Robert Gerwig: Erbauer der Schwarzwaldbahn und Abgeordneter für Villingen im Reichstag (Michael Tocha)

Robert Gerwig (1820 – 1885) ist in unserer Gegend bekannt: Von der Bahnhofstraße in Villingen zweigt die Gerwigstraße ab, in Hausach, St. Georgen, Furtwangen und Singen gibt es Gerwigschulen, vom Gerwigfelsen bietet sich der Dreibahnenblick, 2010 feierte das Gerwig-Musical in Triberg Erfolge. In all diesen Erinnerungen spiegelt sich sein Ruhm als Erbauer der Schwarzwaldbahn. Weniger bekannt ist, dass der große Ingenieur sein halbes Leben lang auch politisch tätig war.

1855 – 1857 und 1863 – 1873 vertrat er als nationalliberaler Abgeordneter den Wahlkreis Wolfach- Hornberg-Triberg-Furtwangen, 1875 – 1878 Pforzheim in der Zweiten Kammer des badischen Landtags, neun Jahre saß er für den badischen Wahlkreis 2, der die Amtsbezirke Triberg, Villingen, Donaueschingen, Bonndorf und Engen umfasste, im Reichstag (1875 – 1884). Dorthin wurde er vier Mal gewählt, 1875, 1877, 1878 und 1881. Der folgende Aufsatz unternimmt es, den Bahnbauer und den Abgeordneten im Zusammenhang zu betrachten. Dabei wird als gemeinsamer Nenner seiner beiden Tätigkeitsfelder das Bestreben zutage treten, die Schwarzwald-Baar-Region, Baden und Deutschland wirtschaftlich voran zu bringen.

Gerwig stammte aus Karlsruhe. Nach seinem Ingenieursexamen an der Polytechnischen Schule seiner Heimatstadt, der späteren Technischen Universität, trat er in den Dienst der Oberdirektion für Wasser- und Straßenbau ein und war als badischer Beamter sein ganzes Berufsleben lang mit dem Bau von Eisenbahnen und Straßen befasst. 1841 – 1844 finden wir ihn bei verschiedenen Dienststellen im Mittelabschnitt der Rheintalstrecke Mannheim – Basel. Auch als Direktor der Uhrmacherschule Furtwangen 1850 – 1857 blieb er für die Oberdirektion tätig und entwarf z.B. die Albtalstraße von Albbruck nach St. Blasien (ab 1853), die Verbindung Obersimonswald– Furtwangen (1855 – 1857) und den Reichenaudamm (1856 – 1858). 1859 plante er die Rheinbrücke zwischen Waldshut und Koblenz im Aargau, 1860 – 1863 die Fortsetzung der Hochrheinbahn von Waldshut nach Konstanz. Zugleich entstand 1859 – 1863 unter seiner Leitung die Straße von Vöhrenbach über die Friedrichshöhe nach Villingen. Als sein Hauptwerk gelten Planung und Bau der Schwarzwaldbahn 1863 – 1872. Zur offiziellen Eröffnung der durchgehenden Verbindung 1873 konnte er nicht anreisen, da er 1872 – 1875 als leitender Ingenieur zur Gotthardbahn beurlaubt und dort unabkömmlich war. 1 1875 kehrte er als Vorstand der technischen Abteilung der Generaldirektion der Staatseisenbahnen in den badischen Staatsdienst zurück. Sein letztes Projekt war die Höllentalbahn 1884 – 1887, deren Vollendung er nicht mehr erlebte.

Die Infrastrukturmaßnahmen, für die Gerwig verantwortlich war, fügen sich in ein Gesamtkonzept ein. In England wurden die Eisenbahnen entlang schon bestehender großer Verkehrswege gebaut. In Deutschland dagegen waren sie ein Mittel, Handel, Industrie und Verkehr überhaupt erst hervorzubringen. Deshalb betrachteten die liberalen Verwaltungen der Einzelstaaten den Bahnbau neben der Zoll- und der Bildungspolitik als zentrale Maßnahme zur Belebung der Wirtschaft. Das war auch durch die Förderung und Kontrolle von Privatbahnen zu erreichen, aber erst wenn der Staat selber die Bahnen baute, konnten Gemeinwohl und die Hebung des Lebensstandards in allen Landesteilen Vorrang vor privaten Profitinteressen gewinnen: Nur der Staat war bereit, notwendige, aber unrentable Strecken zu bauen, die dann aus den rentablen subventioniert wurden. 2 Baden im Allgemeinen und die Schwarzwaldbahn im Besonderen bieten für diese These reichlich Anschauungsmaterial.

