne problematisch, da der mächtige Baukörper von über 4500 Kubikmeter umbauter Raum nur für Lagerzwecke, wie ursprünglich auch geplant, verwendet werden konnte. Eine Wohnnutzung und die damit verbundenen Einnahmemöglichkeiten waren nicht möglich, der dazu notwendige Ausbau der Lagerräume fehlte.

So kann der Bauakte entnommen werden, dass 1927 in dem Gebäude ein Eiskeller zur Bierabfüllung und Lagerung von Fassbier sowie ein Flaschenputzraum eingerichtet wurden. Im Jahre 1934 erfolgte eine weitere Umnutzung durch den Einbau eines Kraftfahrzeug-Einstellraumes, wie es damals genannt wurde. Heute würde man kurz LKW-Garage sagen.

Bereits 1937, nachdem das Gebäude von Anton Müller erworben wurde, kam eine weitere Großgarage hinzu. Dazu war jedoch ein größerer Eingriff in die vorhandene Bausubstanz notwendig.

Die Zehntscheuer im jetzigen Zustand.

 

Von der Turmgasse aus wurde eine weitere Einfahrt geschaffen indem der linke Tordurchbruch mit einem Korbbogen ausgeführt wurde.

Erst 1940 erfolgte der erste Wohnungseinbau von der Rietgasse her. Ersichtlich ist dies durch die zwei großen Fenster im linken Gebäudeteil. Es wurde eine kleine Wohnung über 2 Stockwerke geschaffen. Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war der Einbau einer Gaststätte angedacht, eine Planung wurde erstellt, die Ausführung geschah jedoch nicht.

Nach Auszug der Spedition Müller wurde im Jahr 1981 im Gebäude ein größerer Umbau gemacht. Über zwei Stockwerke wurde ein Atelier für Inneneinrichtungen eingebaut. Bereits sechs Jahre später erfolgte eine weitere Umnutzung. Das Bildungszentrum Turmgasse, ursprünglich nur auf der gegenüberliegenden Seite der Turmgasse beheimatet, zog in die ehemalige Universitätszehntscheuer ein. Es wurden über vier Stockwerke Ausbildungs- und Büroräume geschaffen. Als auch diese Ausbildungsstätte zu Beginn dieses Jahrhundert auszog, war ein jahrelanger Leerstand.

Im September 2007 beschloss die Historische Narrozunft Villingen den Erwerb der Zehntscheuer. Mit dem Umbau der Zehntscheuer wurde am 8. April 2008 begonnen; bis heute wurden rund 20.000 Arbeitsstunden durch ehrenamtliche Kräfte erbracht – ein einmaliger Kraftakt in der Vereinsgeschichte der Narrozunft. Für das außergewöhnliche ehrenamtliche Engagement wurde das „Zehntscheuer-Projekt“ der Narrozunft von einer Fachjury im landesweiten Wettbewerb „Echt gut – Ehrenamt in Baden-Württemberg“ in der Rubrik Sport und Kultur unter rund 300 Bewerbungen zum Sieger gekürt. Eine Leistung, auf die wir stolz sein dürfen.

Nach einer grundlegenden Komplettsanierung wird das Gebäude ab 2013 als Zunfthaus nicht nur den über 4.000 Mitgliedern eine Heimstätte bieten, sondern für vielfältige kulturelle und sonstige Begegnungen allen Menschen in Stadt und Land offen stehen.

Mit dem Kauf der Zehntscheuer in Villingen bekennt sich die historische Narrozunft einerseits zu ihrer Verbundenheit mit der Stadt Villingen, andererseits aber auch zu ihrem kulturellen und gesellschaftlichen Anspruch. Die Villinger Narrozunft versteht sich in diesem Sinne als Kulturträger, dessen Aufgabe es ist, auch in die Zukunft zu blikken und ein Gebäude wie die Zehntscheuer einer modernen, zeitgemäßen Nutzung zuzuführen.