Spurensuche im Museum (Anita Auer)

Detail eines Formschnitts aus der Gartenszene (www.visual- artwork.de).Das Franziskanermuseum in Villingen-Schwenningen gehört zu jenen Museen, die in einer ehemaligen Klosteranlage untergebracht sind. Das kulturgeschichtliche Regionalmuseum stellt zwar keine Mönche aus, doch hat es dieses Jahr ein Thema gewählt, das die eigene institutionelle Vergangenheit betrifft: Beim Umbau eines Villinger Bürgerhauses wurden 175 beidseitig bemalte Bretter in einer Balkendecke entdeckt, die sich als zersägte Kulissen eines klösterlichen Schultheaters entpuppten. Dieser europaweit einzigartige Fund, seine Restaurierung, Einordnung und Deutung wird vom 30. November 2013 bis 23. Februar 2014 als Museumskrimi in einer Sonderausstellung präsentiert. Der Vergleich mit einer Detektivgeschichte liegt deshalb nahe, weil die Vorarbeiten zur Ausstellung dem Alltagsgeschäft eines Kriminalkommissars ähneln, der einen Fall lösen möchte. Hier wie dort gibt es zunächst nur Fragen über Fragen. Da sich das Bürgerhaus genau auf halber Strecke zwischen Benediktiner- und Franziskanerkloster befindet, und beide Klöster Schulen betrieben, ist es noch immer ungewiss, zu welchem der beiden Theater die Kulissen ursprünglich gehörten. In beiden Klöstern übten sich die Schüler im Theaterspiel, um ihre rhetorische Geschicklichkeit zu verbessern und die Lateinkenntnisse zu vertiefen. Aufführungen in lateinischer und deutscher Sprache, letztere für die Eltern, gehörten – wie heute zum Teil auch noch – zum Abschluss jeden Schuljahres. Die Theaterprogramme, so genannte Periochen, und sogar einzelne Stücke haben sich von den Villinger Benediktinern und Franziskanern erhalten. Autoren waren die Patres selbst, die bei der Erfindung der Handlungsstränge Poesie mit religionsphilosophischen Details und katholischer Propaganda verbanden. Die Franziskaner führten zusätzlich vom 16. bis 18. Jahrhundert mithilfe der Bürgerschaft Passionsspiele auf.

 

Mit den Ergebnissen einer bauhistorischen Untersuchung lässt sich jedoch zumindest das Theater der Benediktiner eindeutig lokalisieren. Die heute eingebauten Zwischengeschosse mit Klassenzimmern und Fluren einer Realschule machen es dem Laien ziemlich schwer, sich stattdessen einen hohen Festsaal mit Empore und Bühne vorzustellen. Bei den Franziskanern scheint es sich dagegen um ein Freilichttheater gehandelt zu haben. Hier hat sich für einen Teil des nördlichen Innenhofs die Bezeichnung „Komödiengarten“ erhalten. Allein, wie der Bühnenaufbau und Publikumstribüne ausgesehen haben, ist nicht überliefert, sondern kann nur auf der Basis von Regieanweisungen in etwa rekonstruiert werden.

Die noch unrestaurierten Bretter auf dem Dachboden im Haus der Familie Beitz.

 

 

Nachdem die Bretter gefunden worden waren, lagerten sie zunächst auf dem Dachboden des Hauses. Die Besitzer ahnten, dass es sich um etwas Besonderes handelte und entsorgten sie nicht. Einige Bretter, die eine Stadtansicht ergaben, ließen sie sogar restaurieren und hängten sie als Zimmerschmuck an die Wand. Auf dem Dachboden wurden die restlichen Bretter schließlich von den Museumsmitarbeitern aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt, notgesichert, verpackt und ins Museumsdepot verbracht. Im Hinblick auf eine spätere Ausstellung begann man mit der Restaurierung. Oberflächen wurden gereinigt, Farbschichten fixiert. Für diese arbeits- und daher kostenintensive Prozedur konnten zahlreiche Spenden von der örtlichen Bevölkerung gewonnen werden.

