Vom Wandel der Dinge: Die Panzer zogen ab — die Beziehungen blieben (Günter Rath)

Am 13. Mai 1997 wurden die französischen Kampfpanzer des in Villingen stationierten 19. Jägerbataillons beim Güterbahnhof verladen und traten ihre Rückreise nach Frankreich an. Ende Juni hatte der letzte Jäger die Kaserne in Villingen verlassen. Das Unternehmen war Teil einer Heeresreform, der im Laufe des Jahres die Auflösung fast aller französischen Standorte in Deutschland folgte. Seit 34 Jahren war das Bataillon in der einstigen Richthofenkaserne stationiert. In dieser Zeit haben rund 34000 Soldaten in Villingen ihren Militärdienst geleistet. Die Namen ihrer Väter, Groß- und Urgroßväter verbinden sich mit den Erinnerungen an die Kriegsschauplätze des Ersten und Zweiten Weltkriegs, auf denen sich deutsche und französische Soldaten als Feinde gegenüber standen.

In der einhundertvierzigjährigen Geschichte des 19. Jägerbataillons war ihr berühmtester Kommandant (1927 – 29) der spätere Ministerpräsident (1945/46) und Präsident der 5. Republik (1958): Charles de Gaulle.

Es soll nicht mehr als eine Erinnerung sein, die der Chronist anläßlich des Abrückens der Heereseinheit dem geschichtlichen Geschehen der Vergangenheit schuldet:

In den Abend- und Nachtstunden des 20. zum 21. April 1945, also nunmehr vor 52 Jahren, waren es französische Truppen, die in amerikanischen Panzern und Fahrzeugen kampflos in die Stadt eindrangen und mit dem erwachenden Tag den opferschweren Zweiten Weltkrieg für beide Völker beendeten.

Welcher Wandel hat sich seither vollzogen! Wären es nicht die weltgeschichtlichen Fakten, die das Rad der Zeit bewegten, wie leicht ergäbe sich das pathetische Wort vom Wunder der Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen.

Tatsächlich war es zunächst noch die außenpolitische Vision de Gaulles, im nationalistischen Sinne die Großmachtposition Frankreichs wieder herzustellen und ein eigenständiges Europa unter französischer Führung zu schaffen. Dazu bedurfte es aber der deutsch-französischen Aussöhnung. Sie wurde 1963 mit der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrags vollzogen. Während zuvor schon Frankreich unter de Gaulle das NATO-Bündnis aufgekündigt hatte, fand die Bundesrepublik frühzeitig über die Pariser Verträge Aufnahme in der NATO.

Damals erhielt die Bundesrepublik Deutschland ihre Souveränität. Es blieben allerdings alliierte Vorbehaltsrechte über die Stellung West-Berlins und die Einheit Deutschlands. Inzwischen sind auch diese von der geschichtlichen Entwicklung überholt. Es ist richtig, daß ein Stück nationaler französischer Souveränität auf deutschem Boden erhalten und für uns im militärischen Geschehen in den beiden einstigen deutschen Kasernen an der Kirnacher Straße sichtbar blieb. Es war jedoch keine Souveränität, die sich gegen unser Land gerichtet hat. Im Gegenteil: Sie stand, außerhalb der NATO, in einem Vertragsbündnis mit unserem Land. Es war keine Einseitigkeit und kein Gegeneinander sondern ein Miteinander als Ergebnis der Wandlungen in den Zeitläufen. Mit dem Ende des Kalten Krieges erhielten auch diese Beziehungen nochmals eine neue Qualität. In ihr liegen die Ursachen begründet für den jetzigen Abzug der Truppen, die Teil der Phalanx gegen den Osten waren. Wer zu behaupten wagt, wir hätten nunmehr den letzten Rest entgangener nationaler Souveränität zurück erhalten, verkennt die gemeinsame Strategie, gefestigt in partnerschaftlichen Verträgen. Er verkennt aber auch, wie außerhalb des militärischen Bereichs die wechselseitigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu neuen Ufern stießen.

Dort, wo sich die Menschen begegneten, entwickelten sich Gefühle der Freundschaft und Harmonie. Es ist hier nicht der Ort, die Vielzahl der Begegnungen zu schildern, die sich über Partnerschaften von Gemeinden, Vereinen, Schulen sowie im persönlichen Kontakt entwickelten.

Für den Geschichts- und Heimatverein Villingen sei lediglich daran erinnert, daß auch er die Bande nach Pontarlier, der Partnerstadt Villingens, und jetzt Villingen-Schwenningens, knüpfte. Unvergeßlich bleibt der Besuch der Vereinsmitglieder bei den „Amis du Musée“ (Museumsfreunde) im Jahre 1985, der seitens der französischen Freunde von großer Gastfreundschaft bestimmt war.

Es soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, daß über die Gefühlsebene hinaus der pragmatische Bezug im Wirtschaftlichen besteht. Längst sind Frankreich und Deutschland füreinander jeweils mit Abstand der wichtigste Handelspartner. In unseren Tagen hat Deutschland am französischen Außenhandel bei den Ein- und Außfuhren einen Anteil von 18% und liegt damit weit vor Italien mit 10%. Auch aus deutscher Sicht ist Frankreich mit einem Anteil von rund 12% am Export und 11% am Import der wichtigste Handelspartner. Die wechselseitigen Direktinvestitionen des Kapitals bewegen sich in gewaltigen Höhen und sind Teil heutiger weltwirtschaftlicher Verflechtungen. So hat allein Frankreich in Deutschland bis 1995 insgesamt rund 20 Milliarden DM investiert. Eine lokale Ausprägung findet sich im Wechsel der ehemaligen SABA-Werke zunächst in die Hände amerikanischen und jetzt französischen Kapitals. Wer will hier noch in gestrigen Kategorien nationaler „Souveränität“ denken ?

Abzug der französischen Panzer am 13. Mai 1997

 

Kehren wir in unsere kleine bürgerliche Welt vor Ort zurück: Manche Villingerinnen haben einst und jüngst französische Offiziere der Garnison geheiratet und sind später ins Nachbarland verzogen, wo ihre Männer weiter Karriere machten. Eine davon, die Frau eines Generals, kehrt jedes Jahr an Fastnacht in ihre Heimatstadt zurück, um als Morbili das Fest zu feiern, bevor der tränenreiche Abschied wieder über den Rhein führt. Zum letztenmal stand Colonel Caquelard, der nunmehr letzte Kommandant der 19. Jäger, am Fastnachtsdienstag 1997 auf dem Podest der Ehrengäste an der Niederen Straße, wo der Umzug vorüber zieht. Zu seiner Verblüffung sprach ihn ein Morbili auf französisch an. Man versprach sich einen Abschied auf Zeit. Und so wurde aus einem „Adieu“ ein „Au revoir“, ein „Auf Wiedersehen“ als eine neue Form des Nichtvergessens.