Das „Kleinod“ an der Villinger Narro-Scheme (Walter E. Gentner)

Im Fasnetbrauch sind Zeichen überliefert, deren symbolische Bedeutungen weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Dazu gehört im besonderen der Halbmond mit seinen Beizeichen an den Narro-Schemen. Allgemein werden diese Symbole als Malerzeichen interpretiert. Das ist aber nur zum Teil richtig, denn brauchtumsgeschichtliche Vergangenheit sagt mehr aus.

Die Anwendung des Halbmondzeichens auf Narro-Schemen ist ursprünglich und typisch nur für Villingen und Rottweil nachweisbar. Man findet dieses Zeichen weder in der Schweiz, in Österreichs Narrenhochburgen wie Imst – Nassereith – Telfs, oder Tirol, noch in Friaul oder sonstwo. Zwar haben die Vettern des Villinger Narro, wie die Schramberger (ca.70 Jahre alt), zum Teil Do-naueschingen und Hüfrngen, diese Sitte übernommen, aber zu einer Zeit, als man darin nur eine ornamentale Verzierung sah. Somit wird die Sache bedeutungslos.

Die Entwicklung dieses Brauches läßt erkennen, daß an den frühesten Schemen noch kein Halbmond zu sehen ist. So sind an einer der ältesten Villinger Schemen – diese findet man im Franziskaner-Museum – statt dessen ein angewinkelter Ast, darauf eine nach hinten sehende Schwalbe aufgemalt, was bedeutet, daß die Schwalbe dem scheidenden Winter nachschaut.

Noch auf ein weiteres ungewöhnliches Schemen-zeichen sei hingewiesen. Dieses ist ebenfalls im Franziskaner-Museum zu sehen. Die Scheme ist hochbarock, und hat statt des Halbmondes jeweils eine stilisierte Rose. Das ist wieder ein Hinweis auf den ersehnten kommenden Frühling. Noch eine Scheme aus dem Museum muß erwähnt werden, der Neukum Surhebel mit dem Vorhängeschloß an den Lippen. Neukum schnitzte diese in der Nazizeit und der Halbmond fehlt! Es war ja auch keine Fasnet und auch keine Redefreiheit. Die eben erwähnten Schemen sind jedoch eine Ausnahme.

Grundsätzlich haben alle Villinger Schemen Halbmonde. Sie sind Symbol einer Zeichensprache. Sie steht für die sinnbildliche Zeitspanne der erlaubten fasnächtlichen Lustbarkeiten der frühen Neuzeit, d. h. sie sind Symbol für den Beginn und das Ende der Fasnetzeit.

Der Beginn der Fasnetzeit beruft sich auf den christlich – gregorianischen Kalender des Erscheinungsfestes – Hl. Dreikönig. Es ist der sechste Oberta der zwölf Rauhnächte und fixiert als unbeweglicher Feiertag.

Das Konzil v. Nizäa anno 325 bestimmte den ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond als Termin für das Osterfest. Auf dem Konzil von Benevent anno 1091 wurde bestimmt, daß sieben Wochen vor Ostern, am Mittwoch vor Invocavit, die Fastenzeit beginnt. Aus diesem Grund dauert die Fasnet mindestens 28, aber höchstens 63 Tage. Die beiden konzilianten Bestimmungen sind die geistigen Grundlagen zur Anwendung der Mondsymbole an den Schemen. Die Urheber der bedeutungsvollen Symbolmalerei sind den Mönchen der Klöster zuzuschreiben, weil hier damals alles Kulturelle ablief. Das heißt aber nicht, daß die Fasnet dort erfunden wurde, aber sie wurde dort, zumindest insbesondere künstlerisch, gefördert.

Im Folgenden soll anhand typischer Halbmonde mit Beizeichen deren symbolische Bedeutung erklärt werden:

Zu a) Hier handelt es sich um eine Villinger Re-naissance-Scheme mit zwei verschiedenen Beizeichen. Auf der einen Seite Sonne-Halbmond-Erde, tangiert mit senkrechtem Doppelpfeil. Ein deutlicher Hinweis auf die Vergänglichkeit. Auf der anderen Seite wiederum Sonne-Halbmond und dahinter ein gepunktetes Kreuz. Gewiß ein Hinweis auf die Anfertigung der Scheme durch einen Mönch. Somit ist das persönliche Beizeichen in frühester Zeit geprägt worden.

Zu b) Man erkennt neben dem Halbmond einen stilisierten Stern. Der steht für Geburt, d. h. Fruchtbarkeit, sowie eine stilisierte Lilie, Sinnbild der Reinheit. Hier wird christianisiertes Denken eines vormals heidnischen Brauches, dessen Wurzeln bis zu den römischen Saturnalienfesten reichen, offenkundig demonstriert.

Zu c) Im Vordergrund steht das Fruchtbarkeitsymbol, eingerahmt vom Halbmond, jedoch ohne persönliches Beizeichen.

Zu d-f) Diese Halbmonde mit ihren Beizeichen oder Meisterzeichen sind typisch für den jeweiligen Fassmaler, deren Beispiele endlos sind.

Zu g) Kein Halbmond! Ein gekrümmter Ast mit iner nach hinten sehenden Schwalbe. Sie schaut Dem scheidenden Winter nach.

Zu h) An jeder Seite eine stilisierte Rose – in Erwartung des Frühlings.

Zu diesem Thema muß hier noch Kirchenmaler Gustav Fischer genannt werden. Durch ihn ist eine Auflistung von Halbmonden mit ständig wechselnden Beizeichen seit 1872 belegt. Sein Neffe, Malermeister Hermann Fischer, führte diesen Brauch der Registrierung bis zu seinem Tode 1952 fort. (Die Historische Narrozunft hat in ihrem „Zunftblättli 1997“ die Schemenzeichen von 1872 bis 1952 im einzelnen abgedruckt.) Die Beizeichen wiederholen sich aber in unregelmäßigen Zeitabständen. Warum ist nicht erklärbar. Aber auch sie haben die Sitte des Halbmondma-lens von altüberliefertem Fassmalbrauch übernommen.

Renaissance-Scheme um 1640 mit 2 verschiedenen Beizeichen. Siehe Zeichnung a.

 

Heutzutage erübrigt sich der stete Wechsel des Beizeichens, weil die Schnitzer gleich die Jahreszahl und ihr Monogramm in das neue Stück einschneiden. Aber das typische Beizeichen des jeweiligen Fassmalers bleibt Tradition.