Die Entdecker der Theaterkulissen: das Ehepaar Gabriele und Gerhard Beitz (www.visual-artwork.de).

 

 

Eine ungefähre zeitliche Einordnung der Bretter zwischen etwa 1670 und 1740 ermöglichte die naturwissenschaftliche Methode der Dendrochronologie. Dies ist eine vor ca. 100 Jahren entwickelte Datierungsmethode, bei der die Jahresringe von Bäumen anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten, bekannten Wachstumszeit zugeordnet werden. Zweifel am Alter der Bretter konnten damit endgültig ausgeräumt werden.

Eine über Wochen andauernde Puzzlearbeit stellte die Zuordnung der Kulissenfragmente zu einzelnen Motiven dar. Die beidseitige Bemalung machte dabei das Ganze noch kniffliger. Was zunächst mit Schnipseln auf dem Schreibtisch begann, konnte erst die großräumige Anordnung, sozusagen als „Gulliver-Puzzle“ auf dem Boden des ehemaligen Refektoriums zeigen: Es handelt sich um so genannte Typendekorationen wie Wald, Palastfassade, Stadtarchitektur und Garten, die bei jedem neuen Stück weiter verwendbar waren. Damit erübrigt sich die Frage, welchen Text die Kulissen illustriert haben könnten.

Um den Besuch der Ausstellung genauso spannend zu gestalten wie die „Ermittlungsarbeit“ von Restauratoren und Wissenschaftlern, entschied man sich für eine Umsetzung der Ausstellung als „Museumskrimi“. Der interessierte Ausstellungsbesucher darf nun genauso über den verschiedenen Fragestellungen grübeln wie zuvor die Ausstellungsmacher. Er kann eigene Lösungswege verfolgen und sogar Ideen einbringen. Pinnwände, wie sie die Sokos der Polizei benutzen, strukturieren die einzelnen Abteilungen. Auf ihnen sind alle Spuren und Hinweise aufgeklebt oder angepinnt, die gefunden wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Detail eines Hauses aus der Stadtszene (www.visual-artwork.de).Aus dem wirren Bild einen roten Faden zur Lösung zu finden, gestaltet sich schwierig. Mancher Tipp erweist sich als Irrweg. Die Ausstellung weist eine „Pathologie“ und Räume zur Zeugenbefragung auf. Um dem gemarterten Hirn des Kommissars / Besuchers jedoch auch neue Eindrücke und ein bisschen Erholung zu verschaffen, gibt es eine Bühne mit rekonstruierten Kulissenteilen. Dort können heutige Schülerinnen und Schüler heutige Stücke aufführen, die Spielbarkeit der nachgebauten historischen Objekte überprüfen und kreativ mit dem Thema umgehen. Ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm für unterschiedliche Zielgruppen unter dem Motto „Theater, Träume, Illusionen“ rahmt die Sonderausstellung. Die Kulturinstitutionen von Villingen-Schwenningen – freie und städtische – bieten für jeden Geschmack etwas: ob Stadt- oder Museumsführung, Indoor- oder Outdoorbühne, Theaterstück oder Stegreif, Vortrag, Sommerferienprogramm oder Museumsfest.

Sonderausstellung

„Zersägt. Ein Krimi um barocke Theaterkulissen“ 30. November 2013 bis 23. Februar 2014

Dienstag – Samstag 13.00 – 17.00 Uhr

Sonntag und Feiertag 11.00 – 17.00 Uhr

Franziskanermuseum

Rietgasse 2

78050 Villingen-Schwenningen

Tel. 07721/82 2351

franziskanermuseum@villingen-schwenningen.de

museen.villingen-schwenningen.de

www.facebook.com/museenVS

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Eintrittspreise: 5,00 EUR, ermäßigt 3,00 EUR

Die Sonderausstellung wird von der Baden-Württemberg Stiftung unterstützt und steht unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann.

Das Franziskanermuseum dankt dem Geschichts- und Heimatverein Villingen e.V. für die großzügige Spende von 3.000 Euro für die Restaurierung der Theaterkulissen.