Waren die meisten Bahnen in Deutschland bis zur Reichsgründung Privatbahnen, so hatte der badische Landtag schon 1838 beschlossen, die Eisenbahn gänzlich als Staatsbahn zu betreiben. Ihr Ausbau, an dem Gerwig fast von Anfang an beteiligt war, folgte einer klaren Systematik: Zuerst wurde das Großherzogtum von Nord nach Süd durch die Hauptbahn Mannheim – Basel erschlossen (1840 – 1855), dann „Unter-“ und „Oberland“ durch Odenwaldbahn (1862 – 1866), Hochrheinbahn (1855 – 1863) und Schwarzwaldbahn (1865 – 1873). Alle diese Strecken führten durch mehr oder weniger strukturschwache Gebiete, die wirtschaftliche Impulse durch den Bahnbau gut gebrauchen konnten. Überdies ist die Schwarzwaldbahn auch eine ausgesprochen politische Verbindung und zeigt, was „Partikularismus der Schiene“ bedeutet. Letztlich ist sie in Verlauf und Ausstattung nur aus den badischen Grenzlinien und der Absicht zu erklären, die unterschiedlichen Gegenden des Großherzogtums enger mit einander zu verbinden und dadurch zu fördern.

Das südwest-deutsche Eisenbahnnetz vor dem Bau der Schwarzwaldbahn, um 1865.

 

Eine Versammlung von Interessenten in Villingen brachte solche Überlegungen schon 1844 in einer Petition an Regierung und Kammern auf den Punkt und legte dar, „dass das badische Oberland in Gefahr sei, durch Württemberg und die Schweiz umgangen zu werden, wenn es nicht auch das neue Verkehrs-mittel erhielte.“ 3 Und eine Petition aus Donaueschingen von 1846 befürchtete gar, dass, wenn die erbetene Schwarzwaldbahn nicht bald gebaut würde, „das ganze Oberland von Offenburg durch das Kinzigtal bis nach Konstanz unrettbar verloren“ sei. 4 Hätte es die damaligen Ländergrenzen nicht gegeben, wären Konstanz, Singen oder Villingen wohl kaum quer durch den Schwarzwald hindurch auf Offenburg und die Hauptstadt Karlsruhe hin, sondern den Neckar hinab Richtung Stuttgart oder die Donau hinab Richtung Ulm an die Hauptverkehrsströme angebunden worden.

Notiz im „Schwarzwälder“, 14. Dezember 1875, S. 2.

 

 

Und wenn doch eine Schwarzwaldbahn, dann wäre sie über Schramberg, also einen Zipfel von Württemberg, und nicht über Triberg geführt und nicht so aufwändig als Hauptbahn mit einer Trasse für zwei Gleise und geringen Steigungen gebaut worden, wie Gerwig es dann getan hat.

Als Robert Gerwig seine Reichstagskarriere begann, kam ihm zugute, dass er sich „nicht nur in Baden, sondern in ganz Europa durch seine großartigen Leistungen einen hohen Ruf erworben“ hatte. 5 Am 5. November 1875 war der bekannte Staatsrechtslehrer Robert v. Mohl, der den badischen Wahlkreis 2 im Reichstag vertreten hatte, gestorben. Die Nationalliberalen mussten eine Persönlichkeit von ähnlichem Format in die Ersatzwahl schicken, und wer konnte da aussichtsreicher antreten als der politisch gemäßigte Gerwig, der die Region erst zwei Jahre zuvor mit einer grandiosen Bahnlinie an Nation und Welt angeschlossen hatte? Trotzdem erstaunt, dass angesichts des politischen Klimas und der Konf likte der 70er Jahre ein katholisch geprägter Wahlkreis wie Donaueschingen-Villingen mitten im Kulturkampf nationalliberalen Kandidaten, also ideologischen Gegnern des Katholizismus, zuneigte. Ebendies aber war im Südwesten die Regel: In Baden, obwohl zu zwei Dritteln katholisch, war der Liberalismus während der zweiten Jahrhunderthälfte die tonangebende politische Kraft – „gut badisch sein heißt liberal sein.“ 6 Die Grundlage dafür bildeten die Netzwerke der städtischen Honoratioren, die über die Presse die öffentliche Meinung beherrschten.

