Neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte (Dr. Michael Raub)

Anmerkungen zum Band 15 der Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der Städtischen Museen

Möglichkeiten und Anliegen des Buches

Villingen-Schwenningen ist außerhalb Südwestdeutschlands, obwohl Oberzentrum, im Gegensatz zu Städten wie etwa Freiburg nicht besonders bekannt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Doppelstadt in geschichtlicher Hinsicht Außerordentliches zu bieten hat, was eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung auf jeden Fall lohnt. Auf ihrer Gemarkung findet sich mit dem Magdalenenberg immerhin der größte Grabhügel der frühkeltischen Hallstattkultur mit entsprechend reichen Funden. Blendet man diese Vorgeschichte sinnvollerweise aus, da sie keinen Zusammenhang mit der späteren Geschichte Villingen-Schwenningens hat, weisen beide Teilstädte eine bis in die alemannische Landnahme zurückgehende Besiedlung auf, werden gemeinsam bereits 817 in einer Urkunde Ludwigs des Frommen erwähnt, nehmen dann als Dorf und Stadt jahrhundertelang typisch verschiedene Entwicklungen. Villingen stellt, lange vor Freiburg, eine der ersten Markt- und damit auch indirekt Stadtgründungen im Südwesten dar. Reichs- und Territorialpolitik, mittelalterliche Stadtfreiheit und Zunftwesen, Reformation und 30-jähriger Krieg, industrielle Revolution und Arbeiterbewegung, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, schließlich die Gebietsreform der 60er und 70er Jahre sind Themen, die sich in der Geschichte der heutigen Doppelstadt vor allem deshalb gut widerspiegeln, weil Villingen und Schwenningen in sozialer, ökonomischer, politischer, religiöser, kultureller und auch mentaler Hinsicht teilweise ganz unterschiedliche Entwicklungen genommen haben. Nicht weniger als dieser geschichtliche Reichtum lädt die günstige Forschungslage zur weiteren Aufarbeitung der Geschichte und Kultur ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie viele deutsche Städte können schon wie Villingen trotz aller Wirrnisse und Kriege eine weitgehend unversehrte Bausubstanz aufweisen, die zum Teil noch aus dem Hochmittelalter stammt und etwa der modernen Archäologie vieles bisher Unbekanntes aus früheren Zeiten verrät? Ebenso günstig ist die Quellenlage: Villingen-Schwenningen besitzt ein reichhaltiges Stadtarchiv, dem Historiker erschließt sich eine Fülle von Dokumenten. Diese hervorragenden Rahmenbedingungen Villingen-Schwenningens sind für die lokale Historiographie ein Glück, darüber hinaus freilich auch eine enorme Herausforderung; sie wecken entsprechend hohe Erwartungen an die Ergebnisse.

Die Geschichtsschreibung über Villingen und Schwenningen ist beileibe kein Neuland, die Tradition reicht von Heinrich Hugs Chronik vom Beginn des 16. Jahrhunderts über Autoren wie Christian Roder, Paul Revellio und Otto Benzing bis hin zu neueren Forschern.

An diesen Rahmenbedingungen muß sich ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch messen lassen, das zum 1000-jährigen Marktjubiläum Villingens erscheint. Es handelt sich um den Band 15 der, Veröffentlichungen des Stadtarchivs und der städtischen Museen“, erschienen unter dem Titel ,Villingen und Schwenningen. Geschichte und Kultur. Herausgegeben von der Stadt Villingen-Schwenningen aus Anlaß des Jubiläums 1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht.“ (Hermann Kuhn Verlag, Villingen-Schwenningen 1998) Die redaktionelle Leitung hatte Stadtarchivar und Museumsleiter Heinrich Maulhardt. Das leinengebundene Buch im stabilen Einband und mit gelegentlichen, teils farbigen Abbildungen enthält auf 532 Seiten 23 Aufsätze von 23 Autorinnen und Autoren, die teilweise in Teams gearbeitet haben. 10 der Verfasserinnen und Verfasser konnten von auswärts gewonnen werden.

Der Sammelband stellt sich laut Einleitung die Aufgabe, „neue Forschungsergebnisse zusammenzufassen“, nicht jedoch eine systematische Darstellung der Stadtgeschichte zu leisten. Es bleibe bei einer „Überarbeitung und Ergänzung von »Meilensteinen« der Geschichtsschreibung der Vergangenheit. Dabei soll eine Forschungsbilanz der 90er Jahre gezogen werden; Forschung und Geschichtsschreibung gelten als nicht abgeschlossen. Verzichtet wird auch auf „Neuaufgüsse vorhandener Arbeiten, wenn keine neuen Forschungsergebnisse“ vorhanden waren oder Autoren fehlten. In wissenschaftsmethodischer Hinsicht wird eine „interdisziplinäre Kooperation verschiedener Forschungsrichtungen“ angestrebt, die „historisch-vergleichende Methode“, hier bezogen auf Villingen und Schwenningen, soll „Leitfaden des Gesamtprojekts“ sein. Folglich ist es auch Anliegen des Buches, „[…] Einblicke in die Grundlagenforschung zu geben, die aus Einzelprojekten in den Bereichen Archäologie, Museum, Archiv und Hochschulforschung hervorgingen.“

Zu Themen und Methoden der Aufsätze:

