Die 900-Jahr-Feier in Villingen 1899 (Wolfgang Bräun)

Im Jahre 1899 war es für die Alt-Vorderen „eine Ehrensache, das 900-jährige Bestehen Villingens als Stadt würdig zu feiern“.

So liest es sich in zeitgenössischen Berichten jener Tage, als im ersten Halbjahr 1899 ein Fest-Comité die Vorbereitungen für das Festwochenende leitete, zu dem auch der Großherzog Friedrich und dessen Gemahlin Luise erwartet wurden.

Was ein „Historischer Festzug“ am 13. August 1899 an Planung und Organisation verursachte und was einst „Der Schwarzwälder“ – Anzeiger und politisches Wochenblatt für den Schwarzwald und die Baar – darüber berichtete, hat Wolfgang Bräun in mehreren Folgen nacherzählt.

Sein Text und die Abbildungen aus dem „Festalbum“ von damals sollen im kommenden Jahr 1998 zu einem Nachdruck verbunden werden.

Einen Auszug daraus hat der Autor dem Geschichts- und Heimatverein für das Jahresheft 1997 als Kostprobe zusammengestellt.

Heinrich Osiander war Bürgermeister der Stadt, als die Vorbereitungen für den historischen Festzug bis in den Juli 1899 herzhaft diskutiert wurden. Im „Fest-Comite“ hatte Osiander den Vorsitz und den Oberamtmann Behr zu seiner Seite, als man in der Folge einer Bürgerausschußsitzung am 22. Juli „nach langen Verhandlungen und vielfachen Schwierigkeiten“ schließlich doch noch volles Einverständnis erzielte und das gute Gelingen des Festzuges sichern konnte. Die „bewilligten Mittel zur Verausgabung“ waren über einen unklaren Zeitungsbericht zum Streitpunkt geworden, nachdem Osiander ein Mißverständnis geschaffen hatte. Er ließ den Redakteur korrigieren, daß er als Bürgermeister wohl falsch verstanden worden sei. Er habe eine finanzielle Nachforderung für den Festzug nicht ausgeschlossen, doch falls diese nötig sei, müssten zusätzliche Mittel nicht durch ihn sondern auch durch Bürgerausschuß und Gemeinderat genehmigt werden.

Es steckte eine leidenschaftliche, historisierende Überzeugung hinter allem Handeln, daß man der jetzt lebenden Generation die ruhmreichen Taten der Verteidiger in schwerer Zeit in Erinnerung zu bringen habe, indem man nachstelle und zeige, was ein einiger, mutiger Bürgerstand allen Bedrohungen gegenüber zu leisten vermochte.

Nach der feierlichen Einweihung und Eröffnung des Aussichtsturmes auf der Wannenhöhe im Jahre 1888 durch den örtlichen „Verschönerungsverein“ war der geplante Historische Festzug elf Jahre später wohl ein noch größeres Fest, das die Villinger sich vorgenommen hatten.

Aus der Vergangenheit solle man für die Zukunft lernen, so die Veranstalter in Anbetracht des hohen Besuchs, der zu erwarten war.

Kein geringerer als „unser edler Landesherr, Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden“ wurde avisiert. Und weil dieser sich dabei der für sein Alter großen Mühe unterzieht und durch seine Hierherkunft sein Interesse am historischen Umzug bekunde, müsse man mit doppeltem Eifer ein gutes Gelingen vorbereiten. So unterstellte man dem Landesvater auch den Wunsch, die Hauptgestalten aus den entschwundenen Jahrhunderten Villingens in getreuer Nachahmung vor seinen Augen vorüberziehen zu sehen.

„Die Teilnehmer am Festzug haben sich möglichst durch die Nebenstraßen zum Aufstellungsplatz zu begeben, und zwar ohne alles Aufsehen zu erregen. Das Umherreiten in der Stadt zu anderen Zwecken, als um den Aufstellungsplatz zu erreichen, ist verboten ! Reiter dürfen weder Hengste noch Schläger mitbringen.

 

Personen und Pferde sind gegen Unfall versichert bis der Zug auf dem Festplatz angekommen ist“.

Auf ein zweites Fanfarensignale möge der Zug losmarschieren – dem Charakter des Zuges entsprechend möge man sich ruhig und ernst verhalten, vor allem ist das Rauchen verboten – so eine weitere Vorschrift und zugleich eine Sorge der Organisatoren.

