Die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf das Schulleben am Realgymnasium Villingen

Neigungskurs Geschichte 2012/2013 des Gymnasiums am Romäusring: Seraphin Budig, Theresa Cimentepe, Tobias Ebner, Maximilian Grüter, Berat Kosar, Nicola Lawrenz, Yannick Lipinski, Raoul Niedermeier, Julia Schmidt, Christian Schneider, Philip Spazier, Rainer Staiger, Marius Waibel, Alina Wurbs. Betreuende Lehrkräfte: Sarah Gottwick, Friedericke Büsing

1. Einleitung

Im Sommer 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Durch diesen Krieg kamen 17 Millionen Menschen ums Leben und er führte zu einem unfassbaren Ausmaß an Elend und Verwüstung in weiten Teilen Europas. Obwohl Villingen von den direkten Kriegsereignissen des Ersten Weltkrieges weitgehend verschont blieb, hatte dieser dennoch Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Stadt. So kam es schon 1915 zu Versorgungsengpässen und die ersten Rohstoffsammlungen wurden durchgeführt. Die Brotkarte wurde eingeführt, Öl, Fett, Zucker, Eier, Heiz- und Brennstoffe wurden knapp und mussten rationiert, gestreckt oder ersetzt werden.

Schon bald nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden in Villingen französische und russische Kriegsgefangene interniert, später kamen dann auch britische und amerikanische Inhaftierte dazu. Das Kriegsgefangenenlager befand sich auf dem Gebiet des heutigen Welvert. Den Gefangenen ging es, was die Versorgung mit Lebensmitteln anging, wesentlich besser als der Villinger Bevölkerung. Auch durften gefangene Offiziere zusammen mit dem Wachpersonal Ausflüge in der Umgebung des Lagers machen und obwohl die Kontaktaufnahme zur Villinger Bevölkerung strengstens untersagt war, suchten die Offiziere das Gespräch mit Schülern.

Durch den Krieg kam es auch zu einem Mangel an Arbeitskräften, was sich vor allem in der Landwirtschaft bemerkbar machte. Damit aber dennoch Feld- und Gartenarbeiten verrichtet werden Kinder mussten die fehlenden Männer in allen Bereichen des Arbeitslebens ersetzen. Der Erste Weltkrieg hatte aber nicht nur Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Villinger Bürger sondern auch auf die Situation der Lernenden und Lehrenden in Villingen. Anhand von verschiedenen Quellen, die sich im Villinger Stadtarchiv befinden, wurde im Frühjahr 2013 in einem Schulprojekt mit dem Neigungskurs Geschichte des Gymnasiums am Romäusring untersucht, inwiefern der Erste Weltkrieg das Schulleben am Realgymnasium Villingen veränderte. Die Auswertungen der untersuchten Quellen finden sich auf den folgenden Seiten.

2. Das Realgymnasium

2.1. Die Situation der Lehrkräfte

Am 8. Juni 1909 war das Realgymnasium mit Oberrealschule eingeweiht worden. Nach einer gemeinsamen dreijährigen Unterstufe lernten die Schüler des Realgymnasiums Latein, diejenigen der Oberrealschule nicht. Das     neu     erbaute Realgymnasium wurde     im     Schuljahr     1914/15     von 246 Jungen und 15 Mädchen, die auf 15 Klassen verteilt waren, besucht. In einem Schreiben vom 26. 10. 1914 konnten, wurde in Villingen das Sonntagsarbeitsverbot teilweise eingeschränkt. Frauen und auch wird der Bestand an Lehrern am Realgymnasium am Ende des Schuljahres 1913/14 mit 22 angegeben. Davon sind sieben zum Heer einberufen. Im selben Schreiben wird der Bestand von Lehrern am 15. Oktober mit 19 angegeben, wobei 11 der Lehrkräfte wehrpf lichtig sind. Dass der Direktor des Realgymnasiums Karl Friedrich Weis (1909 – 1918) versuchte, den Lehrbetrieb so gut wie möglich aufrecht zu erhalten, wird aus zahlreichen Schreiben an das Ministerium des Kultus und Unterrichts in Karlsruhe deutlich.

