Diener befindet sich z.Zt. im Alten Rathaus (Anita Auer)

Wenn alte Villinger von ihrer Schulzeit erzählen, kann es sein, sie erinnern sich an ein museumspädagogisches Erlebnis besonderer Art: dass sie nämlich beim Besuch des Alten Rathauses zur Veranschaulichung früherer („peinlicher“) Befragungsmethoden auf der Streckbank festgebunden wurden 1. Diese Streckbank stand in der als „Folterkammer“ eingerichteten Arrestzelle von 1731 im 2. Obergeschoss des Alten Rathauses. Sie war Teil eines Arrangements von Folterwerkzeugen, die allesamt Georg Fidel Hirt (1821 – 1889) gesammelt und an die Stadt Villingen verkauft hatte. Er tat dies bereits vor dem offiziellen Gründungsdatum der Städtischen Altertümersammlung, 1876. Seine Sammeltätigkeit war die Urzelle des Villinger Museums.

Die Folterbank ist die Nummer 1 auf einer ersten Liste von Gegenständen, die Hirt dem Gemeinderat im Frühsommer 1870 2 vorlegte, um ihn über den Bestand der bereits vorhandenen „Altertümer“ zu informieren und zum Ankauf weiterer Gegenstände, die er in einer zweiten Liste vorlegte, zu motivieren. In Liste 2 ist auch die „Herstellung“ (im Sinne der „Wiederherstellung“, Restaurierung) der Folterbank durch Hirt erwähnt. Hirts „Auslagen an Schmiedearbeit für Ringe“ (Voraussetzung für die späteren „museumspädagogischen“ Aktivitäten) und seine Mittellosigkeit waren ausschlaggebend dafür, dass sich die Stadt tatsächlich zu einem teilweisen Ankauf durchrang.

Fidel Hirt war Villinger Bürgersohn und Bruder von Fridolin Hirt. Er ging als Uhrmacher und Orchestrionbauer nach Schleswig-Holstein 3, wo er 1847 Anna Maria Wendt heiratete. Gemeinsam hatten sie drei Söhne. Um 1860 kehrte er verarmt in die Heimatstadt zurück. 1865 ist er als „Restaurator“ der ehemaligen Turmuhr des 1847 abgebrochenen Niederen Tores 5 fassbar.

Abb. 1: Anna Maria und Georg Fidel Hirt

 

Die heute im Franziskanermuseum ausgestellte Uhr sollte eigentlich verschrottet werden. Aufgrund von Bürgerprotesten wurde sie jedoch gerettet und von Hirt mit „einem moderneren und genaueren Stiftengang versehen“. Auf diese Art wieder einsatzfähig, zeigte sie im Uhrturm der Metallwarenfabrik Schlosser & Bracher, in der heutigen Großherzog-Karl-Straße, also auf der anderen Seite ihres ursprünglichen Aufstellungsortes, den in die Fabrik strömenden Arbeitern die Zeit an 6.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb. 2: Turmuhr des abgebrochenen Niederen Tores, heute im Franziskanermuseum.

 

Wahrscheinlich wurde diese Restaurierung von Hirt schon in Diensten der Stadt ausgeführt. Die Uhr blieb wie alle Turmuhren – auch nach dem Ortswechsel – Eigentum der Stadt. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, hatte er 1865 eine Stelle als eine Art Amtsdiener bei der Stadt Villingen angenommen. In dieser Funktion bewohnte er zwei Zimmer im Alten Rathaus als Dienstwohnung. Im Alten Rathaus wurden seit jeher Altertümer auf bewahrt. So berichtet der Chronist Valentin Ringlin 1562 darüber, dass das Rad der Radwette 7 nach der Entlohnung des siegreichen Radmachers „noch auf den heutigen Tag allhier auf dem Rathhaus zu sehen“ sei.

Dieses Rad steht auf Liste 1 der Gegenstände, die Hirt angefertigt hat, zusammen mit Fragmenten von Steinskulpturen, die im Lauf der Zeit zu Schaden kamen, denen man aber immerhin so viel Bedeutung beimaß, dass man ihre Köpfe auf bewahrte. Die Köpfe zweier Statuen, Kaisers Ferdinand I. vom Marktbrunnen (1554 abgebrochen) und des Brückenheiligen Johann Nepomuk von der Bickenbrücke (der im 18. Jahrhundert zerstört wurde), finden sich ebenfalls auf Liste 1.

