Besinnung und Aufbruch: Die Villinger Benediktiner und die Universität Dillingen (Michael Tocha)

Unter den Benediktinerklöstern stellt St. Georgen eine Besonderheit dar. Obgleich in der Reformation aufgehoben, ging es als Institution nicht unter, sondern bestand von 1538 bis 1806 in der Stadt Villingen fort. Eine städtische Nachgeschichte ist ungewöhnlich bei einem Orden, der ursprünglich der ländlich-adligen Sphäre zugehört. Für das Kloster wie für die Stadt sind jene annähernd 270 Jahre eine wichtige Epoche: St. Georgen entfaltete erst in ihr seine größte geistliche und künstlerische Kraft; dadurch wurde seinerseits Villingen in Geistesleben wie Stadtbild nachhaltig geprägt.

Marienstatue auf dem Dachfirst der Benediktinerkirche

Wenn wir jene Epoche in ihrem Verlauf betrachten, sehen wir, daß dem Aufschwung des Klosters nach dem Dreißigjährigen Krieg jahrzehntelange Mißstände im 16. Jahrhundert vorausgehen; dazwischen liegen etwa 50 Jahre, in denen sich der Aufbruch vorbereitet. In dieser Hinsicht ist St. Georgen zu Villingen nicht außergewöhnlich, sondern befindet sich im Gleichklang mit fast allen Klöstern in der frühen Neuzeit: Überall verläuft die Entwicklung gleichsam in einer Sinus-kurve, von unten nach oben. Und auch der Anstoß zur Besinnung ist derselbe wie bei den meisten Klöstern in Vorderösterreich, Schwaben und der Innerschweiz: Mit dem Geist der Reform kamen die jungen Mönche bei ihrem Studium an der Jesuitenuniversität in Dillingen in Berührung. Dieser Ausstrahlung des großen Reformzentrums an der Donau auf den Villinger Konvent wollen wir nachgehen. Wir betrachten damit eine Schlüsselepoche der Klostergeschichte, die zugleich den Blick zurück, auf Jahrzehnte des Niedergangs, wie nach vorn, auf anderthalb Jahrhunderte einer barocken Spätblüte eröffnet.

Die ersten Jahrzehnte in Villingen: Verwirrung und Mißstände

Versetzen wir uns in die Stimmungslage der Mönche, nachdem sie im Januar 1535, im tiefen Winter, ihr Kloster hatten verlassen müssen. Für keinen von ihnen war es in Frage gekommen, den neuen Glauben anzunehmen — ihrer Lebensform und ihrem Stand in der Gesellschaft wäre damit der Grund entzogen worden. Entzogen war ihnen mit dem Kloster der Ort, der die Voraussetzung monastischen Lebens darstellte — Kirche, Kreuzgang, Klausur. Geblieben aber war ihnen die materielle Grundlage ihrer Existenz, da sich ein beträchtlicher Teil der Klosterbesitzungen außerhalb des Zugriffs des württembergischen Herzogs befand. Sie begaben sich zunächst nach Rottweil; um 1538 ließen sie sich dann auf Dauer in Villingen nieder. Ihr Pfleghof hier war nur ein bescheidenes Haus an der Stadtmauer. Nur wenige Mönche kamen hier unter, manche verblieben auf ihren Außenposten, den Pfarreien und Prioraten, die St. Georgen unterstanden. Es ist kaum anzunehmen, daß der Konvent in diesen Jahren als solcher in Erscheinung getreten und die Mönchsregel gelebt hätte. Auch von einer „stabilitas loci“ kann nicht die Rede sein: Mit der Durchsetzung des Interims 1548 kehrten die Mönche wieder an ihren Klosterort zurück; 1566, beim Tod des Abts Johannes Kern, übernahm Württemberg die Klosterherrschaft, und sie mußten erneut und diesmal auf Dauer nach Villingen ausweichen.

