Exkursion des GHV auf den Spuren von Kaus Ringwald (1939 – 2011) (Kurt Müller)

Nachdem im Jahresheft 2012 meine Predigt zur Beerdigung von Klaus Ringwald abgedruckt war, könnte man meinen, dass das Informationsbedürfnis über Leben und Werk des Schonacher Künstlers befriedigt wäre.

Aber aus der Tatsache, dass wir Villinger die verschiedenen Werke in den Kirchen und in unserer Stadt sehr schätzen, entstand der Wunsch, auch Werke von Klaus Ringwald in unserer weiteren Heimat kennen zu lernen. Der Wunsch führte zur Exkursion am 12. Juni 2013. Der vollbesetzte Reisebus machte den ersten Halt in Kork bei Kehl, wo die Dorfmitte jetzt von einem mächtigen Stier geschmückt ist, der sich nach einer Legende – und von Ringwald meisterhaft in Erz gegossen – in die eigene Brust stößt.

Eine weitere Station war der beeindruckend große Marienbrunnen von Waghäusel. Unter der Marienfigur strömt das Wasser in drei Schalen, und die kreisförmigen Reliefs erzählen die Geschichte der Wallfahrt von der „Mutter mit dem gütigen Herz“, erzählen dann die römische Urgeschichte der Gegend und die militärischen Ereignisse des 18. und 19. Jahrhunderts.

Im Kaiserdom von Speyer begegneten wir der Büste von Edith Stein (Schwester Theresia Benedicta a Cruce“. Sie war von 1923 – 31 Lehrerin in St. Magdalena in Speyer. An der Außenwand des Domes erinnert Ringwalds Relieftafel an den Besuch des Papstes Benedikt XVI. Eigentliches Ziel und erlebter Höhepunkt war die Jesuitenkirche St. Ignatius und Franziskus Xaverius in Mannheim und das darin enthaltene Meisterwerk von Klaus Ringwald: die Neugestaltung des Chorraums. Am 12. März 1733 hatte Kurfürst Karl Philipp den Grundstein der Kirche gelegt, die Hof kirche, Ordenskirche der Jesuitenniederlassung und Pfarrkirche werden sollte.

Im Jahr 1760 erfolgte die festliche Einweihung der doppeltürmigen, von einer großen Kuppel bekrönten Kirche. Im Zweiten Weltkrieg machten Bombardierungen im September 1943 und im Januar 1945 das prachtvolle Gotteshaus zur Ruine. Vor allem war der imposante Hochaltar von Peter Anton Verschaffelt unwiederbringlich zerstört.

200 Jahre nach der Weihe, also 1960 wurde die Kirche einfach, für den Gottesdienst nutzbar wieder eröffnet. Ich selber war im Sommer 1963 einige Wochen zur Aushilfe als Vikar in der Jesuitenkirche tätig. Ich erinnere mich an die riesige aber kalt, kahl und weiß gestrichene Kirche mit ganz einfacher Einrichtung im Chorraum vor der leeren Apsis. 1986 wurde der Entschluss gefasst zusammen mit der Pfarrei, dem Erzbischöf lichen Ordinariat und den Denkmalbehörden von Land und Bund, den Hochaltar zu rekonstruieren. 1997 war zum Stolz und zur Freude aller Beteiligten der Hochaltar wieder erstanden. Beim Betreten der Kirche fällt der Blick des Besuchers zunächst auf das ikonografische Programm des Hochaltars: Über dem Tabernakelhaus schickt die überlebensgroße Figur des heiligen Ignatius den Freund Franz Xaver in die Weite der Weltmission. Bei den Säulen links und rechts stehen Symbolfiguren, einmal die „Ecclesia“, die Mutter Kirche, die allen Menschen Heimat bietet und „Asia“ steht für alle Völker denen noch der Missionsauftrag gilt.

Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzil brachte es mit sich, dass mit der großartig gelungenen Rekonstruktion des Hochaltars eine würdige Liturgie noch nicht möglich war. Es fehlt ein Zelebrationsaltar, an dem der Priester der Gemeinde zugewandt die Eucharistie feiern konnte. In Ergänzung dazu fehlt der Ambo als Platz für die Verkündigung des Evangeliums und der Predigt, es fehlt der Leuchter für die Osterkerze und der Platz für den Priester und die Assistenz (die Sedilien).

Abb. 1: Taufe Christi.

 

 

Die viel bewunderte Leistung von Klaus Ringwald, mit der er die Portale des Villinger Münsters geschaffen hatte, machten die Verantwortlichen in Mannheim auf ihn aufmerksam. Von 1988 an begannen die Vorgespräche und Planungen mit Klaus Ringwald. Schließlich erfolgte der Auftrag, und das Werk war 1997 vollendet, und damit war ein würdiger und kostbarer Raum für die Liturgie geschaffen. Die notwendig gewordenen Einrichtungsgegenstände nach der Liturgiereform sollten nicht etwa wie eine Art Möbel werden, die man da oder dorthin stellen oder verschieben könnte. Darum war die erste wichtige Aufgabe, ein prägendes Fundament zu schaffen als eine Fußbodengestaltung im Chorraum, die vor dem dominierenden Hochaltar bestehen kann und zugleich strukturierend und ordnend den Weg weist zu einer feierlichen Liturgie. Mit gestalterischer Kraft, fast mathematischer Linienführung und einfühlsamer Farbauswahl hat Klaus Ringwald aus einer reichen Farbpalette den Marmor ausgesucht und damit einen überwältigend schönen Fußboden gestaltet. Das klare Muster des Ganzen weist jedem Gegenstand einen festen Platz zu, so dass wie schon am früheren Hochaltar jetzt am Zelebrationsalter und am Ambo Liturgie nicht an wechselnden Schauplätzen gefeiert wird sondern alles Platz, Ordnung und Bestand hat.

