Sozial und couragiert (Birgit Heinig)

Die Geschichte einer gelungenen Integration am Beispiel der Familie Camilli

Renato Camilli (links) kam 1961 nach Villingen und lernte dort seine Frau Annemarie Schifferdecker kennen. Sandro Camilli ist ihr Erstgeborener. Foto: Heinig

 

Aus einem Kiosk wurde ein modernes Restaurant, aus einem italienischen Einwanderer ein angesehener Bürger der Stadt. Die Geschichte von Renato Camilli und seiner Familie erzählt von Mut und Fleiß, von sozialem Engagement, Zuversicht in die eigenen Kräfte und auch ein wenig Glück. Renato Camilli ist in Umbrien geboren, lebt aber seit 52 Jahren in Villingen.

1961 verließ der 15-Jährige zusammen mit seinem Vater Serafino sein Heimatdorf im Herzen Italiens. Die Mutter war früh gestorben. Drei seiner Brüder lebten schon in Deutschland, das seit 1958 wieder heftig um italienische Arbeitskräfte warb. Renato Camilli kann ein Stück der Geschichte Villingens miterzählen – auch nach fünf Jahrzehnten mit unverkennbar italienischem Akzent – und belegt damit seine gelungene Integration. Der wichtigste Teil seiner Geschichte ist für ihn seine deutsche Ehefrau Annemarie, eine geborene Schifferdecker. Er lernte die gebürtige Villingerin im Kiosk ihrer Mutter im Steppach kennen, wo sie stets aushalf. Er selbst lebte damals als Untermieter in der Thüringer Straße und kam gerne nach der Arbeit als Schreinerlehrling der Firma Neugart in der Vockenhauser Straße auf ein Bier vorbei. Den Umzug nach Deutschland habe er als Teenager einerseits als „furchtbar“ empfunden, andererseits sei er gespannt gewesen auf die verheißungsvollen Möglichkeiten, die sich ihm hier boten, erzählt Camilli. Den Verlust seiner Freunde verschmerzte der damals 17-Jährige aber schnell, als er sich in die um ein Jahr jüngere Annemarie verliebte.

Die Wurzeln der Familie Schifferdecker reichen weit in die Villinger Geschichte zurück. Dabei fällt der Blick auf eine außergewöhnliche Persönlichkeit: Urgroßvater Wilhelm junior Schifferdecker.

1881 in Schwenningen geboren, war er später Mitglied des Stuttgarter Landtages, danach bis 1933 hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär für Südbaden. Als die Nazis an die Macht kamen, war der damals 53-Jährige als Bezirksleiter des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) einer der ersten unbeugsamen Demokraten, der unter dem braunen Terror heftig zu leiden hatte. Er wurde von den Nazis aus dem Amt gedrängt, misshandelt und eingesperrt. Der Feinmechaniker und Uhrmacher hatte sich schon 1907 als junger Mann an einem Streik der Uhrenarbeiter beteiligt und stand seither auf der „schwarzen Liste“. Er verlor seine Arbeit und fand keine neue.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Schifferdecker 1918 SPD-Mitglied des württembergischen Landtages, verzichtete aber nach kurzer Zeit auf das Mandat, um die Bezirksleitung des Metallarbeiter-Verbandes in Villingen zu übernehmen. Als er gegen Ende der Weimarer Republik eines Morgens an seinem Gartentor ein Transparent mit der Aufschrift „Köpfe werden rollen für den Sieg“ vorfand, glaubte Schifferdecker immer noch an die rechtsstaatliche Ordnung. Doch er wurde verhaftet, misshandelt und im Nazi-Hauptquartier, dem „Stiftskeller“ in der Gerberstraße, zuerst zum Tode, dann zu Haft verurteilt. Nach dem Krieg wurde er von den Alliierten zum Polizeichef Villingens ernannt. Zudem bemühte er sich um die Wiederbelebung der Metaller-Gewerkschaft, starb aber als körperlich und seelisch gebrochener Mann 1946 im Alter von nur 65 Jahren.