Eine Übersicht

Wie bei Einzelaufsätzen ohnehin schwer möglich und wie angekündigt, finden sich weder durchgängige chronologische Darstellungen noch umfassende Behandlungen einzelner Epochen. In der mittelalterlichen Geschichte geht es im Zusammenhang mit der 1000-Jahr-Feier natürlich um die Verleihung des Markt-, Münz- und Zollrechts und deren Hintergründe, dargestellt von dem Freiburger Historiker Thomas Zotz, in weiteren Artikeln von Werner Huger, dem Archäologen Bertram Jenisch vom Landesdenkmalamt, dem Freiburger Historiker Karl Weber, dem Bollschweiler Historiker Casimir Bumiller um die Entwicklung zur Stadt, um die Wirtschafts-, Rechts-, Verfassungs- und Sozialgeschichte unter Zähringern, Fürstenbergern und schließlich Habsburgern. Ulrich Klein vom Württembergischen Landes-museum in Stuttgart präsentiert alte Münzen aus Villingen. Wegen der Spärlichkeit der überlieferten Quellen bis ins 14. Jahrhundert kommt der Archäologie in der Frühphase der Stadt eine besondere Bedeutung zu. Hier werden die Stadtwerdung sowie die mittelalterlichen Sakral- und Profan-bauten untersucht, was wiederum manche Einblicke in das damalige Alltagsleben ermöglicht. Einen Bogen vom Mittelalter in die Neuzeit spannt Edith Boewe-Koob in einem Artikel über die Klarissen, der Einblicke in den Geist und die Stimmung mystisch-kontemplativen Villinger Klosterlebens gibt. Das heute — weil lange vernachlässigt — sehr aktuelle Thema „Frauen“ greift Annemarie Walz in ihrem Beitrag über die Villinger Hexenverfolgungen auf, die immerhin mindestens 46 Personen — allerdings nicht ausschließlich Frauen — das Leben kosteten. Michael Tocha, Geschichtslehrer im Gymnasialdienst, widmet sich der Reformation, einem für die Geschichte der Doppelstadt besonders wichtigen Thema, da in dieser Zeit die bis heute fortwirkenden Ressentiments zwischen Villingen und Schwenningen entstanden. Nach diesen drei Arbeiten in herkömmlicher Geschichtsschreibung, die Fakten und Zusammenhänge aufarbeiten, wird anhand der Romäusbilder und Stadtansichten eine kultursoziologische Fragestellung auf dem Hintergrund der politischen und militärischen Geschichte der frühen Neuzeit entwickelt: Anita Auer und Michael Hütt, beide Kunsthistoriker am Villinger Franziskanermuseum, fragen, welche Funktion die Romäusdarstellungen bzw. die monumentalen Stadtansichten für das Villinger Selbstverständnis erfüllten und welchen Funktionswandel die veränderten Darstellungen des gleichen Sujets widerspiegeln. Dem sozialgeschichtlich sehr wichtigen Thema der Armut und des Armenwesens in Villingen — hier sind die Ursprünge unseres modernen Sozialstaats zu suchen — wendet sich die Tübinger Historikerin Ute Ströbele zu. Bedingt durch die Quellenlage, beschränkt sie das Thema weitgehend auf die frühe Neuzeit. Zusammen mit Ingeborg Kottmann vom Stadtarchiv Villingen-Schwenningen stellt sie im folgenden Artikel über den Weg Villingens “ [..] von Vorderösterreich nach Baden 1740-1806″ zunächst kirchliche und staatliche Modernisierungsschübe unter den Habsburgern dar, dann die enormen Belastungen durch Kriege und Einquartierungen für Villingen um 1800, schließlich den Anschluß an Baden nach dem modenesischen und württembergischen Zwischenspiel.

Die weiteren Artikel über das 19. und 20. Jahrhundert rücken Schwenningen deutlicher ins Blickfeld, das sich nun 700 Jahre nach Villingen ebenfalls zur Stadt entwickelt. Eine weitere Arbeit von Ingeborg Kottmann berichtet über die Ereignisse der 1848er Revolution in Villingen und Schwenningen. Von der Sache her liegt der Schwerpunkt wiederum auf Villingen. Die ehemalige Schuldirektorin Marianne Kriesche referiert über die Entwicklung des Schulwesens durch die Jahrhunderte in beiden Städten, es ist die einzige diachrone Darstellung in dem Buch, die ein Thema von den Anfängen bis zur Gegenwart behandelt. Annemarie Conradt-Mach, Lehrerin an der Schwenninger Feintechnikschule, befaßt sich mit der Gewerkschaftsbewegung in der Doppelstadt und vermittelt dabei einen notwendigen Überblick über die Industrialisierung und deren Unterschiede in den beiden Städten. Michael J. H. Zimmermann verfaßte den einzigen Artikel, der sich nur auf Schwenningen bezieht: Er referiert über das dortige Pressewesen von „Die Biene“ aus dem Jahr 1841 bis hin zur letzten Gründung einer Zeitschrift im Jahre 1989, der „VS-international. Zeitung von Ausländern für Ausländer und Deutsche“, die allerdings nur eine Ausgabe erlebte. Drei Artikel beziehen sich auf die Zeit des Nationalsozialismus: Um Kommunal-, Arbeits- und Wirtschaftspolitik sowie die soziale Lage der Arbeiter in dieser Zeit geht es Annemarie Conradt-Mach und Ingeborg Kottmann unter dem Titel „Einstimmung des Volkes auf den Krieg“, es schließt sich eine Arbeit der Villinger Geschichtslehrer Ekkehard Hausen und Hartmut Danneck über ‚Widerstand und Verweigerung“ an. Dem bisher in der Forschung wenig beachteten Thema der Fremdarbeiter — ob freiwillig oder gezwungen —gilt ein Aufsatz des St. Georgener Historikers Stefan Alexander Aßfalg. Zwei abschließende Arbeiten befassen sich mit dem wichtigsten Ereignis der Nachkriegszeit, der Gründung der Doppelstadt einschließlich der entsprechenden Eingemeindungen. Die beiden Artikel des Heidelberger Geographen Paul Reuber und des ehemaligen Schwenninger, dann gesamtstädtischen Oberbürgermeisters Gerhard Gebauer haben das gleiche Thema, gehen es aber von unterschiedlicher Perspektive heran: Reuber recherchiert vornehmlich in Sitzungsprotokollen und Zeitungsarchiven, Gebauer als Zeitzeuge und treibender Kraft des Fusionsprozesses schreibt eine viel persönlicher gefärbte Darstellung aus der Erinnerung, sein Artikel enthält als einziger keine Fußnoten, Quellenoder Literaturangaben. Die anderen Artikel über das 19. und 20. Jahrhundert sind historische Forschungsarbeiten, die sich auf Sekundärliteratur und in der Regel auch auf Quellen beziehen. Meist werden auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede in bezug auf beide Städte bzw. Stadtbezirke herausgearbeitet.

Zum Inhalt und zu wissenschaftlichen Ergebnissen des Buches:

Villingen und Schwenningen auf dem Hintergrund der allgemeinen Geschichte

Eine Aufsatzsammlung wie die vorliegende hat zwangsläufig keinen thematischen roten Faden außer den Bezugsorten Villingen und Schwenningen und dem zeitlichen Bezugsrahmen des vergangenen Jahrtausends, geschweige denn eine griffige These, die sich herausfiltern ließe. Die Autorinnen und Autoren haben ihre jeweiligen Forschungsschwerpunkte, ihr Erkenntnisinteresse, ihre Fragestellungen und ihre Vorlieben in die Artikel eingebracht, teilweise zeichnet sich auch ein persönlicher und weltanschaulicher Hintergrund ab. Den Aufsätzen liegt weder ein inhaltliches noch ein methodisches Gesamtkonzept zugrunde — was übrigens kein Nachteil sein muß. So würde es den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen, wollte man auch nur das Wesentliche des Inhalts präsentieren — zu groß ist die Fülle des Materials in dem über 500 Seiten starken Buch. Stattdessen soll hier eine zwangsläufig subjektive Auswahl einiger Ergebnisse der Artikel vorgestellt werden, die dem Rezensenten interessant oder bedeutsam erscheinen. Die im Folgenden aufgeführten lokalen Ereignisse und Zustände sind ausnahmslos dem Buch entnommen, bei der Darstellung der allgemeinen Geschichte, in die diese eingebettet sind, werden bisweilen einige Ergänzungen hinzugefügt. Ebenso kommen bei der Bewertung und Einordnung der Geschichte von Villingen und Schwenningen eigene Aspekte des Rezensenten hinzu.

