Die evangelische Johanneskirche von Osten (Werner Huger)

Ein so nicht wiederkehrender Blick wurde vorübergehend ab Mai 1997 von den Ringanlagen her möglich. Bislang verstellte ein Erweiterungsbau der ehemaligen Landkreisverwaltung, für den am 30. April 1957 der Grundstein gelegt worden war 1), diese Ansicht. An seiner Stelle wurde eine sogenannte Seniorenresidenz, also eine Wohnanlage für alte Menschen, errichtet.

Das Gotteshaus ist die einstige Kirche der politisch und wirtschaftlich einflußreichen Johanniter, deren Orden seit 1257 (1253) zwischen Gerber- und Bickenstraße sowie der östlichen Ringmauer auf einem großzügig bemessenen Platz die verschiedenen Gebäude der Villinger Kommende errichtet hatte.

Der einschiffige Kirchenbau, eine Saalkirche mit Chor, entstand um die Wende des 13. Jahrhunderts. „An der Südseite ist der gotische Turm angebaut, mit seinem gefalteten Rautendach, das zwischen die vier Giebel des Turmes herabgreift. Die Spitzen dieser Giebel sind mit Kreuzblumen bekrönt, während in den Zwickeln zwischen den Turmgiebeln kleine Fialen sitzen, die ebenfalls in Kreuzblumen endigen. Auf der Höhe der Glockenstube sind die vier Turmseiten von schlanken Maßwerkfenstern mit einfachem Dreipass durchbrochen. Außerdem saß in der gotischen Zeit in der Ostwand des Chores ein reich gegliedertes zweiteiliges Schmuckfenster mit einem Vierpaß als Maßwerk. 2)

Nach Revellio (a.a.O.) wurde bei der barocken Veränderung der Kirche, die außen an den Fenstern der Langhauswände noch sichtbar ist, das gotische Maßwerkfenster im Innern zugemauert.

Es muß zunächst aber noch an der Außenwand des geraden Chores zu sehen gewesen sein. Dann „muß es zwischen 1846 und 1867 auch an der Außenwand zugemauert worden sein“. Wir vermuten dafür die Zeit nach 1859, nachdem es am 6. März 1859 zum Abschluß eines Kaufvertrags zwischen der damals noch sehr kleinen evangelischen Kirchengemeinde und dem badischen Staat, vertreten durch die großherzogliche Verwaltung, gekommen war. 3)

Das von Revellio erwähnte gotische Maßwerk, wie es mit seinem Vierpaß im Aquarell des Barnabas Säger aus dem Jahr 1846 noch sichtbar ist, gibt es nicht mehr. An seine Stelle trat inzwischen, vermutlich während der Gesamtrenovation von 1978 bis 1983, eine Neuschöpfung, die sich stilistisch in die vorgegebene Gotik einpaßt. Mit dieser Renovation wurde die ursprüngliche Abtrennung des Chorraums, der seit 1924 als Gemeindesaal eingerichtet war, beseitigt. So hatte man die Einheit des Kirchenraums wieder hergestellt und ihn gleichzeitig der Liturgie geöffnet. Damit verbunden wurde das wieder freigelegte große Chorfenster der Ostwand, neu gestaltet, in die Feierlichkeit des Gottesdienstes einbezogen. Die Fensterfront wird heute durch zwei vertikale schlanke Stäbe, ohne steinerne Horizontalgliederung, geteilt. Durch das Stabwerk entstehen drei Felder, in die hinein die Glasmalerei des Fensters komponiert wurde. Eine einstmals das Maßwerk stützende Funktion besitzen die Stäbe nicht mehr. Auf eine Rekonstruktion des Vierpasses und der übrigen Maßwerkmuster wurde verzichtet. Ohne ornamentale Schmuckformen erinnert der spitzbogige obere Abschluß in jedem der drei Felder dennoch an die mit dem Zirkel „gemessenen“ Paßformen der Gothik. Das mittlere Feld reicht über die Bogenabschlüsse des linken und rechten Feldes hinaus. Es endet mit seinem Spitzbogen im Scheitel des Fenstergewändes. Dadurch entstehen zwischen dem Bogengewände des Fensters und dem Stabwerkabschluß des mittleren Feldes ein linker und rechter Zwickel, die ebenfalls mit Glasmalerei ausgefüllt sind.

Anmerkungen:

1) Mündliche Mitteilung Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis.

2) Revellio Paul, Beiträge zur Geschichte d. Stadt Villingen, Ringverlag Villingen 1964, S. 111 f.

3) Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Evangelischen Kirchengemeinde Villingen, 1. Teil Beiträge zur Geschichte der Kirchen-gern., 1992, S.31 (Bild), S. 59 ff.