Tradition und Fortschritt im Einklang (Hartmut Dulling)

Büroeinrichtungshaus Wiebelt

vor 95 Jahren als Buchhandlung in Villingen gegründet

Der Firmengründer: Franz Karl Wiebelt gründete 1905 als 25jähriger die Buchhandlung E K Wiebelt in Villingen.

 

Man schrieb das Jahr 1905. Franz Karl Wiebelt war auf dem Weg von der Pfalz in die Alpen, als er seinen Zug für einen kurzen Aufenthalt im badischen Villingen verließ. Diese Stadt gefiel dem 25 Jahre jungen Mann sehr, und erfaßte einen Entschluß.

Ein Vierteljahrhundert später berichtete das „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“ in seiner Ausgabe Nummer 227 vom 30. September 1930 über diesen Entschluß und die anschließende Entwicklung wie folgt:

„Die Firma E K Wiebelt, Buch- und Kunsthandlung in Villingen (Schwarzwald) wurde am 1. Oktober 1905 von Herrn Franz Karl Wiebelt gegründet, der heute noch Inhaber ist. Er erlernte in Zweibrücken den Buchhandel und war dann als Gehilfe in Limburg a. d. Lahn, Trier, Bregenz a. B. und in Düsseldorf tätig. Nach einem Erholungsurlaub im Sommer 1905 kam er nach Villingen im Schwarzwald. Es gab zu jener Zeit dort noch keine eigentliche Buchhandlung. Eine Buchdruckerei mit unbedeutender Buchhandelsabteilung und Buchbinder-geschäfte, deren Inhaber fast durchweg alte Leute waren, versorgten die Einheimischen mit geistiger Kost. So entschloß sich Herr Wiebelt, Anfang August eine Buchhandlung zu gründen, nachdem ihn einheimische Persönlichkeiten dazu ermuntert und ihre Unterstützung zugesichert hatten. Ein geeigneter Laden in guter Lage war bald gefunden. Durch die überaus exakte und prompte Lieferung, die der Bezug beim Barsortiment Koch in Stuttgart möglich machte, bekam die Firma sofort einen guten Ruf 1908 schon konnte das Haus erworben werden, in dem der gemietete Laden sich befand, der 1909 umgebaut und mit zwei großen Schaufenstern versehen wurde. 1915 wurde Herr Wiebelt als 35jähriger Landsturmmann eingezogen. Ein gütiges Geschick ließ ihn nach Kriegsende zu Familie und Geschäft wieder zurückkehren, das seine tapfere Frau unter Überwindung großer Schwierigkeiten weitergeführt hatte. Im Jahre 1919 wurde die seit 40 Jahren in Villingen bestehende Papier- und Schreibwarenhandlung B. Neininger erworben und systematisch zu einem Fachgeschäft für Bürobedarf ausgebaut. Jetzt reicht der Platz nicht mehr aus und die Abteilungen sollen wieder getrennt werden. « Soweit das „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“. Franz Karl Wiebelt war nicht nur Buch- und Kunsthändler, er war auch ein Förderer der Kunst und junger Künstler, er war Verleger, und er war ein respektierter Bürger, der sich sein Leben lang sozial engagierte. Zeitzeugen sind die vielen persönlichen Kontakte, die er zu Künstlern pflegte, noch im Gedächtnis, und im Familienbesitz befinden sich aus jenen Jahren noch Handzeichnungen von Ludwig Thoma. Im Hof des Geschäftshauses in der Bickenstraße erinnert ein Madonnenbild an der Wand des früheren Ökonomiegebäudes an den Villinger Kunstmaler Paul Hirt, von dem als Dank für erfahrene Unterstützung gemalt.

Als Verleger nahm sich Franz Karl Wiebelt der regionalen Literatur an, zum Beispiel der Aufzeichnungen über den großen Villinger Umzug von 1899 zum 900. Jubiläum der Marktrechtsverleihung. In der Zeit der großen Not richtete er in seinem Haus in der Bickenstraße eine private Kleiderkammer ein und half damit vielen bedürftigen Menschen in der Stadt. Selbst Vater von sechs Kindern, gründete er 1928 den Verein für Kinderreiche und kümmerte sich, auch als Stadtrat, besonders um die Kinderschule und das Waisenhaus.