Die später so katholische, allen reformatorisch-protestantischen Versuchungen und Anfeindungen trotzende Stadt Villingen verdankt ihr 1999 ausgiebig gefeiertes Markt-, Münz- und Zolljubiläum Umständen, die wohl kaum als christlich bezeichnet werden können, geschweige denn im Sinne und Interesse der römischen Kirche waren. Der jugendliche Kaiser Otto III. verfolgte die Politik der Renovatio Imperii Romanorum („Erneuerung des Reiches der Römer“) und wollte die Christenheit in diesem Sinne von Rom aus regieren, wo er in den wenigen Jahren seiner Regentschaft in ständige Auseinandersetzungen mit dem ortsansässigen Adel geriet. Ein von ihm eingesetzter Papst, der ihn im Gegenzug 996 zum Kaiser krönte, wurde nach Ottos Abzug aus Rom vom Stadtadel vertrieben und durch einen ihm gemäßen Vertrauten ersetzt. Otto kehrte zurück und schlug die Revolte nieder; der römische Adelsanführer Crecentuis wurde umgebracht und sein Leichnam öffentlich aufgehängt. Dem Gegenpapst ging es nicht viel besser: Den Kaiserlichen gelang es unter dem Kommando eines gewissen Birchtilo, den Geflohenen in ihre Gewalt zu bekommen; Augen, Ohren, Nase, Zunge wurden ihm ausgestochen bzw. abgeschnitten, dann wurde dem grausam Gequälten ein Schauprozeß gemacht, wonach er rücklings auf einem Esel reitend in einer Spottprozession durch Rom geführt wurde. Birchtilo dagegen erbat und bekam seinen Lohn: Am 27. März 999 verbriefte ihm Otto in Rom das Recht, „[..] an einem bestimmten Ort, seinem Flecken Villingen nämlich, einen öffentlichen Markt mit Münze, Zoll und der gesamten öffentlichen Gerichtsbarkeit abzuhalten und auf Dauer einzurichten.“ (S. 21 f.) Die Forschung ist nämlich überzeugt, daß Birchtilo mit dem Grafen Berthold, einem Vorfahr der Zähringer, identisch ist. Diese Herzöge von Zähringen, eines der bedeutendsten Herrschergeschlechter ihrer Zeit, waren bis zu ihrem Aussterben im Jahr 1218 die Herren von Villingen. Die Stadt galt lange als planmäßige Neugründung ihrer Herren neben dem alten Dorf, das sich im Bereich der heutigen Altstadtkirche befand. Wie Bertram Jenisch in seinem Beitrag „Stadtentwicklung und Alltagsgeschichte im Mittelalter […]“ darlegt, ist dies wie bei anderen „Zähringerstädten“ ein Mythos: Die archäologische Forschung hat ergeben, daß um ein altes zähringisches Herrengut im jetzigen Münstervier-tel eine lockere Besiedlung entstand. Sie war begrenzt durch zwei kleine Burgen, sog. Motten, und strukturiert durch vorhandene Wege, die sich bereits auf dem gegenwärtigen Osianderplatz kreuzten. Daraus entwickelte sich erst seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts die eigentliche Stadt mit ihrem noch bestehenden Straßen-bzw. Wegenetz. Stadtmauer und -graben ließen sich wie der zweite, nun erheblich vergrößerte Münsterbau auf den Beginn des 13. Jahrhunderts datieren. Die dafür erforderliche gewaltige Arbeitsleistung verweist auf die Bedeutung, welche Villingen nun gehabt haben muß. Die Stadtentwicklung erstreckte sich also über einen Zeitraum von rund 200 Jahren. — Interessantes hat die Archäologie auch über das Alltagsleben zu berichten. Verschiedene Sorten von Fleisch, Getreide, Gemüse, Nüssen, Gewürzen und Obst — einschließlich importierten Feigen, Trauben und Aprikosen — wurden nachgewiesen. „Die städtische Ernährung im Mittelalter war durch eine Vielfalt geprägt, die es mit unserer durchaus aufnehmen kann, sie teilweise sogar übertrifft.“ (S. 69) Die Vielzahl solcher Funde deutet darauf hin, daß davon nicht nur eine Oberschicht, sondern breite Kreise profitierten. Im 13. Jahrhundert, nach dem Ende der Zähringer, geriet Villingen in den für die deutsche mittelalterliche Geschichte typischen Streit zwischen Kaiser einerseits sowie Papsttum und Adel andererseits. Casimir Bumiller greift die gängige Meinung auf, wonach Villingen von 1218 bis 1251 bzw. 1283 „Reichsstadt“ gewesen sei, also etwa wie Rottweil nur dem Kaiser unterstanden habe. Sein Artikel verdeutlicht dann die Verworrenheit mittelalterlicher Rechtsverhältnisse: Villingen war ab 1218 Reichsstadt, aber gleichzeitig erhoben die Grafen von Urach, die späteren Fürstenberger, Anspruch auf das zähringische Erbe und damit auch auf Villingen. Das Reich vergab die Stadt bereits 1219 den Urachern als Lehen. Der in Palermo residierende Stauferkaiser Friedrich II., zeitlebens in Streitigkeiten und Kriege verwickelt, ließ seinen Sohn Heinrich zum König von Sizilien und Rom wählen, dieser empörte sich aber später gegen den Vater. Egino von Urach, Stadtherr von Villingen, unterstützte den Gegenkönig. Der Kaiser konnte den Aufstand jedoch niederwerfen und zog um 1236 die Stadt wieder an sich. 1245 wurde Friedrich vom Papst gebannt, und die Grafen von Urach sahen erneut ihre Stunde gekommen und stellten sich wieder hinter einen Gegenkönig, während Villingen zum Kaiser hielt. Die Stadt verfiel 1248 ebenfalls dem Kirchenbann. Mit dem mysteriösen Tod des Kaisers 1250 — noch 1998 sollte eine erneute Autopsie des Leichnams klären, ob er vergiftet wurde —, nutzte Heinrich v. Fürstenberg — so nannte sich nun eine Linie der Uracher — das Machtvakuum und brachte die Stadt unter seine Herrschaft, die er zu seinem Herrschaftsmittelpunkt machte. Nach langen Wirren kam 1273 mit Rudolf I. der erste Habsburger auf den Königsthron, er gab seinen Versuch, Villingen wieder an sich ziehen, jedoch auf, da er, ebenfalls durch Kriege in Bedrängnis geraten, sich mit seinem Getreuen Heinrich nicht überwerfen wollte. 1278, vor der Entscheidungsschlacht gegen seinen Widersacher Ottokar v. Böhmen, sprach er Heinrich Villingen zu, und fünf Jahre später wurde eine endgültige Regelung formuliert, wonach die Reichsstadt Villingen den Fürstenbergern als ewiges Lehen überlassen wurde. Nach Heinrichs Tod im folgenden Jahr, 1284, wurde zwischen seinen vier Söhnen und der Stadt Villingen ein Vertrag ausgehandelt, welcher der Stadt weitgehende Rechte zusicherte. Hier wurden alte, wahrscheinlich noch aus der Zähringerzeit stammende Rechte erneut verbrieft, wonach der Schultheiß, also der Vertreter des Stadtherrn, nicht von diesem einfach eingesetzt werden durfte, sondern aus den Reihen des Villinger Rats stammen mußte. Dieser hatte, wiederum im Gegensatz zu sonstigen Gepflogenheiten, auch die alleinige Gerichtsbarkeit in Villingen. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte konnte die Stadt ihre Rechte gegenüber ihrem Herrn deutlich erweitern, bis sie schließlich eine reichsstadtähnliche Stellung erlangte. So wurden ungefähr von 1300 an Bürgermeister als neuer Ratsvorsitzender und Schultheiß, der nun nur noch die Funktion eines Gerichtsvorsitzenden innehatte, vom Villinger Rat gestellt.

