Das Niedere Tor ist wieder da! (Dietmar Kempf)

Leider nur das Modell

Jetzt sind sie wieder komplett, die vier Villinger Stadttore. Dietmar Kempf, Modellbauer und Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Villingen, hat das historische, 1847 leider abgebrochene Niedere Tor in liebevoller Kleinarbeit wieder aufgebaut und damit ein weiteres Mal ein Stück Villinger Stadtgeschichte als Modell sichtbar gemacht. Wir stellen hier das Werk – wie schon die vielen anderen Modelle, die er geschaffen hat – vor. Dazu hat er eine umfassende Dokumentation über das einstige Stadttor verfasst, die wir hier in Auszügen veröffentlichen.

Vorwort

Über die Stadtbefestigung Villingens sind von vielen Autoren schon Aufsätze und Veröffentlichungen in Zeitschriften, wissenschaftlichen Büchern oder anderen Medien erschienen. Der Modellbauer hat versucht, aus diesen unterschiedlichen Quellen eine möglichst aussagefähige und fundierte Basis für den Bau seines Modells zu finden.

Malerisches altes Villingen – Partie am Niederen Tor

 

Alles ließ sich trotz intensivem Suchen leider nicht bis zur letzten Sicherheit klären, so dass das Modell die absolute historische Treue nicht erfüllen kann.

Zeittafel Niederes Tor

Neubau der Stadt westlich der Brigach     ab 1199

Baubeginn:

Innere Stadtmauer und Graben     ca. 1200

Tortürme (Bicken-, Oberes, Niederes und Riettor)     1230–1260

Äußerer Mauerring mit Fülle und äußerem Graben     ab Mitte 15. Jh.

Niederes-Tor-Erker     1721

Abbruch:

Äußere Mauer und Fülle,

Verfüllung des Grabens     ab 1825

Niederes-Tor-Erker     1844

Niederes Tor     1847

Die Toranlage am südlichen Stadtausgang

Von der Feldseite her gesehen:

„Ansicht gesehen vom Niedern Tor oder von der Straße von Bräunlingen her“, gezeichnet von Johann Baptist Gumpp 1692.

 

Die Toranlage von der Niederen Straße her gesehen.

Zeichnung von Paul Bär sen. (aus GHV-Jahresheft 2001, Seite 41).

 

Die Befestigungsanlagen des südlichen Stadtausganges

Plan Befestigungsanlagen.

 

Das Niedere Tor mit den zugehörigen Anlagen bildete den südlichen Zu- bzw. Ausgang der Stadt. Von hier aus war die Straße durch das Brigachtal nach Hüfingen, Bräunlingen und als Fernziel Konstanz und Schaff hausen zu erreichen. Die Feldungen der Gewanne Schützenwiesen, Lantwatten, Niedere Angel, Linden, Kreuzwasen und Niederwiesen waren ebenfalls durch Feldwege an den Stadtausgang angeschlossen (siehe hierzu „Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar“, Heft XVII-1928, „Die Flurnamen der Gemarkung Villingen im Schwarzwald“ von Hans Maier 1927).

Die Toranlage

Sie bestand aus dem Niederen Tor selbst und den beidseitig angebauten Häusern. (Die anschließend weiterführende innere Stadtmauer gehörte ebenso zur Befestigungsanlage, wird aber erst später abgehandelt).

Toranlage, feldseitige Ansicht.

 

Das Niedere Tor 

Der Bau der vier Stadttore lässt sich aufgrund bauhistorischer Datierungen auf Anfang bis Mitte 13. Jh. eingrenzen. Die erste schriftliche Erwähnung eines Tores erfolgte in einer Urkunde aus dem Jahre 1290. Leider hatte das Niedere Tor nur bis Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand, 1847 erfolgte der Abriss. Der Grund hierfür war u.a. anscheinend in der maroden Bausubstanz und den daraus resultierenden Reparatur- und Unterhaltungskosten zu suchen.