So wendet sich Direktor Weis mit einem Schreiben vom 28.12.1914 nach Karlsruhe um mitzuteilen, dass man noch einen Lehrer der Mathematik und Naturwissenschaften entbehren könne, notfalls auch einen Neuphilologen, die übrigen Kollegen seien aber unabkömmlich. Auch in einem Schreiben vom 9. Januar 1915 listet Direktor Weis 10 Lehrkräfte namentlich auf, die für die Restdauer des Mobilmachungsjahrs 1914/15 unabkömmlich zu erklären seien.

Direktor des Realgymnasiums Karl Friedrich Weis (1909 – 1918).

Dass die Schulleitung des Realgymnasiums mit diesem Schreiben aber nur bedingt erfolgreich war, wird aus einem weiteren Brief des Direktor Weis deutlich, der sich am 1. 2. 1915 beim Ministerium in Karlsruhe darüber beschwert, dass zwei seiner als unabkömmlich genannten Beamten, Lehramtspraktikant Dr. Göbel und Lehramtspraktikant Fetzer vom Bezirkskommando

Donaueschingen zum Kriegsdienst einberufen worden seien. Man teile das der Behörde mit, falls ein Missverständnis vorliege.

Das Gymnasium am Romäusring.

 

 

Schon drei Tage später, am 4. Februar nämlich, wird eine neue Liste mit acht namentlich genannten Beamten nach Karlsruhe geschickt, die für die Aufrechterhaltung des geordneten Schulbetriebes „jetzt durchaus unentbehrlich“ seien.

Auf dieses Schreiben erhält man am Realgymnasium in Villingen die Antwort, dass die Unabkömmlichkeit der acht genannten Beamten für das Mobilmachungsjahr 1915/16 anerkannt worden sei.

Auch das Ministerium für Kultus und Unterricht wird aktiv, was sich in einem Schreiben des Ministeriums an das königlich stellvertretende Generalkommando des XIV. Armeekorps zeigt, in dem man sich für Professor Dr. Oskar Tenz, Lehrer am Realgymnasium, einsetzt, der zum Heeresdienst einberufen wurde. Da Professor Tenz am Realgymnasium aber unentbehrlich sei und es auch keinen Ersatz für ihn gebe, ersucht das Ministerium darum, den genannten wieder aus dem Heeresdienst zu entlassen.

Dass es anscheinend immer schwieriger wurde den Lehrbetrieb aufrecht zu erhalten, wird auch deutlich in einem Schreiben vom 17. Juni 1915, in dem sich Direktor Weis erneut an das Bezirkskommando in Donaueschingen wendet und darum bittet, dass drei Lehrer, die zum Garnisonsdienst ausgehoben wurden, die aber für die Aufrechterhaltung des Unterrichts unabkömmlich seien, wenigstens bis zum Ende des Schuljahres am 31. Juli 1915 weiter ihren Dienst ausüben könnten.

Wie schwierig es war, den Lehrbetrieb am Realgymnasium aufrecht zu erhalten, wird in weiteren Schreiben deutlich, in denen immer wieder auf die Unabkömmlichkeit von bestimmten Beamten hingewiesen wird, mit denen man aber wohl nicht immer erfolgreich war.

Welche Auswirkungen der Krieg auf das Schulleben des Realgymnasiums hatte, sieht man auch an dem Fall des Lehramtspraktikanten Richard Kugler. Dieser war zum Heeresdienst eingezogen worden, wurde wegen einer Erkrankung am 17. Mai 1915 aber wieder entlassen. Da er aber, wie er Direktor Weis in einem Schreiben mitteilte, keine Zivilkleidung bei sich hatte, ging er nach Freiburg zu seinen Eltern, anstatt sich in Villingen wieder zum Dienst zu melden. Obwohl man, wie Direktor Weis am 17. 6. 1915 nach Karlsruhe meldete, keine Verwendung für Herrn Kugler hatte und auch Lehramtspraktikant Kugler offensichtlich kein Interesse hatte, nach Villingen zurückzukehren, nahm dieser seinen Dienst dann am Realgymnasium doch wieder auf.

