Villingen als Keimzelle des globalen Marktes (Claudia Hoffmann)

Dr. Wilhelm Binder würde staunen, wenn er sehen könnte, welch herausragende Bedeutung das von seinem Vater gegründete Unternehmen heute weltweit hat, es hätte ihm gefallen, mit welcher Innovationskraft Produkte entwickelt und am Markt etabliert werden und mit wie viel Teamgeist die Mitarbeiter weltweit dazu beitragen, die Stellung des Konzerns zu festigen und weiter auszubauen. 2011 hat Kendrion Binder Magnete sein glanzvolles 100-jähriges Jubiläum gefeiert und des Firmengründers Wilhelm Binder und seines Sohnes Dr. Wilhelm Binder gedacht, der durch seine bahnbrechenden Erfindungen und Patente die Basis für das stetige Wachstum gelegt hat. Die Firma, eines der traditionsreichsten Unternehmen in der Doppelstadt, hat den Sprung zum weltweit agierenden Konzern geschafft, es hat viele Krisen überstanden, zuletzt die große Finanzkrise 2009. Diese hatte den Umsatz drastisch einbrechen lassen, aber die Innovationskraft von Kendrion und das starke Zugehörigkeitsgefühl der Mitarbeiter haben sich ausgezahlt, und der Konzern setzte in den Jahren nach der Krise zu einem wahren Höhenflug an. „Wir spüren zwar, dass die Weltwirtschaft wieder etwas schwächelt, aber wir sind mit vielen neuen Ideen und Produkten gerüstet für die Zukunft“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Piet Veenema.

Als Keimzelle für das internationale Wachstum auf der ganzen Welt gilt das Werk in Villingen, in das der Konzern in den vergangenen Jahren Millionenbeträge investiert hat. Auch wenn künftig der Namen Binder Magnete als Zusatz zu Kendrion wegfällt, genießt Dr. Wilhelm Binder ein enorm hohes Ansehen in dem Unternehmen. Wie wichtig für den Konzern seine Wurzeln sind, zeigt der Antrag auf eine Änderung des Straßennamens: Der Gemeinderat der Doppelstadt stimmte mehrheitlich zu, dass die Forsthausstraße jetzt Wilhelm-Binder-Straße heißt und Kendrion als Adresse den Firmengründer vorweisen kann. Um das weltweite einheitliche Auftreten des Konzerns zu stärken, heißen alle Firmen nur noch Kendrion – mit dem jeweiligen Standort als Zusatz, also Kendrion (Villingen) beispielsweise.

Im Villinger Werk mit den Abteilungen Passenger Car Systems und Industrial Drive Systems forschen und entwickeln Ingenieure immer neue Produkte – im Automobilbereich geht es vor allem um die Zielsetzung, Komponenten zu liefern, mit denen ein Motor immer noch effizienter arbeitet und weniger Sprit verbraucht. „Auch die Verringerung des CO2 und NOx Ausstoßes spielt eine immer wichtigere Rolle“, erklärt Dr. Bernd Gundelsweiler, der bei Kendrion weltweit für den Automotiv-Bereich zuständig ist. In Villingen sind mit Millionen-Investitionen die Voraussetzungen dafür geschaffen worden, dass solche High-Tech-Ventile für die Diesel Common Rail Technik im Hochdruck- und Niederdruckbereich entwickelt und produziert werden können.

Im Keller des von Dr. Wilhelm Binder errichteten Firmengebäudes sind hochmoderne Labor- und Testräume entstanden, wo die Komponenten auf Herz und Nieren überprüft werden. Im klimatisierten Vibrationsprüfstand simulieren die Fachleute schlechte Straßenverhältnisse, das Ventil wird ordentlich durchgerüttelt und das viele Tage rund um die Uhr nonstop. „Da diese Analysen sehr laut sind, haben wir den Keller gewählt, um Lärmbelästigungen zu vermeiden“, erklärt Dr. Bernd Gundelsweiler. Natürlich sind die Räume auch schallisoliert. Nach dem Rütteltest wird das Ventil im Dauerlaufprüfstand mehrere Millionen Schaltzyklen gefahren und abschließend im Salzsprühnebeltest auf Korrosionsbeständigkeit überprüft. Die Testergebnisse werden dokumentiert und ausgewertet.