Die Einschränkung der Rechte des adeligen Herrn — das hört sich modern und nach „Demokratie“ an. Bis in die 80er Jahre des 13. Jahrhunderts wurde die Stadt jedoch ausschließlich von Patriziern geleitet, also von einer kleinen adelsähnlichen Schicht reicher Bürger. Die 24 „ehrbaren Müßiggänger“ im alten Rat bildeten die zentrale politische und juristische Entscheidungsinstanz, die —ganz selbstverständlich für diese Zeit — mit Gewaltenteilung oder politischer Mitbestimmung anderer Teile der Bevölkerung, vor allem der vielen Handwerker in der aufstrebenden Stadt, nichts im Sinn hatte. Mit dem Aufschwung der Städte nahmen Zahl und Bedeutung der Handwerker in ihren Mauern enorm zu, sie bildeten schließlich eine neue Schicht, die sich in Zünften organisierte und zur Teilhabe an der politischen Macht drängte. In vielen Städten kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit dem adeligen Patriziat, in denen die „bürgerlichen“ Zünfte schließlich die Oberhand gewannen. Von solchen sonst typischen Kämpfen innerhalb der Bürgerschaft Villingens ist allerdings nichts überliefert, wohl aber von dauernden gewalttätigen Auseinandersetzungen der äußerst streitbaren Villinger mit den Herren von Fürstenberg, die schließlich zum völligen Zerwürfnis und zum Herrschaftswechsel unter die Habsburger im Jahr 1326 führte. Zwei Jahre zuvor entstand eine berühmt gewordene Zunftverfassungsurkunde, in der vom „neuen Rat“ die Rede ist, der als Vertretungsorgan der Handwerkerschaft an der politischen Macht Teil hat. (Diese Ratserweiterung, die der juristischen Festschreibung einige Jahrzehnte vorausgegangen war, widerspiegelt sich im Ausbau des Rathauses im Jahr 1288.) Casimir Bumiller zieht die Schlußfolgerung, daß die ständigen, teils blutigen externen Auseinandersetzungen mit den Stadtherren die Patrizier und Zünfte zu einer Solidarisierung zwangen —damit verhinderten sie einen internen Klassenkampf. Zu einer einschneidenden Machtverschiebung hin zu den Zünften führte die Ratserweiterung übrigens nicht: In die Spitzenpositionen von Schultheiß- und Bürgermeisteramt wurden bis zum Ende des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich Patrizier gewählt. Soziale Spannungen zwischen diesen Schichten scheinen recht verbreitet gewesen zu sein: Bumiller interpretiert eine Reihe von privaten Auseinandersetzungen, die in den Akten überliefert sind, als „sozialen Gegensatz zweier gesellschaftlicher Schichten“.

Das Buch läßt am Beispiel Villingens zwei Aspekte mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtlebens deutlich werden, die heute weitgehend verschwunden sind: Geistlichkeit und Armut. Bertram Jenisch und Karl Weber weisen immerhin 20 kirchliche und klösterliche Liegenschaften in Villingen nach, nach Michael Tocha ist zur Reformationszeit etwa jeder 30. Einwohner geistlichen Standes. Das geistliche Leben war mit weltlichen Interessen vielfältig verquickt: Im Gegensatz zu den erwähnten städtischen Freiheiten der Stadt lag das Villinger Patronatsrecht bei den jeweiligen Stadtherren; Zähringer, Fürstenberger und Habsburger bestimmten also, wer Pfarrer war und entsprechende Einkünfte erhielt. Ein solches Recht war weiter übertragbar und wurde auch als Lehen vergeben, z. B. an die Herren von Lupfen. Der geistliche Dienstleistungsbereich entwickelte einen wirtschaftlich effizienten, hohen Grad des „Outsourcing“. Zahlreiche Kapellen- und Altarstiftungen reicher und armer, teils in Bruderschaften zusammengeschlossener Bürger, die auf ihr Seelenheil bedacht waren, führten zu einem erheblichen Anwachsen des mit dem Lesen von Messen betrauten geistlichen Personals. Diese hatten für ihre Stellen oft nur eine kärgliche Bezahlung, entsprechend unseren heutigen „geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen“, und mußten mehrere Stellen gleichzeitig annehmen, so daß man von einem „geistlichen Proletariat“ (Michael Tocha) sprechen kann. Solche kirchlichen Zustände waren ein Grund für die späteren kirchlichen Erneuerungen der Reformation und „Gegenreformation“. (Auf die Problematik dieses populären Begriffs, den der Beitrag zu Recht vermeidet, kann hier nicht näher eingegangen werden. Es geht bei der „Gegenreformation“ ebenfalls um eine Erneuerung im Sinne der Beseitigung kirchlicher Mißstände, hier allerdings für die römisch-katholische Kirche.) Aus dieser Zeit der konfessionellen Trennung und Auseinandersetzung stammt auch, wie Michael Tocha zeigt, der bis heute „in den Köpfen“ wirkende Gegensatz zwischen Villingen und Schwenningen. Wie in allen damaligen Städten spielten Klöster bzw. deren Niederlassungen eine wichtige Rolle. Neben vier Klöstern gab es in Villingen eine Reihe von Verwaltungs- und Wirtschaftsniederlassungen auswärtiger Klöster, sogenannter Pfleghöfe. Einen Einblick in Geist und Stimmung des Klosterlebens gibt Edith Boewe-Koob: Der Leser ihres Artikels, der zahlreiche Fakten zur Geschichte des Sankt Klara Klosters vom Mittelalter bis zu seiner Aufhebung durch den österreichischen „aufgeklärten“ Absolutismus aneinanderreiht, spürt zwischen den Zeilen noch etwas von mittelalterlicher Frömmigkeit und christlicher Mystik, einer Welt, die aus unserer aufgeklärten Welt fast völlig verschwunden ist.