Außerdem war das Gelände südlich des Tores von der damaligen Kreisbauinspektion für eine verbesserte und erweiterte Anbindung der Niederen Straße nach Donaueschingen usw. vorgesehen. In dieser Planung dürfte der Abbruch des Turmes und die Auffüllung der beiden Stadtgräben vor dem Tor schon vorgesehen gewesen sein.

Schon früher, im Jahre 1683, war in einem Ratsprotokoll auf den schlechten Zustand des Niederen Tores hingewiesen worden: „Der Niedereturm ist ganz schadhaft und zerspalten, dahero diesen Winter hindurch die erforderlichen Stein und Materialia beigeschafft, alsdann gegen den Frühling die notwendige Raparation vorgenommen werden soll“.

 

Das Aussehen und die Abmessung des Niederen Tores sind weitgehend unbekannt. Die drei anderen, noch erhaltenen Tortürme (Riet-, Oberes und Bickentor) haben jedoch alle einen Grundriss von ca. 11 m Tiefe und 8,5 m Breite, die Höhe ist unterschiedlich zwischen 19 – 23 m.

Ausschnitt aus der Planskizze „Bezirksstrafgerichtsgebäude mit Gefangenenhof und Amtsgärten“ aus 1847.

 

Das äußere Bild ist bei allen diesen Türmen annähernd gleich, so dass davon ausgegangen werden kann, dass auch das Niedere Tor in diesen Rahmen passte.

Der Standort ist bei Kanalisationsarbeiten 1988 am Südende der Niederen Straße gefunden und eingemessen worden. In einer Planskizze zum Neubau des „Bezirksstrafgerichtsgebäudes mit Gefangenenhof und Amtsgärten“ des Großherzoglichen Justizministeriums vom 20. Febr. 1874 ist das Niedere Tor mit einer Grundf läche von 9 x 9 m eingezeichnet. Da die anderen Tortürme jedoch alle eine rechteckige Form aufweisen, hat der Modellbauer die Fläche auf 9 x 10,5 m erweitert. Die Höhe des Turmes am Modell beträgt bis zur Dachunterkante ca. 24 m. Diese Höhe ergab sich beim zeichnerischen Aufriss des Turmes, ist historisch jedoch nicht belegt.

Vom inneren Ausbau des Niederen Tores wissen wir wenig. In der Hug’schen Chronik von 1495 – 1533 sind jedoch einige Texte enthalten, die auf ein Gefängnis im Turm hinweisen. Nachfolgend sind diese Textstellen wiedergegeben:

Zitat Seite 56 aus 1514:

(…) Do ward man zu raut und let den lantschriber in das Nider-keffid. (…)

(Da ging man zu Rate und legte den Landschreiber in das Niederetorgefängnis).

Zitat Seite 93 aus 1522:

(…) Das tetten sy, und hie 4 legen sy in das Bickenkefid, 4 in das Oberkeffid und 4 in das Niderkefid.

(…)

(Das taten sie, und je 4 legen sie in das Bickentor gefängnis, 4 in das Obertorgefängnis und 4 in das Niedertorgefängnis).

Zitat Seite 147 aus 1525:

(…) Uff den helgen krutz auben (13. Sept.) lies man den kilchhern von Brullingen wider us dem Niderkeffid, was och 4 wochen gefangen gelegen (…)

(Auf den Heiligenkreuz Abend ließ man den Kirchherren von Bräunlingen wieder aus dem Niederen Torgefängnis, war auch 4 Wochen gefangen gelegen).

Dieses Gefängnis ist in seinem Auf bau sicher denen der anderen Türme gleichzusetzen. Als Beispiel kann das „Keffid“ im Oberen Tor dienen.

Das Niedere Tor – Keffid.

 

Zugang zum Turm 

Zur Versorgung der Gefangenen im „Keffid“ muss ein gut begehbarer Zugang vorhanden gewesen sein. Angeboten hätte sich hierfür ein Durchgang aus dem rechts angebauten Haus vom 1. Obergeschoss in das 1. Stockwerk des Turmes über dem Torbogen. Eine Treppe außen am Turm (wie beim Bicken- und Riettor) wäre für den Zugang z.B. der Turmbesatzung in Kriegszeiten vorteilhaft gewesen.