Und schließlich rechnete man noch mit Tausenden von Fremden, die bei ihrem Besuch zum Festzug auch sähen, was Villingen in den letzten Jahren alles geleistet hat – mögliche Wahrnehmungen als Maßstab der geschäftlichen Tätigkeit der örtlichen Bevölkerung.

„Freudig und mit innigster Liebe schlagen unsere Herzen unserm allverehrten Großherzog und seiner erhabenen Gemahlin entgegen, die huldvoll die Stadt ihrer Ahnen mit ihrem hohen Besuche beehren werden“. Ein solcher „Festgruß“ auf dem Titelblatt des „Schwarzwälder“ am Samstag, den 12. August – einen Tage vor dem allergrößten Jubiläumsfest, das die Villinger je zu begehen hatten – machte der Öffentlichkeit noch einmal deutlich, worauf sie sich eingelassen hatten.

Eine Empfehlung galt schließlich allen Wirten: ihnen sei dringend angeraten, sich mit reichlich Vorräten zu versorgen, um schließlich auch rasch bewirten zu können.

Nicht eine reichliche Tafel sei nötig – wenige Gänge, gut zubereitet und reichlich bei zivilen Preisen, gute Getränke und saubere Gläser sind es, die das Renommée der Wirte bei einer außerordentlichen schwierigen Aufgabe beweisen werden.

Hoffnung auf ein gutes Geschäft machten sich schon in den Tagen vor dem Festtag des 13. August 1899 verschiedene Händler und Krämer der Stadt, wenn auch ein Streitpunkt die Kaufleute entzweite: Sind nun die Läden während des Umzuges offen zu halten oder sollen sie geschlossen bleiben ?

Mit Pathos und in Verklärung, in Historismus und mit Patriotismus schwangen derweil der Redakteur des „Schwarzwälder“ und ein Gelegenheitsdichter mit Kürzel „Rbst.“ ihre Feder, als die beiden 24 Stunden vor dem allergrößten Fest, das Villingen je erleben sollte, auf dem Titelblatt ihrer Zeitung lyrisch und emphatisch wurden.

Zum Jubiläumsfeste !

1.

Auf zum bedeutungsvollen Feste!

Villingen trägt sein Schmuckgewand.

Kein Wunder, wenn so viele Gäste

der Schwarzwaldstadt sich zugewandt,

die in vielen wechselvollen Jahren,

wie sie die Weltgeschichte nennt,

so manches Schicksal hat erfahren,

aus dem man ihre Treue kennt.

Und alle, die heut‘ zu ihr kommen

in hohen Schwarzwalds Tannenduft,

gar herrlich sind sie ihr willkommen,

wo sie zum Ehrenfeste ruft.

V

Hochedler Fürst! Was wir hier bieten

ist treuer Dankbarkeit geweiht.

Es ist ein Bild von Krieg und Frieden,

das brachte die Vergangenheit.

Es wird bei uns für alle Zeiten,

der Geist besteh’n, der stets gelebt,

zur Fürstentreue soll er leiten,

die nach den schönsten Taten strebt.

Hochedler Fürstin segreich Walten

spricht man von Mund zu Munde aus.

Im Segen möge Gott erhalten

Badens geliebtes Herrscherhaus!

 

Jahr 999. — Kaiser Otto HI verleiht Villingen das Markt-, Münz- und Zollrecht und Obergerichtsbarkeit. Kaiser Otto IH, Graf Berthold gen. Bezelin, Herzog Herimann u. U.

 

Festgruß

Wir stehen am Vorabende unserer Jubelfeier. Wochen und Monate lang sind fleißige Hände tätig gewesen, die Vorbereitungen für den festlichen Tag zu treffen und emsig und rührig wurde allenthalben gearbeitet, um das Fest würdig zu gestalten. Schon prangt unsere Stadt im Festgewande und frisch wie eine Maid schmückt sie sich mit Blumen und bunten, hellen Farben zur fröhlichen heiteren Feier.

Sei gegrüßt, Du alte ehrwürdige Zähringerstadt! Umrauscht von dunklen Schwarzwaldtannen stehst Du mit Deinen festen Mauern und hochragenden Türmen als ein Zeuge alter, starker Zeit; Du hast geglänzt in Macht und Stärke und hast reichen Ruhm geerntet in den weiten Landen; Du hast mit ungebrochenem Mute Not und Elend getragen in den Tagen des Unglücks, Deine Bürger haben standgehalten in deutscher Treue und Tapferkeit, als Kriegsgefahr Deine Mauern umdräute. Wo immer edler Mut und Treue und Gottvertrauen gefeiert werden, da soll auch Villingen mit Ehren genannt sein.