Reinraummontage- und Prüfanlage im Werk USA.

 

Erst wenn das Teil alle Qualitätstests bestanden hat, wird in Serienproduktion gefertigt. In den aktuell auch deutlich ausgebauten Reinräumen werden elektromagnetische Hochdruck- und Niederdruckventile montiert. „Schon ein Haar oder ein Staubkorn würde das Ventil im System unbrauchbar machen“, erläutert Bernd Gundelsweiler die Notwendigkeit der Reinräume, von denen sogar ein weiterer Ausbau in Planung ist.

Während die aufwändigen Laborräume sozusagen versteckt unter der Erde liegen, hat das Unternehmen aber etwas für die Kosmetik des in die Jahre gekommenen Gebäudes getan. Mit der Verlegung des gesamten Eingangsbereichs von der Mönchweilerstraße in die Wilhelm-Binder-Straße hat sich das Unternehmen im Jahr nach dem 100. Geburtstag ein neues Entrée geschenkt, von dem Dr. Gudrun Becker-Binder, die nach ihrem Vater die Firma Binder in der dritten Generation geführt hat, sagt: „Stilvoll, elegant und überhaupt nicht protzig, das passt zu dem Unternehmen.“ Die Umwandlung der alten Schweißerei in eine moderne Eingangshalle hat der Villinger Architekt Herbert Pleithner mit großem Erfolg geplant und umgesetzt. Aber Kendrion ist noch einen Schritt weitergegangen und hat außer der neuen Eingangshalle einen komplett neuen Materialfluss im Firmengebäude realisiert. Die Warenanlieferung und Ablieferung kann jetzt über eine Rampe auf einer Ebene, ohne die Verwendung von Aufzügen, erfolgen.

Die beiden Produktionsbereiche in Villingen haben unterschiedliche Logistikketten etabliert und verteilen damit den LKW-Verkehr gleichmäßig auf die Mönchweilerstraße und die Wilhelm- Binder-Straße. Dadurch wird eine übermäßige Belastung der Anwohner vermieden und die Abläufe in der Firma sind deutlich effizienter und schneller geworden. Die alte Pforte an der Mönchweilerstraße und der lange gläserne Gang werden abgerissen. Dort sollen weitere Parkplätze für die Mitarbeiter entstehen und auch eine schöne Außenfläche gestaltet werden.

Reinraumfertigung im Werk Österreich.

 

Von den in Villingen entwickelten Produkten profitieren auch andere Standorte, beispielsweise in Österreich. „Da findet eine Art Wissenstransfert statt, wir liefern das Know-How und die Kollegen modifizieren das Ventil für die angepassten Marktbedürfnisse und produzieren es“, erläutert Bernd Gundelsweiler die Synergieeffekte. So ist aus einem Werk, das bis dato ein reiner Hubmagnetebauer war, ein elektromagnetischer Ventillieferant geworden.

Ähnliches funktioniert auch weltweit: So haben die Mitarbeiter der Sparte Commercial Vehicle Systems in Markdorf mit großem Erfolg Kupplungen konstruiert und gebaut. Diese Kupplung wurde dann in das Werk in Indien weitergegeben, dem dortigen Markt angepasst und mittlerweile fertigen die Kendrion-Mitarbeiter in Indien die in Markdorf entwickelte Kupplung in riesigen Stückzahlen. „Nur so können wir uns auf dem Markt behaupten, eine Produktion hier in Deutschland und dann der lange Transport der fertigen Teile nach Indien wäre komplett unwirtschaftlich und nicht machbar“, so Bernd Gundels-weiler. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der weltweiten Vernetzung, dem Wissenstransfer und der Kooperation der Mitarbeiter weltweit.