In der Auseinandersetzung mit Württemberg hatte die Klostergemeinschaft alle ihre Kräfte angespannt und sich keine Blöße gegeben — von Mißständen hören wir aus dieser Zeit nichts. Jetzt, wo der Kampf fürs erste verloren war, nehmen die Berichte über privaten Besitz der Mönche, Unzucht und Ungehorsam zu. Einen Tiefpunkt erreichte diese Entwicklung unter dem Abt Blasius Schönlin (1585-1595). Er stammte aus Villingen, hatte 1571-1574 in Freiburg studiert und den Magister-grad erworben, schien also für sein Amt durchaus geeignet. Aber als Abt verschleuderte er das Klostergut und lebte im Konkubinat. Das mögen die Zeitgenossen noch als „normal“ empfunden haben — man war auch noch am Ende des 16. Jahrhunderts von Mönchen einiges gewohnt. Aber es heißt von ihm auch: „Stuprum cum parvula commisisset, ex quo dein fuisset mortua“1) —er hatte also ein kleines Mädchen geschändet, und dieses starb an den Folgen. Ein solches Vergehen war auch damals ganz unerhört. Der Bischof in Konstanz und die vorderösterreichische Regierung schalteten sich ein; ein Trupp der Bürgerwehr rückte zum Pfleghof und setzte den Abt fest. Er wurde aus seinem Amt und aus Villingen entfernt und beschloß nach vielen Irrwegen — keine Stadt, kein Kloster wollte ihn aufnehmen — seine Tage als Pfarrer von Ittenweiler im Elsaß.

Aber der Geist weht, wo er will. Unermüdlich reiste seit den 70er Jahren der Dillinger Professor, Kanzler und Rektor P. Julius Priscianensis, ein Italiener, von einem Kloster zum anderen und warb für das Studium an seiner Hochschule. Seine Botschaft wurde sogar in Villingen gehört: 1587 sandte ausgerechnet Blasius Schönlin erstmals drei Fratres nach Dillingen zur Ausbildung. Damit war zumindest der Weg dazu eingeschlagen, daß Wissenschaft und Frömmigkeit der Jesuiten auch für den St. Georgener Konvent zum Leitbild der Erneuerung werden konnten.

Dillingen, ein Zentrum der Kirchenreform

Das kleine Städtchen Dillingen an der Donau war die Residenz der Fürstbischöfe von Augsburg. Einer der bedeutendsten von ihnen, Kardinal Otto Truchseß von Waldburg, gründete 1549 hier eine „hohe Schule“, die spätere Hieronymus-Universität, als Ausbildungsstätte für den Klerus seines Bistums. Ihr Aufschwung setzte ein, nachdem sie 1563 von den Jesuiten übernommen worden war. Jetzt kamen die Studenten aus dem gesamten südwestdeutsch-schweizerischen Raum. Auf drei Gruppen übte sie eine besondere Anziehungskraft aus: die Söhne des schwäbischen und vorderösterreichischen Adels, unter ihnen Fürstenberger und Ifflinger, auf Mönche der verschiedenen Orden, aber auch auf Stadtbürger. Auch aus Villingen zogen seit dem Ende des 16. Jahrhunderts über 30 Bürgerssöhne die Donau hinab, um sich bei den Jesuiten zu bilden. Zeitweise hatte Dillingen drei-bis viermal so viele Studenten wie Freiburg. Die Immatrikulationen von Mönchen erreichten 1612 mit 157 ihren Höhepunkt und gingen dann beständig zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig: 1618 wurde die Benediktineruniversität in Salzburg eröffnet und zog zunehmend Studenten aus diesem Orden an; 1620 wurde auch die Universität Freiburg von den Jesuiten übernommen und gewann dadurch ein neues Prestige; 1632 fielen die Schweden in Süddeutschland ein, was den Dillinger Studentenzahlen einen katastrophalen Einbruch zufügte; auch der Zustrom aus Villingen hörte jetzt auf.

Der „Goldene Saal“ der ehemaligen Jesuitenuniversität (jetzt Akademie für Lehrerfortbildung) Dillingen. Erbaut 1688/89, Rokokoausstattung 1761-64. Er diente als Gebets- und Versammlungsraum der Marianischen Kongregation und als Universitätsaula, in der die Höhepunkte des akademischen Jahres prunkvoll begangen wurden.