Wie heute hatte die Kirche damals wichtige soziale Funktionen, womit das Thema Armut angeschnitten ist. Heute ist Bettelei aus den Städten durch Sozialstaatlichkeit einerseits und Verbote andererseits weitgehend verschwunden. Wo sie vereinzelt noch — oder wieder — „auftritt, wird sie als Ärgernis und Belästigung empfunden. Ute Ströbele stellt die völlig andere Lage im Mittelalter dar: „Im Mittelalter bedeutete Armut primär nichts Negatives, existierte doch neben der ungewollten auch eine gewollte, religiös motivierte Armut. Die Bedürftigen waren integrierte Mitglieder der mittelalterlichen Gesellschaft, und Betteln stellte eine legitime Form des Lebensunterhaltes dar.“ (S. 267) Armut hatte ihren Platz im göttlichen Heilsgeschehen, der Reiche sollte sich sittlich bewähren — und sich dadurch seinen Platz im Himmel sichern —, daß er dem Armen Almosen spendete. Dies setzte die Fortdauer der Armut voraus, das moderne sozialpolitische Bemühen um Abschaffung der Armut wäre dem göttlichen Heilsplan zuwidergelaufen. Genaue Angaben über den Umfang der Armut in Villingen gibt es nicht, man schätzt aber, daß ca. 1/5 der Einwohner damaliger Großstädte Bettler waren, wobei etwa 1/10 der Bewohner durch ständigen Hunger existentiell bedroht waren. Wie in allen mitteleuropäischen Städten machten diese Zustände auch in Villingen ein ausgeprägtes Sozialwesen notwendig. Hier sind das noch auf das 13. Jahrhundert zurückgehende Heilig-Geist-Spital, das als Spitalfond bis heute fortbesteht, das Gutleuthaus und die Elendjahrzeitpflege zu nennen, die sich der geschlossenen Sozialfürsorge, Lebensmittellieferungen und öffentlichen Armenspeisungen annahmen. Interessant und für uns unvorstellbar sind gewisse Details damaliger Hygiene: Es galt schon als Bevorzugung, daß den Spitalbewohnern das Recht auf eine zweimalige Kleiderwäsche im Jahr zustand. Das Armenwesen wurde schließlich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. In Villingen waren bereits im 14. Jahrhundert 1/8 der Häuser und 1/3 der Gärten zinspflichtig, bis ins 20. Jahrhundert waren eigene landwirtschaftliche Betriebe wichtige Einnahmequelle, und seit dem 16. Jahrhundert entwickelten sich Kapitalgeschäfte zur Haupteinnahmequelle. Dementsprechend groß waren die Sozialleistungen: Bei Speisungen an wichtigen Feiertagen wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts jeweils etwa 500 kg Fleisch ausgegeben, womit etwa 1000 —2000 Bedürftige verköstigt werden konnten. Die alten Rechnungsbücher belegen aber auch, daß es das, was wir heute Veruntreuung nennen, damals in viel größerem Umfang gab, seinerzeit aber als völlig normal galt: Fast die Hälfte (!) der Ausgaben für die Armenspeisungen entfielen ganz legal auf Delikatessen, an denen sich die Organisatoren gütlich taten. Daß „die gute alte Zeit“ nicht so gut und intakt war, wie man uns manchmal glauben lassen will, zeigt der Umfang des Sozialwesens ohnehin: Viele Menschen lebten eben nicht, wie man heute manchmal meint, in stabilen Familienverhältnissen, in denen sie z. B. bei Krankheit oder im Alter hätten versorgt werden können.

Die allgemeinen Krisenerscheinungen des Spätmittelalters widerspiegeln sich anschaulich in der Villinger Geschichte. Wirtschaftlich wohl schon stark angeschlagen, weil sie eine horrende Lösegeldsumme für 150 von den Fürstenbergern als Geiseln genommene Villinger Bürger aufbringen mußte — solche Methoden der Finanzmittelbeschaffung waren im Mittelalter durchaus üblich —, mußte die Stadt 1348 auch noch die überall wütende Pest ertragen. Nach vorsichtigen Schätzungen Bumillers dürfte sie über 1000 der vormals etwa 3000 Einwohner das Leben gekostet haben. Jedenfalls mußte die Stadt im 15. Jahrhundert den Antrag stellen, die Ratsstellen von 72 auf 40 zu reduzieren, da die Stellen nicht mehr zu besetzen seien. Die gemeineuropäischen Judenprogrome im Gefolge der Pestepidemie von 1348 scheinen auch in Villingen stattgefunden zu haben. 1510 wurden die Juden von Kaiser Maximilian (hier in seiner Funktion als Landesherr) aus Villingen definitiv ausgewiesen.

Zu diesem Thema der Verfolgung von Minderheiten gehört das Thema Hexenverfolgung, was entgegen einem verbreiteten Vorurteil weniger ins Mittelalter als in die frühe Neuzeit gehört. Die Hexenprozesse erreichten ihren Höhepunkt in Deutschland im 17. Jahrhundert und wurden dann übrigens nicht von der vielgeschmähten Inquisition, sondern von weltlicher Justiz durchgeführt. Als in der Fürstabtei Kempten 1775 der letzte Scheiterhaufen auf deutschem Boden brannte, waren den Verfolgungen ungefähr 20.000 — 30.000 Menschen zum Opfer gefallen, davon ca. 80% Frauen. Die Forschung hat gezeigt, daß die Zunahme solcher Prozesse mit Krisenerscheinungen wie Krieg, Seuchen und Mißernten einherging, ein Phänomen, das sich bekanntlich auch für Judenverfolgungen nachweisen läßt. Diesem Trend folgte auch Villingen, in dem zwischen 1501 und 1662 mindestens 46 Menschen hingerichtet wurden, dabei gab es ab 1617 keine Verbrennungen bei lebendigem Leibe mehr. Die von feministischer Seite häufig vertretene These, daß diese Verfolgung vor allem heilkundigen und „weisen“ Frauen gegolten habe, läßt sich für Villingen — wie auch vielfach für andere Orte —nicht belegen. Es wird auch nicht deutlich, daß bestimmte soziale Gruppen besonders betroffen gewesen wären. Unter den Opfern waren auch Kinder, Jugendliche und alte Menschen.