Interessant ist auch zu wissen, dass an den Tortürmen vor Mitte des 19. Jh. schon Uhren vorhanden waren. Ob diese beidseitig (Stadt- und Grabenseite) die Zeit anzeigten, lässt sich aber nicht feststellen. In einem Ratsprotokoll aus 1842 ist folgender Eintrag zu lesen:

„Erlaß der Grh. Straßenbauinspektion dahier, den Abbruch der Oberen und Unteren Tortürme betr. (…) Die darauf befindlichen Uhren werden vorbehalten. Der Abbruch des Niederen Tores soll auf Rechnung der Stadt geschehen.“

An den Turm angrenzende Gebäude

Anmerkung: Die Lagebezeichnung „rechts“ oder „links“ ist immer von der Stadtmitte aus zu sehen. Die beiden rechts und links angebauten Gebäude waren anscheinend in das Gesamtkonzept der Verteidigungsanlagen eingebunden. Im Ortskernatlas 3.2 BW wird darauf hingewiesen: (…) Der Rücksprung der Türme hinter die Mauerflucht übertrifft die Mauerstärke deutlich, zu den Türmen gehören daher die jeweils beidseitig anschließenden Gebäude (…).

(…) Da die Toröffnungen selbst weder Anschläge noch Aufzugsvorrichtungen für eine Zugbrücke erkennen lassen, sind diese turmflankierenden Häuser als Sicherungssystem zu werten, zu dem die abgegangenen Vortore im Bereich der äußeren Mauer gehört haben.“

Das Gebäude links vom Turm

Besitzer dieses Hauses war laut Ratsprotokoll vom 1.4.1847 ein gewisser Josef Link. „Die wiederholte Steigerung des Abbruches des Niederen-Tor-Turmes wird genehmigt. Erlös f 306 durch Gregor Ummenhofer. (…) den Niederen-Tor-Turm abzubrechen und das Haus des Josef Link zu aquirieren.

An dieses Haus grenzte links unmittelbar die innere Stadtmauer an.

Die Mauer besaß einen Wehrgang und verlief rund um die gesamte Stadt. Der Wehrgang selbst war über Außentreppen (siehe oben) oder aus Hauszugängen zu erreichen.

„Erlaß der Grh. Straßenbauinspektion dahier, den Abbruch der Oberen und Unteren Tortürme betr. (…) Die darauf befindlichen Uhren werden vorbehalten. Der Abbruch des Niederen Tores soll auf Rechnung der Stadt geschehen.“

Die Gebäude rechts vom Niederen Tor

Das Haus mit einem angebauten Ökonomieteil war Eigentum des Dr. Martin Hummel. Da das Gelände, auf dem das Gebäude stand, im Oktober


1846 für eine andere Nutzung vorgesehen war, fand ein Besitzerwechsel statt. Revellio schreibt:

„Für dieses Bezirksstrafgericht kaufte die Stadt im Oktober 1846 das auf der rechten Seite des Niederen Tores stehende Haus mit Scheuer und Stallung an der Ringmauer, das Eigentum des Physikus Dr. Martin Hummel war (…)“

Die südlichen, äußeren Gebäudemauern von Haus und Scheuer waren zugleich Stadtmauer. Diese setzte sich westlich in Richtung Romäusturm fort (im Bild rechts außen).

Innenstadtbereich

Erwähnenswert ist der am Modell zu sehende Stadtbach. Villingen hatte seit dem frühen 14. Jh. ein Stadtbachsystem.

Im Ortskernatlas BW beschreibt das Dr. Peter Findeisen so: (…) während die Bäche im Riet, vielfach verzweigt, schließlich durch den südlichen Haupstraßenarm, die Niedere Straße und das Niedere Tor aus der Stadt strömten (…)

Einmündung des Stadtbaches in einen Kanal rechts des Niederen Tores. Kanal leitet das Wasser in den inneren Graben.

