Remigius Mans, genannt Romäus, oder die Erfindung des Konjunktivs (Gunther Schwarz)

Geschmeidiges und grusig Schönes zu seinem 500. Todestag

Eines der wenigen Originalfotos von Remigius Mans.

 

Also, Morgens um 4 Uhr ist die Welt in der Nähe von Mailand wie immer noch in Ordnung. Morgennebel, Rauchfahnen von glimmenden Wachfeuern, der Morgenstern funkelt romantisch. Aber dann: Zong! Dong! Crash! Puff ! Peng! Zack! Uups! Ein rabenschwarzer Tag, der sich blitzartig blutrot färben soll.

Es muss ein Massaker an diesem denkwürdigen Montag, 6. Juni 1513 stattgefunden haben wie es selbst das kriegsgewohnte Oberitalien bis dahin selten erlebt hat, wo jeder gegen jeden um die Vorherrschaft kämpft.

Es läuft eigentlich bis dahin bayernmäßig für die 14.000 Franzosen, darunter 3.500 Oberdeutsche (das sind die Süddeutschen) Landsknechte, „3 ½ tußend lantzkneht“, darunter wiederum ein Villinger Fähnlein, 80 Mann, „wier hattend fon Fillingen wol achzig by der schlacht“, ungeduscht und schlecht ernährt. Alles Kerle, die man auch im Dunklen riecht. Das weiß-blaue Ballett wird angeführt von Michael Maler (28) und Remigius Mans (53). Sie haben sich gegen den Befehl von Kaiser Maximilian I. und gegen den Willen des Villinger Rates auf den Musterungsplätzen in Oberdeutschland in französischen Diensten verdingen lassen.

Feldlager.

Die Villinger sind wohl im Spätjahr 1512 angeworben, in Lyon im März / April 1513 gemustert, im Namen vom französischen König Ludwig XII. unter dem Befehl von La Tremoille übers Gebirg von Savoyen in Marsch gesetzt worden und dann in der Lombardei eingefallen. Sie haben in wenigen Tagen Mailand glanzvoll eingenommen, dank auch der 28 mächtigen Geschütze („mechtig geschutz“), für die damalige Zeit eine gar gewaltige „Ackelei“ (Artillerie). Es stund verdammt schlecht um Massimiliano Sforza, den Mailänder Herzog, der sich im Schutz von 4.000 eidgenössischen Landsknechten, sogenannten Reisläufern, sowie 2.000 Mailändern ins 35 km westlich gelegene Novara zurückziehen musste. Die Franzosen haben dieselben daselbst eingeschlossen und die Stadt seit dem 3. Juni sturmreif geschossen „wol uff hunder klaffter witt zu dem sturm“. Der Sieg für Ludwig XII. greif bar nah, nur noch eine Frage der Zeit, „ei gots marter! Wir haben die kuemuler (Kuhmäuler = Schweizer) in stol geton (im Sack)“, als gen Abend des 5. Juni die erste Hälfte eines alarmierten Entsatzheeres nach Gewaltmärschen über die Alpen eintrifft und den Belagerungsring sprengt. Die Franzosen werden so zum taktischen Rückzug gezwungen. Da die Rückführung der Geschütze sich mühselig gestaltet, schlagen sie am Abend 4 – 7 km östlich von Novara in Richtung ihrer venizianischen Verbündeten das Nachtlager vor dem Städtchen Trecate in einer leicht sumpfigen von Gräben durchzogenen Gegend auf. Die mitgeführten Palisaden, bauen sie nicht mehr auf, man hat ja nichts zu befürchten – aus der Stadt dringt lauter, überschwänglicher Lärm, die Stadtbesatzung und die Eidgenossen feiern die Entsetzung mit einem prächtigen Trinkgelage, bis sich Schlafes Stille auf die Zecher und ’s Städtle senkt. So denken wenigstens die Späher, so denkt auch die französische Kommandantur. In Novara liegen jetzt insgesamt 10.000 Mann, fast ausschließlich Infanterie, im Lager der Franzosen 10.000 Infanteristen, 2.500 Bogenschützen, 1.200 Ritter sowie 28 Kanonen.

Dieser Morgen, der Morgen des 6. Junis, sollte aber wie früher üblich mit Stichwunden beginnen. Fieldreporter! Das ist eure Stunde! „Am morgen fruo … uberfüllend die schwitzer lantzkneht und die Franzoßen in irm leger“ krochen „wie die hitzigen bien(en) zur zerschossnen mur uss“. Der überfallartige Angriff der Eidgenossen aus dem Nichts in Breitwandaufstellung im Format 9:16 erfolgt aus drei Richtungen, frontal sowie rechts und links umfassend, volle Lotte: die klassische Zange. Bei den Oberdeutschen sowie den Bogenschützen, welche beide vom Rückzug abgeschnitten sind, tobt der erbarmungslose Hauptkampf. Es gibt nur ein Vorwärts so überhaupt möglich bei den unerbittlich anstürmenden Reisläufern.

Schlacht.

