Ein Haus mit unterschiedlichen Bauphasen (Andreas Flöß)

Abb. 1: Bickenstraße Nr. 5, eingerahmt mit den Häuser Nr. 3 links und Nr. 7 rechts.

 

Bei dem Gebäude Bickenstraße 5 in Villingen handelt es sich um ein sehr schmales, viergeschossiges Gebäude, welches fluchtend in die traufständige Bebauung der Bickenstraße eingebunden ist.

Das Haus hat wegen des in Villingen hoch anstehenden Grundwasserspiegels keinen eingetieften Keller.

Über der Fassade des 19. Jahrhunderts mit ihren glatt geschnittenen Fensterrahmen und dem Ladeneinbau im Erdgeschoß befindet sich mittig auf dem Satteldach eine Aufzugsgaupe.

Aufgrund seiner Aussagekraft für die Architektur- und Stadtbaugeschichte Villingens ist das Haus aus wissenschaftlichen und vor allem aus baugeschichtlichen Gründen ein Kulturdenkmal:

„Gemäß § 2 DSchG und seiner Erhaltung liegt insbesondere wegen seines dokumentarischen und exemplarischen Wertes im öffentlichen Interesse.“ 1

Im Vorfeld der geplanten Modernisierung wurde die innere Baustruktur durch Burghard Lohrum bauhistorisch untersucht und zeitlich eingeordnet. Demnach ergeben sich vier Hauptbauphasen, wobei das älteste erkannte Bauteil, der zu Haus Nr. 3 gehörige Massivgiebel, dessen aufgehende Baustruktur mit abschließendem Satteldachprofil bis in den Dachraum ablesbar ist.

Abb. 2: Giebelscheibe aus dem 13. Jahrhundert mit noch partiell vorhandener Ziegeleindeckung.

 

Dieser Kernbau wird in das 13. Jahrhundert datiert. An die alte, mit Eckverband abschließende Giebelwand ist ein östlich angrenzender (Vorgängerbau des jetzigen Hauses Nr. 5) Nachbar zu vermuten, wobei dessen Ausdehnung zum jetzigen Zeitpunkt nicht näher bestimmbar ist. Das im Giebeldreieck vorhandene Balkenloch mit Putzabdruck ist möglicherweise der Rest der zugehörigen Dachkonstruktion. Die Giebelscheibe steht vor der Flucht der westlichen Brandwand und hat auf der rückwärtigen Ortgangneigung noch Reste der alten Ziegeleindeckung erhalten.

Diese Giebelscheibe ist in Abb. 3 graphisch mit roter Linie nachgezeichnet. Daran schließt sich wohl zeitgleich der straßenseitige Kernbau des Hauses Bickenstraße Nr. 5 an.

Spätestens im 14. Jahrhundert wird dieser Kernbau in den rückwärtigen Parzellenbereich verlängert und stellt damit die 2. Bauphase dar. Die zugehörige Rücktraufe ist allerdings heute nicht mehr erhalten, aber deren Verlauf ist noch deutlich fixierbar. Der Massivbau, wohl mit ehemaligem Pultdachprofil, ist im Unterbau über die Höhe von vier Nutzungsebenen nachvollziehbar und ebenfalls in Abb. 3 graphisch mit blauer Linie nachgezeichnet.

In Anlehnung daran, dass die Brandwand nicht verputzt ist und sich im rückwärtigen Dachbereich eine zur rückwärtigen Traufe geneigte Putzbraue abzeichnet, ist davon auszugehen, dass sich zeitgleich mit der Brandwandverlängerung des Hauses Bickenstraße Nr. 3, ebenfalls auf dem Grundstück der Bickenstraße Nr. 5, ein älterer Bau weit nach Norden entwickelte. Während dieser größten Gebäudeausdehnung in der Süd-Nord-Achse, hatte das Haus beinahe eine Gebäudetiefe von 25 Metern.

Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem nach Norden überstehenden Brandmauerrest um die alte Ausdehnung dieses Gebäudes handelte.

