„Aus der Mitte heraus zum Leben“ (Hermann Colli)

Willi Dorn – Ein vielseitiger Künstler der in Villingen Spuren hinterlassen hat.

Zu den Aufgaben des Geschichts- und Heimatvereins Villingen gehört neben der Bewahrung des historischen Erbes der Stadt und ihrer Bürger auch, Menschen die hier lebten und wirkten vor dem Vergessen zu bewahren und ihr Bild der Nachwelt zu erhalten. Günter Rath, der Vorsitzende des GHV, will im Jahrbuch des Vereins diesem Gedanken verstärkt Raum geben. „Villingen im Wandel der Zeit“ – wie der neue Titel der Jahrgangsbücher lautet – soll auch an Zeitgenossen erinnern, die ein Stück Kulturgeschichte dieser Stadt mitgeschrieben haben, aber dann etwas aus dem Blickfeld entschwunden sind. Hier soll des Künstlers und Bildhauers Willi Dorn gedacht werden.

Willi Dorn in seinem St. Georgener Atelier beim Druck eines Linolschnittes.


Eines der ersten Denkmäler, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Villingen – das bis heute nicht gerade mit Monumenten und Kunstwerken im öffentlichen Raum gesegnet ist – entstanden, ist der so genannte Schillerstein vor dem Riettor. Fast unbemerkt steht der schlichte rund zweieinhalb Meter hohe Kalksteinblock etwas abseits im Schatten der Bäume in den Ringanlagen am Rande des Riettorvorplatzes, dessen nüchterne Gestaltung im Geschichts- und Heimatverein lebhafte Debatten ausgelöst hat. Doch inzwischen – oder vielleicht weil an diesem markanten Platz nicht gerade viel Sehenswertes aus unserer Zeit zu präsentieren ist? – haben die Stadtführer den Schillerstein wiederentdeckt und so fällt beim Stadtbummel dann auch der Name seines Schöpfers: Willi Dorn.

 

Was ist auch das für ein Stein? – da hat das kleine Mädchen aber Glück, dass gerade ein Stadtführer vorbeikommt der ihm genau erklären kann, was es mit dem Schillerstein auf sich hat.

 

Der 1916 in Pfronten in Allgäu geborene und 1995 in St. Georgen im Schwarzwald gestorbene Künstler, der in seinem bewegten Leben in Villingen, im wahrsten Sinne des Wortes, Zeichen gesetzt hat, verdient es, aus der Vergessenheit herausgeholt zu werden. Darum bemühte sich vor fünf Jahren auch die Stadt St. Georgen, die ihm im Rathaus eine vielbeachtete Gedächtnisausstellung widmete.

Er stand nicht gern im Mittelpunkt
Die vielen Lobeshymnen, die ihm dabei gesungen wurden, hat er nicht mehr hören können. Vielleicht wären sie ihm sogar etwas peinlich gewesen, denn der stille Mann, der in den letzten Jahren sehr zurückgezogen lebte, liebte es nicht, im Blickpunkt zu stehen. Aber gefreut hätte er sich sicher. Und verdient hat Willi Dorn, der den Schwarzwald zu seiner Wahlheimat gemacht hatte, hier fast 42 Jahre seines Künstlerlebens verbrachte und am 27. März 1995 79-jährig starb, die Ehrung, die seinem Werk zuteil wurde, allemal.

Die Schwarzwaldstadt hatte ihm ihre gute Stube, den Großen Sitzungssaal, zur Verfügung gestellt. Hier, mitten in St. Georgen, im Zentrum der über 900-jährigen Klostergründung St.Georgen fanden rund 90 Exponate, Plastiken und Holzdrucke, die zum großen Teil aus der letzten Schaffensperiode des fast vergessenen Bildhauers stammen, einen Platz mit persönlichem Bezug. Denn es gilt als charakteristisches Merkmal von Dorns Werken, dass sie in ihrer Aussage zur zentralen Mitte führen.

„Aus der Mitte heraus zum Leben“ war sein künstlerisches Credo.