„Herr Wiebelt gehörte zu den angesehensten Bürgern der Stadt“, erinnert sich Ewald Merkle. Der Ehrenbürger der Stadt Villingen-Schwenningen trat am 1. April 1939 eine kaufmännische Lehre in der Firma E K. Wiebelt an. Sein Vater war mit dem Buchhändler Wiebelt gut bekannt, erzählt Ewald Merkle, und so klappte es mit der Lehre in diesem geachteten Betrieb.

Auch wenn F. K. Wiebelt damals schon eine anerkannte Buchhandlung und ein gut sortiertes Geschäft für Bürobedarf war, so ließ sich doch die heutige Größe und Bedeutung des Unternehmens für Büroorganisation noch nicht erahnen. „Wir waren sechs in dem kleinen Büro“ schmunzelt Altstadtrat Merkle und weiß noch gut: „und der Herr Wiebelt mittendrin als Verwalter des Kassenschranks“.

Der technische Kundendienst bestand aus Hans Schweizer, dem Ewald Merkle auch schon mal zur Hand ging, abends nach dem Geschäftsbetrieb. Er hat viel gelernt bei Wiebelt, wurde zu allen Arbeiten herangezogen und bekam früh Verantwortung übertragen.

Der Lehrling Merkle war auch schon im Maschinen- und Möbelverkauf eingesetzt, kennt heute noch die Marken von damals, zum Beispiel Rechenmaschinen von Rheinmetall, Vervielfältiger von Roto oder Büromöbel von Stolzenberg aus Baden-Baden. Allerdings verlangte die Zeit weniger nach verkäuferischen Talenten, dafür mehr nach tröstender Beredsamkeit. Denn der Krieg tobte bereits, ohne Bezugsschein ging fast nichts mehr. Die Maschinen konnten nicht einfach bestellt werden, sondern wurden zugeteilt.

Der Sohn des Firmengründers: Franz Josef Wiebelt errichtete vor 20 Jahren das Büromusterhaus im Stadtgebiet Vockenhausen.

 

Am 1. Juli 1939 kam Franz Josef Wiebelt, einer der Söhne und Vater der heutigen Geschäftsführungsgeneration, nach Villingen zurück. Mehrere Jahre war er in München gewesen, hatte dort umfangreiche Erfahrungen auf dem Gebiet der Büromaschinen und Büroausstattung gesammelt. Er, der Absolvent der Oberhandelsschule und Kaufmann, übernahm in Villingen die Abteilung Büromaschinen, Büromöbel und Organisationsmittel. Sein Bruder Bruno, studierter Germanist, war als Leiter der Buchhandlung vorgesehen. Indes, beide mußten in den Krieg ziehen, Bruno Wiebelt kehrte nicht mehr zurück, acht Wochen vor Kriegsende fiel er in Rußland.

Im Frühjahr 1940, die Söhne im Krieg, traf die Familie wie auch das Geschäft ein herber Schicksalsschlag. Ewald Merkle erinnert sich: „Am Abend hatten wir noch eine Betriebsversammlung im Raben. Am nächsten Morgen erfuhren wir, daß der Chef völlig unerwartet gestorben war. Es war schlimm.“

Aber das Geschäft ging weiter. Edith Wiebelt, die Frau von Franz Josef Wiebelt und Mutter des heutigen Geschäftsführers Franz Wiebelt, versichert: „Niemals war das Geschäft auch nur einen Tag geschlossen.“ So auch damals nicht. Erwin Schick, der Leiter der Buchhandlung, mußte die Gesamtleitung übernehmen. Er hatte bereits 1928 vom Firmengründer Prokura erhalten und führte, derart ausgestattet, fortan den Betrieb.

Zeitsprung: Wer das Unternehmen Wiebelt kennt, kennt Gisbert Schwer, Verkaufsleiter und Prokurist der Firma und maßgeblich beteiligt an der Entwicklung zur heutigen Größe und Bedeutung. Sein Berufsweg begann 1951 mit der kaufmännischen Lehre bei Wiebelt. Zum Chef durfte er „Onkel Franz“ sagen, denn dessen Frau und seine Mutter waren Schwestern.

Die Zeit des Wiederaufbaus hatte begonnen. Rund zehn Leute arbeiteten in der Firma, darunter auch Prokurist Erwin Schick und Gebhard Huber, der Leiter der Abteilung Bürobedarf. „Dazu hatten wir noch einen Außendienstmitarbeiter für Frankiermaschinen“, erzählt Gisbert Schwer. Er selber kam morgens mit dem Fahrrad von Pfaffenweiler zur Arbeit in den Laden in der Bickenstraße, wo im Winter ein großer metallener Ofen für wohlige Wärme sorgte.

