Soziales Engagement im 19. und frühen 20. Jahrhundert (Ute Schulze)

– Der Frauenverein Villingen im Spiegel lokaler Quellen

„Der Prozeß der Aneignung der ‚bürgerlichen‘ Organisationsform des Vereins durch Frauen vollzog sich im Laufe des 19. Jahrhunderts großenteils auf dem Terrain der wohltätigen respektive patriotischen Frauenvereine.“ 1 „Der Schritt zur Vereinsgründung und Vereinstätigkeit bedeutete für Frauen die partielle Überwindung der ihnen durch bürgerliche Normen vorgegebenen Schranken und die Mitgestaltung der neuen, bürgerlichen Öffentlichkeit zunächst in reagierender sozialer Tätigkeit, nach einigen Jahren erfolgreicher Vereinsarbeit schließlich auch in der Anmeldung und Durchsetzung eigener Forderungen zur Veränderung der gesellschaftlichen Situation.“ 2

Abb. 1: Großherzogin Luise bei Ihrer Ankunft im Bahnhof Villingen anlässlich der Gewerbeausstellung 1907 (SAVS Best.1.42.3 Foto 492).

Großherzogin Luise gründete 1859 den badischen Frauenverein unter dem Eindruck des italienischen Krieges, da die Befürchtung bestand, dieser könne sich auf das ganze Deutsche Reich ausdehnen. „Der Auf bau eines landesweiten Vereinsnetzes wurde von der staatlichen Verwaltung systematisch vorangetrieben. Der Innenminister forderte die Amtsvorstände und die Pfarrer des Landes nachdrücklich zur aktiven Unterstützung der Frauenvereine auf.“ 3 Bereits seit 1860 bildete der Verein eigene Krankenschwestern aus und wurde damit quasi zu einem Vorläufer des Roten Kreuzes, zu dem er später gehörte. „Der Badische Frauenverein nahm unter den Frauenvereinen vom Roten Kreuz eine Sonderrolle ein, denn er ‚war und blieb die einzige Frauenorganisation, die vom Internationalen Komitee in Genf als nationale Rotkreuzgesellschaft anerkannt worden ist.“ 4

Die Organisation des Villinger Zweigvereins Auf das bereits erwähnte Rundschreiben des Innenministers von 1859 hin luden Stadtpfarrer Kuttruff, Oberamtmann Weiß und Bürgermeister Stern mit Datum vom 16. Juni „die verehrlichen Frauen hiesiger Stadt zur Gründung eines solchen Wohltätigkeitsvereines ein, der durch die Zeitumstände hervorgerufen wird, und werden zu diesem Zwecke auf unseren betreffenden Kanzleien Listen auf legen, in welchen die mündlich vorgebrachten oder schriftlich eingesendeten Beitrittserklärungen eingetragen werden sollen.“ 5 Im Verkündigungsblatt Nr. 34 vom 12.07.1859 machten die drei Herren dann den Termin für die Konstituierung des Villinger Vereins für den folgenden Tag bekannt. Er engagierte sich von Anfang an vor allem in der Kleinkinderbetreuung und Krankenpf lege. Dies waren typische Betätigungsfelder für Frauen im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Im Januar 1883 schloss sich der Verein „unter Wahrung seiner Selbständigkeit dem Badischen Frauenverein an“. 6 Die Satzung hat u. a. folgenden Inhalt. „Der Frauenverein Villingen verfolgt gemeinnützige Zwecke, die sich für Frauenthätigkeit eignen. Als Gegenstände dieser Art betrachtet er insbesondere: 1. den Unterricht in weiblichen Arbeiten, Förderung der Bildung und Erwerbsthätigkeit des weiblichen Geschlechts, 2. Kinderpflege, Fürsorge für Gesundheit und Erziehung von Kindern, 3. Kinderpflege. Der Vorstand (Komitee) bestand aus neun Frauen und einer Kassiererin. Dieses Gremium wurde auf sechs Jahre gewählt. Die Überwachung der Industrie- und Kleinkinderschule durch die Damen des Komitees war auch sonst üblich. Ungewöhnlich ist hingegen, dass das Kassen- und Rechnungswesen auch von einer Frau besorgt werden sollte. Dies änderte sich jedoch auch in Villingen. Die Satzung von 1893 nennt neben den 9 Vorstandsdamen noch einen Beirat (Stadtpfarrer) und einen Rechner. „Schon in den Statuten des Badischen Frauenvereins von 1859 war ein Beirat aus ‚geschäftskundigen Männern‘ zur Unterstützung der einzelnen Frauenkomitees vorgesehen. Seine Aufgabe bestand darin, den Vorstand ‚in allen wichtigen Fragen zu berathen, das Rechnungswesen zu besorgen und die Korrespondenz mit öffentlichen Behörden zu führen.“ 7 Dem Komitee des Vereins gehörten am 25.01.1893 Frau Osiander, Frl. Josefine Wittum, Marie Salzer, Frau Butta, Frau Oberamtmann Otto, Frau [Mina] Neidinger, Frau Ratsschreiber Parthenschlager, Frau Dold und die Witwe Katharina Konstanzer an. 1893 hatten sich auch die Prioritäten verschoben. Nun stand die Krankenpflege an erster Stelle, gefolgt von der Kinderpflege und der Bildung und Fortbildung für Mädchen und Frauen. 8