Künstler der ersten Garnitur

In dieser Ausstellung wurde nicht nur sein vielfältiges avantgardistisches Werk, das ihn über ein halbes Jahrhundert hinweg zu einem Künstler der ersten Garnitur im Südwesten Deutschlands gemacht hat, gewürdigt, sondern auch der Mensch Willi Dorn, um den es in letzter Zeit sehr ruhig geworden war. Viele Freunde und Wegbegleiter erinnern sich an Begegnungen mit diesem wachen, kritischen und wenn er sich falsch oder schlecht behandelt fühlte sehr streitbaren Mann, der ein äußerst scharfer Beobachter seiner Zeit war und der die Kunst als „eine Begegnung mit dem Urbildhaften“ verstanden hat.

Wichtigster Wegbegleiter war sicherlich seine Frau Elsefriede, die fast 50 Jahre an seiner Seite lebte und bis zu ihren Tode vor zwei Jahren treue Hüterin des künstlerischen Erbes von Willi Dorn war. Er selbst sagte von dieser Beziehung: „Unser beider Denken war wie eine Weltbetrachtung aus zwei verschiedenen Spiegeln, die in fruchtbarer Weise eine Synthese eingegangen sind.“ Bei einem Besuch im Atelier ihres Mannes, kurz vor ihrem Tod, sprach die vitale Achtzigjährige, die eine Ausstellung mit Arbeiten aus fast allen Perioden seines künstlerischen Schaffens eingerichtet hatte, von einer „unsichtbaren Teilnahme“ an seiner Arbeit.

 

Treue Hüterin des künstlerischen Erbes von Willi Dorn war seine Frau Elsefriede, die, bis zu ihren Tode vor zwei Jahren, im gemeinsamen Heim eine Ausstellung mit Werken ihres 1995 verstorbenen Mannes betreute.

 

Sich gegenseitig durchstrahlt

Die ehemalige Lehrerin, die drei Generationen heranwachsender St. Georgener unter ihren Fittichen hatte, ist dankbar für die Zeit, die sie gemeinsam mit Willi Dorn verbracht hat. „Man hat sich gegenseitig durchstrahlt“, freute sich die liebenswürdige alte Dame, die in Offenburg geboren wurde, aber in der „Stadt auf dem Wald“ immer das Gefühl des Daheimseins hatte.

Kennen gelernt hatte sie 1936 in der Jugendherberge in Speyer „einen jungen Mann, der soviel über Kunst wusste“, dass er ihr gleich sympathisch war. Dieser junge Bildhauer aus Pfronten-Ried im Allgäu wurde Weihnachten 1945 ihr Mann. Dazwischen lagen Studienjahre in München und vier Jahre Kriegsdienst, denen der sich in seiner Freiheit sehr stark eingeengt fühlende Soldat Dorn dennoch etwas Positives abgewinnen konnte: „Die kulturellen und landschaftlichen Besonderheiten Südfrankreichs und Italiens haben mich immer wieder beeindruckt“ bekannte er an seinen 75. Geburtstag.

 

Als Freischaffender in Villingen

1945 kehrte Willi Dorn aus Gefangenschaft in ein Deutschland voller Ruinen und Schutthalden zurück. An eine Fortsetzung des Studiums war nicht zu denken. Freunde aus dem Schwarzwald lockten ihn nach Villingen, wo er 1946 in einer alten Schreinerwerkstatt seine Arbeit als freischaffender Bildhauer aufnahm. Es war ein hartes Brot, das die frisch verheirateten Dorns in den ersten Jahren aßen; eine Zeit des Aufbruchs in der mehrere junge Künstler in der Zähringerstadt einen Neuanfang suchten. Er gehörten zu den Mitbegründern des 1953 ins Leben gerufenen Villinger Kunstvereins und war sogar einige Jahre dessen nicht immer unumstrittener Vorsitzender.

In seinem Atelier entstanden Plastiken in Holz, Keramik, Metall. Plastische Bildwerke geschweißt und gelötet aus Eisenblech, Draht, Messing, Holz und Polyesterharz in Form von Scheiben, Kugeln und Gondeln, zum Teil durch Schnüre verspannt. Und immer wieder Skulpturen in Bronze. Er fand, wenn auch mühsam, seinen Kundenkreis und Anerkennung im heimischen Raum und im Ausland. Ausstellungen in Baden-Baden, im Elsass, in Monte Carlo, der Schweiz, in Berlin, Nürnberg, Heidelberg, Stuttgart aber auch in Villingen, Offenburg, Radolfzell, Bad Rippoldsau und Gaggenau machten das Werk Dorns bekannt.