Freudig und mit innigster Liebe aber schlagen unsere Herzen unserm allverehrten Großherzog und seiner erhabenen Gemahlin entgegen, die huldvoll die Stadt ihrer Ahnen mit ihrem hohen Besuche beehren werden. Freud und Leid teilt unser aller geliebtes Herrscherpaar mit seinem Volke, und wo immer in unserem schönen Heimatland ein Fest gefeiert wird, da weilt es gern und erhöht die Freude durch seine Gegenwart.

Es waren zunächst die „Fremden in der Stadt“, die tagsüber eine lebhafte und festliche Atmosphäre schufen: unter ihnen gebürtige Villinger, die draußen in der Welt ihre Existenz haben und zum Jahrhundertereignis ihre Stadt wiedersehen wollten.

Schon am Samstag prangte die Stadt in Festschmuck: in den vier Hauptstraßen waren schlanke Tannenbäume aufgestellt worden und Girlanden wanden sich von Baum zu Baum. Ein buntes Bild boten die wehenden Fahnen in den Farben des Deutschen Reiches, des badischen Hauses, in den Farben der Stadt und in denen der Fürstenberger.

Die dekorativen Eingangspforten an den Stadttoren hatte man komplett aus Tannenreis und kleinen Tännchen gestaltet, und weil in den Hauptstraßen die meisten Gebäude frisch verputzt waren, machte die Stadt mit ihren schönen breiten Straßen und den neuen Asphalt-Trottoires einen unbeschreiblich schönen Eindruck.

Am Samstagabend um halb neun versammelten sich die Bürger zum Fest-Bankett in der überfüllten Tonhalle.

Die offizielle Festrede hielt Professor Dr. Ulrich Roder, Vorstand der höheren Bürgerschule in

Überlingen, der zur damaligen Zeit als bester Kenner der Villinger Geschichte galt.

Der Vortrag Roders endete mit einem enthusiastischen Hoch auf Großherzog Friedrich, und mit „nicht enden wollendem Beifall“ wurde der Festredner belohnt.

Heitere Verse zur Stadtgeschichte, wohl ebenfalls von „Rbst.“, erhöhten die allgemeine Festfreude auf das Angenehmste:

Dem jungen Kaiser Otto war

in Rom zu groß die Hitze.

Er klagte darob immerdar:

»Ach seht doch, wie ich schwitze!“

Graf Berthold sagte: „Zwar ich wüßt

ein Plätzchen, gut zu rasten.

Allein, weil dort kein Marktrecht ist

so müßtest Du dort fasten!“

Worauf gehorsam Berthold spricht:

„Mein Fürst, es ist Villingen.“

„Ruf mir den Kanzler her, er soll

urkundlich den Getreuen

das Markt- und Münzrecht und den Zoll

und ein Gericht verleihen.“

Das alles brachte uns das Jahr

neunhundertneunundneunzig,

und wie es dazumal schon war,

ist man auch heut‘ noch koinzi g!

Das Modell des Münsters: Getragen von Bauleuten, denen der würdige Bauherr voranschreitet— durchdrungen von der Wichtigkeit seiner Aufgabe — zeigt den Beginn des Münsterbaus im Jahre 1119.

 

Nicht allzu lange konnte man in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1899 die Ruhe pflegen: Um fünf Uhr morgens verkündeten Böllerschüsse den Beginn des sehnlichst erwarteten Jubeltages, und um 6 Uhr patrouillierte und paradierte die Stadtmusik die „Tagreveille“, den morgendlichen Weckruf.

Am Bahnhof wurde das Leben hektisch – die Frühzüge brachten aus allen Richtungen Tausende von Festgästen.

Das Fest in Villingen galt als solcherlei Attraktion, daß eine ungeheure Menschenmenge die Stadt bevölkerte. Alle Kurs- und Extra-Züge waren überfüllt. Zu Fuß, mit Fuhrwerk und Rad kamen Tausende von Festgästen an. Viele, die früher hier beruflich tätig waren und sich seit Jahren anderswo aufhielten, kamen nach dem liebgewonnenen Villingen, um so manchen alten Bekannten begrüßen zu können.

Aus Richtung Konstanz traf der Kurszug um neun Uhr 47 mit dem Herrscherpaar und dessen Gefolge hier ein, herzlich und untertänigst begrüßt von den Spitzen der Behörden.

