Tradition und Modernität (Dr. Marianne Kriesche)

Das Gymnasium am Hoptbühl kann im Jahr 2012 auf sein vierzigjähriges Bestehen zurückblicken;

denn am 16. September 1972 wurde der Neubau seiner Bestimmung übergeben.

Vierzig Jahre also ist es her, dass das traditionsreiche mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium Villingen in einen neu errichteten Bau auf dem Hoptbühl umzog, während das bisher benutzte innerstädtische Gebäude am Romäusring von dem neu gegründeten neusprachlichen Gymnasium mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweig übernommen wurde.

Aus historischer Sicht ließe sich freilich der Bogen für die Feier eines Jubiläums viel weiter spannen; etwa bis zur Höheren Lateinschule der Franziskaner im 15. Jahrhundert, dem 1650 errichteten Gymnasium der Franziskaner oder dem Benediktiner-Gymnasium im 17. und 18. Jahrhundert, das mit der Aufhebung des Klosters 1806 seine Arbeit einstellen musste. Aus der geistlichen Aufsicht ging die Schulausbildung in die staatliche über. Es gibt also eine weitere Version:

Ist man gewillt, die Traditionslinie des staatlichen Gymnasiums am Hoptbühl ins 19. Jahrhundert, bis in das Jahr 1837 zurückzuführen, so könnte die Schule jetzt ihr 175-jähriges Jubiläum feiern. Sie ist die Rechtsnachfolgerin des ursprünglichen Gymnasiums Villingen, das sich auf die Höhere Bürgerschule in Villingen zurückverfolgen lässt, die 1837 etabliert und danach als „Realgymnasium“ weitergeführt wurde.

Aber bleiben wir bei den 40 Jahren.

Seit jeher maßen die Städte der Förderung und Entfaltung des Schulwesens eine besondere Bedeutung zu. Auch unsere Stadt leistet hohe Beiträge zur Unterhaltung der öffentlichen Schulen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten nur wenige Schüler das Gymnasium. Dann bedingte das Bevölkerungswachstum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch ein Ansteigen der Schülerzahlen und einen steigenden Bildungsbedarf. So wurde das damals benutzte Gebäude, die heutige Karl-Brachat-Schule, zu eng, und das Realgymnasium zog 1909 in ein neu erbautes Haus am Romäusring um. Auch in der Folgezeit stiegen die Schülerzahlen weiter, und besonders nach dem 2. Weltkrieg und den Jahren des Aufbaus Ende der 50er bis Mitte der 60er Jahre verdoppelten sich die Zahlen, und die Raumnot wurde unerträglich.

Daher begannen sich Schulleitung und Stadt seit 1967 einerseits um einen Neubau und anderseits um die Errichtung eines zweiten, selbständigen Gymnasiums zu bemühen. Für die Planung des neuen Schulgebäudes wählte der Stadtrat das Gelände am Hoptbühl aus und nahm für den Bau den preisgekrönten Entwurf des Architekten Kaufmann an. Der Baubeginn erfolgte 1969, die Fertigstellung 1971/72. Bereits 1971 wurde auch die Errichtung eines zweiten Gymnasiums durch das Kultusministerium genehmigt. Mit Beginn des Schuljahres 1972/73 konnte der Unterricht an beiden Schulen aufgenommen werden.

Der Gemeinderat, der die Schulnamen in eine einheitliche Form bringen wollte, legte noch 1972 die Bezeichnungen „Gymnasium am Hoptbühl“ und „Gymnasium am Romäusring“ für die Schulen in Villingen und „Gymnasium am Deutenberg“ für das Gymnasium in Schwenningen fest.

Die Leitung des Gymnasiums am Hoptbühl übernahm Ulrich Stratmann, die des Gymnasiums am Romäusring Dr. Werner Herz.

Die Unterrichtsarbeit am Hoptbühl begann das Kollegium mit großer Euphorie. Mit neuem Namen und in einem neuen Gebäude konnte die Schule in den Folgejahren auf ihrer bewährten Tradition aufbauen. Schwerpunkte bildeten wie zuvor die Naturwissenschaften einerseits und die Sprachen anderseits, angefangen von Latein bis zu den modernen Fremdsprachen.

Schulhof in Richtung Haupteingang.

 

Nach dem frühen Tod des beliebten Schulleiters Stratmann übernahm 1978 Dr. Marianne Kriesche die Leitung der Schule mit neuen Aufgaben. Die Gestaltung der Unterrichtsarbeit hier wie an den anderen Gymnasien wurde seit 1977/78 maßgeblich bestimmt durch die „Reformen zur neugestalteten Oberstufe“ und 1986 durch die „Reform der Reform“.