 

Pyramiden auf Wanderschaft hat Willi Dorn diese 1979 geschaffene Bronzearbeit genannt.


Schon früh bahnte der vielseitig begabte und ideenreiche Künstler, der seine berufliche Karriere mit einer schlichten Schreinerlehre begonnen hatte, Beziehungen zu Architekten und Bauämtern an, die ihm Aufträge privater Bauherren und der öffentlichen Hand einbrachten. Es hat ihm unheimlich viel Spaß gemacht, im öffentlichen Raum zu arbeiten.

Dorns Brunnen, Wasserspiele und Gedenkstätten findet man unter anderem auch in Gaggenau, Offenburg, Heidelberg, Gosheim, Emmendingen und in seiner Wahlheimat St. Georgen, wo vor allem der mächtige, an eine Schwarzwaldtanne erinnernde Rathausbrunnen zu einem Wahrzeichen der Stadt geworden ist.

 

Der 5,60 Meter hohe Rathausbrunnen in St. Georgen, 1970 von Willi Dorn geschaffen, wurde zu einem Wahrzeichen der Stadt, in der er über 40 Jahre, bis zu seinem Tode 1995, lebte und arbeitete.

 


 

 


 

 

 

„Aus der Mitte heraus zum Leben“ war ein Motto der Dorn’schen Kunst. Die zentrierenden Jahresringe einer Baumscheibe (oben links) haben den Künstler zu immer neuen Bildvorstellungen geführt. So entstanden farbige Holzschnitte wie „Sonne und Schlange“ (1972 / zweite links), „Engel“ (1978 / dritte links) und „Zwei Augen“ (1981/ unten links).

 

Das Herz verlangt nach Farbe
Anfang der 70er Jahre, so nannte er es, „verlangtemein Herz nach Farbe“ und er begann farbige Holzdrucke zu schaffen. Mit einer eigenen Technik behandelte er Sperrholzplatten und entwickelte durch Farbaufhebung eine Aufhellung des bestehenden Untergrundes, was dem Objekt einen ganz besonderen Reiz verleiht. Dabei, so fand er, wurden plastisches und graphisches Gestalten zu einem anregenden und sich ergänzenden Zusammenspiel von Form und Farbe. Auslöser dieser neuen Seite seines künstlerischen Schaffens war der Anblick einer Baumscheibe, mit dem Bild ihrer zentrierenden Jahresringe gewesen. Hier führte ihm die Natur das plastisch vor Augen, was schon immer sein Motto war: „Aus der Mitte heraus zum Leben“.

Inspiration durch eine Baumscheibe
Dorn selbst beschreibt das so: „Der Anblick vom Querschnitt eines Baumes, einer Baumscheibe, mit dem Bild ihrer zentrierenden Jahresringe hat mich nachhaltig beeindruckt und zu immer neuen Bildvorstellungen geführt. In dieser von der Natur gegebenen radialen Form liegt die Besonderheit, dass sie, geradezu zu einem Schlüssel werdend, selbstständig sich erneuernd, meine Arbeit immer wieder inspiriert hat. Aus den Versuchen und Erfahrungen ist letztlich nicht nur der Druck einer Baumscheibe hervorgegangen, sondern es hat sich mir eine völlig neue Seite der Holzdrucktechnik eröffnet, die mich während der 70er bis in die 80er Jahre beschäftigt hat. Im ständigen sich gegenseitigen Beleuchten, Befruchten sind nicht selten die beiden Arbeitsweisen – das plastische und das grafische Gestalten – zu einem anregenden, sich ergänzenden Zusammenspiel geworden. Die Konzentration auf eine Mitte hat zu einem imaginierenden Denken und Sichtbarmachen im Bildwerk geführt“.