Die Jesuiten organisierten die Dillinger Universität nach dem ihnen eigenen Muster. Zur philosophischen und theologischen Fakultät kam 1625 noch eine juristische; außerdem war der Universität ein akademisches Gymnasium angeschlossen und bildete mit dieser eine Einheit. Es umfaßte sechs Klassen: Infima (die unterste), schola rudimentorum (Vorschule), schola grammaticae (Sprachlehre), schola syntaxeos (Satzlehre), huma-nitas (alte Sprachen) und Rhetorik. An der eigentlichen Universität lehrten einige bedeutende Professoren, wie der Dogmatiker Paul Laymann, dessen Lehrbuch zur Überwindung des grausamen Hexenwahns beitrug, oder der Mathematiker Christoph Schreiner, der die Sonnenflecken mit-entdeckte. 2)

Charakteristisch war, daß den jungen Männern mit dem Wissen zugleich Frömmigkeit vermittelt werden sollte. Schon die weltlichen Studenten waren einer strengen Ordnung unterworfen und hatten kaum Gelegenheit zu Müßiggang oder Verschwendung: „Keinem wird Geld in den Händen gelassen, keiner darf aus dem Kollegium hinausgehen, keinem wird unnützen und unnötigen Aufwand zu treiben gestattet; köstliche Kleider zu tragen ist verboten 3), berichtete ein Schweizer Calvinist, der zwei Jahre lang in Dillingen studiert hatte. Erst recht die „Religiosen“, die Fratres aus den Klöstern, lernten am Beispiel der Jesuiten die klösterliche Disziplin. Jeden Tag widmeten sie sich nach dem Aufstehen zunächst dem Gebet und der Betrachtung, danach hörten sie die heilige Messe. Gemeinsam oder privat beteten sie die kanonischen Stundengebete sowie das römische Brevier. Während der Mahlzeiten und nach der abendlichen Matutin hörten sie geistliche Lesungen. Sie wohnten in einem eigenen Trakt im Konvikt, abgesondert von den weltlichen Studenten, und gehörten einer besonderen Religiosenkongre-gation unter der Leitung des Paters Spiritual an. 4) Beiden Gruppen, weltlichen wie geistlichen Studenten, stand die Marianische Kongregation offen, die 1574 als die erste ihrer Art in Deutschland gegründet worden war. Überhaupt spielte die Marienverehrung in Dillingen eine besondere Rolle. Das kleine schwäbische Donaustädtchen hatte damals kaum mehr als 3000 Einwohner — etwa ebenso viele wie Villingen; aber mit einer solchen Hochschule in seinen Mauern entfaltete es eine Ausstrahlung bis an den Oberrhein und in die Alpen hinein. Um die Jahrhundertwende galt Dillingen als der Mittelpunkt der katholischen Wissenschaft in Deutschland und stellte das Gegenstück zum evangelischen Tübingen dar — die Zeitgenossen nannten es gar das „schwäbische Rom“! Ein protestantischer Polemiker mußte 1593 unwillig anerkennen: „Die Dillinger Jesuiter (sic) sind wohl mit als die gefährlichsten im Reich anzusehen, denn sie sind über die Maßen gelehrt und unverdrossen im Unterricht und Predigen, als sie denn vom Teufel mehr noch als andere instigiert werden, das abgöttische Papsttum mit allen Mitteln und Künsten der Jugend und Erwachsenen einzubilden. 5)

Studenten aus St. Georgen zu Villingen

In dieser Hochburg der Gegenreformation und der katholischen Reform also wurden auch die Villinger Benediktiner seit 1587 gebildet und geformt. Verschaffen wir uns mit Hilfe der Matrikel der Universität Dillingen 6) zunächst einen Überblick:

 

Jahr der

Immatrikulation

Vorname, Name Studienfach Bemerkungen
1587 Georg Gülcher
Martin Rötlin
Martin Stark
?

?

?