In den Folgejahren trugen die neuen Bildungspläne weiteren Entwicklungen Rechnung. Mit der „Informationstechnischen Grundbildung“ wurden den Schülern die nötigen Grundkenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit dem Computer vermittelt. Im Fremdsprachenunterricht legte man den Schwerpunkt auf die Kommunikationsfähigkeit, und hier wie in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wurde der europäische Einigungsprozess in die didaktische Zielstellung mit einbezogen. Der fächerverbindende und fächerübergreifende Unterricht sollte ein ganzheitliches Erleben der Welt fördern. Die Anforderungen unserer Zeit machen es nötig, dass der Abschluss am Gymnasium den Absolventen einerseits alle Möglichkeiten einer beruflichen Ausbildung und anderseits die uneingeschränkte Studierfähigkeit bietet. Daher sind Kontakte zur heimischen Wirtschaft unabdingbar.

Unternehmensbesichtigungen, Fachvorträge und kurze Berufspraktika am Ende der Mittelstufe dienen als Entscheidungshilfen für die Kurswahl in der Oberstufe und die spätere berufliche Laufbahn. Die berufsorientierten Unternehmungen in den Klassenstufen 10 und 11 und die Studieninformationen der Oberstufenschüler gehen zurück auf die neuen Bildungspläne, die 1994 für die Klassenstufen 5 –11 und 1995/96 für die Stufen 12 und 13 eingeführt wurden. Sie brachten Veränderungen in allen Lebensund Wissensbereichen und eine stärkere pädagogische Ausrichtung der Schule. Die Anforderungen trafen bei unserer Schule auf eine bereits vorhandene Zielsetzung, nicht nur Wissen sondern auch Werte zu vermitteln: Eigenverantwortung, Sozialverhalten und Toleranz.

Die Südseite im Umbau.

 

Dies wird unterstützt durch das reiche Unterrichtsangebot der Schule, das neben den Pflichtfächern auch zahlreiche Arbeitsgemeinschaften enthält: Sprach-, Sport-, Musik und Theater-AGs, die den Gemeinschaftsgeist stärken, Erfolge bieten und sich daher bei den Schülern großer Beliebtheit erfreuen. Die pädagogische Arbeit wird außerdem unterstützt durch zahlreiche außerunterrichtliche Veranstaltungen wie Landschulaufenthalte, Exkursionen, Studienfahrten und Austauschprogramme, welche die Schüler schon nach Frankreich, England, Italien, Russland, die U.S.A. und Australien geführt haben, um ihnen dort neue Welten zu erschließen.

Eine weitere Tradition aus den 80er Jahren entwickelte sich geradezu zum Markenzeichen des Gymnasiums am Hoptbühl, die „Schulhausverschönerung“ der Abiturienten, die sie mit ihren Abiturstreichen schufen. Sie verewigten sich mit Malerei und Plastik u.a. großen Gipsreliefs, dem Trabbi, dem Lebkuchenhaus, dem Smiley und dem „Hundertwasserportal“ in einem Gebäude, das aus grauem Sichtbeton errichtet war, bewiesen Kreativität, Gemeinschaftssinn und Dankbarkeit für die Schule, an der sie sich einmal wohlfühlten. Als Dr. Marianne Kriesche 1996 in den Ruhestand trat, übernahm Dr. Wilhelm Seiler die Schulleitung, die er bis 2011 innehatte. Auch während seiner Amtszeit setzte sich die Reihe von Neuerungen und Veränderungen fort. So wurde Ende der 90er Jahre die Profilbildung eingeführt, die neben den herkömmlichen Hauptfächern den Schülern weitere Schwerpunktfächer zur Wahl stellt.

Seither werden am Gymnasium am Hoptbühl neben dem Fach Naturwissenschaft und Technik, Italienisch und speziell und einzig in der Region Bildende Kunst angeboten. Besonders letzteres Fach findet bei den Schülern großen Anklang. Die nächsten Gymnasien mit Kunstprofil befinden sich erst wieder in den Universitätsstädten Freiburg, Konstanz und Tübingen.

Die wiederhergestellte Südseite.