Der Badische Frauenverein hielt einmal im Jahr eine Landesversammlung ab, jedes Mal an einem anderen Ort, an dem es einen Zweigverein gab.

Am 24. und 25. September 1908 tagte man in Villingen. Zu diesem herausragenden Ereignis kam auch Großherzogin Hilda in die Stadt. Sie wurde am Bahnhof begrüßt und „fuhr sodann bei Böllerschüssen und Glockengeläute“ in die Stadt ein (Villinger Volksblatt, 24.09.1908). Der Zeitung war auch zu entnehmen, dass 62 Vereine vertreten waren (25.09.1908). Die Teilnehmerliste führte 379 Damen und Herren aus ganz Baden auf. 9 Das Villinger Volksblatt vom 25. September berichtet uns außerdem über den Fortgang der Veranstaltung. Nach der Begrüßung trat man mit dem Rechenschaftsbericht des Generalsekretärs Müller in die eigentliche Tagesordnung ein. Die einzelnen Abteilungen – 1. Frauenbildung und Erwerbspflege, 2. Kinderpflege, 3. Ausbildung von Schwestern und Pflegerinnen, 4. Armenpflege und Wohltätigkeit im engeren Sinne, 5. Bekämpfung der Tuberkulose – berichteten über ihre Arbeit. Im Anschluss gab Oberamtmann Arnold einen kurzen Überblick über den Villinger Verein. Mit der Abreise der Großherzogin endete um 18.25 Uhr der offizielle Teil des ersten Tages. Er klang mit einer musikalischen Abendveranstaltung von 20 bis 23 Uhr in der Festhalle aus, an der sich neben Solisten auch die Gesangvereine Sängerbund, Sängerkreis, Männerchor, Eintracht sowie die Stadtmusik beteiligten. 10 Am 26. September setzte sich die Tagung fort, beginnend mit einem umfangreichen Bericht des Generalsekretärs über das Rechnungswesen, gefolgt von einer Besprechung über eine Satzungsänderung. Anschließend sprach man über Veränderungen für den Bezug des Vereinsblattes. Abschließend hielt Medizinalrat Hauser einen Vortrag über Säuglingsfürsorge und das Kindersolbad in Dürrheim. Um 12 Uhr endete die Versammlung in Villingen. Nach dem Mittagessen in der Blume Post fuhren die Delegierten abschließend nach Dürrheim, um das Kindersolbad und andere Einrichtungen zu besichtigen.

1928 wurde beschlossen, den Verein als Zweigverein des Badischen Frauenvereins aufzulösen und ihn als e. V. neu zu gründen. Die neue Satzung, genehmigt in der Generalversammlung vom 8. Dezember 1928, legte u. a. fest:

§ 1 „… Hauptgegenstand seiner Tätigkeit die öffentliche und ambulante Pflege“

§ 6 Der Vorstand besteht u. a. aus: 9-15 Frauen

§ 9 „Die Mitglieder des Vereins haben das Recht, die Schwestern der Krankenpflegestation in Krankheitsfällen auch der Familienmitglieder in Anspruch zu nehmen, sofern nicht der Vorstand in einem Falle anders entscheidet, und zwar unentgeltlich; nur bei Pflegen, welche über 1 Jahr dauern oder besonders schwierig sind, ist der Vorstand des Vereins bei bemittelten Personen berechtigt, eine in einzelnen Fällen durch den Vorstand festzusetzende Gebühr zu erheben.“