Obwohl Villingen im Spätmittelalter seine innerstädtische Autonomie immer weiter ausbauen konnte, geriet die Stadt doch stärker in den Sog spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Territorialbildung. Das Haus Habsburg war ständig in Konflikte mit anderen deutschen und ausländischen Mächten verwickelt, Villingen mußte Waffendienst leisten oder wurde als österreichische und katholische Stadt auch wiederholt angegriffen, belagert und seit Ende des 18. Jahrhunderts auch besetzt. Die Aufsätze, die dieses Thema berühren, vermitteln einen Eindruck davon, was die Bewohner durch die Jahrhunderte in den endlosen kriegerischen Auseinandersetzungen erlitten haben müssen, obwohl ihre Stadt glücklicherweise nie zerstört wurde. Eher am Rande wird deutlich, daß umliegende Dörfer — einschließlich Schwenningen, das 1633 von den Villingern eingeäschert wurde —manches Mal von Villingen heimgesucht wurden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelangte die Stadt in den napoleonischen Wirren von Österreich über Modena und Württemberg, mit der Gründung des Rheinbundes 1806 schließlich nach Baden. Neben politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Themen greift das Buch kunstsoziologische auf. Anita Auer beschäftigt sich mit dem Wandel der Darstellung des Villinger Lokalhelden Romäus Mans, einem Landsknecht in Kaiser Maximilians Diensten, gefallen 1513 in der Schlacht von Navarra. Jedes Gemeinwesen braucht Mythen, die ihren Mitgliedern Identifikationen ermöglichen und die Gemeinschaft festigen. So fungierte Romäus in früheren Darstellungen und Sagen als furchteinflößender Kriegsheld, als Verkörperung von Kampfesmut und Stärke. Sein Bild war, auch zur Abschreckung von Feinden, im 16. Jahrhundert auf die äußere Stadtmauer neben das obere Tor gemalt. Mit dem Abriß dieser seit langem nutzlosen Mauer 1840 wurde auch das Bild zerstört, aber schon 1856 durch ein neues am Romäusturm ersetzt, diese Darstellung fungiert in der Niedergangszeit des 19. Jahrhunderts nun als „Selbstvergewisserung und der Demonstration historischer Größe“ (S. 225). In den Illustrationen des Romäus von Richard Ackermann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln sich die Erfahrungen der Weltkriege: Hier mutiert die mythische Figur vom waffenstarrenden Kriegshelden zum Mahner ohne Waffen. Die 1981 auf dem Turm erneuerte und durch Spenden finanzierte Darstellung greift dagegen wieder den kriegerischen, draufgängerischen Romäus auf. Michael Hütt untersucht parallel dazu die erhaltenen monumentalen Stadtansichten, in denen Selbstdarstellungen und Selbstwahrnehmungen der Stadt sichtbar werden. Die überstandenen Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg und andere Ereignisse führten zu immer grandioseren Stilisierungen der Stadt, die im Votivbild von 1715, das sich in Triberg befindet, gipfeln: Hier wird die Villinger Geschichte als Teil christlicher Heilsgeschichte gedeutet, Villingen wird, von Feinden wie vom Protestantismus unberührt, in die unmittelbare Nähe der jungfräulichen Mutter Gottes gerückt. Das Gemälde identifiziert die in der damaligen Realität immer unbedeutendere Kleinstadt schließlich mit dem himmlischen Jerusalem — schon damals hat Villingen nicht an mangelndem Selbstbewußtsein gelitten.

Für die Wirtschaftsgeschichte der Baar ist ein Artikel von Andreas Nutz zu den Frühkapitalisten Michael und Johann Schwert beachtenswert. Relativ unbekannt und von der Forschung bislang wenig beachtet ist die Tatsache, daß der Schwarzwald bis ins 18. Jahrhundert ein bedeutendes Bergbaugebiet mit rund 200 Erz- und Mineralvorkommen war. Die beiden Brüder, die aus Schwenningen stammten, dann Villinger Bürger wurden und von dort als Inhaber verschiedener metallverarbeitender Handwerksbetriebe und Pächter des fürstenbergischen Bergwerks in Eisenbach auch sozial aufstiegen, wurden bisher als Ausnahmen und Einzelpersonen gesehen. Nutz will in seiner Darstellung mehr auf strukturelle Gemeinsamkeiten mit frühneuzeitlicher Metallgewinnung und Verarbeitung eingehen. Michael Schwert kam mit den Klöstern St. Georgen und Friedenweiler in Konflikt, weil er in deren Wäldern das damals knappe Holz fällte, das er für seine Betriebe, die Verkohlung und den Weiterverkauf benötigte. Das trug ihm in der bisherigen Forschung das Urteil rücksichtsloser Ausbeutung der Schwachen ein. Es fällt auf, daß die weltlichen Schutzherren, hier der Villinger Rat und die Fürstenberger, ihren Klöstern nicht zu Hilfe kamen. Nutz stellt diesen Umstand in einen größeren Zusammenhang: Die Territorialherrn waren am Florieren des Bergbaus sehr interessiert und stellten dafür ihre eigenen Waldungen, aber auch die ihrer Untertanen und nachgeordneten Ständen gern zur Verfügung. Die Motive waren fiskalischer wie wirtschaftspolitischer Art: Der Landesherr bekam das Zehnteisen, also 10% des geförderten Eisens, und er war, so können wir im Sinne des Artikels ergänzen, im Rahmen physiokratischer und merkantilistischer Wirtschaftstheorie auf Förderung der Grundindustrien bedacht. Die Monopolisierung der Gewaltsamkeit im eigenen Territorium, also die Grundlegung der modernen Staatsbildung, sowie die Behauptung gegenüber Konkurrenten erforderten Geld, Rohstoffe und die für die damals modernen Waffen nötigen veredelten Metalle. Hier schließt sich der Kreis zur politischen Geschichte: Die Herren der sich langsam zu moderneren Staatsformen entwickelnden Territorien in der frühen Neuzeit trieben eine aktive Wirtschaftspolitik, oft genug auf Kosten ihrer Untertanen. „Michael Schwert war eine Unternehmerpersönlichkeit, die die vorhandenen Kapazitäten in seinen Hammerwerken in der Villinger Dependenz zusammenfaßte und organisierte, z. B. durch Umnutzungen und Arbeitsteilung, möglicherweise sogar durch Innovationen im Umland wie der Mechanisierung des Schleifens oder der Einführung von effektiveren Zahnhämmern. Schwert hat dabei »grenzüberschreitend« agiert und dabei wohlwollende Förderung durch die Obrigkeit erfahren […]“ (S.168). Wieder aufgegriffen wird das Thema Wirtschaft in Annemarie Conradt-Machs Artikel über die Gewerkschaftsbewegung in Schwenningen und Villingen. Die ungleich günstigere Quellenlage aus der Zeit des vorigen Jahrhunderts ermöglicht nun viel differenziertere Aussagen über Wirtschaft und Gesellschaft. Bekanntlich war die Uhrenherstellung der Motor der Schwenninger Industrialisierung — dennoch hat sie in Villingen die längere Tradition. Dort herrschte aber eine katholisch-konservative Handwerkerschaft in zünftiger Tradition vor, die sich später dem industriellen Strukturwandel weniger anpassen konnte. Auch in Schwenningen entstanden die ersten eigentlichen Uhrenfabriken mit Haller und Mauthe erst Ende der 80er Jahre, sie fertigten die billigeren, in Villingen verpönten „Amerikaneruhren“, die zwar hochentwickelte Fertigungsmaschinen, aber weniger qualifizierte Uhrmacher erforderte. Im Gegensatz zu Villingen fehlte es an anderem produzierenden Gewerbe, was in wirtschaftlicher Hinsicht eine größere Konjunktur- und Krisenanfälligkeit und in sozialer Hinsicht zur Bildung einer relativ homogenen, niedrig entlohnten Arbeiterschaft führte. Wegen des Überangebots an Arbeitskräften und dem verarmten württembergischen Umland kam es hier auch für längere Zeit zu keinen effektiven Lohnsteigerungen, die Arbeiter waren durchweg auf Nebeneinkünfte angewiesen. Villingen profitierte eher von seiner Zentrumsfunktion für das Umland und wies eine differenziertere Gesellschaft auf.

