Historie im Roman erfahrbar gemacht ( Wolfgang Bräun, Hermann Colli)

 

 

Hermann Alexander Neugart, vielseitiger Autor

Tochter Elisabeth eifert dem Vater nach

„Langsam nur und bedächtig ist der Frühling auf den Schwarzwald gekommen, als hätte er sich seinen Einzug auf den Bergen als ein letztes ergötzliches Schauspiel aufbewahrt“. Mit seinem Heimatroman „Das Ratzennest“ machte Hermann Alexander Neugart (1893 bis 1974) eine „Zeit schwerster Heimsuchungen für die Stadt Villingen“ unvergesslich. Und wer das Mittelalter in der Zähringerstadt noch legendärer will, erfasst in einer Zeit des Rittertums, fehde- und raublustig als eine Periode der Landsknechte, der Sündenangst und der existenziellen Nöte, dem kann auch „Der unsterbliche Rebell“ gefallen. Jene eigenartige Geschichte des Villinger Riesen Romeius († 1513), der selbst bis heute alle bedeutenden Männer einer bewegten Stadtgeschichte zu überragen scheint . . . Ein Gespräch mit Neugarts Tochter Elisabeth, geboren 1921, macht dem neugierigen Fragesteller möglich, den Lebensweg eines Vaters zu skizzieren, der seine geschichtlichen Kenntnisse nicht der „Alma mater“, sondern einer populär-wissenschaftlichen Gründlichkeit in Archiven verdankt, die zwei Romane, unzählige Zeitungsberichte und eine Broschüre hervorbrachte (Villinger Originale).

Ein strenger Schwager Hermann Alexander Neugart wird als elftes und letztes Kind seiner Familie in Pfaffenweiler geboren; zu einer Zeit, da seine älteste Schwester schon verheiratet ist und dort die Wirtschaft zur „Post“ führt. Als Neugart wenig später Halbwaise wird, kann Mutter Emma zwar als Wirtin des „kleinen Storchen“ („Rebstock“) in Villingen für den Unterhalt sorgen, doch Hermann Alexander soll in der Familie der ältesten Schwester und bei einem gestrengen Schwager aufwachsen. Doch der kleine Hermann Alexander ist unruhig, nimmt seinen ganzen Mut zusammen und marschiert nach Villingen zur Mutter, noch bevor er Schulerbue wurde.

Hermann Alexander Neugart

 

Von der Gerberstraße aus geht er zur Volksschule, und die Mutter sichert die Existenz als Wirtin: „Ällerhand für die damalig Ziet“, wie die Enkelin Elisabeth heute feststellt. Es war wohl die örtliche Nähe zum Verlag und zur Buchdruckerei Müller, dass Hermann Alexander die „schwarze Kunst“ des Buchdruckens erlernte. Später, als Kriegsheimkehrer, hatte er an diesem Beruf Zweifel. Lehrer wäre er gern geworden. Doch ein aufbauender Bildungsgang wurde ihm verwehrt. Eine Kriegsverletzung an der linken Hand, die ihm die Fingerstellung verkrampfte, galt als zu deutlicher körperlicher Mangel, was sich Schulkinder als „Spott“ hätten erwählen können … Hermann Alexander Neugart heiratet wenig später die Villingerin Hedwig Schober und wird hier heimisch. Als Buchdrucker-Geselle führten ihn nämlich seine Wanderjahre „auf der Walz“ bis nach Italien. Während Neugart mit dem Rucksack und meist zu Fuß unterwegs war, Mitfahrgelegenheiten waren selten, pendelte ein Koffer postalisch hin und her: mal gefüllt mit frischer Wäsche und haltbaren Lebensmitteln von Villingen aus nach einer von Hermann per Brief mitgeteilten Stadt, mal retour mit ausgebrauchten Klamotten und Reiseandenken.

Auch an figürliche Darstellungen wagte sich Hermann Alexander Neugart heran. Hier ein Bildnis seiner Mutter.

Neugart kam in jenen Jahren auch nach Berlin, wo er wohl mit Journalisten zusammentraf und an deren Arbeitsergebnis Gefallen fand. Wie sich Tochter Elisabeth erinnert, avancierte ihr Vater irgendwann zum „Hilfsreporter“ für das Villinger Volksblatt, das vom Verlag seines Arbeitgebers Müller in der Gerberstraße herausgebracht wurde.