§ 10 „Nichtmitglieder des Vereins, welche mit Zustimmung der Präsidentin eine Schwester in Anspruch nehmen, haben für jeden Besuch RM 0.50, für jede Nachtwache 3.- an die Vereinskasse zu entrichten.“

Der Vorstand bestand aus der Präsidentin Marta Gremmelspacher sowie Berta Weißhaar, Maria Butta, Maria Scherer, Maria Cammerer, Maria Dold, Maria K. Wiebelt, Frida Butz, Katharina Hämmel, Luise Schönstein und Hedwig Bergold. Beirat war Dekan W. Kling und Kassierer Buchhändler F. K. Wiebelt. Der Eintrag ins Vereinsregister des Amtsgerichts erfolgte am 7. Januar 1929. 11

Leider sind die Protokollbücher des Vereins nicht mehr erhalten. Sie hätten sicher viel Interessantes aus dem Vereinsleben berichtet.

Die Kleinkinderschule

Bereits im Januar 1859 beantragte die Witwe Elise Schilling die Genehmigung zur Einrichtung einer Kleinkinderbewahranstalt. 12 Diese Institution sei notwendig, „da der größte Theil der Einwohner mit Feldbau beschäftigt u. dadurch gezwungen ist, die Kinder sich selbst oder wieder größeren Kindern zu überlassen, wodurch Letzteren ihr Schulbesuch oft Noth leidet.“ Elise Schilling fügte ihrem Antrag auch eine Satzung mit 11 Punkten bei, die den Betrieb der geplanten Anstalt regelten: Sie sollte den Eltern, die ihre Kinder nicht selbst beaufsichtigen konnten, entlasten und den älteren Kindern einen geregelten Schulbesuch gewährleisten. Die betreuten Kinder sollten körperlich und geistig gefördert werden vor allem in religiös-sittlicher Weise und sie sollten zu Ordnung, Reinlichkeit und Gehorsam angeleitet werden. Die „Aufseherin (Lehrerin)“ sollte die Kinder ununterbrochen beaufsichtigen. Diese „werden ferner angemessen unterhalten u. beschäftigt, namentlich wird ihnen ein Unterricht erteilt, der ihren Bedürfnissen entspricht. Zählen, Gesänge, Gedächtnißübungen, Erlernung passender Sprüche u. kleiner Gebete werden besonders berücksichtigt.“ Die Statuten sahen vor, dass die Kinder bei ihren Eltern zu Mittag aßen, „jedoch können auch hier Ausnahmen stattfinden, insofern sich die Eltern mit der Lehrerin hierüber besprechen. Im Sommer wird so gut wie möglich darauf getrachtet, die Kinder im Freien an einen schattigen Plaze (sic!) zu leiten.

Kinder für welche die Aufnahme nachgesucht wird, werden nur dann angenommen, wenn sie nicht weniger als zwei Jahre u. nicht mehr als sechs Jahre alt sind; sie müssen ferner mit Erfolg geimpft, hautrein, überhaupt gesund sein u. frei gehen können.“ Etwaige Unterstützungen sollten die jeweiligen Eltern beim Gemeinderat beantragen. Die Zöglinge sollten stets pünktlich am Morgen gebracht werden und dabei „reinlich gekleidet, gewaschen, gekämmt, auch mit einem Nastuch versehen“ sein. Jedem Kinde sollte „ein Stückchen Brod zum Essen um 10 Uhr u. ein Stückchen zum Essen um 4 Uhr mitgegeben werden.“ Frau Schilling war bereit die Leitung zu übernehmen. Am 20. Januar 1859 lehnte der Gemeinderat ihr Ansinnen jedoch ab, da kein geeigneter Raum zur Verfügung stand. 1859 trat die Kleinkinderbewahranstalt dann doch ins Leben. Die Stadt förderte sie „zur Probe“ mit einem Hauszins von fünf Gulden und zwei Klaftern Holz. Diese Unterstützung verlängerte man jedoch ein Jahr später nicht, da der „beabsichtigte Zweck nicht erfüllt wurde.“

Erst am 29. Juni 1870 erfolgte ein erneuter Anlauf, diesmal durch den Frauenverein. Dieser stellte den Antrag an den Gemeinderat, eine dringend nötige Kleinkinderschule für Kinder zwischen zwei und sechs Jahren zu errichten, und bat deshalb darum, einen Raum zur Verfügung zu stellen oder finanzielle Unterstützung, da die Vereinsmittel nicht ausreichten. Der Gemeinderat beauftragte daraufhin seine Mitglieder Stocker und Kölreuter, sich mit dem Frauenverein in Verbindung zu setzen.