 

Willi Dorns Villinger Arbeiten in den Jahren von 1950 bis 1968

Zwischen 1949 und 1950 trat Dorn mit Keramik und Holzarbeiten für Familien-Grabstätten bekannter Villinger Industrieller an die Öffentlichkeit. 1952 schuf er ein keramisches Wandmosaik mit dem Bild des heiligen Christophorus für die Kinderschule Villingen und ein Jahr später ein 150 x 600 Zentimeter großes Sgraffito für die „Neue Heimat“-Siedlung in der Südstadt. 1954 entstand für die Villinger Sparkasse ein Figurenpaar aus Kalkstein. Aus dem gleichen Material arbeitete Dorn 1955 den Schillerstein vor dem Riettor Anlass war der 150. Todestag des Dichters Friedrich Schiller dessen Lied von der Glocke im Flachrelief in den Block gehauen ist und auch Erinnerungen an die lange Villinger Glockengießer-Tradition wach halten soll. Im Eingangsbereich des damaligen Landratsamtes kündeten 1957 die Keramikwappen der Kreisgemeinden von Dorns vielseitigem künstlerischen Talent. Im gleichen Jahr sorgte er auch mit einem Mosaik für die Wandgestaltung in der Handelsschule. Aus farbigen Keramikund Glas-Mosaiksteinen fertigte Dorn 1958 ein Wandbild, das noch heute die Außenfront des Villinger Krankenhauses ziert.

 

Mosaik am Villinger Krankenhaus aus farbigen Keramik- und Glas-Mosaiksteinen – 1958 von Willi Dorn geschaffen.

 

Zur gleichen Zeit entstand im Gebäude der Landeszentralbank ein Wandbrunnen aus farbiger Keramik. Seit 1966 steht an der Ecke Kaiserring/Paradiesgasse die Gedenkstätte der Heimatvertriebenen. Die mächtige Dornenkrone aus geschweißten Messingblechplatten mit einem Durchmesser von 2,70 Meter auf schweren Steinblöcken, mit dem Wasserspiel in der Mitte, ist eines der Werke Dorns, die sein Wirken in dieser Stadt vielen vorbei eilenden Menschen immer wieder sichtbar machen. Kaum Beachtung findet dagegen eines der Werke, die der Künstler selbst zu seinen wichtigsten zählt: Die Wandgestaltung mit einem poligonen Netz aus Messingdraht im Staatlichen Vermessungsamt in Villingen, das er 1968 als eine seiner letzten Arbeiten in der Zähringerstadt erstellte.

 

Eine monumentale Dornenkrone aus zusammengeschweißten Messingplatten, die über drei mächtigen Steinplatten „schwebt“, erinnert seit 1968 an die Vertreibung der Menschen aus Ostpreussen, Westpreussen, Pommern, Schlesien, dem Sudetenland und den Donaugebieten.

Im Staatlichen Vermessungsamt in Villingen gestaltete Willi Dorn 1968 eine Wand im Eingangsbereich mit einer Plastik aus Messingstäben. Es war eine seiner letzten Arbeiten in der Zähringerstadt.


Willi Dorn
Geboren am 22. April 1916 in Pfronten-Ried (Allgäu); 1932 bis 1937 Schreiner- und Bildhauerlehre; 1938 bis 1941 Studium an der Akademie München – Bildhauerei und Architektur; 1941 bis 1945 Kriegsdienst; 1946 bis 1954 freischaffender Bildhauer in Villingen; Mitgründer und Vorsitzender des Villinger Kunstvereins; 1954 bis zu seinem Tode am 27. März 1995 freischaffender Künstler in St. Georgen im Schwarzwald.

1954 Teilnahme an der Ausstellung „Kunstpreis der Jugend“ in Baden-Baden. 1960 bis 1977 Ausstellungen im Elsass, Monte Carlo, Berlin, Nürnberg, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Offenburg, Villingen-Schwenningen und Bad Krozingen. Arbeiten im kirchlichen und öffentlichen Raum außerhalb Villingens: 1951 St. Josefs-Altar in Gaggenau, 1952 Altarstein in St. Georgen, 1954 Gedenkstätte für Opfer des Luftangriffes auf Gaggenau, 1956 Kriegsopfer-Gedenkstätte und Brunnen vor der Sparkasse in St. Georgen, 1959 Portal der Meinradskirche in Radolfzell und Seitenaltäre in Fischbach, 1960 Wasserspiele beim Wasserwirtschaftsamt Offenburg, Mosaik und astronomische Uhr in St. Georgen, 1964 Fastnachtsbrunnen „Hexen und Hansele“ in Offenburg, 1968 Gedenkstätte der Heimatvertriebenen in Villingen, 1970 Rathausbrunnen in St. Georgen, 1971 Brunnen bei Landeszentralbank Heidelberg und 1984 Sparkassenbrunnen in Gosheim.