Zwar führten die Kulturkämpfe der 60er und 70er Jahre auch hier zu einem Aufschwung der Katholischen Volkspartei (ab 1888 Zentrum), die Liberalen konnten ihre Vorherrschaft jedoch behaupten. Eine ihrer Hochburgen war Donaueschingen mit dem zweitgrößten nationalliberalen Bezirksverein im ganzen Land, 7 aber auch in Villingen standen Liberale als Bürgermeister an der Spitze. Eine führende Persönlichkeit der badischen Nationalliberalen war der Donaueschinger Hofapotheker Ludwig Kirsner (1810 – 1876). Er war Landtagsabgeordneter und Präsident der Zweiten Kammer und vertrat seinen Heimatwahlkreises 1871 – 1874 auch im Reichstag. Er war es, der Ende 1875 die Fäden zog: Gerwig werde in Privatgesprächen und Lokalblättern in seltener Übereinstimmung genannt, daher erlaube er sich, ihn öffentlich vorzuschlagen, schreibt er am 17. Dezember im „Schwarzwälder“. Als Gegenkandidaten brachte die ultramontane „Freie Stimme“ in Radolfzell den Stiftungsverwalter Carl Edelmann aus Konstanz in Stellung. Bis zur Wahl am 30. Dezember war die Atmosphäre wenig weihnachtlich, vielmehr aufgeladen mit kulturkämpferischer Gehässigkeit: Edelmann stifte konfessionellen Unfrieden und sei bisher im Bezirk eine Null gewesen; wer nicht in die finstere feudale Zeit zurück wolle, „wo an der Stelle des Rechts und der Freiheit bodenlose Willkür und Gewalt herrschten“, könne seine Stimme nur Gerwig geben. 8 Der „Schwarzwälder“, immerhin das Amtsblatt für Donaueschingen-Triberg-Villingen, zeigt sich in diesen Wochen unverhohlen als Parteiorgan der Nationalliberalen. Ihre Meinungsführerschaft dürfte die Wahl entschieden haben, eine entsprechende katholische Presse gab es auf der Baar und im Schwarzwald noch nicht, das „Villinger Volksblatt“ trat erst in den 80er Jahren in Erscheinung. Was bei nüchternerer Betrachtung für Gerwig sprach, brachte der Furtwanger Gemeinderat in einer Wahlempfehlung auf den Punkt: Alle anderen Rücksichten müssten zur Seite treten, alle politischen Fragen außer Acht gelassen werden, es gehe ausschließlich um die industriellen Interessen der Region, und die seien bei Gerwig in den allerbesten Händen. 9 Gerwig gewann im Wahlkreis mit 69,1 % der abgegeben Stimmen, im Amtsbezirk Villingen erzielte er mit fast 80 % sogar sein bestes Ergebnis. Edelmann konnte nur in Gegenden abseits der Schwarzwaldbahn wie Bonndorf, Furtwangen und „Hintervillingen“ einen Achtungserfolg erzielen. Angesichts einer Wahlbeteiligung von 62 % hat Gerwig allerdings nirgendwo mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten für sich mobilisiert. In den folgenden Wahlen nahm sein Stimmenanteil stetig ab: 1877 erhielt er im Wahlkreis 68,46 %, 1878 63,33 %, 1881 53,42 %; 10 im Amtsbezirk Villingen erlebte er 1878 mit nur noch 55,8 % sogar einen regelrechten Einbruch. Da er selber als Person hoch geachtet war, spiegelt sich in dieser Entwicklung der allgemeine Niedergang des Nationalliberalismus im Zeichen von Sozialistengesetz und Schutzzöllen wider.