Abb. 3: Grundriss und Schnitt von B. Lohrum/ rote Baulinie zeigt die Bauphase des 13. Jahrhundert, die blaue Baulinie die des 14. Jahrhunderts, die gelbe Baulinie vermutlich die des 15./16. Jahrhunderts und die orangene Bauline die Kubatur ab 1706 bis heute.

 

Die Ausbruchspuren der zugehörigen Traufwand sind im Erdgeschoss noch heute ablesbar. Auch in der gegenüberliegenden Brandwand haben sich

Befunde für einen älteren Vorgängerbau auf dem Grundstück des Hauses Nr. 5 erhalten. Bei diesen Belegen handelt es sich um eingemauerte Rähmreste, die im 1. Dachstock, in Anlehnung an die äußeren Stuhlständer des bestehen den Daches erhalten sind und neben demAbdruck des ehemaligen Kehlbalkens auch die zugehörige Dachneigung erkennen lassen. Diese 3. Bauphase, ist in Abb. 3 mit gelber Baulinie nachgezeichnet.

Wohl nach einem Brand um das Jahr 1706 wird der Bau umfassend erneuert und in der Tiefe auf seine heutige Ausdehnung reduziert. In Abb. 3 graphisch mit orange nachgezeichnet. Dies stellt bis zum heutigen Zeitpunkt die letzte Veränderung in Bezug auf das Gebäudevolumen dar. Auf dem viergeschossigen Massivbau ist ein zur Bickenstraße traufständig ausgerichtetes Satteldach abgezimmert. Aus dieser Zeit stammen das Dachwerk und wohl alle Gebälklagen. Gut sichtbar sind die unterschiedlichen Trauf höhen, einerseits an der Traufe zur Bickenstraße als auch an der Traufe hofseitig.

Abb. 4: Baualtersstruktur nach B. Lohrum.

 

Nach den entnommenen Bohrproben aus dem Dachwerk und aus dem rückwärtigen Decken-gebälk über dem Erdgeschoss ist der aufgehende Bestand in die Jahre um 1706 (d) zu datieren. Dieser Zeitebene ist auch der zur Bickenstraße ausgerichtete Ladegiebel zuzuordnen.

Abb. 4 zeigt nochmals deutlich in allen vier Grundrissen den ursprünglichen Kernbau der 2. Bauphase aus dem 13./14. Jahrhundert (rote Farbgebung), wobei die straßenbegrenzende Außenwand zur Bickenstraße, im 18. Jahrhundert (grüne Farbgebung) erneuert wurde. Zugleich zeigen die einzelnen Grundrisse auch den besondere Zuschnitt der einzelnen Etagen. Dies setzt sich in den drei Dachgeschossen ebenfalls fort.

Ausblick

Nach der bauhistorischen Untersuchung wurde eine aufwendige Bestandsplanung mit anschließender Genehmigungsplanung erarbeitet.

Nach erlangter Baugenehmigung im April 2013 soll bis zum Sommer 2014 das Haus wieder mit Leben gefüllt werden. Das Erdgeschoss wird dann Platz für eine kleine Gewerbeeinheit bieten. Die restlichen Etagen werden zu einer großen Wohnung über sechs Etagen ausgebaut. Die teilweise schon dramatisch engen Raum- und Belichtungsverhältnisse stellen eine ganz besondere Anforderung an die Architektursprache dar. Es werden auf allen Ebenen spannende Räume und Details entstehen; unter Verwendung der vorhandenen Bausubstanzen. Es erscheint mir besonders wichtig, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen und Raumstrukturen, das Haus in der Villinger Innenstadt wieder zu beleben. Es ist mitunter ein wichtiger Baustein für eine lebendige und funktionierende Innenstadt, wenn möglichst viele Menschen darin wohnen. Eine städtebauliche Nachverdichtung ist zudem, auch unter ökologischen Gesichtspunkten, nachhaltiger als „Flächenversiegelung auf der grünen Wiese.“

Anmerkung:

1 Stadt Villingen-Schwenningen, Untere Denkmalschutzbehörde