„Die Mehrzahl der Kunden waren Privatleute“, berichtet Gisbert Schwer. Niebelt war die größte Buchhandlung. Viele prominente Bürger kauften bei uns ihre Bücher, auch dank der persönlichen Kontakte, die Herr Schick pflegte.“

Franz-Josef Wiebelt, der Sohn des Firmengründers, packte die Bereiche Bürobedarf, Büromaschinen und Büromöbel an. Wohl zählten die Firmen Saba, Kienzle und Binder zu den Kunden, auch die Stadtverwaltung, aber die Betriebe außerhalb von Villingen deckten ihren Bedarf in Freiburg und Stuttgart, beschreibt Gisbert Schwer die Situation.

Der Chef sah die Zukunft der Firma auf dem Gebiet der maschinellen Büroorganisation, und Schwer nennt ein einleuchtendes Beispiel dafür: Nenn wir eine Buchungsmaschine verkaufen konnten, waren das auch damals schon 15000 Mark Umsatz“, viel Geld in einer Zeit, in der hohe Gehälter bei 500 Mark im Monat lagen.

Gisbert Schwer lächelt, wenn er an den Ausstellungsraum von damals denkt. „Das war ein Räumchen mit vielleicht drei oder vier Schreibtischen darin. Immer abgeschlossen. Wenn jemand kam, haben wir schnell abgestaubt“, plaudert der Prokurist von den Anfängen. Auf jeden Fall hatte der Lehrling Schwer seine Zukunftspläne schnell abgesteckt. Wie auch sein Lehrherr und Onkel setzte er auf Maschinen und Büroausstattung.

Als der junge Mann ausgelernt hatte und den Führerschein in der Tasche, bekam er sein erstes Dienstauto, einen Lloyd Kastenwagen. „Da paßte ein Schreibtisch mit 78er Maß ‚rein“, erklärt der Verkaufsleiter. Dann hieß es „Klinken putzen“. Wohl wurden erste Zeichen des sich anbahnenden Wirtschaftsaufschwungs sichtbar, die Unternehmen investierten, aber eher in die Fertigung als in die Verwaltung.

Dennoch, es ging voran. Dazu trug auch die technische Entwicklung bei. Gisbert Schwer nennt als Beispiel die Diktiergeräte, erst solche mit großen Platten, dann mit immer kleiner werdenden Platten, schließlich mit Kassette und heute die digitale Technik.

Ähnlich war es mit den Kopiergeräten. Am Anfang gab es die Apparate mit Flüssigtoner, dann schritt die Technik fort über das Thermkopierver-fahren, Zinkoxydkopierer, Normalpapierkopierer, und heute sind aus Kopiergeräten Dokumentenvervielfältigungs- und verwaltungssysteme geworden, selbstverständlich voll digitalisiert und in Farbe. Und Lasertechnik ist längst Standard. „Aber auch damals waren zwei von uns schon unter den erfolgreichsten zehn Verkäufern in Deutschland“, denkt Gisbert Schwer nicht ohne Stolz an die Bestenliste beispielsweise bei Canon zurück.

Die gemeinsamen Anstrengungen brachten das Unternehmen Wiebelt nach vorn, bald war es das größte Fachhandelshaus für Büroorganisation in der Region. Die Kehrseite der Medaille: Obwohl mittlerweile auf vier Gebäude verteilt, platzte der Betrieb in der Bickenstraße aus allen Nähten.

Im Jahr 1978, E K. Wiebelt beschäftigte fast 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, entschloß sich Franz Josef Wiebelt, der Enge ein Ende zu bereiten und einen Neubau zu errichten. An der Vockenhauser Straße erwarb er ein Grundstück und baute dort ein großzügig geplantes Büromusterhaus, das 1979 eröffnet wurde. Inzwischen sind in der Vockenhauser Straße angrenzende Gebäude dazugekauft beziehungsweise angemietet worden.

Der Enkel des Firmengründers: Franz Wiebelt führt das Unternehmen in das Zeitalter der Kommunikationstechnologie.

 

Natürlich besteht das Ladengeschäft in der Bickenstraße nach wie vor. Die Buchhandlung dort, Keimzelle des Unternehmens, wird seit langem von Beatrice Wiebelt geleitet, Schwester von Franz Wiebelt, der die Firma seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1990 allein führt.