Auf das 19. Jahrhundert bezieht sich auch ein material- und detailreicher Beitrag von Ingeborg Kottmann über die 1848er Revolution in Villingen und Schwenningen. Eine gesamteuropäische Agrarkrise, verbunden mit wachsendem Bevölkerungsdruck, führten zu Lebensmittelknappheit, drastischen Verteuerungen, schließlich zu Aufständen. Als Reaktion versuchten die Landesregierungen in merkantilistischer Tradition mit Getreideausfuhrverboten die Ernährungslage zu verbessern. Im Mai 1847 geschah in Villingen ein Vorfall, bei dem ein auswärtiger Getreidehändler von der wütenden Menge fast gelyncht worden wäre, als er Korn kaufen und aus der Stadt schaffen wollte. Hier zeigt sich der konservative Charakter solcher Unruhen, die sich gegen eine Modernisierung der Wirtschaft, hier den Freihandel, richteten und dem Bild von den fortschrittlichen Ideen der Revolution dieser Jahre widerspricht. Dieser ganz konservative, keinesfalls „revolutionäre“ oder „fortschrittliche“ Charakter von Revolten läßt sich vielerorts bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Die Beteiligung an der Revolution in Villingen und Schwenningen hielt sich erwartungsgemäß in Grenzen, anschließend war auch hier die Unterdrückung durch neue Polizeistaatlichkeit die Folge. Um Widerstand gegen Mißstände und Unrecht geht es in dem bereits erwähnten Artikel über die entstehende Gewerkschaftsbewegung. In Schwenningen dauerte es eine gewisse Zeit, bis die meist aus Bauernfamilien stammenden Arbeiter ein solidarisierendes Bewußtsein entwickeln konnten. Hinzu kam, daß die Uhren nur zur Hälfte in der Fabrik, zur anderen Hälfte in Heimarbeit, d. h. im traditionellen Verlagssystem, gefertigt wurden, was einen Zusammenschluß zur gemeinsamen Interessenvertretung weiter erschwerte. 1907 kam es in Schwenningen zum ersten großen Arbeitskampf, der äußerlich als Niederlage endete, für Frau Conradt-Mach aber immerhin zu einer Solidarisierung führte. Erst unter Kriegsbedingungen, 1917, wurde in Schwenningen ein Tarifvertrag abgeschlossen, zwei Jahre später für den ganzen Schwarzwald. Es ist bekannt, daß sich die Lage der Arbeiter in den nächsten Jahrzehnten nicht wesentlich besserte. Vor allem in Schwenningen radikalisierte sich die Arbeiterschaft, denn in der Industriestadt schlugen die wirtschaftlichen Probleme der Weimarer Republik viel stärker durch als in der differenzierteren und stärker an traditionelle Werte gebundenen Gesellschaft in Villingen. So zeigte sich Schwenningen auch für den Nationalsozialismus anfälliger als Villingen. Bei Hitlers Machtantritt seien die Gewerkschaften durch die wirtschaftliche Entwicklung bereits so geschwächt gewesen, daß selbst ein organisierter Widerstand kaum Aussicht auf Erfolg gehabt hätte.

Auf das Versagen der Opposition, dem Aufstieg der Nationalsozialisten entgegenzutreten, gehen auch Ekkehard Hausen und Hartmut Danneck ein. Wie auch sonst überall zeigte sich in beiden Städten die selbstzerstörerische Zerstrittenheit zwischen den Gegnern des neuen Regimes. Nicht einmal Sozialdemokraten und Kommunisten konnten sich einigen, von kirchlichen Kreisen ganz zu schweigen: Solange die Repressionen einen selbst nicht trafen, sympathisierte man teils offenkundig mit dem Vorgehen gegen die gottlosen Kommunisten. Die Lokalgeschichte verdeutlicht, wie die erste wirkliche Demokratie auf deutschem Boden an mangelnder Konsensfähigkeit und Kompromißbereitschaft zugrunde gegangen ist.

Der Widerstand scheiterte auch wegen der offensichtlichen Erfolge des Regimes. Die Geschichte bis in die 30er Jahre war von Wirtschaftskrisen, Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit der Arbeiterschaft und anderer breiter Schichten geprägt. Mit Adolf Hitler schien sich aber alles zu bessern. Wie ein weiterer Artikel von Annemarie Conradt-Mach und Ingeborg Kottmann zeigt, verbesserten sich die Verhältnisse der Arbeiter ab 1933 deutlich. Die feintechnische Industrie produzierte High-tech-Produkte der damaligen Zeit, die für die beginnende Aufrüstung von großer Bedeutung waren und die Staatsaufträge sicherten. Bereits 1934 beantragte SABA Überstunden, 1939 herrschte in der Geschichte beider Städte erstmalig Vollbeschäftigung, und auch sonst hatte sich die soziale Lage erheblich verbessert. Angesichts des einsetzenden Arbeitskräftemangels hatten die Arbeiter — so paradox es auch klingen mag — nun eine stärkere Position als in der Zeit der Gewerkschaftsbewegung. Angesichts solcher wirtschaftlichen, sozialen und politischen Stabilität wurden die Schattenseiten des Regimes nur zu oft in Kauf genommen, wer politisch nicht negativ auffiel, hatte zunächst ja auch wenig zu befürchten. So hatte der Widerstand kaum eine Chance und erschöpfte sich in mutigen, aber lebensgefährlichen und letztlich symbolischen Einzelaktionen.

Wie reibungslos und effizient das NS-System funktionierte, zeigt auch ein Artikel über die Fremdarbeiter in Villingen. Mit Krieg und Einberufungen vergrößerte sich der Arbeitskräftemangel schlagartig. Entgegen der herrschenden Ideologie mußte man nun wohl oder übel auf ausländische Arbeiter zurückgreifen, die doch, vor allem, wenn sie Osteuropäer waren, als „arbeitsscheu“, „minderwertig“ oder gar als „Untermenschen“ galten. Gegen Kriegsende gab es in Deutschland ca. 9 Millionen „Fremdarbeiter“, für Villingen schätzt Stefan Aßfalg die Zahl auf 3500 Kriegsgefangene, aber auch freiwillige Zivilarbeiter, was immerhin über 15% der Bevölkerung ausmachte. Interessant ist die Beobachtung, daß diese Ausländer trotz relativ schlechter Bezahlung und Behandlung — die Überlieferungen hierüber sind recht unterschiedlich —gut und zuverlässig gearbeitet haben, obwohl sie doch vorwiegend Kriegswaffen herstellten, die gegen ihre Heimatländer verwendet wurden. Direkte Überwachung, heimliche Bespitzelung und demütigende Kennzeichnung nennt der Autor als die drei Säulen des NS-Arbeitszwangsystems es scheint bestens funktioniert zu haben, obwohl gegen Kriegsende zum Teil nur noch Kinder und Jugendliche für die Bewachung zur Verfügung gestanden haben.