Kurze Liebschaft zur Muse

Kam der freie Journalist Neugart von einem ereignisreichen Zeitungstermin zurück, setzte er sich immer gleich an die berichtende Arbeit, oder er legte sich nach den jeweiligen Abendveranstaltungen ins Bett und schrieb auf einem kleinen Pult die Texte von Hand – Manuskripte eben. Nach wenigen Ehejahren war die Leidenschaft zum Verlagswesen nicht mehr sonderlich ausgeprägt. Neugart entdeckte gestalterisches Talent in der figurativen Kunst. Er verdiente sein Arbeitsein kommen in der Werkstatt des Holzbildhauers Keck in Villingen und schuf heitere, lebensfrohe Motive als Modelleur in der Keramischen Anstalt von Huber-Röthe, die in Villingens Wehrstraße in den 20er Jahren als Betrieb firmierte.

Aus beiden Epochen sind Unikate verblieben, die den Künstler Neugart beweisen: zwei Madonnen, Vasen, Fayencen mit Deckel, geziert durch püppchengroße Figuren aus der Welt des Rokoko und der Musik …

Doch die erwerbswirtschaftliche Seite einer Arbeit mit der Kunst schien der Ehefrau Hedwig zu unsicher. Neugart wechselte wieder in seinen erlernten Beruf und setzte die alltägliche Leistung als Buchdrucker fort; wieder beim Verlag Müller. Und so entstand wohl auch die endgültige Passion für die heimatbezogene Schriftstellerei. Neugart, der immer viel für die Lokalausgaben der Villinger Zeitungen verfasst hatte, konnte sich „drin ni steigere“ in die Lektüre lokalhistorischer Werke. Hauptsache, es ging um die Geschichte Villingens, die den 62jährigen Rentner brennend interessierte. Der Amateur-Historiker Neugart war wegen einer schweren Lungenkrankheit früh in den Ruhestand gezwungen worden.

 

Arbeiten aus Holz, die Hermann Alexander in den 20er-Jahren schuf: Ein Schnitzband für eine Büchervitrine (Ausschnitt) und eine Madonna.

 

Die sieben Schwaben modellierte H. A. N. als Mitarbeiter der Keramischen Anstalt von Huber-Röthe und bewies damit sein vielfältiges Talent.

 

Energisch, bisweilen streng, diszipliniert und häuslich, jovial bei offenem Humor – so kannte man den später als Heimatdichter benannten Neugart, wenn er Besorgungen für den Haushalt und die Küche auf dem Wochenmarkt erledigte und er dabei „ko G’schwätz“ ausließ: „Bisch wieder vu om Arm in andere kait?“, war an solchen Tagen die konstatierende Frage von Ehefrau Hedwig. Neugart war sich schließlich sicher, dass er seine Leidenschaft für Villingen mit anderen teilen könnte: „Wemer en Roman macht, fresset d’Liet au des Historische.“ Unterstützt wurde Neugart durch die persönlichen Beziehungen zu Professor Paul Revellio, dem Gymnasiallehrer und nebenberuflichen Hüter der Altertümersammlung, und zum Verleger Hermann Müller sen.

H. A. N., so zeichnete Neugart später all seine Zeitungsartikel, hat viele Textseiten seines Romanes nachts geschrieben, im Bett liegend, weil ihm dies die Atmung erleichterte, bis das Manuskript für „Das Ratzennest“ schließlich gesetzt werden konnte.

Damals war den französischen Besatzern im einstigen Baden ein Roman über den 30jährigen Krieg jedoch „verdächtig“: eine Kopie musste an die Haupt-Kommandantur der Standortstreitkräfte geschickt werden. Retour kam die Freigabe und ein zerfleddertes Päckchen mit den Textseiten, das ein Bahnbediensteter irgendwo in Bahnhofsnähe gefunden (!) hatte. Einen „Krattel“ als Autor hatte er nie, stolz jedoch war er. Auch auf die Stadt, die mit einer Subskription von mehreren hundert Exemplaren den Druck möglich machte.

Irgendwann wurde H. A. N. auch Sippenältester im Kreise all der Namens-Vettern, die sich jährlich und regelmäßig um Villingen herum zum Sippentag trafen. Er erledigte den Schriftverkehr und übernahm die obligate Begrüßung von Vettern und Basen.

Glih noch em Herrgott
Vielleicht auch beflügelt von der städtischen Auszeichnung mit dem großen Stadtsiegel von 1530 setzte sich der Autor Neugart ein weiteres Ziel: die Zeit des Romeius (um 1500) vom „Flugsand der Sage und Fabulistik“ zu befreien und wieder ursprünglicher zu machen. So entstand „Der unsterbliche Rebell“, 1970, illustriert durch eine Bilderfolge des Richard Ackermann (1892 1968). Maximilian I. kam als Herrscher jener Zeit um 1500 in vorderösterreichischen Landen „glih noch em Herrgott“ – wenigstens für H. A. N. Tochter Elisabeth begleitete den Vater einst nach Innsbruck, wo Hermann Alexander alle Möglichkeiten der Informationen über den kaiserlichen Herrn ausschöpfte …