Annemarie Schifferdecker 1957 mit ihrer Mutter Annamaria. Foto: privat

 

 

Sein Sohn Wilhelm Günther fiel im Krieg und hinterließ Ehefrau Klara und Tochter Annamaria, Annemarie Schifferdeckers Mutter. Die Familie hatte in ihrem Haus in der Germanstraße im Kurviertel nach den Kriegswirren nicht bleiben können und zog in den Steppach. Ein Ausf lug in die Gegenwart sei hier erlaubt, denn unweit dieses Hauses hat Ururenkel Sandro Camilli, der erstgeborene Sohn von Renato und Annemarie Camilli, seinen Zweitwohnsitz eingerichtet.

Der Blick geht wieder zurück: 1947 kam Annemarie Schifferdecker auf die Welt – unehelich, daher behielt sie ihren Namen. Als sie den jungen Schreiner Renato Camilli kennenlernte, verliebte sie sich in den feschen Italiener und sie wurden ein Paar. Und bald darauf ganz junge Eltern – sie war 17, er 18 Jahre alt, als der erste Sohn zur Welt kam. Zwei weitere, Marcel und Adriano, folgten. Wovon sollten sie leben? Annemarie und Renato Camilli packten beherzt an und übernahmen den Kiosk der Mutter, die 1965 mit ihrem Mann, Annemarie Schifferdeckers Adoptivvater, an den Gardasee ausgewandert war. Noch nicht volljährig, benötigten sie für den Erhalt der Konzession eine Vollmacht, erinnert sich der heute 67-jährige Renato Camilli. Und irgendwie, so vermutet seine Frau bis heute, sei ihnen damals der Ruf des in Villingen berühmten Urgroßvaters zu Gute gekommen. „Wir haben die Unterschrift vom Amt problemlos bekommen“, lächelt Annemarie Camilli.

Es begann eine arbeitsreiche Zeit: er arbeitete noch bis 1967 als Schreiner, danach wechselte er zu den Metallwerken. Nach Feierabend ging es im Kiosk weiter, wo sie mit Kind an sechseinhalb Tagen von morgens neun bis abends neun Uhr hinter dem Tresen stand. „Nur montags haben wir erst um 17 Uhr geöffnet“, erinnert sie sich. Der Kiosk wurde zur beliebten Anlaufstelle, nicht nur für die Bewohner des Steppachs. Das Verhältnis zu den meisten Kunden war herzlich und familiär und Annemarie Camilli war ihre Anlaufstelle in allen Lebenslagen: Sie half, wenn Familien in Schwierigkeiten geraten waren, sie kämpfte für den Bau eines Kindergartens, sie war Ansprechpartner für die städtischen Jugendpf leger, wenn es um soziale Belange im Steppach ging.

Hier, in der Sperberstraße, wohnte die Familie Camilli bis 1978 – heute steht das gleichnamige Restaurant an dieser Stelle. Foto: privat

 

Vor allem von den Stammtisch-Fußballern des „SV Steppach“ wurden die Camillis geliebt. Renato Camilli war nicht nur ihr „f liegender Rechtsaußen“, wie sich sein ehemaliger Mannschaftskollege Hubert Dambitz erinnert, er begann auch zusammen mit seiner Frau für die Kicker zu kochen, sie deutsch, er italienisch. Schon damals genoss Renato Camillis Lasagne den Ruf, die beste in der ganzen Stadt zu sein. Die Familie wohnte damals in der Sperberstraße dem Kiosk gegenüber.

Dieses Bild wurde anlässlich eines Spiels gegen die „Germanswälder Kickers“ 1968 auf dem Sportplatz von Maria Tann gemacht. Stehend von links: Wilhelm Schlenker, Gerd Fritz, Hubert Dambietz, Manfred Vorbrugg, Hans Adelhardt, Manfred Gronmaier, Bruno Winkler, Günther Stoll, Franz Honold Knieend von links: Peter Zimmermann, Jumbo Stoll, Renato Camilli. Foto (Quelle): Dambitz.