 

Dies scheint nicht passiert zu sein, da die Damen am 18. Januar 1871 erneut schrieben an den Rat und zwar, dass sie auf ihre Eingabe keine Antwort erhalten hatten. Stocker und Kölreuter reagierten am 30. Januar. Zunächst verwiesen sie darauf, dass der Kriegsbeginn am 19. Juli des Vorjahres die Angelegenheit in den Hintergrund treten ließ. Auch sei „die Vorsteherin des Frauenvereins seit 6 Monaten mit Verpflegungsgeschäften überhäuft“ gewesen und habe „darum wohl auch für die Errichtung einer Kleinkinderschule keine Zeit gehabt“. Die beiden Herren schlugen Räume im alten Gymnasium vor, die zwar nicht so gut geeignet waren, aber vorübergehend genutzt werden konnten.

Abb. 2: Das alte Gymnasium in der Schulgasse, Anfang 20. Jh. (SAVS Best. 5.22 VL 95-959).

 

 

Als Spielplatz nannten sie einen Rasenplatz vor dem Oberen Tor „gegenüber der Anlage hinter dem Kienzlerschen Haus“. Hier böten Bäume im Sommer Schatten, allerdings müsste noch eine Umzäunung geschaffen werden. Am 2. März 1872 genehmigte der Gemeinderat vom Frauenverein gewünschte Umbauten und Einrichtungsgegenstände: einen irdenen statt des eisernen Ofens, „etwa 10 kleine Schulbänke nach einem noch zu vereinbarenden Muster“, einen Tisch und zwei Stühle, „einen Schrank zur Auf bewahrung der Requisiten“ und „einen Rechen zum Auf hängen von Kleidungsstücken“. Der Frauenverein wollte die Lehrerin finanzieren, um v.a. ärmeren Einwohnern nur kleinere Beiträge abfordern zu müssen.

Aus einem Schreiben des Frauenvereins vom 3. Juli 1872 erfahren wir, dass der Spielplatz auch von größeren Kindern benutzt und dabei beschädigt wurde. Mittlerweile hatte man neben Tischen und Bänken eine Schutzhütte, Schaukeln sowie ein Karussell aufgestellt.

Am 2. Oktober desselben Jahres beklagte sich die Nachbarin des Spielplatzes, die Witwe von Kaufmann Körner, dass die Kinder ihren Garten verdorben und Gemüse aus der Erde gezogen hätten. Darauf hin wollte man im Frühjahr 1873 einen Lattenzaun errichten.

1875 musste der Frauenverein auf Weisung des Bezirksamts die bisher tätigen barmherzigen Schwestern entlassen. Einer neue Kraft müsse freie Wohnung, Heizung, Küche sowie die notwendigen Hausbedürfnisse gestellt werden. Das Jahresgehalt sollte 350 Mark betragen. Diese Belastung konnte der Frauenverein nicht tragen und bat um städtische Unterstützung. Diese wurde in Form von Holz und einem Mietzuschuss gewährt.

Die Statistik zur Kleinkinderschule vom 13.12.1900 unterzeichnet von der Vorsteherin des Frauenvereins Frau Osiander sowie ihrem Ehemann Bürgermeister Osiander bietet u. a. folgende Informationen: Träger war der Frauenverein.

Kinder ab drei Jahren wurden aufgenommen. Es waren insgesamt 85 Zöglinge davon 65 katholisch, 15 evangelisch, 5 israelitisch, 20 Dreijährige, 35 Vierjährige, 30 Fünfjährige, 35 Jungen und 50 Mädchen. Das Schulgeld betrug wöchentlich 20 Pfennig. Die Lehrerin war katholisch, sie hatte ihre Vorbildung im Provinzhaus Hegne erhalten und kam aus dem Kloster Ingenbohl in der Schweiz.

Weitere Beschäftigte gab es nicht. 13

Waren die Räume im alten Gymnasium von Anfang an nur als Provisorium gedacht, dauerte es doch bis 1902, dass man einen Neubau ins Auge fasste. Im Dezember 1902 wollte der Frauenverein ein neues Gebäude verbunden mit einer Volksküche und Schwesternheim erstellen. Als Bauplatz hatte man ein Grundstück beim Spielplatz im Klosterring ausersehen. Dies führte zu einer kontroversen Diskussion, die 1903 auch im Villinger Volksblatt ausgetragen wurde. Vor allem die Erhaltung der Anlagen wurde dabei ins Feld geführt.

