Hermann Preiser als Historiker (Michael Tocha)

Als ich neu nach Villingen kam, sagte mir jemand, der es wissen mußte: „Im Geschichts- und Heimatverein gibt es einen wirklichen Historiker — den alten Preiser.“ Zwar hat der Verein bald aus seinen Reihen eine Anzahl von Persönlichkeiten hervorgebracht, die geforscht und wichtige Kapitel der Villinger Geschichte neu aufgeschlagen haben. Hermann Preiser aber war damals, und eigentlich immer, auf eine besondere Weise bemerkenswert: Als Laie, nicht vom historischen Fach, hatte er sich schon vor der Gründung des Vereins der Geschichte zugewandt; er hat dies mit einer Gründlichkeit und Fachkompetenz getan, die Achtung gebieten; und er hat ein Lebenswerk vorzuweisen, das unsere Kenntnis der Villinger Vergangenheit um viele Facetten reicher gemacht hat. Versuchen wir, dem Historiker Preiser, seinen Interessen, Perspektiven und Methoden auf die Spur zu kommen.

Was hat den Geschäftsmann zur Geschichte gebracht? Vor dem Zweiten Weltkrieg galt sein ganzes Interesse den Alpen, vor allem ihrer Flora, die er in rund 500 Dias festgehalten hat. Dann, in den 50er Jahren, stieß er während einer Geschäftsreise in Maienfeld in der Ostschweiz beim Lesen einer Zeitung auf einen Hugo von Villingen, Fürstabt des Klosters Pfäfers, der die Thermen von Ragaz erschlossen habe. Über diesen Hugo war in Villingen selbst nichts in Erfahrung zu bringen, nirgendwo war der Name verzeichnet. Hermann Preiser ließ nicht locker, durchstöberte Urkundenbücher und das St. Galler Stiftsarchiv, bis der Nebel sich lichtete. Die Ergebnisse seiner Forschungen legte er 1969 der Öffentlichkeit vor. Dieser ersten Arbeit kommt eine Schlüsselfunktion zu; denn die Fährte führte ins Kirnachtal, zur Burg Kirneck.

 

 

 

 

 

 

 

In der Folge befaßte er sich jahrelang intensiv mit den Herren von Kirneck und konnte 1975, unterstützt von Stadtarchivar Dr. Josef Fuchs, dazu ein Buch veröffentlichen. Es hat Hermann Preisers Rang als Historiker grundgelegt; von keinem geringeren als Karl Siegfried Bader wurde es wohlwollend besprochen.

Zum Historiker wird jemand nicht schon durch Interessen oder Themen, sondern durch seine Methoden. Hermann Preiser kennt sich aus in der einschlägigen Fachliteratur, vor allem aber verfügt er über einen umfassenden Einblick in die Quellen. Geschäftsreisen hat er nach Möglichkeit auch dazu genutzt, auswärtige Archive und Bibliotheken zu besuchen. Unzählige Stunden seiner Freizeit hat er an solchen Orten, in Pfarrhäusern oder Museen zugebracht und hier Bücher exzerpiert oder eine Unmenge von Quellen abgeschrieben. Die Handschriften vergangener Jahrhunderte, Aufzeichnungen in altem Deutsch oder Latein waren für ihn kein Problem. Das erfaßte Material hat er zu Hause in die Maschine getippt und in Ordnern systematisch abgelegt. So verbinden sich in seiner Arbeitsweise die Neugier und der Spürsinn des Forschers mit der Gründlichkeit und Nüchternheit eines Buchhalters. Man muß einmal sein privates Archiv gesehen haben, um zu ermessen, in welchem Maße die letztlich publizierten Aufsätze immer nur die Spitze eines Eisbergs an Arbeit gewesen sind. Die Regesten, die Hermann Preiser auf diese Weise erstellt hat, wären gewiß auch unter manch anderer Fragestellung eine Fundgrube für Historiker.

Bei all den Themen, die Hermann Preiser behandelt hat, ist Villingen stets der Ausgangspunkt. Auch wenn er uns nach Ragaz, Näfels oder Mode-na führt, geht es letztlich doch immer um seine Heimatstadt. Ihr ist er, wie in seinem Leben, so auch in seinen Forschungen stets treu geblieben. In diesem Beziehungsgeflecht hat er eine Fülle von Aspekten entfaltet: Personen, Bauwerke, Glocken, Schlachten, Epochen, einschneidende Ereignisse. Thematisch bilden seine Arbeiten ein farbiges Gewebe aus vielen bunten Fäden, und es wäre müßig, nachträglich nach dem einem, dem roten Faden zu suchen — gerade die Verschiedenartigkeit und Bandbreite beeindruckt. Doch wenn man genauer liest, werden einzelne Stränge quer durch das Gesamtwerk deutlich, Schwerpunkte, auf die seine Überlegungen immer wieder zurückkommen. Einer ist die Verbindung Villingens mit Habsburg. Die 479 Jahre, in denen die Stadt „das Schicksal des Hauses Österreich-Habsburg teilte“ (so in der Einleitung über die Schlacht von Näfels) hält er für eine glückliche Epoche ihrer Geschichte, und in seiner Schilderung ihrer „unfreiwilligen Trennung vom Haus Österreich“ ist, wenn auch verhalten, ein Bedauern darüber zu spüren, daß und wie sie zu Ende ging. In solchen Wertungen möchte man entfernt noch jenes traditionelle Villinger Selbstbewußtsein wirken sehen, das durch Anhänglichkeit an Habsburg und Skepsis gegenüber dem rheinbündischen und protestantischen Baden geprägt ist. In diesen Zusammenhang gehört auch die Dokumentation der Radhauben. Der Kopfputz der Altvillingerin ist in ähnlichen Formen im ganzen ehemals vorderösterreichischen Raum verbreitet. Hermann Preiser hat Jahre damit verbracht, Museen im Breisgau, am Bodensee, in Oberschwaben und in Vorarlberg nach entsprechenden Zeugnissen zu durchsuchen. Herausgekommen ist eine systematische Photodokumentation in mehreren Bänden; auch sie hätte es verdient, als Buch veröffentlicht zu werden. Immerhin haben durch Vorträge wenigstens die Villinger von dieser volkskundlichen Leistung Gewinn gehabt.

