Abt Cölestin und das Schultheater (Michael Tocha)


Nachrichten aus dem Gymnasium der Benediktiner zu Villingen (1)

Das Gymnasium der Villinger Benediktiner wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gegründet und entwickelte sich nach der Zusammenlegung mit dem Gymnasium der Franziskaner 1774 zu einer Schule mit Ausstrahlung weit über die Stadt hinaus.

Vieles ist erforscht, manches liegt noch im Dunkeln. Um an die bedeutendste Bildungsstätte des alten Villingen zu erinnern, sollen in diesem und in folgenden Jahresheften in loser Folge Streiflichter und Momentaufnahmen aus ihrer Geschichte dargeboten werden.

Der Abt des „Gotteshauses“ St. Georgen zu Villingen stand unter Druck. Ihn beschäftigte die neue einheitliche Ordnung für die höheren Schulen, die die staatliche Obrigkeit in Wien

1764 erlassen hatte. Der Villinger Magistrat hatte ihn am 2. Mai im Auftrag der vorderösterreichischen Regierung in Freiburg von dieser „Instructio pro scholis humanioribus“ in Kenntnis gesetzt.1

Sie brachte zahlreiche Veränderungen mit sich: neue Bücher mussten beschafft, der Fächerkanon erweitert, das Prüfungswesen ausgebaut werden. Fraglich war, ob er die Schulleitung behalten und weiterhin Mönche als Professoren würde einsetzen können. Eine einschneidende Änderung betraf das Schultheater: „Gegen Ende des Jahres werden alle Komödien und Schauspiele verbannt sein. An ihre Stelle aber werden eine Rede über ein nützliches Thema und Gedichte von den Studenten der Rhetorik und Poesie gelesen werden.“2 Der Magistrat hatte auch den Auftrag, auf die Umsetzung der neuen Ordnung „ein wachtsames Aug zu haben“.3

Das konnte Reibereien mit sich bringen, auch weil die Sympathien der Amtsträger eher den konkurrierenden Franziskanern und ihrer Schule als den Benediktinern galten. Um Stellung und Entwicklungsmöglichkeiten seines Klostergymnasiums zu bewahren, musste Abt Cölestin etwas tun.

Cölestin Wahl, Abt des Villinger Benediktinerklosters 1757 – 1778.

 

Im April 1765 griff er zur Feder und schrieb einen Brief an den „hochwohlgebohrenen, gnädigen Herrn“ Regierungspräsidenten Anton von Sumerau in Freiburg.4 Er betont darin, er habe in seinem Gymnasio die neuen Anordnungen bereits „mit tiefschuldigster Submission“ (Ehrerbietung, Unterwürfigkeit) erfüllt. Er bat darum, ihm um des Wohls der studierenden Jugend willen die Schulleitung wie bisher zu belassen; darüber werde er gewissenhaft Rechenschaft abstatten. Auch bat er um freie Hand bei der Bestellung der Professoren. Im Hinblick auf die Abschaffung der „Endts- Comoedien“ zeigt er sich nicht nur verständnisvoll, sondern geradezu erleichtert. Worum ging es? Endskomödien waren große Theateraufführungen am Ende eines Schuljahres im Herbst. Die Stücke wurden oft von Patres geschrieben, alle Schüler waren als Schauspieler oder Statisten beteiligt. Das war immer ein Ereignis, tagelang strömten die Menschen zusammen, um dem Spektakel beizuwohnen. Verständlich, dass dadurch Kräfte des Klosters und der vergleichsweise kleinen Schule aufs Äußerste angespannt wurden. In seinem Brief spricht der Abt von einem großen Zeitaufwand für Professoren wie Schüler sowie von Massen von Kostümen und Dekorationen, die zu beschaffen seien. Vor allem aber kämen Scharen von Gästen aus der ganzen Nachbarschaft, er habe beim letzten Mal „in 2 Tägen über 170 Personen bewürthen müßen“ – von den Nachteilen für die klösterliche Ruhe und Disziplin gar nicht zu reden. Daher empfinde er die befohlene Abstellung der Endskomödien als eine Gnade. Er kündigte an, er werde sie ohne Schaden für die Bildung der Schüler durch kleinere Theaterdarbietungen ersetzen; in der vergangenen Fastnacht sei dazu der Anfang schon gemacht worden.

Im Ergebnis erwies sich der Brief des Abts als kluger Schachzug. Im Ton ist er maßvoll, ja unterwürfig: Er, der sich wie sein Vorgänger den Titel eines „Reichsprälaten“ zugelegt hatte und damit die österreichische Landeshoheit über sein Kloster infrage stellte, trägt seine Anliegen „unterthänig“ vor. Über die Endskomödien ist entschieden, also stellt er die Vorzüge ihrer Abschaffung heraus – ob aus Überzeugung oder aus Taktik, ist nicht zu ergründen. Dafür liefen die Dinge in den noch offenen Fragen in seinem Sinn. 1766 erließ er eine Disziplinarordnung für seine Schule5 (sie soll uns in der nächsten Folge der „Nachrichten aus dem Gymnasium“ näher beschäftigen) und zeigte damit, wer Herr im Hause war.

„Gehorsam-Ergebenster D(iene)r Coelestinus Abbt“.1774 war er endgültig am Ziel: dank seiner guten Beziehungen nach Freiburg wurde gegen den Willen des Magistrats sein Gymnasium zur alleinigen höheren Schule in Villingen. Das Schultheater hatte dort keine Heimstatt mehr. Erst 1749 hatten die Benediktiner mit dem Neubau ihres Gymnasiums an der Schulgasse einen Theatersaal mit Bühne errichten lassen, denn in der jesuitisch geprägten Pädagogik der Orden war das Theaterspiel unverzichtbar und von herausragender Bedeutung gewesen. Ob die Kulissenbretter, die zur Zeit im Museum ausgestellt werden, von dort stammen? Dafür gibt es Hinweise, aber keine sicheren Erkenntnisse.6 Für wenige Jahre mögen dort noch die bescheideneren Aufführungen stattgefunden haben, von denen Cölestin Wahl in seinem Brief spricht. Dann fielen auch sie dem Nützlichkeitsdenken der Zeit zum Opfer: 1768 wurde das Schuldrama in ganz Österreich verboten. Allerdings waren solche Eingriffe umstritten und nicht leicht durchzusetzen; daher kam es auch in späteren Jahren noch zu gelegentlichen Schultheateraufführungen in Villingen.7

Anmerkungen:

1 Vgl. Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen („Rodersches Repertorium“), Band II: Akten und Bücher. Bearbeitet von Hans-Josef Wollasch, Villingen 1970/1971, Nr. 2535.

2 Zit. n. Reinhold F. Glei, Robert Seidel (Hrsg.): Das lateinische Drama der Frühen Neuzeit. Exemplarische Einsichten in Praxis und Theorie, Tübingen 2008, S. 196, Anm. 34.

3 Generallandesarchiv Karlsruhe (GLAK), Bestand 100: St. Georgen; Kloster, Klosteramt und Gemeinde, Nr. 486.

4 Ebd.

5 Leges scholasticae pro studiosa iuventute in gymnasio Benedictino Villingano, GLAK, Bestand 184: Villingen, Amt und Stadt, Nr. 715 u. 716.

6 Vgl. Ina Sahl: Die Theaterkulissenfunde – ein historischer Kulturkrimi aus Villingen, in: Villingen im Wandel der Zeit, GHV X X XVI/2013, S. 15.

7 Vgl. Christian Roder: Die Franziskaner zu Villingen, in: Freiburger Diözesan-Archiv (FDA) NF. 5, 1904, S. 282 f.