Auch unter seiner Ägide expandiert der Familienbetrieb weiter. Heute arbeiten in der F. K. Wiebelt GmbH & Co. KG in mehreren Betriebsstätten 98 Menschen. Der Fuhrpark, auch ein Beispiel für das Wachstum, der 1953 mit dem Lloyd Kastenwagen für Gisbert Schwer auf zwei Fahrzeuge vergrößert worden war, umfaßt jetzt derer 48. Zum Technischen Kundendienst, der einst aus Hans Schweizer allein bestand, zählen mittlerweile 25 Mitarbeiter, davon 22 hochqualifizierte Techniker. Die kontinuierliche Entfaltung des Unternehmens Wiebelt ging einher mit der Entwicklung auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologie, die übrigens im vergangenen Jahr die Automobilindustrie im Wachstum erstmals überholt hat. Es begann schon mit der Erfindung der elektrischen Schreibmaschine, die heute auch schon wieder fast verschwunden ist und dem Personalcomputer Platz gemacht hat, dann kam die immer besser werdende Kopiertechnik, hinzu noch die Telefaxtechnologie, schließlich die rasante Entwicklung der Elektronischen Datenverarbeitung. Wer denkt schon noch an riesenhafte Lochkartenrechenanlagen mit weniger Kapazität als sie heute ein Taschenrechner für 9,95 Mark hat.

Wiebelt hat mit dieser Entwicklung ständig Schritt gehalten und sich stets die Partnerschaft mit bedeutenden Produzenten und Lieferfirmen gesichert. Zu denen zählen heute unter anderen die Büromöbelhersteller König & Neurath, USM Haller, Renz, Rosenthal, Vitra und Wilkhahn. Im EDV-Bereich setzt Wiebelt auf Siemens, ist deshalb auch autorisierter Datev-Systempartner, und in der Kopier- und Telefaxtechnik arbeitet Wiebelt mit Konica und Ricoh.

Große Projekte in der Region waren die Landratsämter in Tuttlingen, Rottweil und Villingen-Schwenningen, jüngst hat Wiebelt fast 2000 Stühle und 600 Tische für die Neue Tonhalle im Stadtbezirk Villingen geliefert, in vielen kleinen, mittleren und großen Unternehmen ist Wiebelt Partner, ebenso in Steuerberater- und Anwaltskanzleien, in Arztpraxen und Ingenieurbüros.

Wiebelt betreut längst nicht nur Kunden im Großraum Schwarzwald-Baar-Heuberg und Bodensee, sondern auch in Berlin, München sowie in ganz Deutschland und im europäischen Ausland. Letzteres hat seinen besonderen Grund. 1953 schickte die Familie Dussmann, Inhaberin der gleichnamigen Buchhandlung in Rottweil, ihren Sohn Peter zu Wiebelt nach Villingen in die Lehre.

Wie so viele Lehrlinge anschließend ihren Weg machten, wie zum Beispiel Ehrenbürger Ewald Merkle oder Verkaufsleiter und Prokurist Gisbert Schwer, so schloß auch Peter Dussmann an seine Lehre den beruflichen Erfolg an. Er gründete das Gebäudereinigungsunternehmen Pedus. Heute beschäftigt die Dussmann-Gruppe 45000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und verzeichnete 1997 einen Umsatz von 1,7 Milliarden Mark.

Im vergangenen Jahr baute Peter Dussmann in Berlin sein neues „Headquarter“ für rund 200 Millionen Mark. Lieferant der Büroausstattung war wieder Wiebelt aus Villingen. Wenn Duss-mann in USA Büros einrichtet, liefert Wiebelt. Und das keineswegs nur aus alter Anhänglichkeit, sondern weil das Unternehmen Wiebelt immer wieder aufs neue seine Kompetenz in der Planung und seine Flexibilität beweist.

Unter Dussmanns Geschäftsfreunden hat sich das herumgesprochen, so daß die F. K. Wiebelt GmbH & Co. KG mittlerweile auch Lieferant für andere Auftraggeber in ganz Deutschland und Europa ist.

Dort wo 1905 alles begann, in der Bickenstraße, bedient Wiebelt unterdessen seine treue, heimische Kundschaft mit der gleichen Sorgfalt, mit der Firmengründer Franz Karl Wiebelt den Erfolg des Unternehmens einst begründete.

Ein Foto aus der Gründungszeit aus dem Archiv von Herbert Schroff; Das Ladengeschäft mit der Buchhandlung Wiebelt in der Villinger Altstadt.