 

Die ersten konkreten Bauplanungen für das Projekt im Klosterring erfolgten im April 1905. Letztendlich baute man jedoch nicht komplett neu und an anderer Stelle. Am 15. September 1908 konnte die neue Kleinkinderschule schließlich in der Schwedendammstraße 7 eröffnet werden. Träger war nun die Stadt selbst. Die Institution nahm nun auch Kinder zwischen 1 / 4 und 3 Jahren in die Krippe auf. Dies kostete 30 Pfennig in der Woche. Für die Kleinkinderschule waren 20 Pfennig zu berappen. Noch am 8. August 1908 hatten 34 Frauen aus der Oberstadt den Antrag gestellt, ein Zimmer im alten Gebäude zu belassen, da vor allem im Winter der Weg in die Schwedendammstraße zu weit sei. Dem wurde jedoch nicht stattgegeben. Die Notwendigkeit der Einrichtung zeigt sich an folgenden Zahlen vom 29. September 1908 14: „Eine Schwester unterrichtet 106 Schüler, die Kandidatin 80. Mehrere Kinder mußten heute zurückgewiesen werden, da der dritte Saal noch nicht eingerichtet ist.“

Flick- und Nähkurse 15

Der Unterricht in Handarbeiten zur Förderung weiblicher Erwerbstätigkeit war ein weiteres Betätigungsfeld der Frauenvereine, so auch in Villingen.

Hier war man in der glücklichen Lage auf die Kenntnisse und Erfahrungen der Lehrfrauen an St. Ursula zurückgreifen zu können und musste nicht zusätzlich für die Ausbildung von Lehrkräften sorgen. Diese Schule erfreute sich aufgrund eines staatlichen Regulativs von 1811 einer guten Beziehung zum Großherzogtum. So erhielt Superiorin Maria Ignatia Enslin 1830 „ein silbernes Verdienstkreuz verliehen mit der Inschrift: ‚Sophie – Großherzogthum Baden 1830“. 16 Das Angebot zu Flick- und Nähkursen machte man immer im Winter. 1907 hielt der Verein im Arbeitssaal der Mädchenschule einen Flickkurs ab. Da sich 55 Teilnehmerinnen angemeldet hatten, wurde der Kurs geteilt. Beide Kurse fanden jeweils an 2 Abenden statt. 13.11.1907 erfolgte eine erneute Bitte um Zulassung eines Näh- und Flickkurses im Winter 1907 / 08 im genannten Raum. „Die ehrwürdige Frau Xaveria [Ditz, Superiorin] des Klosters hat sich wieder bereit erklärt, den Unterricht zu erteilen.“ Der Kurs wurde vom Gemeinderat genehmigt. Diesen von zwei hiesigen Lehrfrauen geleitete Näh- und Flickkurs besuchten 40 Schülerinnen.“ 17 Leider sind keine Auskünfte über die Altersstruktur der Teilnehmerinnen überliefert. Im Allgemeinen gab es jedoch für derartige Veranstal- tungen zwei Adressatenkreise: erwerbstätige Frau- en und junge Mädchen aus mittellosen Familien. 18

Krankenpflege 19

Bereits 1866 machte sich der Frauenverein für den Einsatz von ausgebildeten Ordensschwestern für die Krankenpf lege stark und bat den Gemeinderat um Unterstützung, die mit Datum vom 8. März abgelehnt wurde. Am 25. September 1867 schrieb die Vorsitzende Adelheid Junghans erneut an den Rat. „Durch Zeichnung von freiwilligen Beiträgen haben wir es endlich dahin gebracht, daß uns für den fraglichen Zweck eine Summe von jährlich 400 f. [Gulden] in Aussicht gestellt ist.“ Da der Betrag nicht ausreichte, um alle Aufwendungen zu decken, erging die Bitte an den Rat um Unterstützung mir 2 1/2 Klaftern Holz. Diesmal bewilligte der Rat die Holzabgabe für ein Jahr. Diese Hilfestellung setzte sich auch in den kommenden Jahren fort.

Abb. 3: nach Villinger Volksblatt 16.06.1909, Südkurier 19.10.1970.