Im Reichstag ergriff Gerwig das Wort zu Themen, bei denen er sich auskannte. Mehrfach sprach er zum Vorhaben der Rheinkorrektion, noch häufiger freilich meldete er sich in Fragen des Eisenbahnwesens zu Wort. Stets befasst er sich mit Finanzierung, Beamtenstellen und Tarifen; seine Redebeiträge sind sachorientiert und detailreich, nur selten hören wir bei ihm grundsätzliche Positionen heraus. So lässt er seine Auffassung über den technischen Fortschritt und die Rolle des Staates in der Wirtschaft erkennen, als er sich am 29. April 1879 für den Ausbau der Telegrafie einsetzt: Die Wissenschaft habe glänzende Fortschritte gemacht, in Zukunft werde man nur noch unterirdische Telegrafenlinien anlegen, „und Sie wissen ja, dass andere Staaten dem vorleuchtenden Beispiel von Deutschland folgen werden.“ Gleichzeitig beklagt er mangelnden Einsatz für Zukunftsaufgaben:

Plötzlich läßt der Staat die Flügel hängen, er will keine Eisenbahnen, keine Kanäle, keine Straßen mehr bauen, er will keine Telegraphenlinien mehr anlegen, man sagt immer, wir müssen nur sparen. Aber, meine Herren, wenn wirklich Noth im Volke ist, wenn es an Arbeit fehlt, wer ist denn als der erste berufen zu helfen? Das ist der Staat, er muß, so weit es irgend zulässig erscheint, dafür eintreten, dass durch öffentliche Arbeiten Beschäftigung gegeben wird. 11

Man fühlt sich bei diesen Worten an einen Keynesianer des 20. Jahrhunderts erinnert, der durch staatliche Eingriffe die Konjunktur ankurbeln will. Wenig liberal klingt es auch, wenn Gerwig am 1. Juli 1879 Schutzzölle auf Strohbänder für die Strohhutproduktion fordert: Die Freigabe der Zölle habe „zum Verfall dieser achtbaren Beschäftigung von weiblichen Personen in den Bergdistrikten“ beigetragen, aber auch die inzwischen aufgetretene Konkurrenz aus China.

Stimmanteile für Gerwig (Nationalliberale Partei) und Edelmann / Distel (Katholische Volkspartei) im Amtsbezirk Villingen.

 

 

In China werden auch durch Personen der niederen Klasse, die man wohl unter den Namen Kulis zusammenfassen darf, Strohbänder gemacht. Dass diese dort nicht theuer zu stehen kommen, dass sie über England zu uns in kolossaler Masse hereingeführt werden, dass manche Strohhutfabrikanten lieber diese wohlfeilen chinesischen Gef lechte kaufen, wenn sie auch damit die inländische Industrie unterdrücken, das ist etwas thatsächliches. 12

Robert Gerwig als Reichstagsabgeordneter; (Nachlass Julius Hölder, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Q 1 / 37).

 

Man sieht, dass die Politik schon vor über hundert Jahren durch die Folgen der Globalisierung gefordert war. Um die Menschen, die sie vertraten, vor Härten zu schützen, waren zunehmend auch Liberale bereit, von Grundsätzen wie Freihandel und laissez-faire abzurücken. Gerwigs Redebeiträge machen deutlich, dass er die Erwartungen, er werde sich im Reichstag für die industriellen Interessen seines Wahlkreises und des Landes einsetzen, in diesem Sinne zu erfüllen suchte. Darauf konnte er verweisen und für seine Tätigkeit Rechenschaft ablegen, wenn er den Wahlkreis besuchte. Das tat er in der Regel vor Wahlen. Im Januar 1877 kam er nach Triberg und Engen, 1878 nach Bonndorf. Am 16. Oktober 1881 sprach er in der Restauration „Leitz“ in Villingen. Dank der Presseberichte wird hier sein politisches Programm in Grundzügen greif bar. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen stellt er sich hinter Rudolf v. Bennigsen – den nationalliberalen Parteiführer, der eng mit Bismarck zusammengearbeitet hatte und das selbst noch über die Wende von 1878 / 79 zu einer konservativen Innen-, Wirtschafts- und Gesellschaftpolitik hinaus versuchte. Gerwigs Leitziele sind, klassisch nationalliberal, die Größe des deutschen Vaterlands und ein gesunder, blühender Bürgerstand mit konstitutionellen Rechten. Dazu könnten auch Zölle beitragen; er frage immer, ob sie dem großen Ganzen oder einzelnen Industrien förderlich seien, und hole dazu auch die Meinung von Experten ein. Daher habe er Zölle auf ausländische Uhren mit veranlasst, bei den Strohf lechtwaren sei er leider nicht durchgedrungen. Die Gewerbefreiheit müsse für alle Segen bringen, auch der Arme habe heute seine gerechten Ansprüche. Daher befürworte er die „Nothwendigkeit und Nützlichkeit eines Unfallversicherungsgesetzes“. Hier zeigt sich wieder, was auch schon in den Reichstagsreden deutlich wurde: Gerwig leitet seine Entscheidungen weniger von liberalen Prinzipien ab, sondern beurteilt den Einzelfall nach praktischer Notwendigkeit aus der Sicht der Betroffenen und ist dabei grundsätzlich geneigt, der Linie des Reichskanzlers zu folgen. Bennigsen, Schutzzölle, Unfallversicherung – mit diesen programmatischen Positionen erweist er sich als Nationalliberaler des rechten Flügels, der zu weit reichenden Zugeständnissen an konservative und interventionsstaatliche Zeitströmungen bereit ist. Bemerkenswert sind seine Aussagen zur Religion: Sie sei die beste Trösterin des Menschen im Leid, daher seien Gottesfurcht und Frömmigkeit hohe Güter.