Das weitere Protokoll sah vor, daß die allerhöchsten Herrschaften danach unter Führung des Herrn Bürgermeister Osiander das Kloster St. Ursula besichtigen, wo „allerhöchst-dieselben“ lange in der Ausstellung verweilten, die mit einer Lotterie zugunsten der Renovierung der Klosterkirche verbunden war.

Nach einer Reihe von Vorstellungen hochstehender Bürger der Stadt begaben sich die allerhöchsten Herrschaften und deren vor Ort eingesetzter Großherzogliche Oberamtmann Bitzel in das Hotel „zur Blume“, um ein von der Stadt angebotenes Gabelfrühstück einzunehmen, bestehend aus 16 Gedecken.

Während von elf Uhr an und auch während des Festessens mehrere Musikkapellen auf verschiedenen Plätzen ihre Platzkonzerte gaben, hielt die Anziehungskraft des bevorstehenden Festzuges weiter an.

Gegen zwei Uhr drängte sich die Volksmasse gegen die Tribüne, um das geliebte Großherzogpaar zu sehen.

Der Besuch des Festzuges durch die Fürstlich Fürstenbergischen Herrschaften aus Donaueschingen unterblieb – ein „liebenswürdigstes Schreiben“ des Hauses Fürstenberg hatte den Bürgermeister noch vor dem Samstagbankett erreicht. Nach Angabe des Hofes, plagte den Fürsten ein Unwohlsein. Gleich nach dem Mittag hatte sich der historische Festzug nach genauem Plan vor dem Niederen Tore aufgestellt.

Jahr 1499. — Kaiser Maximilian 1. Einzug in Villingen. Kaiser Maximilian 1. mit Gemahlin Maria Blanka, Herzog von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein, Markgraf von Baden, Fürst von Brandenburg, die Grafen von Hohenlohe und Mansfeld und mehrere Edeldamen und Herren.

Bemerkenswert war die fast militärische Pünktlichkeit, mit der die Aufstellung erfolgte und bei der die Teilnehmer den Anordnungen bereitwillig folgten.

Um zwei Uhr ertönte das Signal der Fanfarenbläser – Zeichen dafür, daß Ihre Königlichen Hoheiten nebst Gefolge auf der Tribüne am Marktplatz eingetroffen waren und Platz genommen hatten.

Schließlich erreichte die Spitze des Zuges zum ersten Mal die Tribüne an der Werner’schen Ecke, wo Bürgermeister Osiander anhand des Festalbums den hohen Herrschaften Erläuterungen über jede Gruppe des Zuges gab, der von den hohen Gästen mit allergrößtem und immer mehr wachsendem Interesse verfolgt wurde.

Höhepunkt im gesamten Zug war ganz sicher der „Huldigungswagen“, der den Zeitpunkt 1806 darstellt: Villingen geht wieder an das Haus Zähringen über, nachdem es seit 1218 im Besitz der Fürstenberger und der Österreicher gewesen war – „Fürwahr ein ergreifender und geschichtlich ganz bedeutsamer Vorgang, mit dem wohl keine Stadt und kein Fürstenhaus wird rechnen können“, so der Redakteur des „Schwarzwälder“.

Jahr 1530. — Villinger Geschlechter mit dem neuen Wappen in der Standarte.

 

Die Huldigungsgruppe hielt vor der Tribüne und Fräulein Lina Stern, Tochter des Gemeinderat Stern, trug vor, was aus der Feder des Direktor Weis stammte, was dem Herzogspaare galt und von höchstdenselben „allergnädigst entgegengenommen wurde“.

Durchlauchtigster Großherzog,

allergnädigster Herr!

Durchlauchtigste, allergnädigste

Großherzogin und Herrin!

Monatelang hat die Hauptstadt des Schwarzwaldes sich vorbereitet zu dem größten Feste, das je in diesen Mauern gefeiert worden ist. In alle Welt hinaus ist der Ruf gedrungen … und in hellen Scharen sind die Menschen herbeigeströmt, um die Geschichte unserer Vaterstadt, ein große Stück Weltgeschichte in buntem Gepränge an sich vorbeiziehen zu sehen.

Der Großherzog Friedrich 1905 in Villingen.

Gruß und Heil ruft die Stadt ihm entgegen, Gruß und Heil wehen die Fahnen, tönen die Festesklän-ge, Gruß und Heil aus tausend und tausend Herzen in brausendem Begeisterungssturm und heilige Kraft dem Zähringer Herzog, dem Königlichen Herrn, dem deutschen Manne und seiner erhabenen Gemahlin, der hohen gütigen Frau.