1590 Martin Stark ? Abt 1606-1615, wurde abgesetzt
1609 Melchior Haug

Georg Gaisser
Laurentius Rottbach
Johannes Stötter
Georg Werlin

Alte Sprachen

Grammatik Syntax

Syntax Grammatik

Abt 1615-1627

„schickte die jungen Brüder zu theologischen

Studien nach Dillingen“ 7)

Abt 1627-1655

1610 Rudolph Baumgartner Rhetorik
1617 Maurus Blau
Matthäus Lecher
Alte Sprachen
Alte Sprachen
1620 Johannes Kress Syntax
1622 Jacob Stark

Christophorus Humler

Syntax
Syntax
1625 Jacob Stark

Christophorus Humler

Logik
Logik
‚Württemberger, haben sich oben schon zwei Jahre zuvor eingeschrieben“
1627 Ferdinand Bademer
Willibald Setarius
Laurentius Neidinger
Syntax
Syntax
Syntax
1630 Laurentius Neidinger Willibald Pirster Alte Sprachen
Alte Sprachen
1631 Ferdinand Bademer

Michael Kederer
Theoger Gestlin

Logik

Rhetorik
Rhetorik

„aus dem Benediktinerkloster St. Georgen, hat dort mit 21 Jahren die Profeß abgelegt und ist zum Studium der Logik zurückgekehrt“ Abt 1655-1661

„haben in demselben Kloster mit 18 Jahren ihre Profeß abgelegt“

1661 Theoger Seifried (Seiffart) Theologie

Die Zusammenstellung erlaubt, einige Regelmäßigkeiten zu erkennen. Eher die Ausnahme ist es, daß nur ein Novize bei den Jesuiten studiert; meist machen sich Gruppen von zwei bis fünf Brüdern auf den Weg nach Dillingen. Sie bleiben stets ein Jahr und besuchen zunächst das Gymnasium, nicht die eigentliche Universität. Fünf von ihnen kehren nach drei oder vier Jahren noch einmal zurück und absolvieren eine weitere Klasse oder studierten Logik an der Artistenfakultät. In jeder Hinsicht die Ausnahme ist Theoger Seifried 1661: Er geht nach Dillingen, als der regelmäßige Kontakt schon längst abgebrochen ist, und er ist der einzige, der an der theologischen Fakultät studiert. Von Anfang an und für mehr als ein halbes Jahrhundert rekrutierten sich die St. Georgener Äbte aus den „Dillingern“. Dies war, wie anderswo auch, für die Erneuerung des Klosterlebens von entscheidender Bedeutung. Ein Bericht aus Dillingen aus dem Jahre 1600 beschreibt den Wirkungszusammenhang: Viele der dort erzogenen Religiosen seien in den Klöstern Lehrer der jüngeren Ordensmitglieder, „viele … Novizenmeister geworden, … viele auch Äbte und Prälaten. Durch diese wurden dann manche Übel abbestellt, … eine neue Disziplin eingeführt, besonders in Bezug auf Klausur, gemeinsames Leben und Armut; … viele weltliche Bücher wurden entfernt, viele gute angeschafft; … allenthalben wurde bei den Prälaten eine große Liebe zu der Gesellschaft [Jesu] hervorgerufen und das Ansehen des Ordensstandes, sowohl was die Wissenschaft als was die Sitten betrifft, unter dem Segen Gottes wiederhergestellt. 8)

Wege der Erneuerung

Jenem Bericht können wir einige Stichworte entnehmen, um nach Sachgebieten darzustellen, wie die Saat, die von den Jesuiten gesät wurde, auch im Umkreis des Klosters St. Georgen in Villingen aufging. Dabei müssen wir uns freilich vor der Vorstellung hüten, als sei alles, was seit der Mitte des 17. Jahrhunderts in Villingen aufbrach, stets die unmittelbare Folge des Studiums der Benediktinermönche in Dillingen gewesen. Man würde so das Gewicht von ein oder zwei Studienjahren doch überschätzen. Vieles von dem, was sich im Kloster St. Georgen allmählich entwickelte, ergab sich aus der allgemeinen und umfassenden Rezeption der katholischen Reform, hatte also auch andere als Dillinger Wurzeln. Allerdings war das neue religiöse und geistige Klima zumindest auf der Ebene der offiziellen Kirche durch und durch jesuitisch inspiriert, woher auch immer die Impulse kamen. Erst in diesem größeren Rahmen erhält ein engerer Zusammenhang wie die beschriebene Beziehung zwischen dem Kloster und der Universität seinen angemessenen Stellenwert. — Jesuitischer Einfluß läßt sich auf vier Gebieten belegen:

Ordensleben. Wie sich das religiöse und geistige Niveau allmählich hob, sieht man am Beispiel der Äbte, die in Dillingen studiert hatten. Von diesen war Martin Stark (1606-1615) noch ganz in die alten Mißstände verstrickt und mußte schließlich wegen Mißwirtschaft, Mißachtung der Gelübde und Trunksucht abgesetzt werden. Melchior Haug (1615-1627) gilt als der erste Reformabt, der Gottesdienst und Stundengebet neu begründete. Mit Georg II. Gaisser (1627-1655) schließlich gelangte die Erneuerung zu einem ersten Höhepunkt. Er achtete die Jesuiten wegen ihres Reform eifers und bezeichnete sich als ihren „Freund“. In seinen Tagebüchern vermerkte er, wenn Brüder nach Dillingen abreisten oder von dort zurückkamen. Unermüdlich ging er mit gutem Beispiel, aber auch mit Strenge gegen die immer noch vorhandene Nachlässigkeit vor und erreichte, daß um die Mitte des Jahrhunderts das Klosterleben wieder durch Gottesdienst, Gebet, Schweigen, gemeinsame Mahlzeiten und erbauliche Lesungen geordnet war. Wir müssen annehmen, daß Melchior Haug und Georg Gaisser als Novizen unter Abt Martin Stark mit der Regel des hl. Benedikt nicht gerade vertraut gemacht wurden; vielleicht haben sie erst als Studenten bei den Jesuiten ein strenges und feierliches Klosterleben kennengelernt und dadurch die Bereitschaft und den Wunsch entwickelt, auch zu Hause in Villingen ihr Leben an den alten und lange vergessenen Mönchsidealen auszurichten.

Frömmigkeit. Das benediktinische Mönchtum war traditionell wenig darauf ausgerichtet, in religiöser Hinsicht auf seine Umwelt einzuwirken. Seine Ziele waren Gebet und Arbeit, das gottgefällige Leben des einzelnen innerhalb der Gemeinschaft. Die Jesuiten jedoch wirkten aus ihrem Selbstverständnis heraus darauf hin, daß sich die Mönche, die bei ihnen studierten, auch nach außen, in der Seelsorge und der Gestaltung des religiösen Lebens engagierten. Dabei war ihnen, worauf oben am Dillinger Beispiel hingewiesen wurde, die Marienverehrung ein besonderes Anliegen. Die Villinger Benediktiner haben solche Anregungen früh aufgegriffen: Schon Abt Michael Gaisser (1595-1606) stiftete ein „Salve Regina“, das an jedem sechsten Feiertag im Münster gesungen werden sollte. 9) Georg II. Gaisser begründete die Villinger Rosenkranzbruderschaft; dabei handelte es sich um einen Zusammenschluß von Bürgern, die die Gegenreformation in betont kämpferischer Weise ver-traten.10) Daß die Benediktiner den gegenreformatorischen Marienkult, der sich auch in Villingen aus vielen Quellen speiste, im Anspruchsniveau deutlich hoben, bezeugt ein Thesenblatt des Gymnasiums, das aus Anlaß einer feierlichen Disputation 1695 in Augsburg gedruckt wurde.11)

Thesenblatt aus Anlaß einer feierlichen Disputation am Gymnasium der Benediktiner 1695

Schule. Seit alters gab es in Benediktinerklöstern Schulen. In ihnen wurden der eigene Nachwuchs, aber auch die Söhne und Töchter des Adels der Umgebung herangebildet. Die moderneren städtischen Bettelorden betrieben oft öffentliche Schulen für eine breitere bürgerliche Klientel; auch die Villinger Lateinschule wurde ja 1498 von den Franziskanern übernommen und weitergeführt. Bei den Jesuiten wurde dann der Bildungsbereich zur tragenden Säule ihrer Tätigkeit: Sie gründeten eigene Schulen (Konstanz, Rottweil) oder übernahmen bestehende Einrichtungen und entwickelten sie in ihrem Sinn weiter (Universitäten Dillingen, Ingolstadt, Freiburg). Für unseren Zusammenhang ist wichtig, daß sie bei den Novizen der verschiedenen Orden, die bei ihnen studierten, ein Verständnis für den Sinn pädagogischer Tätigkeit gerade auch für die Festigung des katholischen Glaubens erwecken konnten. Die Benediktiner entwickelten sich so neben den Jesuiten zum führenden Schulorden, bald auch zu deren Konkurrenten.

