Villingen — Faszination einer Zeitreise (Hermann Colli)

Ein Bildband bietet Geschichte zum Anfassen

Eine wahre Flut von Druckwerken, die sich in irgendeiner Form mit der Historie der Zähringerstadt beschäftigen, schwappt im Jubiläumsjahr 1999 auf den Büchermarkt. Das ist gut so, denn so ein Anlaß zur Erinnerung an ein denkwürdiges Ereignis wie die Verleihung des Markt-, Münz-und Zollrechtes vor 1000 Jahren durch Kaiser Otto III. an den Grafen Berthold, soll kreative Kräfte freisetzen, die eine Verbindung zu dem Gedenktag schaffen und in unsere Zeit hineinwirken. Eines dieser Bücher verdankt seine Geburt zwar auch diesem Ereignis, aber es wird auch noch up to date sein, wenn das Jubiläumsjahr längst verklungen ist. Die Villinger haben lange darauf gewartet: Einen attraktiven Bildband in dem sich die reichhaltige Geschichte ihrer Heimatstadt widerspiegelt und der dem Betrachter ihr Zuhause in historischen Zeugnissen und aktuellen Bildern vor Augen führt.

„Villingen — Faszination einer Zeitreise“ ist der Titel des Werkes, das die Buchhandlung Hügle und die Villinger Volksbank gemeinsam herausgegeben haben. Durch dieses Tandem wird die Reise preislich auch einigermaßen erschwinglich. Wilfried Heupel, „Mannschaftskapitän“ des Sponsors, erwies sich dabei als engagierter Betreuer.

Ein Glücksfall ist sicher, daß Johannes Hügle, der die Idee dazu hatte, für seine Zeitreise drei „Reiseleiter“ fand, die offensichtlich auf der gleichen Wellenlänge funken wie der junge Buchhändler selbst. Das dynamische Trio Casimir Bumiller (Texte), Thomas Herzog-Singer (Bilder) und Rolf Zahel (Gestaltung) ist mit frischem Schwung und spürbarer Freude an die gestellten Aufgaben heran gegangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was dabei herausgekommen ist, kann sich im wahrsten Wortsinn sehen lassen: Ein Bildband, der weit mehr ist als ein Bilderbuch. Ein Stück Villinger Stadtgeschichte zum Anfassen, zum in die Hand nehmen. Aber auch um sie anderen, denen man Villingen etwas näher bringen möchte, in die Hand zu geben. Es gibt auf dieser faszinierenden Zeitreise eine Menge zu entdecken.

Es ist eine informative Fahrt, kein billiger Kurztrip, durch das tausendjährige Villingen. An den einzelnen Stationen, die in sieben umfassenden Kapiteln auf knapp 130 Seiten angesteuert werden. wird ausgiebig Rast gemacht. Da lernt man Land und Leute kennen. Alte Bekannte und vertraute Orte erscheinen dem Mitreisenden plötzlich in einem anderen Licht, denn neue geschichtliche Erkenntnisse lassen so manchen Mythos verblassen.

Casimir Bumillers Texte sind gut lesbar, sachlich, seine Sprache ist verständlich. Es ist wohltuend, daß auf unnötige Querverweise, Fußnoten und Quellenangaben verzichtet wird. Das Buch erhebt nicht den Anspruch eines wissenschaftlichen Nachschlagwerkes. Es setzt aber alle wichtigen Markierungspunkte der Stadtgeschichte zwischen 999 und 1999.

Namen von bedeutenden Persönlichkeiten von Otto III. und seinem treuen Gefolgsmann Bezelin von Villingen, in dem viele Historiker »unseren Berthold« sehen, der das Dorf Villingen aus der Bedeutungslosigkeit ins Licht der Geschichte rückte, begegnen dem Leser auf der Tour durch die Jahrhunderte. Remigius Mans (Romäus), gehört genauso dazu wie der Kunsthafner Hans Kraut, der Maler Anton Berin, der 1848er-Revo-lutionär Karl Hoffmann sowie die Chronisten Heinrich Hug, Abt Gaisser, Christian Roder und Paul Revellio.

Der Rahmen spannt sich vom Geschlecht der Zähringer über die lange Herrschaft der Fürstenberger bis in die Gegenwart. Goldene Zeiten mit blühendem Handel und Handwerk, die kulturelle Bedeutung der zahlreichen Klöster, werden lebendig. Aber auch Kriege, Hexenverbrennungen, Seuchen und Notzeiten gehören zum Bild, das bei der Reise ins Zurück-zu-den-Anfängen wach wird.

Die über 150 ausgezeichneten Fotos des Villinger Lichtbildners Thomas Herzog-Singer, machen Bumillers Texte farbig und lebendig. Es sind historische Dokumente, aber auch faszinierende Impressionen einer alten Stadt, die trotz mancher Wunden, die ungezügelter Fortschrittsglaube ihrem Gesicht geschlagen hat, jung, oder besser gesagt: äußerst attraktiv geblieben ist. Dem Fotografen ist ein liebenswertes und ehrliches Portrait seiner Heimtstadt gelungen.

Mit Können, gutem Auge und glücklicher Hand hat Rolf Zahel, in Zusammenarbeit mit Kollegen, Texte und Bilder zu einem gelungenen Ganzen zusammengefügt. Es macht Spaß in dem Bildband zu blättern und zu stöbern.

„Auf Wiedersehn, Villingen — oder sollte ich sagen: Ciao, bis zum nächsten Mal?“ heißt es zum Schluß. Wenn das eine Einladung zur nächsten Zeitreise ist, dann freut man sich schon jetzt darauf.

Thomas Herzog-Singer (der Fotograf), Rolf Zahel (der Gestalter) und Casimir Bumiller (der Texter).