Fasnet im „Ott“
Seine starke Beziehung zu Villingen lässt vermuten, dass H. A. N. auch der Villinger Fasnet sehr verbunden war. Doch dies stimmt nur zum Teil, denn ins Häs ging er nicht. Was ihm aber auch Anerkennung für die „fünfte Jahreszeit“ brachte, waren zwei Schemen, die an Neugarts Werkbank entstanden waren. Beim Bäcker Haas in der Färberstraße gehörte auch „d Sahli“ zur Kundschaft. Eine Weibsperson, die dem Bäckermeister wegen ihrer Physiognomie wert erschien, dass man danach eine Morbili-Scheme schnitze. Und der Hermann Alexander schaffte auch dies zur Perfektion. Ein Surhebel machte das Pärchen perfekt, und „d Sahli“ musste an der nächsten Fasnet feststellen: „Des bin jo ich!“ Ein wenig närrsch soll sie daraufhin schon gewesen sein …

Doch H. A. N. nahm’s gelassen. Denn auch auf seine Artikel in der Zeitung – der erste einer ganzen Serie datiert vom Samstag, den 22. Oktober 1949: Villingen, die älteste Stadt Badens konnte er immer wieder erfahren: „D’Liet schwätzet wieder!“ Eine Feststellung, die er von den Stammtischsitzungen im Ott nach Hause mitbrachte, wo vor allem an den „Hohen Tagen“ dem Neugart kräftig gestrählt wurde.

Elisabeth Neugart

Auch Tochter Elisabeth bestieg den Pegasus
Hermann Alexander Neugart hat seiner Tochter Elisabeth sicherlich eine gehörige Portion „Dichterblut“ vererbt. Doch der Vater des Ratzennestes hat seine Gedanken und Ideen in der Regel in Prosa verfasst. Die Tochter bestieg irgendwann einmal den Pegasus und setzte das, was sie zu sagen hatte, in wohlgesetzte Verse. Natürlich in ihrer Sprache: In waschechtem Villingerisch!

Doch sie kletterte recht spät auf das Dichterross. Ihre Kinder- und Jugendzeit verlief in ganz normalen Bahnen. In der Schwedendammstraße brachte ihre Mutter Hedwig Neugart, eine geborene Schober, die kleine Lisbeth zur Welt. Dort wuchs sie auch auf und besuchte, wie das alle Mädchen in Villingen so taten, die Maidleschuel beim Bickenkloster. Sie sei, so behauptet sie heute freimütig, ein „Spätzünder“ gewesen. Eine ihrer Lehrerinnen, die Klosterfrau Rita, habe sie immer mit den Worten getröstet: „Besser eine gute schlechte, als eine schlechte gute Schülerin.“ Nun, sie zählte, wie ihr Abschlusszeugnis eindrucksvoll belegt, dann doch zu den Guten.

Als Stabshelferin nach Russland

Die erste Arbeitsstelle besorgte Vater Hermann Alexander Neugart ihr bei seinem eigenen Brötchengeber: der Buchdruckerei Müller. Später war sie bei der Firma Kienzle beschäftigt. Im Zweiten Weltkrieg ließ sie sich zur Stabshelferin ausbilden und bekam ihren ersten Einsatz in einen deutschen Lazarett in Russland.

Als der Rückzug der Wehrmacht begann, landete sie wieder in der Heimat und war dann in gleicher Funktion in einem Lazarett in Königsfeld tätig. Ihr oblag es unter anderem, den wieder genesenen oder besser gesagt: gesund geschriebenen Soldaten die Entlassungspapiere auszuhändigen. „Da hat mir mancher Landser schöne Augen gemacht und gebeten, den Marschbefehl in Richtung Heimat auszustellen,“ erinnert sie sich an diese schicksalhafte Zeit. Doch da konnte die Stabshelferin kein Auge zudrücken. Sie musste sich streng an die Anweisungen ihrer Dienststelle halten.

Nach dem Krieg fand sie zunächst in der Saba eine Anstellung. Sie arbeitete im Magazin und später in der Fertigung. Zehn Saba-Jahre brachte sie so zusammen. Ein knappes Vierteljahrhundert schaffte sie dann, bis zu ihrer Pensionierung, im Neckarverlag.

Inzwischen waren die Neugarts einige Male umgezogen. Von der Schwedendammstraße in die Roderstraße und von dort in die Kalkofenstraße.

1974 landete sie dann dort, wo, nach dem beide Eltern gestorben waren, Elisabeth heute noch wohnt, in der Langstraße 4.