In Villingen setzte die schulische Tätigkeit der Benediktiner ein, nachdem sich Kloster und Stadt von den Rückschlägen des Dreißigjährigen Krieges erholt hatten. 1653 wird St. Georgen als Mitglied einer großen, vom Schwarzwald bis nach Österreich reichenden Konföderation genannt, die die neugegründete Salzburger Universität stützte. Wenig später muß im Kloster selbst ein Gymnasium entstanden sein; jedenfalls erfahren wir 1670 von Spannungen mit den Franziskanern wegen der Abgrenzung der Studien in beiden Häusern. 12) 1673 trat dann St. Georgen mit einem Beitrag von 1000 Gulden einer Konföderation von acht schwäbischen und vorderösterreichischen Abteien bei, die das Lyzeum zu Rottweil von den Jesuiten übernahm und als Tochterakademie der Salzburger Benediktineruniversität weiterbetrieb. Allerdings stand dieses Unternehmen unter keinem glücklichen Stern: Die Zahlungen der Stadt Rottweil versiegten Ende der 80er Jahre, und es setzte sich die Fraktion durch, die die Schule wieder an die Jesuiten zurückgeben wollte, was 1691 auch geschah. 13)

Abt Georg III. Gaisser, der ab 1688 als letzter Präses der Rottweiler Akademie fungierte, schuf in einem Vertrag mit der Stadt Villingen 1687 die Grundlagen für den weiteren Ausbau des Gymnasiums im Kloster selbst. Nachdem Konventsgebäude und Kirche vollendet waren, konnte 1747-1749 endlich auch der Schulbau errichtet werden. Dieses Gymnasium der Benediktiner entwickelte sich seit der Jahrhundertmitte zur führenden Bildungsanstalt der Stadt. Sie brachte eine Reihe von bedeutenden Gelehrten hervor — den Historiker Neugart, den Statistiker Grüninger, den Kirchenrechtler Riegger, um nur diese zu nennen. Und obgleich sich die Benediktiner längst von der geistlichen Führung der Jesuiten emanzipiert hatten, entsprach die Villinger Schule, wie alle des Ordens im 17. und 18. Jahrhundert, doch in vielen Einzelheiten dem Muster an Organisation und Didaktik, das die Jesuiten im 16. Jahrhundert an ihren Kollegien ausgebildet hatten. Jesuitisches Erbe waren die Klassen bzw. Jahreskurse, die Ferientermine, die Disputationen und die Komödien am Ende des Schuljahres. Eine Schule, die entsprechende Vorbilder der Jesuiten nicht kopiert hätte, wäre kaum wettbewerbsfähig gewesen. 14) Noch kurz vor der Aufhebung des Jesuiten-ordens 1773 konnten die Villinger Benediktiner bei der vorderösterreichischen Regierung für die Aufwertung ihres Gymnasiums zu Lasten desjenigen der Franziskaner mit dem Argument werben, „daß der größere Teil ihrer Studenten von Villingen fortzöge, da viele Väter, und zwar hauptsächlich die aus den fürstenbergischen Landen, ihre Kinder lieber dem nächstliegenden Jesuitenkollegium in Rottweil als den Franziskanern anvertrauen würden.“ 15)