 

Im Stadtplan von Martin Blessing ist der weitere Verlauf dieser Rinne deutlich zu sehen. In Höhe der damaligen „Gerbergasse“ vereinigten sich die beiden Bäche aus der Gerbergasse und der Niederen Straße und trieben danach gemeinsam die Niedergrabenmühle an, bevor sie in die Brigach abgeleitet worden sind.

Zusammenfluß der beiden Stadtbäche, mit Niedergrabenmühle und Abflusskanal in die Brigach.

 

Die innere Stadtmauer 

Diese Mauer ist der älteste Teil der Anlage. Sie war in Höhe des Laufniveaus (Innenstadtbereich) gemessen 1,5 – 2 m dick und 9 m hoch. Am stadtseitigen Fuß war durch Ablagerung von Aushubmaterial eine kleine Anböschung entstanden. Dieser Geländestreifen war nicht bebaut und musste für einen eventuellen Verteidigungsfall frei bleiben. Der Anbau von Häusern an die Stadtmauer von innen unterlag strengen Auf lagen. So durften z.B. Fenster (Lichter), die nach außen öffneten nicht unter der Stadtmauerhöhe liegen.

Der innere Stadtgraben

Dieser vorgelagerte Graben war etwa 2,5 m tief und ca. 15 m breit. Die innere Mauer saß direkt auf der Grabensohle auf. Bis in Höhe des Innenstadt-Niveaus war die Mauer aus großen, behauenen Sandsteinquadern errichtet und auf der äußeren Seite (Jenisch sagt „Schauseite“) nicht verputzt. Erst die über diese Höhe aufsteigende, jetzt aus Bruchsteinen weitergebaute Mauer erhielt einen stabilisierenden und glättenden Verputz.

Innerer Graben mit Stadtmauer (rechts) und Futtermauer der Fülle. Mittig der Sohlgraben zur Niedergrabenmühle, links das Vortor.

Der Graben ist nicht als „Wassergraben“ angelegt gewesen. Er war in Friedenszeiten trocken, die Bürger benutzten die freien Flächen teilweise zum Anlegen von Gemüsegärten. Lediglich in Gefahrenzeiten ist der Graben geflutet und über Schleusen mit Brigachwasser gefüllt worden (siehe nachfolgenden Bericht der Äbtissin Juliana Ernstin aus 1632 des St. Clara Klosters, heute St. Ursula). Im Graben selbst verlief noch ein Sohlgraben, der den am Niederen Tor einmündenden Stadtbach weiterleitete (siehe hierzu Kapitel Innenstadtbereich).

Zum oben erwähnten „Wassergraben“: Wie schon beschrieben bestanden die Fundamente der inneren Stadtmauer, zu der auch die Außenmauern angebauter Gebäude gehörten, aus großen, behauenen Sandsteinquadern. Diese Steine sind anscheinend nicht wasserdicht vermauert worden, denn in einem Tagebucheintrag der Äbtissin Juliana Ernstin beschreibt sie, welche Auswirkung das Fluten des inneren Stadtgrabens hatte.

Es war damals die Zeit des 30-jährigen Krieges und Villingen wurde 1632 / 1633 von den mit den Schweden verbündeten Württembergern belagert. Die Angst der im Kloster St. Clara lebenden Clarissinen war groß. Man hörte überall her schreckliche Dinge, welche von den Schweden und Württembergern bei Eroberungen von Städten oder Dörfern begangen worden sind. Um die wenigen Habseligkeiten der Klosterfrauen bei einem eventuellen Eindringen der Feinde ins Kloster zu schützen, versteckten sie die wertvolleren sakralen Gegenstände und einigen privaten Besitz im Keller des Klosters.

In dem Tagebucheintrag heisst es: „Daraufhin ließ unsere Mutter im Krugkeller ein Gewölbe ausbauen. Das Wasser ist damals noch nicht im Graben, auch nicht im Keller gewesen (…).

(…) Der Kommandant hat die Tore geschlossen und nur das Obere und Untere Tor offen gelaßen, die Brücken aufgezogen und das Wasser auch in den inneren Graben gelassen (…).

