Die Skulptur der heiligen Agatha Martina Zieglwalner

 

Jahrhundertelang stand eine Skulptur der heiligen Agatha im Niederen Tor, um die Stadt Villingen und ihre Bürger vor Feuer zu schützen. Doch nach dessen Abriss in den 1840er-Jahren kam sie in Privatbesitz und schmückte nur noch an Fronleichnam den Brunnen vor der Metzgerei Weißer in der Niederen Straße 53, zuletzt galt sie sogar als verschollen. Doch seit diesem Jahr ist sie dank einer Schenkung von Margaretha Grieninger in der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte im Franziskanermuseum zu sehen. Eine ihrer Vorfahrinnen hatte die Figur einst aus dem Schutt gerettet.

Die Geschichte der Skulptur geht bis zu dem angeblichen Stadtbrand in Villingen im Jahr 1271 zurück. Ein vom Himmel gefallener Meteorit soll genau am St.-Agathen-Tag, dem 5. Februar, vom Niederen Tor aus das verheerende Feuer ausgelöst haben, für das es jedoch bis heute keine archäologischen Beweise gibt. Zum Gedenken an die Katastrophe und auch als Schutz vor weiteren Unglücken stellten die Bürger eine Statue der Heiligen in einer Nische im Tor auf. „Nach einer alten Sage soll ein ungeheurer Feuerball zum Niederthor hereingeflogen sein und Alles in Brand gesteckt haben, daher bis in die neuesten Zeiten, zur Abwendung ähnlichen Unglücks, in jedem Hause und besonders unter dem Niederthor am Festtag der heiligen Agathe, bei Anbrennung vielen Lichtes, gebetet wurde“, heißt es 1847 im Universallexikon des Großherzogtums Baden. 1 Die Patronin von Catania wird bei der Bedrohung durch Vulkanausbrüche, Feuergefahr und Erdbeben um Hilfe gebeten.

Die Legende der frühchristlichen Märtyrerin stammt aus dem dritten Jahrhundert aus der Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Decius (249 bis 251). Der Überlieferung nach wurde Agatha auf Sizilien um das Jahr 225 als Tochter wohlhabender Eltern geboren. Im Alter von etwa 25 Jahren lehnte die Christin einen Heiratsantrag von Quintianus, dem heidnischen Statthalter Siziliens, ab. Der abgeblitzte Herrscher ließ Agatha foltern und ihr die Brüste abschneiden. Der heilige Petrus soll die Wunden über Nacht geheilt haben. So ließ Quintianus die junge Frau über glühende Kohlen und Glasscherben wälzen, bis sie starb. Ein Jüngling soll eine Marmortafel in ihren Sarkophag gelegt haben, die sie als Retterin ihres Vaterlandes auswies. Etwa ein Jahr nach ihrem Tod brach der Ätna aus, Catania schien dem Untergang geweiht. Doch die Einwohner zogen mit Reliquien vom Grab der Heiligen, unter anderem ihrem Schleier, dem Lavastrom entgegen und hielten ihn auf. So wird Agatha bis heute gerade in Süddeutschland als Schutzheilige gegen Feuergefahr verehrt. Ihr Gedenktag ist der 5. Februar, der als ihr Todestag gilt. In der Kunst ist die Heilige mit einer Schüssel, auf der ihre Brüste liegen, oder mit einem Palmzweig als Zeichen des Martyriums und einer Kerze in der Hand dargestellt, wie die Skulptur aus Villingen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als das Niedere Tor dem Amtsgericht und dem Gefängnis weichen musste, wäre sie beinahe für immer verloren gegangen. Eine Verwandte von Margaretha Grieningers Großmutter lebte im Haus Mauch mit Blick auf das Tor und habe zufällig beobachtet, wie Arbeiter die Figur beim Abriss achtlos beiseite warfen, erinnerte sie sich bei der Übergabe an das Museum. Diese hätte sich sofort auf die Suche gemacht und die Statue aus dem Schutt gezogen.

Seither hat die Heilige die Familie behütet, zunächst in der Innenstadt und seit 1912 in der Kalkofenstraße, erzählte die 92-Jährige. Bei Fronleichnamsprozessionen war sie weiterhin zu bewundern. Bis auf diesen Ehrentag stand die Skulptur über Generationen hinweg sorgsam in einer Glasvitrine auf bewahrt im Schlafzimmer. Sie war der Familie so viel wert, dass sie die Figur in 60er-Jahren von Malermeister Richard Fuhrer restaurieren und in kräftigen Rot-, Grün- und Blautönen neu fassen ließen. Dies war jedoch nicht die erste Restaurierung und von ihrer ursprünglichen Fassung blieb neben dem gut erhaltenen Holzkern wenig übrig, stellte Ina Sahl, Restauratorin der städtischen Museen, bei ihren Untersuchungen fest. Vermutlich habe der Künstler Blattgold verwendet, zumindest Spuren seien noch zu finden. Sicher ist sie sich ebenso wie Michael Hütt, Leiter der städtischen Museen, dass das Kunstwerk aus dem 18. Jahrhundert stammt, nie Wind und Wetter ausgesetzt war.

Die Figur habe ihn seit der Neukonzeption der stadtgeschichtlichen Abteilung vor rund 20 Jahren beschäftigt, doch irgendwann habe er die Suche nach ihr aufgegeben, erklärte Hütt. Bis zu jenem Anruf von Margaretha Grieninger im Jahr 2007.

Sie wollte das allen ans Herz gewachsene Erbstück dem Museum schenken, sobald kein Mitglied der Familie Grieninger mehr in der Kalkofenstraße wohnt.

Die Skulptur mit der Kerze und dem Palmzweig in der Hand samt Heiligenschein aus Metall mit hölzernen Sternen hat ihren Platz gefunden – inmitten der Exponate rund um den um 1500 von Heinrich Hug erstmals erwähnten Stadtbrand und Agathenzetteln, die vor Feuer bewahren sollen.

„Sie passt wunderbar in unsere Sammlung und zur Tordarstellung“, freut sich Hütt über die Bereicherung der Präsentation rund um die heilige Agatha.

Anmerkungen:

1 Universal-Lexikon vom Großherzogthum Baden. Bearbeitet und herausgegeben von einer Gesellschaft von Gelehrten und Vaterlandsfreunden, zweite, wohlfeile Ausgabe, Karlsruhe, 1847, Spalte 1099.