 

Das neue Jahrhundert begann für die Schule mit einem Paukenschlag, als Mitte 2001 bei einer Materialuntersuchung der Schadstoff PBC im Schulgebäude nachgewiesen wurde. Dieser Befund führte zu größter Unruhe und Aufregung in der Schule. Es bildete sich eine Elterninitiative „Gesunde Schule“, die weitere Schadstoffuntersuchungen und Raumluftmessungen forderte. In zahlreichen Diskussionsrunden mit den städtischen Behörden wurde die Alternative Neubau oder Sanierung der Schule erörtert. Schließlich endschied sich die Stadt für die noch etwas kostengünstigere Generalsanierung für 11 Millionen Euro, was bedeutete, dass das gesamte Gebäude bis auf das Betonskelett ausgekernt werden musste. Das war nicht möglich, ohne die Schule zu räumen und mit der ganzen Einrichtung umzuziehen. Als Ausweichquartier fand man schließlich das Brigach-Business-Center in der Forsthausstraße. Um Geld zu sparen, wurde der Umzug von Schülern, Lehrern und Eltern übernommen, eine großartige Gemeinschaftsleistung. Danach musste zwei Jahre unter Lärmbelästigung und räumlicher Enge unterrichtet werden, bis Mitte 2005 die Sanierungsarbeiten, wie geplant, abgeschlossen waren. Nun konnte die Schule in das wiederhergestellte Gebäude zurückkehren. Wiederum übernahm die Schulgemeinschaft den Umzug. Man kam in ein neugestaltetes Gebäude. Es besitzt einen gläsernen Dachaufbau im 2. Obergeschoss, in den das Lehrerzimmer einbezogen wurde, ein Sekretariat mit Innenhof, raumhohen Verglasungen in den Klassenzimmern, ein neukonzipiertes Erdgeschoss und rote Linoleumfußböden. Ein Haus, das höchsten schulischen Ansprüchen genügt und darüber hinaus dringenden Notwendigkeiten entspricht, spornt an, hier gerne und erfolgreich zu lehren und zu lernen. So waren bald eine neue Ordnung und ein neues Engagement spürbar. Sie wurden erforderlich für eine weitere Herausforderung, die Einführung des achtjährigen Gymnasiums G 8, dessen erste Stufe 12 neben dem letzten G 9 Jahrgang im Schuljahr 2011/12 das Abitur ablegte.

Das Klassenzimmer der Klasse 5d. Fotos: Gymnasium am Hoptbühl

Die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr bedingt verstärkten Nachmittagsunterricht, für den auch eine ganztägige Betreuung der Schüler bereits ab der Unterstufe erforderlich ist. So hat sich das Gymnasium am Hoptbühl auf den Weg zur Ganztagsschule begeben, die allerdings noch nicht genehmigt ist. Es besteht aber bereits ein Ganztagsangebot: kostenlose Hausaufgabenbetreuung für die Unterstufe und die Ausgabe eines warmen Mittagessens, das in Ermangelung einer Mensa im Aufenthaltsbereich der neuen Aula eingenommen werden kann.

Seit dem Sommer 2011 übernahm die neue Schulleiterin Simone Duelli-Messmer die Gestaltungsaufgaben der Schule. Sogleich wurde sie mit einer weiteren Veränderung konfrontiert: dem Wegfall der Grundschulempfehlung ab dem jetzt begonnen Schuljahr, einer Maßnahme, für die noch Erfahrungen gesammelt werden müssen.

Die Geschichte des Gymnasiums am Hoptbühl während der letzten vierzig Jahre ist geprägt von der Polarität zwischen Theorie und Leben, zwischen Geistesund Wirklichkeitsorientierung.

Neben der kontinuierlichen Vermittlung elementarer Grundkenntnisse, Grundfertigkeiten und Werteinstellungen wurden den Fächern immer neue Aufgaben zugeteilt. Jedoch dürfen Reformen und Neuerungen, die der derzeitige technologische, soziale und gesellschaftliche Wandel erforderlich macht, nicht das ausgewogene Verhältnis zwischen Beharren und Verändern stören. Auch im zeitgemäßen Unterricht bleibt das bereits in der Vergangenheit bewährte Ziel bestehen: „Nicht für die Schule, sondern für das Leben zu lernen.“

Ausgewählte Literatur:

Roder, Christian: „Das Schulwesen im alten Villingen“ (beruhend auf den Akten des Stadtarchives Villingen Lit 007), Villingen 1892.

Glunk, M.: Überblick über das Schulwesen in Villingen von den Anfängen bis zur Schulrenovation (1800), in: Gymnasium am Hoptbühl Villingen-Schwenningen, Villingen-Schwenningen 1973. Fuchs, J.: Übersicht über die neuere Schulgeschichte, in: Gymnasium am Hoptbühl Villingen-Schwenningen, Villingen-Schwenningen 1973.

Kriesche, M.: Das Schulwesen in Villingen-Schwenningen, in: Villingen und Schwenningen Geschichte und Kultur, VillingenSchwenningen 1998.

Kollmann, M.: Beispielhafte Generalsanierung, in: Gymnasium am Hoptbühl Villingen Schwenningen, Villingen-Schwenningen 2007.