 

Das Horn von Uri erschallt grausamlich, fürchterliches Gebrüll, Trommeln, Pfeifen, Befehle, Flüche, Signale. Der erste Aufprall der Kämpfer, wie der Herzschrittmacher eines Riesen. Wahnsinn! Ohrenbetäubend, was da an Geklirre und Detonationen krawallt. Das strömt und dröhnt und dominiert ohne Unterlass. Ein gewaltiges Hauen und Stechen. Die Wallstatt erzittert. Wie bei einem Gewitter entlädt sich alles Aufgestaute. Der Lehrmeister, aber auch der Erzfeind der reichsdeutschen Landsknechte, die Eidgenossen!! Sehr bald fängt die Schlacht an zu kesseln. Als die ersten Reisläufer durch den Igel, den gespickten Wall der Langspieße der Landsknechte wüten, die Luft sich immer mehr mit kehligen Lauten füllt und als Romäus mit schützender Kettenhemdschulterhalskrause, dem sogenannten Bischofskragen nebst Sturmhaube, die Blutgrätsche auspackt, in fast vorderster Reihe pf lügt und blockt, Gott des Gemetzels, Turm in der Schlacht, ruft er in dieses apokalyptisch breughelhafte Bild, in dieses kreidegraue Leibergemenge im fahlen Licht des jungen Morgens: „Ich will Eier sehen! Steht noch enger zusammen! Keiner darf durch! Keiner!“ (Manche Experten und Linguisten vermuten, dass damit eine Besinnung aufs Gegenpressing gemeint war.) Beim Kampf Mann gegen Mann, Schreie, Schweißgeruch, Signaltöne, Wegducken, schwirrende Pfeilhagel, sein Schrei:

„Noch enger! Adesso mi incazzo, porca madonna!“ Da, ganz nah ein Geräusch, als ob ein trockener Ast bricht, innerlich eine ungewohnte Kälte, etwas Warmes f ließt an ihm herab, ein Gefühl, als ob ihn jemand aus den Angeln hebt. Kein Schmerz! Eher ein Innehalten, ein erfrierendes Verharren in der Bewegung.

Jetzt ist eigentlich der Zeitpunkt gekommen, an dem die stolzen französischen Ritter hätten in die Schlacht eingreifen sollen, ja müssen. „Und weren die Franzoßen zu ros inna nachgetruckt, so wer ir kainer mer haim kumen“. Sie haben es als einzige in der Hand das Schlachtenglück zu wenden. Aber nichts geschieht. Wieso? Fachkundel ich mal. Mögliche Antworten könnten sein: Im sumpfigen Gelände drohen die Pferde einzusinken. Adelige weigern sich damalen oft an der Seite von Handwerkern und Bauern zu kämpfen, dies ist ihres Standes unwürdig. Ein Ritter ist Einzelkämpfer, trainiert für den Kampf Mann gegen Mann um Ruhm und Ehre. Er ist es nicht gewohnt im taktischen Verbund einer Gruppe zu kämpfen. Wie auch immer. Genug gefachkundelt. Der Ritter und die Ritterin verharren in abwartender stolzer Pose mit bestickter Decke über ihrem ab und an schnaubenden Schlachtross, das sich entwickelnde Geschehen, welches sich immer mehr in ein strudeliges Gemenge, Stolpern und schreiendes Stürzen verändert, durch den Schlitz ihres Visiers verfolgend.

Er spürt einen geheimnisvollen Klang, erst sehr fern, dann näher kommend in all dem Tosen, der sich nach innen wendet, alles aufsaugt, auch das zittrige Pulsen, die Kälte, alles. Dann bewegt er sich sacht nach vorn, langsam beschleunigend, gar schier ein behutsames Stürzen, was sich anfühlt wie Fliegen, wie freihändig Fahrrad fahren, wie sich auf lösen. Romäus stirbt mit 52 / 53 Jahren, für die damalige Zeit ein alter Mann, vor allem, wenn man seine Inhaftierung sowie die ungesunde Tätigkeit berücksichtigt. Die mittelalterliche Gesellschaft ist jung, die Hälfte der Bevölkerung jünger als 21 Jahre. Im 14. Jh. geht man von einer Lebenserwartung von 35 Jahren aus, Männer werden älter als Frauen, zu seiner Zeit wird das ähnlich sein. Diese Angaben sind sehr stark schwankend, je nach den Umständen. Und dann ist er noch ein Landsknecht. Ein Sprichwort damals lautet: Es gibt keine alten Landsknechte, okay, gegenüber dem Villinger Hauptmann Balthasar d.Ä., der mit 105 Jahren stirbt, ist er ein junger, schneebrunzender Hagsoicher. …

(Textauszug)

Literatur:

Auer Anita, Das Romäusbild in Villingen, in: Villingen und Schwenningen: Geschichte und Kultur, Villingen-Schwenningen 1998.

Baumann Reinhard, Georg von Frundsberg, München 1991.

Huger Werner, Der „Riese“ Romäus; Wirklichkeit, Legende und Deutung, in: Geschichts- und Heimatverein, Jahresheft X XII, 1997/98.

Huger Werner, Romäus‘ letzte Schlacht; Novara 1513 – ein tragisches Ende, in: Geschichts- und Heimatverein, Jahresheft X X XIII, 2010.

Kühn Dieter, Ich Wolkenstein, Frankfurt a. M. 1977. Mittelalterliches Kriminalmuseum Rothenburg (hg.) Justiz in alter Zeit, Rothenburg 2005.

Neugart Hermann, Romeius. Der unsterbliche Rebell, Villingen 1970.

Roder Christian, Der geschichtl. Romeias v. Villingen, in: Jahrbuch d. Scheffelbundes für 1893, Stuttgart 1893.

Roder, Christian (hg.), Heinrich Hugs Villinger Chronik von 1495– 1533, Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart CLXIV, Tübingen 1883.

Schubert Ernst, Räuber, Henker, Arme Sünder, Darmstadt 2007.

www.metrolyrics.com/junge-lyrics-die-arzte.html

de.wikipedia.org/wiki/Landsknecht

www.11Freunde.de

de.wikipedia.org /wiki/Kategorie:Schlacht _ in _der_ Schweizer_Geschicht.