Erinnerungstafel an das „Male“ von der Breite Mühle (Klaus Merkle)

An der Stelle in der Pontarlierstraße 9, wo heute die Verwaltung der Baugenossenschaft Familienheim untergebracht ist, stand bis vor 25 Jahren die „Breite Mühle“. Sie war eine von vielen Mühlen in Villingen und ein markantes Gebäude dazu. Eine Besonderheit war aber das „Male“. Diese kleine Holzfigur, die hoch oben unter dem Giebel der Mühle saß, galt als Beschützer des Hauses.

Für die Villinger Kinder hat das „Male“ aber noch eine ganz andere Bedeutung: „Male wa häsch gesse ?“ rufen sie ihm zu und meistens antwortet es dann „nint“. Aber manchmal bekommen sie auch zur Antwort: „Zucker und Kaffee“. Die Mühle wurde im Jahre 1971 abgerissen, das „Male“ ist geblieben. Damit seine Geschichte nicht ganz in Vergessenheit Gerät, hat die Geschäftsführung der Baugenossenschaft Familienheim, das Bildungszentrum Turmgasse mit der Herstellung einer Gedenktafel beauftragt, die am Freitag, dem 27. Juni 1997, in feierlichem Rahmen der Öffentlichkeit übergeben wurde. Der Geschäftsführer der Baugenossenschaft Familien-‚mim, Klaus Merkle, gab dabei einige Erläuterungen

Geschichte der Breite Mühle, dem „Male“ und der Entstehungsgeschichte dieser Relieftafel.

Nachstehend einige Auszüge aus seinem Vortrag:

Als Mühlenstandort ist die Breite Mühle wohl fast so alt wie unsere Stadt. Ihr Name hat häufig gewechselt und Zerstörung und Brände haben das Äußere Bild des Gebäudes mehrmals verändert. Der Name Breite Mühle, findet sich erstmals in einer Urkunde des Villinger Spitalarchivs aus dem Jahre 1630. Seither hat sie diesen Namen, — also schon seit über 360 Jahren. Sie wurde wohl so genannt wegen ihrer breiten Dachform und des mächtigen Giebels. Die Breite Mühle ist nur eine Ton vielen Mühlen gewesen, die in und um Villingen standen. Der Heimatforscher Hans Maier, zählte in seinem Werk „Flurnamen der Stadt Villingen“ alleine 27 Wasserkraftwerke auf und es ist davon auszugehen, daß es sogar noch mehr waren. Wie bereits eingangs erwähnt, wechselten im Laufe der Jahrhunderte die Mühlen auch ständig ihre Namen. Meistens benannte man sie nach dem Müller, oder dem Besitzer. So erscheint unsere Mühle auch schon 1364 unter dem Namen „Wilerspach Muli“.

Benannt nach der Familie derer von Wilerspach. Ein Heinrich de Wilerspach erscheint sogar schon in einer Urkunde aus dem Jahre 1244. Aus anderen Dokumenten geht hervor, daß die Wilerspach Mühle schon lange vorher bestanden hat.

Ab 1815 war die Mühle im Besitz der Villinger Großfamilie Riegger. Der erste Müller war Jo-hann-Nepomuk Riegger (er wiederum war der zweite Sohn des Herrenmüllers und damaligen Stadtbaumeisters, Joh. Nepomuk Riegger sen.). Es folgten vier Generationen, bis dann im Jahre 1969 die letzte Eigentümerin, Fräulein Johanna Riegger, hochbetagt im Alter von 84 Jahren, die Mühle an die Baugenossenschaft Familienheim verkaufte. Interessant ist noch der Hinweis, daß es nie Nachfolgeprobleme bei den Rieggers gab. Denn jeder Riegger-Müller auf der Breite Mühle, hatte im Durchschnitt 10 – 12 Kinder. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, daß schon bald die meisten Mühlen in Villingen, mit einem Riegger besetzt waren.

Während die Mühlen in früheren Jahrhunderten alle nach den Eigentümern benannt waren, ging es im 18. und 19. Jahrhundert nicht mehr, weil ja fast alle Müller „Riegger“ hießen. So heißen sie eben heute, Herrenmühle, Kutmühle, Ölmühle, Breite Mühle, Marbacher- oder Aubenmühle.

Die „Breite Mühle“ war schon immer ein bekanntes und wichtiges Gebäude in Villingen und sie war schon immer ein Handels- und Dienstleistungszentrum. Ich erinnere nur an das „Reuter Lädele“, ein Tante-Emma-Laden wie er im Buch stand. Viele Kienzleaner und Sabanesen haben sich dort ihr Vesper gekauft und manch einer wird sich auch noch an das Milchgeschäft Allgaier erinnern, oder den Instrumentenmacher Ebner, der so manches verbeulte Blasinstrument wieder in Schwung brachte. Auch das Möbelhaus Hölzle hatte dort seine ersten Geschäfts- und Werkstatträume.

Am bekanntesten ist aber das „Male“.

„Male wa häsch gesse ?“ riefen ihm Alt und Jung zu. Meistens antwortete es dann, nichts, also auf Villingerisch „nint“.