(…) Als man aber das Wasser in den inneren Graben läßt, kommt dieses auch in den Keller (…).

(…) Das Wasser war überall so tief, daß es den Knechten, die mit Wasserstiefeln hineingewatet waren, bis unter die Arme gegangen ist (…).

(…) Keller und Graben standen zwei Jahre unter Wasser (…).“

Zur Überquerung des inneren Grabens dienten hölzerne Brücken vor jedem Stadttor, die jeweils an den zugehörenden Erkern endeten. In den Jahren 1787 – 1800 hat man diese Brücken beim Abriss der Vortore durch steinerne Bogenbrücken ersetzt. Den Abschluss des inneren Grabens bildete eine einschalige Futtermauer, welche ebenso wie die innere Stadtmauer auf der Grabensohle aufsaß und eine Höhe von ca. 2,5 m aufwies. Die Mauerdicke war etwas geringer wie die der Stadtmauer, die Struktur jedoch entsprach dem unteren Teil der inneren Mauer. Im Bereich der Vortore stieg die Mauer beidseitig auf das Niveau der Wächterstuben an. Ab 1789 ist der innere Wall (Fülle) mit Bäumen bepflanzt worden.

Die äußere Stadtmauer

Der zunehmende Einsatz von Feuerwaffen, insbesondere der schweren Belagerungsartillerie, machte eine Verstärkung der „in die Jahre gekommenen“ alten Stadtmauer notwendig. Der Rat der Stadt beschloss deshalb, vor den vorhandenen Mauerring mit dem vorgelagerten Graben eine weitere Verteidigungslinie zu errichten, um die innere Stadtmauer zu entlasten. Dazu begann man ab ca. Mitte des 15. Jh. mit dem Bau eines zweiten Mauerrings und einem davorliegenden äußeren Graben, welcher immer Wasser führte. Da der innere Graben erhalten bleiben sollte, setzte man parallel zu dessen abschließender Futtermauer im Abstand von ca. 6 – 7 m eine zweite Mauer und füllte den entstandenen Zwischenraum mit Aushubmaterial auf. So entstand die sogenannte „Fülle“, die als Rundweg rings um die ganze Stadt verlief. Die Mauer selbst war von der Grabensohle gemessen ca. 7 m hoch und damit deutlich niedriger als die innere Stadtmauer, überragte aber die Fülle-Ebene um ca. 3 – 3,5 m („doppelte Mannshöhe“). Somit war für die Verteidiger und eventuell aufgestellte Geschütze ausreichend Schutz und Bewegungsfreiheit gegeben. Den Abschluss der Anlagen bildete die Futtermauer des äußeren Grabens, die der des inneren Grabens glich. Auf die äußere Stadtmauer setzte man in Abständen noch kleine, nach innen offene Wachtürmchen, die jeweils nur einen Ausguckposten aufnehmen konnten. Erreichbar waren diese Türmchen von der Fülle aus über hölzerne Leitern.

Vortor (Erker)

Zu der erweiterten Wehranlage gehörten auch die sogen. Vortore (Erker), die vor den Stadteingängen jeweils direkt auf der Fülle errichtet worden sind. Das Niedere Tor erhielt seinen Erker im Jahre 1721, abgerissen wurde er 1844. Über das Aussehen der Vortore, speziell des Niedere-Tor-Erkers, gibt es unterschiedliche Aussagen. Revellio z.B. zitiert aus einer Zusammenstellung zeitgenössischer     Aufzeichnungen     verschiedener Autoren aus den Jahren 1769 – 1847 Folgendes: „1844. Im Sommer diesen Jahres wurde der Niedertorerker, welcher von lauter gehauenen Quadersteinen aufgeführt war, abgebrochen. Die Steine wurden verkauft (…).“

Bertram Jenisch dagegen schreibt im Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes 3/1994:

„Den Tortürmen waren die in der Mauerflucht eingefügten Vortore, auch Erkertore genannt, vorgelagert. Sie waren nur halb so hoch wie die alten Tore und aus Bruchsteinen aufgeführt, die Ecken waren aus Quadern gesetzt.“

Das sind bauhistorisch gesehen recht konträre Aussagen, welche den Modellbauer in einen Zwiespalt stürzten.