Wahlaufruf für Gerwig 1881 („Der Schwarzwälder“ No. 127, 27. Oktober 1881, S. 1).

 

In deren Pf lege sollten die einzelnen Konfessionen nicht gehindert seit Ende der 70er Jahre sein neues großes Thema. Dabei war der bekannte rheinische Zentrumsabgeordnete August Reichensperger der Gegenspieler, an dem er sich immer wieder abarbeitete ungewöhnlich für den sonst so sachlichen Gerwig. Reichensperger war ein leidenschaftlicher Verfechter der Gotik und wollte auch für das neue Parlamentsgebäude werden – soweit sie nicht in das Rechtsgebiet des Staates eingreifen. Im Übrigen vermöge er nicht zu erkennen, „dass der jetzige Staat eine oder die andere Konfession auf deren Gebiet hindere“, wie von gewisser Seite behauptet werde. 13 Dass Gerwig das Thema auf diese Weise aufgreift, zeigt das Bemühen, nach dem Abf lauen des Kulturkampfes die Schärfe der Auseinandersetzung zu mildern und Wähler aus den konfessionellen Milieus bei sich zu halten. Der Wahlaufruf, der kurz darauf im „Schwarzwälder“ erschien, spricht allerdings wieder die alte Sprache der Verunglimpfung und der Ausgrenzung.

Im Bau eines Reichstagsgebäudes fand Gerwig einen gotischen Entwurf. Gerwig dagegen und mit ihm die überwiegende Mehrheit der Abgeordneten befürworteten einen Bau im Stil der gegenwärtigen Zeit – und das hieß: im Stil der italienischen Renaissance, der Herrschaftsarchitektur des Kaiserreichs. Ihrer Formensprache wurde die Kraft und Vornehmheit zugeschrieben, die Macht des Deutschen Reiches zum Ausdruck zu bringen. 14 Gerwigs Debattenbeiträge zeigen ein Pathos, das sonst beim ihm, der sich meist mit Zahlen und Regelungen befasste und sich einmal als „Techniker“ charakterisierte, nicht zu finden ist.

Der ursprüngliche Entwurf Paul Wallots für das Reichstagsgebäude (1882).

 

So sagte er in der Sitzung vom 26. Juni 1879, er freue sich, „dass heute noch ein Strahl der nationalen Begeisterung, welche seiner Zeit in diesem Hause herrschte, als man sich für ein monumentales, der deutschen Nation würdiges Haus aussprach, zu uns hereindringt.“ 15 Am 9. Juni 1883 hatte der Reichstag über den Entwurf des Architekten Paul Wallot zu entscheiden, der einen gewaltigen Renaissancebau vorsah; eine Jury, der auch Gerwig angehörte, hatte ihm den ersten Preis zuerkannt. Gerwig setzte sich gegenüber Reichensperger nochmals ausführlich für diese Lösung ein und schloss seine Rede mit der Vision, es werde „ein hoher Festtag für alle deutschen Stammesgenossen, für alle, die unter diesem Zeichen geeint sind, sein, wenn zum ersten Mal eingetreten wird in diese Hallen; es wird dann das hoch über der Kuppel wehende schwarz- weiß-rothe Banner uns alle mit Stolz erfüllen.“ 16