 

 

Eine Schwarz-Weiß- Fotografie des dunklen Holzhauses, das genau da stand, wo heute das Restaurant „Camilli“ zu finden ist, hängt im Gastraum.

1978 kam der nächste große Einschnitt im Leben der Camillis: Ihr Kiosk sollte dem Erdboden gleich gemacht werden. Sie entschlossen sich, dafür ein Restaurant zu bauen, doch der Antrag wurde von der Stadt abgelehnt. Anwohner hatten sich dagegen gewehrt. Die Camillis kämpften, wie sie schon einmal gekämpft hatten – und siegten. Oberbürgermeister Gerhard Gebauer sei es gewesen, sagt Annemarie Camilli, der sich schließlich für sie und die Änderung des Bebauungsplanes einsetzte – am sozialen Engagement der Familie konnte er schließlich nicht vorbeischauen. Während der Planungsphase stiegen die Kosten in schwindelerregende Höhen, doch Renato und Annemarie Camilli hatten es schon einmal geschafft. Sie ließen sich nicht beirren und zogen das Abenteuer durch. Ein Jahr lebten sie auf einer Baustelle, steckten jede freie Minute in Eigenleistungen und konnten im Herbst

1979 schließlich eröffnen. „Am Anfang haben wir gar keine Werbung gemacht“, lacht Renato Camilli, „weil wir Angst hatten, es würde wirklich jemand kommen“. 30 Jahre lang sind die Gäste glücklicherweise doch zuverlässig gekommen, die Adresse „Camilli“ im Steppach erwarb sich einen klangvollen Namen. Schmuckstück des Restaurants war – und ist es bis heute – das 14 Meter lange Wandrelief, eine Ansicht von Villingen, das Renato Camilli in seiner Zeit als Schreiner zusammen mit dem Schnitzer Siegfried Hein schuf.

2008 gingen die Camillis in den Ruhestand, das Restaurant pachtete der Zweitgeborene, Marcel Camilli, zog zwei Jahre später aber in das Vereinsheim des Polizeisports Im Haslen um. Danach nahm sich Sandro Camilli dem Lebenswerk seiner Eltern an, baute es aus und um im Stil der „Cucina Povera“ und eröffnete in diesem Frühjahr neu. „Entweder in diesem Teil der Stadt oder gar nicht“ hätte er das Projekt durchgezogen, sagt Camilli, den viel mit dem Steppach verbindet: Hier ist er aufgewachsen.

Sandro Camilli sieht sich als „Botschafter“ seiner Heimatstadt, denn er lebt mit seiner Familie eigentlich in Stuttgart. „Nur unweit vom damaligen Landtagsgebäude im Heusteigviertel entfernt, welches heute über ein Restaurant öffentlich zugänglich ist. Zufällig habe ich außerdem um die Ecke zwölf Jahre lang meinen ersten Arbeitsplatz gehabt, sozusagen fast hundert Jahre später als mein Ururgroßvater“. „Ich liebe Baden-Württemberg“ sagt er diplomatisch und er hält auch Kontakt zum Geburtsort seines Vaters in Umbrien. Die Gastronomie hat Sandro Camilli am Tegernsee gelernt, dann aber Wirtschaftswissenschaften und Immobilienökonomie studiert. Ein Villinger werde er immer bleiben, sagt Sandro Camilli – schon weil er seit 1969 Jahr für Jahr im historischen Narrohäs durch die fastnachtlichen Straßen zieht. Soziales Engagement liegt auch ihm – wie seinen Vorfahren – im Blut. Zivilcourage und die soziale Ader ziehen sich bis heute wie ein roter Faden durch die Generationen der Familie Camilli – vom Gewerkschafter und Nazigegner, über die Mutter eines ganzen Stadtteiles bis hin zum Spender und Charity-Veranstalter.

Quelle:

Die Angaben zu Wilhelm Schifferdecker junior stammen von Ernst Schifferdecker (www.schifferdecker.net).