Letztendlich fiel die Entscheidung aber zu Gunsten der Revellio-Aufzeichnung aus, weil die damaligen Chronisten näher am Geschehen waren und die Situation eventuell besser kannten.

Übergang des Fülle-Rundwegs über die Tordurchgänge der Vortore

Ausschnitt aus einem Bild im Rodenwaldt-Buch, Seite 59. Darstellung: Riettor, Vortor, äußere Stadtmauer. Deutlich zusehen ist, wie die äußere Ringmauer über das Niveau des Erker-Tores ansteigt (linke Seite).

 

 

Um einen reibungslosen Übergang von einer auf die andere Seite der Vortore zu ermöglichen, ist der innere Wall beidseitig auf das Niveau der Wächterstuben über die Torhöhe angehoben worden. Die beiden nachfolgenden Bilder zeigen diese Situation deutlich. Vortor zum Bickentor. Auch hier ist der Anstieg der Fülle über die Torhöhe des Erkers deutlich zu sehen. Dieses Bild dürfte authentisch sein, da Ackermann diese Situation noch zu seinen Lebzeiten sehen konnte.

Bild von Dominik Ackermann d.J. (1824 – 1880) Umschlagseite GHV-Jahrbuch 2004.

 

 

Die Vortore waren funktional alle ähnlich aufgebaut und hatten jeweils eine Zugbrücke über den äußeren Graben, Wächterstube und starke Tore. Ob an den Toren zusätzlich zu den Zugbrücken noch Fallgatter vorhanden waren, ließ sich nicht ermitteln, weshalb der Modellbauer auf eine solche Vorrichtung verzichtet hat. Die Feldseite des Niederen-Tor-Erkers war mit einem großen Sandsteinrelief geschmückt, welches das sogenannte „Allianzwappen“ zeigte. Dieses Relief exisitiert noch heute und ist im Alten Rathaus vor dem Eingang in die große Ratsstube in die Wand eingelassen und dauerhaft gesichert.

Das Allianzwappen ist dreiteilig gegliedert.

Äußerer Wall (Rempart)

Der Wall, der aus dem Aushubmaterial des äußeren Grabens aufgeschüttet worden ist, erreichte eine Breite von 7 – 11 m. Auf dem Wall führte ein sogenannter „Rondenweg“ um die ganze Stadt, er diente der Überwachung des Vorfeldes. Wachhaus Zur weiteren Sicherung des Stadtzuganges war innerhalb der Palisaden auf dem äußeren Wall ein Wachhaus vorhanden. Alle Personen, welche die Stadt betreten wollten, mussten diese Stelle passieren und konnten nach entsprechender Kontrolle eingelassen oder abgewiesen werden. Außerdem ist von den Torwärtern auch das sogenannte „Wegegeld“ von durchreisenden Kaufleuten usw. eingezogen worden. In seiner Funktion glich dieses Wachhaus einer heutigen Zollstelle.

Der Zugang zu den Feldungen in den Gewannen Schützenwiesen, Kreuzwasen, Lantwatten, Linden usw. führte auch an dieser Kontrollstelle vorbei und war deshalb stets unter städtischer Aufsicht.

Soweit die kurze Beschreibung der Niederen- Tor-Anlage. Der Modellbauer und Autor hat zum Modell eine ausführliche Dokumentation erstellt, welche aus Platzgründen hier nur in Kurzform wiedergegeben werden kann. In dieser Dokumentation sind alle bezogenen Autoren aufgelistet.

Es sei an dieser Stelle vorab schon auf die Aufsätze und Darstellungen zu diesem Thema von Dr. Peter Findeisen, Werner Huger, Dr. Bertram Jenisch, Dr. Franz Xaver Kraus, Dr. Paul Revellio, Dr. Ulrich Rodenwaldt und Dr. Johann Nepomuk Häßler hingewiesen.

Reichswappen mit Doppeladler und Kaiserkrone (Habsburg)