 

Aus einem Schreiben des Vereins vom 18. Februar 1869 erfahren wir, dass die Schwestern vom Mutterhaus der barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz in Ingenbohl / Schweiz gekommen waren. Der Verein bat nun um eine finanzielle Unterstützung durch die Stadt, um die Krankenpflege aufrechterhalten zu können. Es unterzeichnete der ganze Vorstand: Adelheid Junghans, Maria Ackermann, Wally Dold, Mina Baader, Konstantia Schilling, Anna Butta, Marie Salzer, Fanny Schönecker, Karoline Schupp und Josephine Wittum. Der Rat sagte 40 Gulden jährlich zu. Die Krankenschwestern hatten ein reichhaltiges Arbeitspensum. Sie pflegten Kranke, machten Einzelbesuche, waren für Tagespflege zuständig und hielten Nachtwachen. 1867 waren zwei, 1890 vier und 1894 sechs Schwestern im Dienst. Die Tabelle (Abb. 3) bietet eine Übersicht über die Leistungen in einzelnen Jahren.

„1910 hatte sich der Frauenverein dem Roten Kreuz unterstellt und hatte Frauen im Sanitätsdienst ausgebildet. Während des ersten Weltkrieges beteiligte er sich an der Pflege kranker und verwundeter Soldaten im Spital und an allen Aufgaben vaterländischer Hilfe.“ 20

Schluss

Insgesamt kann man feststellen, dass die Bestrebungen der Villinger Frauen sich ganz im Rahmen der Zeitgegebenheiten bewegten. Die Lösung sozialer Probleme wie die Betreuung noch nicht schulpflichtiger Kinder außerhalb der Familien, die zunehmend an Bedeutung gewann, aber auch der Einsatz für Krankenpflege in Friedens- wie in Kriegszeiten wäre ohne das Engagement des Frauenvereins sicher nicht möglich gewesen.

Anmerkungen:

1 Kerstin Lutzer: Der Badische Frauenverein 1859-1918. Rotes Kreuz, Fürsorge und Frauenfrage, Stuttgart: Kohlhammer, 2002 (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche

Landeskunde in Baden-Württemberg: Reihe B, Forschungen, Bd. 146), S. 7. (Lutzer).

2 Margret Friedrich: Zur Tätigkeit und Bedeutung bürgerlicher Frauenvereine im 19. Jahrhundert in Peripherie und Zentrum, in: Bürgerliche Frauenkultur im 19. Jahrhundert, hg. v. Brigitte Mazohl-Wallnig, Wien u. a.: Böhlau, 1995 (L‘ Hommes Schriften Bd. 2), S. 130.

3 Lutzer, S. 30.

4 ebd. S. 138.

5 Verkündigungs-Blatt Nr. 31 für den großherzogl. Amts- und Amtsgerichts-Bezirk Villingen. Beilage zum Schwarzwälder Wochenblatt Nr. 49, 21.06.1859.

6 Alle folgenden Angaben Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (SAVS) Best. 2.11 Nr. 676.

7 Lutzer, S. 232.

8 SAVS Best. 2.11 Nr. 676.

9 SAVS Best. 1.16 (1988) 530 / 49.

10 Villinger Volksblatt 25.09.1908.

11 SAVS Best. 1.43.3 (Frauenverein Villingen) Nr. 6. Einige Unterlagen des Vereins, die sich ursprünglich bei F. K. Wiebelt befanden, erhielt das Stadtarchiv dankenswerter Weise im Mai 2005 von Beatrice Wiebelt als Geschenk.

12 Die folgenden Angaben aus SAVS Best. 2.2 Nr. 7389.

13 Alle folgenden Angaben aus SAVS Best.2.2 Nr. 7390.

14 SAVS Best. 2.2 Nr. 7391.

15 SAVS Best. 1.16 (1988) 530 / 49.

16 Klaus Nagel: „Alles und alles … mußten wir fortgeben“ …, in: St. Ursula. Ein Villinger Haus mit Geschichte, hg. v. Kloster und Schule St. Ursula, Geschichts- und Heimatverein Villingen, Villingen-Schwenningen 1999, S. 81.

17 SAVS Best. 1.16 (1988) 530 / 49.

18 Lutzer, S. 343.

19 Alle folgenden Angaben aus SAVS Best. 2.2 Nr. 5906. Leider sind die Informationen im Stadtarchiv zu diesem Tätigkeitsfeld des Frauenvereins nicht so reichhaltig wie für die Kleinkinderschule.

20 Südkurierartikel vom 19.10.1970: „Dreifaches Jubiläum katholischen Frauenschaffens“.