Hirt betätigte sich einerseits als Hüter und Wahrer dieser Altertümer („Konservator“, „Kurator“), andererseits als Restaurator und als Sammler, da er weitere alte Gegenstände aus anderen Gebäuden der Stadt zusammentrug. Neben den Folterwerkzeugen interessierten ihn als Uhrmacher auch Schlüssel und Schlösser. So hat sich ein Kasten mit von ihm gesammelten Schlüsseln, „verschiedene, zu hölzernem Schloss. Sämtlich in Villingen oder Umgebung aufgefunden“ als Inv. Nr. n 123 – 148 8 erhalten. Wie die Köpfe der Steinskulpturen sind sie heute in der Abteilung „Nicht nur Kraut und Rüben“ 9 ausgestellt. Sie gibt einen Überblick über die ersten Objekte, die in die Sammlung kamen. Daher finden sich dort mit Provenienz Fidel Hirt auch Inv. Nr. 98, eine Fußangel, „Spanischer Reuter, aufgefunden in der Umgebung der Stadt“, und Inv. Nr. n 100 – 105, Pfeilspitzen (ebenfalls auf Liste 1), Inv. Nr. 174, ein „Ornament“ (Druckstock für Ledertapeten), Inv. Nr. 556, ein Meerschaumpfeifenkopf, Inv. Nr. 558, ein hölzerner Vogel, Inv. Nr. 586, ein Serpent, Inv. Nr. 587, ein „Curiosum“, nämlich das Vaterunser auf die Fläche eines Kreuzers geschrieben, und Inv. Nr. 1343, eine Uhrenkette aus chinesischen Bambusfasern. Hirt stöberte offensichtlich unermüdlich solche Schätze auf. Dass er sie als solche erkannte und schätzte, setzt Ahnung von den Sammelprinzipien der Museen seiner Zeit voraus. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man seine Herkunft aus einer kunstsinnigen Familie bedenkt.

 

Liste 1 enthält Dinge, die, wie die Überschrift besagt, 1870 bereits der Stadt gehörten, deren Provenienz im Inventar dennoch mit Fidel Hirt angegeben wird. Das bedeutet, dass Fidel Hirt zu den Gegenständen, die bereits da waren und den Grundstock einer Sammlung bildeten, vor 1870 weitere dazugab als Schenkung oder durch Verkauf. Dazu zählt beispielsweise das Serpent, ein schlangenförmig gebogenes Blasinstrument, aber auch die „Hellebarde von Romäus“ 10. Im Altertümerrepertorium heißt es über sie: „War in der früheren Spitalkirche, jetzigen Fruchthalle aufgehängt und soll die Stelle bezeichnet haben wo Romejas begraben“. Das Altertümerrepetorium ist ein erstes Inventar der Altertümersammlung, das neben Angaben zum Erwerb des Objekts auch dessen – zum Teil mündlich tradierte – Geschichte wiedergibt. Es wurde wahrscheinlich von Ferdinand Förderer (1814 – 1889) verfasst. Förderer, Verleger des „Schwarzwälder“, und Pfarrer Johann Nepomuk Oberle (1807 – 1891) gelten offiziell als die Gründerväter der Altertümersammlung und sind in repräsentativen, goldgerahmten Porträts überliefert. Was die „Sage“ um das Grab im Spital angeht, finden sich keine schriftlichen Hinweise darauf, dass der Stadtheld tatsächlich in der Spitalkirche begraben wurde. Ein Kenner und Sammler alter Waffen beurteilt zudem die Romäus-Hellebarde heute als „schlechte Fälschung“ 11. Diese Tatsache lässt Spekulationen zu: Hatte Hirt, den Mangel an Sachzeugen zum Stadthelden im Kopf, selbst für die Sammlung ein Objekt geschaffen, an das man dessen Andenken knüpfen konnte oder war er einfach einer Täuschung aufgesessen?

Ein weiterer Sammlungsgegenstand, den es eigentlich gar nicht gibt, stammt ebenfalls aus der Hand Hirts, „eine Konstruktion der ersten Schwarzwälderuhr“, Inv. Nr. 182 12. Er verkaufte sie für 8 Mark 57 Pfennig an die Stadt. Es handelt sich dabei um den „Nachbau einer eisernen Waaguhr in Rahmenbauweise“ in Holz 13. Vermutlich ist dies einer von mehreren Nachbauten, den die Großherzoglich Badische Uhrmacherschule in Furtwangen 1862 anfertigte. Weitere befinden sich im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen und im Schwarzwaldmuseum in Triberg. 14