Ein Ort, den Hermann Preiser in seinen Überlegungen immer wieder umkreist hat, ist die Warenburg. Über sie gibt es kaum direkte Belege; daher ist der Forscher ganz auf Hypothesen verwiesen. Hermann Preiser hat sich ihr auf verschiedenen Wegen genähert – siedlungsgeschichtlich, philologisch, genealogisch. Seine Vermutungen werden plausibel, weil sie vergleichend und aus dem umfassenderen Zusammenhang der Stadtentstehung entwickelt sind. Vielleicht wird eines Tages ein Archäologe bestätigen können, was Hermann Preiser vorgedacht hat.

Manche nur scheinbar disparate Arbeiten werden durch ein gemeinsames Motiv zusammengehalten. Glockengießer, Kloster-Guetili oder die Waldmühle verweisen auf die Bestandteile der Villinger Kultur, die allmählich aus dem Bewußtsein verschwinden oder schon verschwunden sind. Hermann Preiser hat sie erlebt; sie waren Teil eines Villingen, das er noch erfahren hat. Die Kunde davon wollte er im Wandel der Verhältnisse bewahren: Erinnerung ist vielleicht sein stärkster Antrieb zu sammeln und zu schreiben. So gilt auch für ihn, was Herodot, der erste wissenschaftliche Historiker, vor fast 2500 Jahren in der Einleitung zu seinem Werk als seine Absicht dargelegt hat: ,Was er erkundet, das hat er aufgezeichnet, damit nicht mit der Zeit verblasse, was von Menschen geschah.“

Im Geschichts- und Heimatverein hat Hermann Preiser seine Erkenntnisse in zahlreichen Vorträgen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In vierzehn von zweiundzwanzig bisher erschienenen Jahresheften ist er mit einem oder auch mehreren Beiträgen vertreten.

Für seine Verdienste um die historische Heimatforschung erhielt er 1991 die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Der Bürger, der aus Traditionen lebt, der Laie, der zum Historiker wurde, verkörpert mit Herz und Verstand eine lebendige städtische Geschichtskultur.

Veröffentlichungen Hermann Preisers (in der Reihenfolge des Erscheinens)

Fürstabt Hugo von Villingen und die Thermen bei Ragaz, in: Ekkhart (1969), wieder abgedruckt in: GHV (1986187), S. 38-42

Der Villinger Glockenraub in Schwenningen. Ein Ausschnitt aus der Villinger Glockengeschichte, in: Ekkhart (1971), S. 128-135 —wieder abgedruckt in: GHV X (1985/86), S. 6-10

Die Herren von Kürneck. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Villingen 1, Villingen-Schwenningen 1975

Die Wasser-Belagerung im Jahre 1634, in: GHV II (1975), S. 22-27

Gedanken zur Geschichte unserer Stadt im 11. und 12. Jahrhundert, in: GHV III (1977), S. 23-30

Villinger „Kloster-Guetili“ und andere klösterliche Kostbarkeiten, in: GHV VI (1981), S. 36-37

Die Warenburg in Villingen – die Martinskapelle in Kirchdorf: Geschichtlicher Zusammenhang oder zufälliges Nebeneinander, in: GHV VII (1982), S. 6-8

„gloggen slahen und sturm lüten …“ Villinger Glockengeschichte von den Anfängen bis heute, in: GHV IX (1984185), S. 39-63

Beiträge zum Sammelband Oberkirnach. Hofchronik und Dorfgeschichte. St. Georgen, 1987: Einleitung zur Hofgeschichte, Chronik der Höfe und Häuser in Oberkirnach, S. 41-216; Hofkäufe in Oberkirnach durch die Fürstlich Fürstenbergische Standesherrschaft, Der Fürstlich Fürstenbergische Besitz auf der Gemarkung Oberkirnach 1896, Die Uhrmacher in Oberkirnach, S. 270-275

Als die Villinger ihr Fähnlein verloren … oder 600 Jahre Schlacht bei Näfels in der Schweiz, in: GHV    (1988/89), S. 6-15

Rätselhafte Felszeichnungen, in: GHV XIV (1989/90), S. 112-113

Das Schicksal der Villinger Benediktinerkirche. Nach der Säkularisation bis zum Verkauf durch die Stadt an die katholische Kirchengemeinde im Jahre 1912, in: GHV XVI (1991/92), S. 10-13

Die unfreiwillige Trennung der Stadt Villingen vom Haus Österreich und der Übergang an den Herzog von Modena und danach an das Großherzogtum Baden, in: GHV XVII (1992/93), S. 23-31

Villingen nach dem Dreißigjährigen Krieg, in: GHV XVIII (1993/94), S. 40-45

Die Warenburg, in: GHV XIX (1994/95), S. 57-60

Victor von Scheffel in Rietheim, in: GHV XIX (1994/95), S. 87-90

Die frühere Waldmühle und ihre Nachfolger, in: G1-117,0(/ (1996/97), S. 76-78