Durch solche Reden im Parlament und durch seine Tätigkeit in der Baukommission hat Gerwig entscheidend dazu beigetragen, dass das neue Reichstagsgebäude ab 1884 nach dem Wallot- Entwurf verwirklicht worden ist. Robert Gerwigs Reden im Reichstag kennzeichnen ihn einerseits als pragmatischen, an sachlichen Notwendigkeiten orientierten Abgeordneten. Seine Anliegen waren die R heinkorrektion, die Finanzierung der Gotthardbahn, die Frachttarife für Weißblech und die Kuppel über dem Reichstag. Dennoch wäre es verfehlt, ihn unpolitisch zu nennen. So wie er sich für die Renaissance als den off iziellen Baustil einsetzte, weil sie modisch und imposant war, so war er auch ein Anhänger der bestehenden Herrschaftsordnung mit ihrer siegesdeutschen Selbstdarstellung. Im Kaiserreich waren für ihn wie für zahlreiche Zeitgenossen die politischen Hoffnungen der zurückliegenden Jahrzehnte auf Einheit und Mitbestimmung verwirklicht. Sich für mehr Rechte für die Volksvertreter unter der Reichstagskuppel einzusetzen, sah er keine Veranlassung. Er richtete sich im Gehäuse des Konstitutionalismus ein und wusste die Möglichkeiten, die dieser trotz aller Beschränkungen bot, wirksam zu nutzen. Ihm ging es im Rahmen eines funktionierenden und starken Staats um die Verbesserung der materiellen Verhältnisse – als Bahnbauer ebenso wie als Parlamentarier.

Anmerkungen

1 Vgl. Wolfgang A. Winkler, Karl Volk: Robert Gerwig. Schwarzwaldbahn, Uhrmacherschule oder Straßenbau – ein genialer Ingenieur erschließt und fördert den Schwarzwald-Baar-Kreis, in: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis (Hrsg.): Almanach 2011. Jahrbuch des Schwarzwald-Baar-Kreises 35, 2011, S. 179.

2 Vgl. Franz Schnabel, Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Band 6: Die moderne Technik und die deutsche Industrie, Freiburg 1965, S. 180.

3 Karl Müller: Die badischen Eisenbahnen in historischstatistischer Darstellung. Ein Beitrag zu Geschichte des Eisenbahnwesens, Heidelberg 1904, PDF-Ausgabe: http://www.digitalis.unikoeln.de/Mueller/mueller_index.html, S. 103.

4 Albert Kuntzemüller: Fünfzig Jahre Schwarzwaldbahn. Ein Beitrag zur Verkehrsgeschichte Südwestdeutschland, Sonderdruck aus „Archiv für Eisenbahnwesen“ 1923, Triberg o.J., S. 4.

5 Der Schwarzwälder No. 4, 6. Januar 1877, S. 2.

6 Vgl. Ulrich Tjaden: Liberalismus im katholischen Baden. Geschichte, Organisation und Struktur der Nationalliberalen Partei Badens 1869–1893, Diss. Freiburg, 2002, S. 8f.

7 Vgl. ebd., S. 256.

8 „Der Schwarzwälder“ No. 294, 29. Dezember 1875, S. 2 (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen, Film Nr. 38).

9 Vgl. Personalakte Robert Gerwigs, Generallandesarchiv Karlsruhe, 76, No. 2757, Bl. 117.

10 Vgl. ParlamentarierPortal des Zentrums für Historische Sozialforschung Köln, http://biosop.zhsf.unikoeln.de/Parlamentarier-Portal/biorabkr_db/biorabkr_db.php (Aufruf 19. 2. 2013). Diedort angegebene Zahl für 1875 (64,05%) ist nach der Zahlenangabe im „Schwarzwälder“ No. 2 vom 4. Januar 1876, S. 1, korrigiert.

11 http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k4_bsb00018399_00611.html (Aufruf 19. 2. 2013).

12 http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k4_bsb00018402_00260.html (Aufruf 19. 2. 2013).

13 Der Schwarzwälder No. 123, 18. Oktober 1881, S. 2, und No. 125, 22. Oktober 1881, S. 2.

14 Vgl. Harold Hammer-Schenk: Architektur und Nationalbewusstsein, in: Funkkolleg Kunst, Studienbegleitbrief 9, Weinheim und Basel 1985, S. 39.

15 http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k4_bsb00018402_00169.html (Aufruf 21. 2. 2013).

16 http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k5_bsb00018441_00634.html (Aufruf 21. 2. 2013).