Eine Art Ausblick bilden die beiden Artikel über die Vereinigung von Villingen und Schwenningen zur Doppelstadt. Erstaunlich ist die Schnelligkeit, mit der die Fusion vonstatten ging, einschließlich der informellen Vorgespräche dauerte sie gerade einmal drei Jahre. Dabei gab es bisher kaum Kontakte, Gerhard Gebauer betont, daß er seinen Vil-linger Kollegen Severin Kern vorher nur auf auswärtigen Städtetagen getroffen habe. Aus beiden Artikeln geht hervor, daß es wohl das aus Stuttgart zu erwartende Geld war, das Villinger und Schwenninger zumindest für kurze Zeit vergessen ließ, welch unterschiedliche Entwicklung die beiden benachbarten Orte in den vergangenen tausend Jahren eingeschlagen haben, woraus sich dann auch unterschiedliche Mentalitäten bis hin zu Aversionen entwickelt haben, die auch nach 25 Jahren Doppelstadt noch nicht ganz überwunden sind.

Kritische Würdigung des Buches

Der Überblick über Themen, Fragestellungen, Ergebnisse und Methoden, die in den Sammelband über Villingen und Schwenningen eingeflossen sind, zeigt, daß es sich es zweifellos um ein gelungenes, für den historisch Interessierten lesenswertes Buch handelt. Nachdem zwischenzeitlich verschiedene Einzeldarstellungen zur Lokalgeschichte erschienen sind, liegt nun seit Paul Revellios Sammelband aus den 60er Jahren erstmals wieder eine Art Gesamtdarstellung vor, die ihre Vorgängerin in vielem ergänzt, in manchem auch korrigiert. Ein Werk, das von so vielen Fachleuten geschrieben wurde wie das vorliegende, ist zwangsläufig gründlicher als das Buch eines einzelnen —eine Aussage, die Revellios Einzelleistung keineswegs schmälern soll. Ferner stehen heute ganz andere Forschungsmethoden, z. B. im Bereich der Archäologie, zur Verfügung als noch vor einigen Jahrzehnten, und diese sind in das vorliegende Buch eingeflossen.

Kommen wir nochmals auf Heinrich Maulharts Eingangsbemerkungen zurück und prüfen, ob die eigenen Ansprüche eingehalten worden sind: Die „Meilensteine“ und die wesentlichen Entwicklungen des vergangenen Jahrtausends sind in dem Buch ausführlich behandelt, soweit die Quellen-und Fundlage eine Aufarbeitung überhaupt zuläßt. Die angekündigte „Forschungsbilanz“ ist auf jeden Fall gezogen worden, allerdings sind nicht alle Artikel Forschungsarbeiten. Ein Beitrag gibt einen guten Überblick über die Entwicklung des Schulwesens, ohne jedoch Eigenes und Neues beizutragen. Gerhard Gebauers Darstellung der Fusion ist auch kein wissenschaftlicher Beitrag im strengen Sinne, eher eine Quelle, welche die persönliche Sichtweise eines Akteurs dieser Vereinigung dokumentiert, was aber kein Nachteil ist. Der sehr hohe Anspruch der interdisziplinären Kooperation konnte teilweise eingelöst werden, so bei der Einbeziehung von Archäologie und Kunstgeschichte. Bisweilen liegt es an der Sache selbst, daß Kunstwerke über das Selbstverständnis der Bewohner einer Stadt nicht immer so viel aussagen, wie man sich vielleicht erhofft hätte. So mußte einiges Beschreibung bleiben, was jedoch nicht den Autoren anzulasten ist.

In den meisten Artikeln wird eine klare Fragestellung entwickelt und konsequent weiterverfolgt, andere Arbeiten präsentieren sehr viel Material und zahlreiche Details, aus denen der Leser dann selbst ein Fazit ziehen muß. Der wissenschaftlichen Gründlichkeit ist, soweit dies aus der Perspektive eines Außenstehenden gesagt werden kann, Genüge getan. Die Ansprüche an die Leser sind unterschiedlich. Laut Geleitwort des Oberbürgermeisters stellt sich das Buch die „Aufgabe, neuere Forschungsergebnisse zusammenzufassen und einem größeren Publikum zugänglich zu machen.“ Eine Reihe von Artikeln kann von einer breiteren Leserschaft ohne weiteres verstanden werden, manchmal sind, vor allem vom Vokabular her, eher Fachhistoriker die Adressaten. Der interessierte Laie ist hier hin und wieder Mal genötigt, ein gutes historisches Wörterbuch zu Rate zu ziehen, wenn er alle Einzelheiten genau nachvollziehen will. Auch enthält das Buch einige unübersetzte lateinische Ausdrücke und Zitate, die zu verstehen nicht jedermanns Sache ist. In ihrem Kern sind aber auch die schwierigeren Aufsätze verständlich, und ein Buch wie dieses ist ohnehin für intellektuelle Leser geschrieben.

In der Gesamtkonzeption zeigt sich eine kleine Unstimmigkeit: Anlaß des Sammelbandes ist das 1000-jährige Marktjubiläum Villingens. Sicher aus politischen Gründen, um die in mancher Hinsicht immer noch unvollendete Einheit der Doppelstadt zu betonen, hat man den Forschungsgegenstand auf Schwenningen ausgeweitet. Warum wurden dann im Buchtitel und auch in fast allen Kapiteln die ebenfalls zu Villingen-Schwenningen gehörenden Ortsbezirke, im Volksmund bisweilen halb scherzhaft als „unterworfene Dörfer“ bezeichnet, (fast) nicht mit einbezogen? Ferner fällt auf, daß Schwenningens Geschichte bis ins 19. Jahrhundert unterrepräsentiert bleibt. Vielleicht rechtfertigt das 1000jährige Jubiläum die Konzentration auf Villingen, dann hätte man aber den Titel anders wählen können. Sicherlich ist die Geschichte der alten Zähringerstadt reicher als die eines benachbarten Dorfes, aber wie Otto Benzing gezeigt hat, ist der Ort am Neckarursprung auch der Geschichtsschreibung wert.

Am Schluß dieser Besprechung soll aber nichts Negatives stehen, das hätte das Buch nicht verdient. Kritik an Einzelheiten läßt sich immer üben, vor allem bei einem Buch mit solcher Autoren- und Themenvielfalt. Insgesamt aber läßt sich festhalten, daß der Band seinen Anspruch eingelöst hat. Die Erforschung der Historie der Doppelstadt ist hier ein gehöriges Stück vorangekommen und gut zusammengefaßt dargestellt. Man möchte dem Buch viele Leser wünschen, nicht nur in Villingen-Schwenningen.