Mittlerweile ist allen bei Kendrion Beschäftigten klar, dass ein Standort in Indien oder China die Arbeitsplätze in Deutschland nicht gefährdet, sondern sogar sichert und langfristig erhält. Die Rechnung ist einfach: Kendrion ist durch die Standorte in Asien und auch Amerika flexibler, kann schneller auf Kundenwünsche reagieren und erwirtschaftet einen höheren Umsatz. So können Investitionen eben auch in Villingen finanziert werden.

Globale Netzwerkstruktur bei Kendrion.

 

Früher, als klassisches Familienunternehmen, wusste jeder Beschäftigte, dass sein Kollege auch aus Villingen oder vielleicht noch der näheren Umgebung kommt. Heute arbeiten 1800 Menschen an 19 Standorten in 12 Ländern für Kendrion und trotz der weltweiten Ausdehnung gibt es ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ganz aktuell hat Kendrion eine Firma in North Carolina, USA, gekauft. „Das war eine strategische Entscheidung“, so Bernd Gundesweiler. Der Aufbau einer eigenen Firma dauert Zeit und kostet viel Geld. So konnte Kendrion eine namhafte Firma übernehmen und hat sich so den Zugang zu dem wichtigen amerikanischen Markt gesichert.

Ventil für die Benzin-Hochdruckeinspritzung.

 

Die Konzernführung legt großen Wert auf den Austausch und so können deutsche Mitarbeiter ganz selbstverständlich in Amerika arbeiten, die indischen Kollegen kommen nach Engelswies oder Villingen und auch die Mitarbeiter in China oder Brasilien sind an dem weltweiten Austausch    beteiligt. So weiß jeder, wie der andere arbeitet, wie die Werke strukturiert sind und wo die Stärken und Schwächen des jeweiligen Standortes sind.

So kommt es zu einem ganz intensiven Austausch, von dem alle Kendrion-Mitarbeiter profitieren. Sogar firmeneigene Preise werden vergeben, so gelang es der Abteilung Passenger Car Systems in Villingen für ein Hochdruckventil die Auszeichnung „Most innovative Company 2011“ zu erringen. Fast 13000 Entwicklungsstunden stecken in dem Ventil, mit dem ein Großkunde auf dem amerikanischen Markt beliefert wird.

So gehen vom Standort in Villingen Impulse in die ganze Welt und im Wissen um die 100-jährige Geschichte präsentiert sich Kendrion heute als innovatives, modernes und global agierendes Unternehmen.

Infos:

Kendrion ist ein Anbieter von Lösungen, der innovative, qualitativ hochwertige elektromagnetische Systeme und Komponenten für Kunden in aller Welt entwickelt, fertigt und vermarktet. Die Geschäftstätigkeit von Kendrion gliedert sich in die vier Geschäftsbereiche Industrial Magnetic Systems, Industrial Drive Systems, Passenger Car Systems und Commercial Vehicle Systems, die sich jeweils auf eigene Zielmärkte konzentrieren. Die Bereiche Passenger Car Systems und Commercial Vehicle Systems wurden jetzt zum Bereich Automotive zusammengefasst. Hier ist Bernd Gundelsweiler für die weltweiten Aktivitäten verantwortlich. Heinz Freitag ist für das gesamte operative Geschäft der Kendrion-Gruppe verantwortlich. Als Vorstand führt Piet Veenema das Unternehmen, Finanzvorstand ist Eiko Ris.

In einer Reihe von Marktnischen ist Kendrion marktführend. Der Hauptabsatzmarkt von Kendrion ist Deutschland, doch auch andere Länder gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Kendrion entwickelt hochmoderne elektromagnetische Lösungen für industrielle Anwendungen. Diese werden von Kunden weltweit in Systemen wie Aufzügen, Türverriegelungssystemen, Industrierobotern, Medizingeräten, elektrischen Schaltanlagen, Dieselmotoren, Klimaanlagen, Motorkühlsystemen und Getränkeanlagen eingesetzt. Zu den grössten Kunden von Kendrion Ventil für die Benzin- Hochdruckeinspritzung.