2.2. Die Situation der Schüler

Nicht nur auf das Leben der Lehrer hat der Erste Weltkrieg große Auswirkungen, auch die Schüler sind von den veränderten Umständen betroffen. So kommt es durch den Mangel an Lehrkräften schon ab 1914 zu erheblichem Unterrichtsausfall. Während des ersten Weltkrieges bestand ein hoher Bedarf an Hilfskräften für landwirtschaftliche Betriebe. Hauptgrund dafür war die Abwesenheit der Männer, die oftmals zum Militär einberufen worden waren, und als die wesentliche Arbeitskraft in der Landwirtschaft fehlten. Deshalb standen oftmals die Kinder in der Pflicht, die Familien bei landwirtschaftlichen Aktivitäten zu unterstützen. Dies belegen einige Quellen des Realgymnasiums in Villingen, die zeigen, dass vor allem Schüler zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen wurden. In einem Schreiben vom 19. Mai 1917 vom Großherzoglichen Bezirksamt an das Realgymnasium werden vier Gruppen mit je 10 Teilnehmern aus Schülern angesprochen, die für landwirtschaftliche Arbeiten ausgebildet wurden.

Wie wichtig der Arbeitseinsatz der Schüler war, beweisen weitere Quellen. Zwar war man zu Beginn bemüht, die Beschäftigung in der Landwirtschaft auf die Ferienzeit zu verlegen, allerdings gab es auch einige schriftliche Anfragen von Eltern, die ihre Kinder vom Schulunterricht befreien wollten, damit diese ihre landwirtschaftlichen Betriebe unterstützen konnten.

Das Realgymnasium entsprach den Anfragen und versicherte den Eltern dabei gleichzeitig, dass den Schülern durch ihre Abwesenheit keinerlei Nachteile entstünden.

Immer wieder wird die Schulleitung des Realgymnasiums über den Heldentod ehemaliger Schüler informiert. Besonders berührt dabei das Schreiben eines Vaters, der sich bei Direktor Weis für die „helle und frohe Zeit“, die sein in Frankreich gefallener Sohn in Villingen erleben durfte, bedankt.

Es gibt aber auch häufig Schreiben von besorgten Eltern, deren Söhne vor Abschluss der Reifeprüfung eingezogen worden waren. In einem Schreiben vom 16.10.1917 wendet sich der Vater eines ehemaligen Schülers des Realgymnasiums Villingen an das Ministerium des Kultus und Unterrichts, weil sein Sohn drei Monate vor seinem Abitur zum Kriegsdienst eingezogen worden war. Die Absicht des Vaters sei es gewesen, den Sohn „die Reifeprüfung machen und dann als Fahnenjunker bei dem Artillerieregiment eintreten zu lassen“. Das sei aber nun wegen des fehlenden Abiturs nicht mehr möglich und somit befände sich der Sohn gegenüber seinen Mitschülern, die das Realgymnasium länger besuchen konnten, im großen Nachteil. Deshalb bittet der Vater nun um eine Ausstellung eines Reifezeugnisses für seinen Sohn, der in einem Schützengraben vor Verdun stehe, „damit hierdurch der grösste Teil der Nachteile, die er durch seine frühere Einziehung erlitten hat, ausgeglichen ist.“ Es gibt Anweisungen des Ministeriums des Kultus und Unterrichts, dass Schülern das Reifezeugnis nachträglich ausgestellt werden solle. Ob es auch im Fall des oben erwähnten besorgten Vaters so war, kann den Akten nicht entnommen werden.

Interessant ist auch ein Schreiben des Großherzoglichen Bezirksamts vom 17. Mai 1916, das sich an alle Schulen richtet und in dem darauf hingewiesen wird, dass es den Schülern der Villinger Schulen verboten sei, sich mit den gefangenen Offizieren des Villinger Gefangenenlagers „in Gespräche einzulassen und ihre Spaziergänge zu begleiten“. Anscheinend hatte es da wohl das eine oder andere Zusammentreffen zwischen inhaftierten Offizieren und Schülern gegeben.

Die Auswirkungen, die der Krieg auf das Schulleben hat, zeigen sich auch in einem Schreiben des Ministeriums des Kultus und Unterrichts vom 2. Oktober 1916. Darin werden die Schulen dazu aufgefordert, „dafür Sorge zu tragen, daß die (…) Schüler den sie im Heeresdienst erwartenden körperlichen Anforderungen gewachsen sind“.

Deshalb solle insbesondere in den höheren Klassen dafür gesorgt werden, dass der Turnunterricht, der wegen Raum- und Lehrermangel nicht immer stattfinden konnte, wieder regelmäßig durchgeführt werde.

Zum Raummangel kommt es, wie man einem Brief vom 23. Mai 1916 entnehmen kann, dadurch, dass die Turnhalle einem Bataillon zur Verfügung gestellt wurde. Damit der Turnunterricht aber dennoch durchgeführt werden könne, sollen Räume angemietet und Nebenlehrer eingestellt werden.

