Ein altes Bild gibt davon Kunde… (Lambert Hermle)

Geht man vom Marktplatz, dem sogenannten „Zähringer Achsenkreuz“, in die Obere Straße, so stößt man an deren Ende auf das Obere Tor. Wie alle anderen Stadttore bildet auch das Obere Tor den Abschluß einer der vier Marktstraßen der neuangelegten Stadt Villingen. In Zusammenhang mit der westlich gelegenen, ehemaligen Benediktinerabtei St. Georgen wurde das Obere Tor in früherer Zeit auch St. Georgsturm genannt. Verstärkt durch die beiden Flügelanbauten erscheint der Torturm als imposantes Gebäude, das zu allen Zeiten Schutz und Sicherheit gewährte. Man nimmt an, daß Mitte des 13. Jahrhunderts, zur Zeit der großen staufeschen Neubefestigung, auch die beiden Häuser rechts und links des Tores erbaut wurden. Seit dem 18. und frühen 19. Jahrhundert beherbergten beide Häuser Weinhandlungen, die Weinhandlung Kienzler und zu Beginn dieses Jahrhunderts die Weinhandlung Roth. So spricht man heute noch vom „Roth’schen Haus“. Tritt man durch die schöne, gut erhaltene Eingangstür in das Innere des „Roth’schen Hauses“, so scheint man in eine andere Zeit versetzt. In eine Zeit, in der ein zweiter Mauerring die Stadt noch schützte, in eine Zeit, in der ein Bild des Villinger Lokalhelden und Büchsenmachermeisters Remigius (Romaias) Mans noch als Wahrzeichen der Stadt galt und in eine Zeit, in der der eintretende Besucher sofort spürte auf dem richtigen Weg zu den „Gewölben des Bacchus“ zu sein. Ein altes Bild gibt davon Kunde.

Auf einem rechteckigen Gemälde im Eingangsbereich des Hauses trennen Rebstöcke mit reifen Trauben das Obere Tor mit dem Torerker der äußeren Stadtmauer – die einst ein Bild des Landsknechts Romäus zierte – von den mit edlem Rebensaft voll gefüllten Fässern, die in alten und kühlen Kellergewölben gelagert werden.

Eine Postkarte aus längst vergangener Zeit.

Ein altes Bild gibt davon Kunde, daß Romaias Mans von seinen Landsleuten verehrt wurde auch noch nach seinem Tode in der Schlacht bei Novara / Oberitalien im Jahr 1513. Hierfür spricht die Tatsache, daß man ihn wenige Jahre später als Landsknecht an die äußere Mauer beim Oberen Tor in bunten Farben und gewaltiger Größe malen ließ.

Das Bild muß schon 1520 bestanden haben, denn im selbigen Jahr wurde der Niedereschacher Müller Heinrich Gebhard hier gefangen gesetzt, weil er über die Villinger spottete und unter anderem von ihnen behauptet hatte: „sy malendt Lütt für die statt an die Muren, umb das man sy fürchten Böll“. Geschehen an der Kirchweih zu Mönchweiler. Selbst der Rottweiler Maler David Rötlin gibt 1564 davon Kunde, indem er das Bild vom Romäus am Oberen Tor auf der Rottweiler Pürschgerichtskarte malte.

Gemälde im Eingangsbereich des „Rothschen Hauses“.

Weit ausführlicher schreibt Josua Maler, aus der tüchtigen und angesehenen Villinger Stadtbürgersippe Maler abstammend, im Jahr 1569 bei einem Besuch seiner Verwandten in Villingen:

Wir besahind ouch andere kilchen und namhafte ort der statt, wie ouch äusserhalb der statt an der ringmuren nebend einem thor ein alt gemäll und abkontrafeyung Remigius Mansen sel., so by sinen zyten ouch von wägen siner unverzagten frävenheit (Verwegenheit) Remigius tüvel genennt worden, von dem wir oft und vil min lieber vatter sel. Selzamer sachen verzelt hat, ist entlich an der schlacht zu Nauarren umgangen (gefallen). Es ist aber diess alt gemäll gar manche (beinane) verblichen, und wirt daran die uralt landknechtisch Kleydung gar ordentlich gesähen“.

Nachdem die äußere Ringmauer im Rahmen der Entfestigung der Wehranlagen ab dem Jahre 1813 abgerissen wurde, fiel 1840 der Torerker am Obertor und somit das Bild an der äußeren Stadtmauer der Spitzhacke zum Opfer. Doch schon ein Jahrzehnt später, entwarf der Villinger Maler Wilhelm Dürr eine neue Darstellung des Romäus, die, von der Bürgerschaft Villingens wohlwollend aufgenommen, später an der Nordseite des Michaelsturmes ihre Vollendung fand.

Wer jedoch das Gemälde im „Roth’schen Haus“ geschaffen hat, ist nicht bekannt, wohl aber dies: Ein altes Bild gibt davon Kunde.