 

Fasnet weckte poetisches Talent

Wie kam sie nun zur Dichterei? Wie bei vielen Villingern, bei denen an der Fasnet das Blut in Wallung gerät, entdeckte auch die Neugart-Lisbeth ihre poetische Ader in der fünften Jahreszeit. Sie hatte an den hohen Tagen ihren Stammplatz auf dem Morbiliwagen. Wenn der Umzug vorbei war, durchstreiften die liebenswürdigen, aber auch manchmal allefänzig und kowäsen Mäschgerle die Lokale der Stadt und fanden manches Opfer zu Strählen. Dabei hielt sich die Neugart-Tochter wahrlich nicht zurück.

Eines Tages sprach sie Anna Broghammer, seit Jahren eine feste Größe der Altjungfere, an und ermunterte sie, bei den närrischen älteren Damen mitzumachen. Die Bedenken der Angesprochenen wischte die Anna mit der Feststellung vom Tisch:

„Wer strählen kann, kann auch dichten!“

So setzte sich die damals Fünfzigjährige hin und ließ sich von der Muse küssen. Das geschah wohl recht heftig, denn das, was sie jeweils beim Altjungfereobed bot, fand immer großen Beifall. 20 Jahre lang stand sie auf de kleinen Bühne im Nebenzimmer des Hotel Ketterer und erfreute das Publikum mit immer neuen, in Verse gekleideten, närrischen Geschichten. Sie verstand es, ihren lieben Mitmenschen den Spiegel vorzuhalten und menschliche Schwächen auf liebenswürdige Art, aber durchaus deutlich, aufzudecken. Kurz gesagt: zünftig zu Strählen!

Als der Schwarzwald-Baar-Kreis seinen Almanach ins Leben rief, gewann Paula Straub, (manchem Villinger vielleicht besser „Straula“ bekannt) Elisabeth Neugart als Gedichteschreiberin. Und so konnten sich die Leser des Heimatjahrbuches des öfteren über einen ihrer gereimten Beiträge freuen.

 

Neugart-Gedicht zur Adventfeier

Da sie seit vielen Jahren aktives Mitglied im Geschichts- und Heimatverein Villingen ist, wollte auch dessen Vorsitzender, Günter Rath, nicht auf ein Neugart-Werk im Jahresheft des GHV verzichten. Sie ließ sich auch nicht lange bitten und greift immer wieder für diesen Verein zur Feder und hält ein kleines Stück Stadtgeschichte in lustiger Versform fest. Bei den Jahresabschlussfeiern im Advent gehört ein Gedicht von ihr zum geschätzten Festprogramm.

In diesem Jahr hat Elisabeth Neugart die Villinger Glocken in den Blickwinkel ihrer Betrachtung gerückt. Und damit die Leser von „Villingen im Wandel der Zeit“ auch etwas davon haben, ist das Gedicht hier abgedruckt.

 

Wenn z’Villinge Glöckle liite…

 

Höret d’Villinger ihri Glocke liite,

wisset älli, wa des soll bediite.

Der altvertraute Klang der Glocke

duet jeden i sii Kirch nii locke.

 

Jedoch i de Niedere-Stroß am Eck

liitet no onner, so räecht keck!

Sogar äll Schtund, so luuts nu maa;

d’Passante schmunzle vor sich naa.

 

Es bimmlet dert bim Niedere Door

miseel es ganze Glöcklichor

»Komm lieber Mai und mache … «

und sunscht halt so profani Sache.

 

Wer kennt nit vu der Kindheit her des

Lied »Wenn ich ein Vöglein wär«?

kaa au »Ein Männlein steht im Walde« liide,

sogar de »Seppili mit de Giige«.

 

Schtoht onner vor dem schtrenge Richter

und kriegt weg sellem faschtgar Gichter,

no isch die Sach nu halb so wild,

tönts »Bei einem Wirte wundermild …«.

 

Nu selle, wo im Kittchen sitze,

zu de Gitter nuus uf Maidle schbitze,

hond d’Glöckli fescht is Gwisse gsait:

»Üb immer Treu und Redlichkeit«.

 

Hät on bim Wii en guete Wille,

spillts »Guter Mond, Du gehst so stille« und »

Das Lieben bringt groß Freud«,

hond ihn die Vierteli nit greut.

 

Gohsch Du i Abbedeeg mit Schmerz,

hörsch »Ännchen von Tharau hät wieder ihr Herz …«,

und »Sah ein Knab ein Röslein stehn«,

wirds Lebe wider wunderschön.

Doch wer noh bi de Glöckli lebe mueß,

fer sellen ischs als weng e Bueß,

weil er halt a so manche Dage

die Bimmlerei kaa schläecht vetrage.

 

Doch nun leb wohl, du kleine Gasse

– Ich reise übers grüne Land –

Hoch auf dem gelben Wagen –

Drum grüß ich Dich, mein Badnerland!

 

Lisbeth Neugart

 

Das Glockenspiel in der Niederen Straße hat Lisbeth Neugart 2001 im Gedicht für den Geschichts- und Heimatverein ins Visier genommen.