Doch gab es auch „Lichtblicke im Schülerdasein“, wie ein ehemaliger Schüler berichtet, denn wenn die deutschen Soldaten einen bedeutenden Sieg errungen hatten, wurden Schüler und Lehrer aus dem Unterricht in die Turnhalle gerufen, wo Direktor Weis eine Rede hielt. Für die Schüler war es dann besonders schön, dass sie anschließend schulfrei bekamen.

Wie man den Erinnerungen Norbert Müllers weiter entnehmen kann, hatten die Schüler zumindest den Eindruck, dass „der Schulbetrieb erstaunlich gut ablief und von größeren Störungen bewahrt blieb“.

3. Fazit

Das Schulleben am Realgymnasium kommt während des Ersten Weltkrieges zwar nicht völlig zum Erliegen, es kann aber nur unter großen Einschränkungen stattfinden. So muss der Unterricht vom 6. 2. bis zum 26. 2. 1917 wegen Kohleknappheit ausgesetzt werden. Da immer mehr Lehrkräfte eingezogen werden, müssen Klassen zusammengelegt und die Wochenstundenzahl in einzelnen Fächern reduziert werden. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 werden diese Probleme nur teilweise gelöst: Der Unterricht kann, nachdem einige Lehrer aus dem Militärdienst zurückgekommen waren, zwar wieder aufgenommen werden, muss aber wegen Kälte und Mangel an Heizstoff immer wieder ausgesetzt werden. Der Erste Weltkrieg hatte Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Menschen: Männer im wehrpflichtigen Alter wurden eingezogen, Frauen und Kinder mussten durch Arbeitseinsätze die fehlende Arbeitskraft der Männer ersetzen und auch in den Schulen machten sich die Folgen des Ersten Weltkrieges bemerkbar. Dennoch versuchte die Schulleitung des Realgymnasiums, wie aus zahlreichen Schreiben deutlich wird, den Schulbetrieb so gut wie möglich aufrecht zu erhalten.

Quellenangaben:

Stadtarchiv Best. 1.28.6 (Realgymnasium / Gymnasium am Romäusring) Nr. 104-107, 220, Best. 2.2 (Alte Villinger Registratur) Nr. 6224.

Marianne Kriesche: Das Schulwesen in Villingen, in: Villingen und Schwenningen, Geschichte und Kultur, Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen Band 15, S.345-356.

Heinrich Maulhardt: Flucht aus Villingen – das Villinger Gefangenenlager im Ersten Weltkrieg; aus: Beiträge zur Kultur, Geschichte und Gegenwart, Jahresheft X X XIV.

Norbert Müller: Vorkriegszeit, Kriegszeit, Nachkriegszeit – Schülerleben in den Jahren 1911 – 1919; in: 75 Jahre Höhere Schule am Romäusring in Villingen 1909 – 1984, Hrsg. Werner Herz, S.150-154.

Bernd-Rüdiger Schenkel: Villingen baut ein Gymnasium, in: 100 Jahre Höhere Schule am Romäusring, 1909 – 2009.

Hubertus Schletter: Kaiserzeit und Weimarer Republik, in: 75 Jahre Höhere Schule am Romäusring in Villingen 1909 – 1984, Hrsg. Werner Herz, S.22-35.

Barbara Schneider: Der Erste Weltkrieg in Schwenningen und Villingen; Blätter zur Geschichte der Stadt, 1/98. Stadtarchiv Best. 1.28.6 (Realgymnasium / Gymnasium am Romäusring) Nr. 104-107, 220, Best. 2.2 (Alte Villinger Registratur) Nr. 6224. Ein Projekt des Neigungskurs Geschichte 2012/2013 des Gymnasiums am Romäusring.

Seraphin Budig, Theresa Cimentepe, Tobias Ebner, Maximilian Grüter, Berat Kosar, Nicola Lawrenz, Yannick Lipinski, Raoul Niedermeier, Julia Schmidt, Christian Schneider, Philip Spazier, Rainer Staiger, Marius Waibel, Alina Wurbs Betreuende Lehrkräfte: Sarah Gottwick, Friedericke Büsing

Wir bedanken uns ganz herzlich bei Frau Schulze, Stadtarchiv Villingen, für ihre große Unterstützung.