Graf / 2013 15 recherchierte, dass – aus Mangel an originalen alten Schwarzwälder Holzuhren – einfach ein Prototyp aus Holz nach dem Vorbild einer frühen Eisenuhr hergestellt wurde – sozusagen interpolierend, um dem touristischen Schaubedürfnis und der Suche nach einem „missing link“ Genüge zu tun. Diese Uhren tragen häufig die fiktive Jahreszahl „1640“ und stellen eine besondere Form der Fälschung dar. Sie sind als eine Art didaktisches Medium entstanden und nicht in der Absicht, einen potentiellen Käufer über ihren wahren Charakter zu täuschen. Während kurz nach ihrem Entstehen in der zeitgenössischen Presse noch von Repliken die Rede ist, gerät im Lauf der Zeit dieses Wissen in Vergessenheit, und der Laie kann heute zwischen Original und Fälschung nicht mehr trennen. Fidel Hirt scheint diese Unterscheidung noch klar gewesen zu sein, sonst hätte er das Objekt nicht als „Konstruktion“ bezeichnet. Fidel Hirt hat noch viele Gegenstände dem Vergessen und Wegwerfen entzogen, besondere Dinge erworben und an die Stadt weiterverkauft.

Abb. 4: „Diener befindet sich z. Zt. im alten Rathaus“: das Emailleschild wies auf den Aufenthaltsort des Museumswächters hin.

 

 

Ihm gebührt das Verdienst, mit seiner Sammeltätigkeit den Grund für die spätere professionalisierte gelegt zu haben. Von ihm stammt auch die Idee, die Städtische Altertümersammlung im Alten Rathaus, im Raum über dem Ratssaal, einzurichten und damit das erste Museum in Villingen zu gründen. Da er unmittelbarer Nachbar, Liebhaber von Altertümern und städtischer     Bediensteter war, lag es nahe, ihn auch zum Museumswärter zu bestellen. Möglicherweise wurden in den Anfängen die Öffnungszeiten noch nicht so konsequent eingehalten, wie man dies heute von einem Museum gewohnt ist. Für diesen Zweck gab es das Emailleschild mit dem Hinweis „Diener befindet sich z.Zt. im alten Rathaus“. 16

 

Anmerkungen:

1 Hansjörg Fehrenbach hatte zum Beispiel dieses zweifelhafte Vergnügen.

2 Annelore Walz: „…unter den kleineren Städten Badens so früh einen so herrlichen Anfang gemacht …“ Die Geschichte der Villinger Altertümersammlung, in: Zwischen Kopf hörer und Trachtenhaube, Bd. 3: Schöne Aussichten – Beiträge zum Tourismus und zur kulturellen Identität in Villingen und Schwenningen, Villingen-Schwenningen 2002, S.22.

3 Die biographischen Angaben verdanke ich Helmut Haas, der ebenfalls aus dieser Familie stammt.

4 Diese Fotografie stellte Gertrud Heinzmann zur Verfügung, die eine Kusine Fidel Hirts war.

5 Befindet sich auf dem Treppenabgang zwischen 1. und 2. OG Franziskaner.

6 Zwischen Kopf hörer und Trachtenhaube, Bd. 1: Schwarzwälder Wertarbeit – Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte in Villingen und Schwenningen, Villingen-Schwenningen 2002, S. 28.

7 Befindet sich heute im 1. OG Franziskaner, Stadtgeschichte bis 1800, Abteilung „Herren und Händler“ (Flur).

8 Die alten Inventarnummern, geben den Museumsbesuchern die Orientierung, wenn sie vor der Vitrine stehen.

9 Franziskaner, EG, Kapitelsaal

10 Ausgestellt im 1. OG Franziskaner, Stadtgeschichte bis 1800, Raum „Stiftung und Spital“

11 Diesen Hinweis verdanke ich Prof. Dr. Klaus Tiedemann.

12 Neu inventarisiert unter Inv. Nr. 10087

13 Graf, Johannes: Jäger des verlorenen Schatzes. Oskar Spiegelhalder und die ältesten Schwarzwalduhren, in: Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie 2013.

14 Vgl. Graf / 2013 a.a.O.

15 Die Untersuchung wurde angeregt durch das von der V W-Stiftung geförderte Forschungsprojekt „Das Unsichtbare und das Sichtbare. Zur musealen Herstellung von Region am Beispiel der Schwarzwaldsammlung Oskar Spiegelhalders“, in dem die TU Dortmund mit dem Franziskanermuseum Villingen-Schwenningen kooperiert.

16 Um Fidel Hirt auch in der Abteilung „Nicht nur Kraut und Rüben“ neben den Honoratioren Förderer und Oberle gegenständlich zu würdigen, könnte ich mir vorstellen, das Emailleschild mit entsprechender Erläuterung in die Ausstellung einzubauen.