Architektur. 1610-1617 errichtete der Graubündner Johann Alberthal die Dillinger Universitätskirche als Wandpfeilerhalle. In Dillingen studierte auch der Vorarlberger Klerus, und in den Martikeln finden sich viele Namen der berühmten Baumeisterfamilien. Auch in ihren Kreisen war also die Studienkirche aus längerer unmittelbarer Anschauung zeitlebens gegenwärtig. Wurde sie so zu dem „Urbild“, das die Raumauffassung der Meister aus dem Bregenzerwald grundlegend beeinflußte und bei aller eigenständigen Fortentwicklung ihres Stils in ihren Bauten stets erkennbar bleibt? Auch die Villinger Benediktinerkirche ist ein Wandpfeilerbau, entworfen von dem Vorarlberger Michael Thumb. In der Tat weist sie Bezüge zu Dillingen auf, auch wenn diese, wie Dieter Ehnes im folgenden Beitrag darlegt, eher in Einzelheiten liegen, die in eine individuelle Konzeption eingegangen sind. Ähnlich verhält es sich mit dem übrigen jesuitischen Erbe, das den Villinger Benediktinern zuerst über Dillingen vermittelt wurde und das sie später aus eigenem Antrieb lebendig gehalten und weiterentwickelt haben, ohne daß sie sich seines Ursprungs immer bewußt waren. Daher wird die Benediktinerkirche auch in ihren nur indirekten Anklängen an die Architektur der Jesuiten zum steinernen Zeugnis eines weitgespannten geistigen und geistlichen Wirkungszusammenhangs: Das Bauwerk, das seit kurzem in neuem Glanz erstrahlt, kann auch gesehen werden als Monument des Reformwillens, der um 1600 von der Dillinger Hieronymus-Universität ausstrahlte und der dazu beigetragen hat, das brüchig gewordene Gebäude der alten Kirche in den katholischen Gebieten Vorderösterreichs, Schwabens und der Schweiz neu zu festigen. 16)

1) Zit. n. J. Ruhrmann: Das Benediktiner-Kloster St. Georgen auf dem Schwarzwald im Zeitalter von Reformation und Gegenreformation (1500-1655), Diss. Freiburg 1961/62, S. 210

2) Vgl. Peter Rummel: Dillingen, eine Stadt der Schulen und Internate, in: Dillingen, ein schwäbisches Zentrum geistiger und geistlicher Bildung. Hrsg. v. d. Diözese Augsburg, 1979, S. 32 f.

Zit3) . n. Richard van Dülmen: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Religion, Magie und Aufklärung. München 1994, S. 126

4) Vgl. Thomas Specht: Geschichte der ehemaligen Universität Dillingen (1549-1804), Freiburg 1902, S. 420 f.

5) Ebd., S. 293

6) Hrsg. v. Thomas Specht. 1-2 (= Archiv für die Geschichte des Hochstifts Augsburg 2-3.1), 1909-1913

7) Series Abbatum Monasterii ad S. Georgium p.j. Villingae in Hercynia Silva, XLI, in: Kurze Geschichte des ehmaligen Benediktiner-Stiftes St. Georgen, hrsg. v. J. Fuchs, Villingen-Schwenningen 1988, o. Pag.

8) Specht, Geschichte, S. 423 f.

9) Vgl. Series Abbatum, XXXIX

10) Vgl. Ronnie Po-chia Hsia: Gegenreformation. Die Welt der katholischen Erneuerung 1540-1770. Frankfurt am Main 1998, S. 220

11) Vgl. Michael Hütt: ,Wie ein beschlossener Garten.“ Villinger Stadtansichten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert, in: Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Villingen-Schwenningen 1998, S. 248 f.

12)Vgl. Chr. Roder: Die Franziskaner in Villingen, in: FDA N.F. 5, 1904, S. 267

13)Vgl. Magnus Sattler: Collectaneen-Blätter zur Geschichte der ehemaligen Benedictiner-Universität Salzburg, Kempten 1890, S. 116 ff.

14) Vgl. Georg Wieland: Benediktinerschulen und Ikonographie ihrer Kollegienkirchen im Zeitalter des Barock, in: Barock in Baden-Württemberg. Katalog der Ausstellung in Bruchsal, hrsg. v. Badischen Landesmuseum, Karlsruhe 1981, Bd. 2, S. 370

15) Roder: Franziskaner, S. 280

16) Vgl. Anton Schindling: Katholische Bildungsreform zwischen Humanismus und Barock. Dillingen, Freiburg, Molsheim und Salzburg. Die Vorlande und die benachbarten Universitäten, in: H. Maier, V.Press (Hrsg.): Vorderösterreich in der frühen Neuzeit, Sigmaringen 1989, S. 175 f.