Aus nach 162 Jahren (Cornelia Spitz)

Für die christliche Buchhandlung in der Bickenstraße bricht das letzte Kapitel an

Kruzifixe und Rosenkränze an den Wänden, christliche Literatur im Regal, so kennen die Villinger das Traditionsgeschäft seit 162 Jahren. Jetzt endet für die Buchhandlung und Einzelhandelskauffrau Barbara Müller eine Ära. Generationen von Kommunionskindern gingen hier ein und aus. Fotos: Spitz

 

 

Generationen von Eltern kauften hier Tauf- und Kommunionskerzen, nun erlischt das Licht in der christlichen Buchhandlung Hermann Weisser in der Bickenstraße erst einmal: Villingens älteste Buchhandlung steht vor dem Ende.

Wer als Erwachsener durch die Ladentür tritt, fühlt sich augenblicklich in seine Kindheit zurück versetzt, an jenen spannenden Tag, als man an der Hand der Mutter hier hinein ging, um den Rosenkranz und die Kerze für die Heilige Erstkommunion und vielleicht sogar das erste eigene „Gotteslob“ für den künftigen Kirchgang zu kaufen. Kruzifixe und Rosenkränze schmücken die Wände noch immer. Jesusbildchen und Engelfigürchen, in der christlichen Buchhandlung, die schon 162 Jahre alt ist, gibt es sie noch. Aber nachdem die letzte Inhaberin aus der Kaufmannsfamilie Heinzmann, Gertrud Heinzmann, im Sommer verstorben ist und eine Erbengemeinschaft sich unter anwaltlicher Beratung von Gerhard Ruby mit dem Nachlass beschäftigt hat, ließ der Testamentsvollstrecker mitteilen, „dass sich die Erbengemeinschaft leider gezwungen sieht, die christliche Buchhandlung als solche aufzugeben.“ Schon etwa seit den letzten zehn Jahren „fährt der Laden Verluste ein“, erläuterte Miterbe Rolf Heinzmann.

Nun geht also eine Ära zu Ende. Nicht nur für Barbara Müller, die hier als heute 54-Jährige täglich hinter dem Ladentisch steht, seit 36 Jahren.

Der Buchbinder Fleck soll die Buchhandlung 1850 gegründet haben, auf ihn folgte Hermann Weisser, ebenfalls Buchbinder, der auch Schreibwaren und christliche Literatur verkaufte. Das Ehepaar Weisser blieb kinderlos, hörte altershalber auf.

Zum 4. August 1951 übernahmen die Geschwister Heinzmann, Gertrud und Hildegard, das Geschäft. Als Hildegard Heinzmann 1980 starb, standen Gertrud Heinzmann ihr Bruder Karl und ihre Schwester Frieda zur Seite. Die Heinzmanns waren eine eingefleischte Kaufmannsfamilie. Sie betrieben neben der Buchhandlung auch ein Lebensmittelgeschäft in der Rietstraße, aus dem Anfang der 70er Jahre ein Kunstmarkt wurde. Der bereicherte bis 2006 die Geschäftswelt. Dann aber war es der damals 98-jährigen Frieda Heinzmann nicht mehr möglich, im Laden zu stehen – zwei Jahre später starb sie hundertjährig. Mit Gertrud ist nun auch die Letzte im Bunde gestorben, sie wurde 90 Jahre alt und war eine Institution.

„Es hat sich nicht viel verändert im Laden“, erzählt Barbara Müller. Gertrud Heinzmann sei sehr gläubig gewesen, habe an dem Sortiment christlicher Literatur festgehalten, das von den Jungen oft verpönt werde, was wiederum dem kleinen Geschäft das Leben schwer mache. Trotzdem hat sich das Einzelhandelsjuwel bis heute gehalten.

Und das ist auch der Heimatliebe von Gertrud Heinzmann zu verdanken: Viel, auch seltene Literatur rund um ihr geliebtes Villingen steht neben religiösen Werken und Schreibwaren im Regal. Sie ließ sogar Radierungen von Villingen anfertigen und verkaufte sie.

„Den Leuten hat das Ambiente hier gefallen“, weiß Barbara Müller – die auch nach 36 Jahren nicht als zum Inventar gehörig bezeichnet werden will. Für viele Villinger ist sie aber doch auch eines: das Herz, der kleinen christlichen Buchhandlung, das bis heute, auch nach dem Tod von Gertrud Heinzmann noch ein bisschen weiter schlug – auch für die christliche Literatur und die „Villinger Spezialitäten“, die nun ab dem 26. November in den Räumungsverkauf gehen.