Aber es gibt eben auch Stimmen die behaupten, das „Male“ hat „Zucker und Kaffee“ zurückgerufen. Um die Geschichte des „Male“ ränken sich viele Spekulationen. Ob alle Geschichten, die man über das „Male“ erzählt auch der Wahrheit entsprechen, mag dahingestellt sein.

Eines ist aber sicher, das „Male“ ist für viele Villinger Generationen ein Stück Stadtgeschichte; denn es saß über 100 Jahre und das ist nachgewiesen, im Giebel der Breite Mühle, und zwar nach Westen schauend, in Richtung Saba.

Für die Bewohner der „Breiten Mühle“ war das „Male“ aber immer ein Wächter und Beschützer. Von Fräulein Johanna Riegger, der letzten Eigentümerin, stammt folgende Erzählung, daß der Vater, Heinrich Riegger, seine 10 Kinder bei stürmischem Wetter, bei Blitz und Donner, immer mit den Worten beruhigte: „Ihr bruchet ko Angscht han, s’Male paßt scho uff.“

Die Breite Mühle, Ostgiebel, Ansicht Waldstraße. 112

 

Man geht davon aus, daß das „Male“ in früheren Zeiten bewegliche Glieder hatte, oder zumindest durch irgend einen Mechanismus, Klopf- oder Glockengeräusche auslöste. Wenn nun bei Unwetter, Holz oder sonstiges Treibgut ins Getriebe der Mühle geschwemmt wurde, dann löste das „Male“ einen Alarm aus und der Müller war gewarnt.

Es ist auch nicht sicher, ob das „Male“ immer im Dachgiebel saß. Es gibt Vermutungen, daß das „Male“ zu Anfang am „Kleie Großkotzer“ saß, das ist dort, wo das gemahlene Korn in die Säcke rieselt.

Die Breite Mühle, Südwest-Seite. Das Foto wurde wenige Tage vor dem Abriß im Sommer 1969 aufgenommen.

 

Die Geschichte des „Male“ kann man verbindlich bis ins Jahr 1862 zurückverfolgen.

Im Jahre 1900 wurde es dann erstmals restauriert. Arme und Beine wurden teilweise erneuert. Es gibt darüber aber leider keine Aufschriebe und deshalb wird uns die Geschichte des „Male“ auch in Zukunft noch viele Fragen offen halten.

Einige heimatverbundene Villinger Bürger haben über das „Male“ auch Gedichte geschrieben. Stellvertretend dafür sei Ernst Hall (Halledick) genannt. Bei der Feier vorgetragen von Lambert Hermle, Muettersprochgruppe „A Brig und Breg“

’s Mali

So hundert Johr, gar nit so knapp,
isch’s Müllers Mali alt.
Trait uffem Kopf ä Zipfilkapp
und sitzt im Giebelspalt.

Gar viele gond am Hus vebei
und döset vor sich na!
Des Mali denkt, was des au sei,
mich guckt mer kum me a.
I früere Ziet rieft älles ruff:
„Du, Mali, wa häsch gesse ?“
„Bloß Zucker – Kaffee“, sag i druff
isch halt mi Mittagesse.
Do sind hitt d’Liet au nimmi so
wie hundert Johr vorher.
Ich guck i d’Wieti, lach halt froh,
als ob’s hitt no so wär.
Drum rief nu äbbl nur i d’Höh:
„Du, Mali, wa häsch gesse ?“
„Bloß Zucker“, sag i, „und Kaffee“,
no selbe Mittagesse.

Abschließend gilt noch mein herzlicher Dank Herrn Wilfried Hofmann, seines Zeichens Kunstschmiedemeister und Berufsausbilder im Bildungszentrum Turmgasse.

In über einjähriger Arbeit hat er, unterstützt von Umschülern und Lehrlingen, in der Ausbildungswerkstatt an der Turmgasse, in mühevoller Kleinarbeit und mit viel Liebe die nette Relieftafel geschaffen.

Die fertiggestellte Arbeit zeigt in eindrucksvoller Weise, daß die lange Tradition des Kunsthandwerkes unserer Stadt bis in die heutige Zeit reicht und die jetzt fertiggestellte Wandtafel ist dafür das beste Beispiel.

Die geschichtlichen Daten wurden entnommen aus Archivmaterial der Baugenossenschaft Familienheim:

– einem Aufsatz von Dr. Nepomuk Häßler „Die Breite Mühle und das Geschlecht der Riegger“.

– Wasserkraftwerke in Villingen, nach Hans Maier „Die Flurnamen der Stadt Villingen“.

Anmerkung:

Im GHV-Jahresheft XVII, 1992 / 93 (S. 61-73) wurde u.a. die Geschichte der Breiten Mühle in dem Bericht von Eugen Bode „Wasserwerke in Villingen, Mühlen, Sägewerke, Tuchwalken, Hammerwerke“ ausführlich beschrieben.

Das „Male“ auf seinem heutigen Standort über dem Eingang zum Arbeitsgericht in der Pontarlierstraße 9.

 

Feierliche Einweihung der Erinnerungstafel. Im Bild die drei Initiatoren: Klaus Merkle, Familienheim; Wilfried Hofmann und Conni Baumann vom Bildungszentrum Turmgasse.

 

Die neue Relieftafel an der Fassade der heutigen Breiten Mühle.

 

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