Der Zelebrationsaltar antwortet auf den monumentalen Hochaltar mit vornehmer Kostbarkeit. Die monolithische Altarplatte aus Azul Bahia Marmor ruht auf einem filigran aus Bronze, Silber und Gold gearbeiteten Rosenhag (man darf dabei an „Maria im Rosenhag“ von Martin Schongauer denken). Der eigentlich rechteckige Altar ist durch die abgef lachten Ecken zu einem Achteck geworden.

Abb. 2: Der neue Zelebrationsaltar, Altarseite.

 

 

Neben dem reichen Rosenmuster gewinnen die vier Seitenflächen des Altars eine besondere Aussagekraft durch je ein in Silber gearbeitetes Relief mit einer neutestamentlichen Szene. Auf der rechten Seite – der Osterkerze zugewandt – ist die Taufszene am Jordan dargestellt: Jesus im Fluß, ihn taufend der asketisch wirkende Täufer im Kamelhaarkleid. Darüber im Kraftfeld strahlend der Heilige Geist und dabei stehen bezeugend und beobachtend zwei Frauen aus der Jüngerschar des Johannes.

Auf der linken Seite – in Richtung des Ambo –begegnen wir einer interessanten Darstellung des Pfingstwunders.

Abb. 3: Pfingstwunder.Da ist zunächst der Turm von Babel zu sehen, das Symbol des Größenwahns, der zur Sprachverwirrung und zum Auseinanderfallen der Gemeinschaft des Menschengeschlechts geführt hat.

 

Dann fahren vom Himmel her feurige Zungen herab und treffen den Zeugen, den Rhetor, nicht um ihn zu beschenken oder persönlich zu bereichern, sondern um ihn zu befähigen, als Missionar den Völkern der Erde die frohe Botschaft zu verkünden. Die Völker sind dargestellt in den verschiedenen Lebensaltern, Geschlechtern und Rassen der Kontinente.

Auf dem der Gemeinde zugewandten Medaillon werden die Ereignisse auf dem Berg Kalvaria sichtbar, die sich ja für den Gläubigen in unblutiger Weise bei der Eucharistiefeier am Altar vergegenwärtigen. Jesus hat sein Haupt geneigt und ist gestorben. Der Soldat mit der Lanze (Longinus) will sich der Tatsache des Todes versichern: Lanzenstick – Herzwunde – Blut f ließt – Erlösung ist Wahrheit – Herz Jesu Verehrung. In namenloser Trauer umarmt Maria Magdalena den Kreuzbalken, das Schandholz aber auch das Siegeszeichen. Johannes der Lieblingsjünger weist – wie auf Grünewalds Isenheimer Altar Johannes der Täufer – mit überlangem Finger auf den sterbenden Erlöser hin: „Dieser ist wahrhaft Gottes Sohn“.

Abb. 4: Kreuzigungsrelief mit Rosenhag.

 

 

Dem zelebrierenden Priester zugewandt ist das Bild vom Ostermorgen. Wir sehen das leere Grab, die Engel mit der Botschaft, dass er lebt, und wir sehen die „Noli me tangere – Szene“, die im Johannes Evangelium geschildert ist (Jo. 20,17): „Jesus sagt zu ihr: Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater hinauf gegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich geh hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“

Abb. 5: Ostermorgen. Fotos: GHV

 

 

Um den Altar herum im Boden eingelassen finden wir vier Bronzemedaillons. Das erste enthält wichtige Daten und Namen zur Renovation der Kirche. Das zweite zeigt den berühmten Pfarrer Prälat Josef Bauer, der lange Jahre, vor allem in der Kriegszeit, eine prägende Gestalt in Mannheim gewesen war. Das dritte Bild zeigt Pater Alfred Delp. Er ist in der Jesuitenkirche getauft worden und als Märtyrer des NS-Systems gestorben. Ein Satz von ihm soll nicht vergessen sein: „Brot ist wichtig, Freiheit ist wichtiger, am wichtigsten aber ungebrochene Treue und unverratene Anbetung“.

Das vierte Bild zeigt Papst Johannes XXIII., der mit der Liturgiereform während des Konzils 1962 – 1965 die Neugestaltung des Chorraums initiiert hat.

Ähnlich umrankt vom Rosenhag wie der Altar zeigt sich auch der Ambo und der repräsentative Osterleuchter. Die vier mächtigen Altarleuchter umstehen den Zelebrationsaltar wie heilige Wächter. Zum festlichen Einzug und zur Prozession steht das vornehm gestaltete Vortragskreuz bereit. Sorgfältig aus versilberter Bronze gefertigt sind die Sedilien, und zur Eucharistiefeier wird – was wir nicht gesehen haben – ein markantes Kreuz auf den Altar gestellt.

Dieses Kreuz aufwändig, kostbar und ein wenig größer erinnert aber doch an das Altarkreuz im Villinger Münster. Ein aufmerksamer Villinger Betrachter des Mannheimer Werkes von Klaus Ringwald bemerkt vermutlich schnell, dass der Villinger Altar mit seinen vier Silberreliefs und dem fein in Stein gehauenen Laubwerk das ihn und den Ambo umspielt, so etwas wie eine bescheidene Vorstufe darstellt für das Meisterwerk, das er dann in der Mannheimer Jesuitenkirche vollenden konnte.