Auf ein Signal setzte sich der Zug wieder in Bewegung und nicht weniger als vier Mal ließen die hohen Herrschaften den Zug an sich vorbeiziehen. der Zug bewegte sich programmgemäß vom Amtsgericht durch die Niedere Straße und die Obere Straße, entlang der Josefsgasse und über die Schulgasse auf die Rietstraße und auf der Bickentraße zum dortigen Tor hinaus.

Weiter ging’s über die Brigachstraße, vorbei an der „Tonhalle“, durch die Gerberstraße hinauf wieder in die Bickenstraße in Richtung Marktplatz und dann über ein kurzes Stück der Rietstraße in die Färberstraße und wieder zum Amtsgericht – und das ganze schließlich vier Mal!

Aus heimischer Nachbarschaft und unter dem Beinamen „Su Brosi“ im ganzen Bezirk jedem Kind als Unterkirnacher Original bekannt, war der 81-jährige Ambros Duffner mit seiner zweiten Frau auf dem Wagen der Gruppe 21 „Trachten an Villingen, Nordstetten und Unterkirnach“ mit von der Fest-Partie.

Beide hatten zwei Jahre zuvor die Goldene Hochzeit gefeiert, und da sich Duffner geistig und körperlich noch ungemein rüstig fühlte und „’s Muhl besser goht als minne Fiäß“, ließ sich der Kirnach-er, der im „Dischkeriere“ immer eher einen Trumpf parat gehabt haben soll als sein Gegenüber, die Teilnahme im Trachten-Häs nicht nehmen.

Trachten von Villingen und Umgebung.

 

Als schließlich beim letzten Vorbeizug an der Ehrentribüne Großherzog Friedrich die Gnade hatte und die Gruppenführer zu sich bat, beschied er „jedem einzelnen derselben seine über alle Erwartungen hohe Befriedigung über das Großartige, was geboten war“.

Auf der „Amtmannwiese“ nahe dem Oberen Tor setzte sich nach dem Festzug das fröhliche Treiben fort. Bude an Bude war aufgestellt, und die Schießhallen, die Caroussells, der Circus und die ambulanten Photographen sorgten für Unterhaltung des zahlreichen Publikums und erinnerten stark an das Canstatter Volksfest, wobei eine Reihe von Wirtschaften für das leibliche Wohl der Menschenmengen sorgten.

Nochmals erschienen die allerhöchsten Herrschaften daselbst, um auch hier das Leben und Treiben des Festes zu sehen und sich zu verabschieden. Begleitet von den segensreichen Wünschen der Einwohnerschaft kehrten die hohen Herrschaften schließlich mit dem 5-Uhr-Zug nach der Mainau zurück, ihrem Sommersitze im lieblichen Bodensee.

Die Festplatzbesucher aus Villingen besahen sich derweil noch einmal die großartig angelegten Festwagen.

Die Stadtmusik, die Offenburger Militärkapelle und die Kurmärker ließen hierzu ihre besten Weisen erklingen.

Um acht Uhr abends begann schließlich das Festbankett für die Zugsteilnehmer und deren Angehörige: „Tonhalle“, „Engel“ und „Löwen“ nahmen die Gäste auf. Ein herzlicher, gemütlicher Ton in den Gesellschaften und heiteres Treiben herrschte allenthalben.

Am darauffolgenden Montag zogen Kinder, Schüler und Lehrer, geschmückt mit Bändern, Tannenzweigen und Eichenlaub vom Sammelplatz zum Kinderfest auf dem Festplatz. Voran die bewährte Stadtmusik.

Wer sich am Montag nach Festjubel und Festfreude Ruhe gönnen wollte, der fand solchen unter den Kastanien im Mädchenschulhaus, wo den Laien und den Fachmann eine lauschig angelegte Bienenausstellung erwartete. „Bienen-Wohnungen“ in Dzierzon-Stöcken, in Strohkörben oder Klotzbeuten zeigten deutsche, italienische und Krainer Bastardbienen. Gerätschaften der Imker und Honig in verschiedenen Arten und Verpackungen bewiesen den Nutzen und den Erfolg dieser Tierhaltung.

Für sein vorzügliches Wirken um die Ausstellung sprach man Pfarrer Schweizer schließlich die silberne Taschenuhr zu, die von I. K. H. Großherzogin als Ehrenpreis gestiftet worden war.

Mit einer großzügigen Geste zum Abschluß der 900-Jahr-Feier zeichnete sich schließlich am Dienstagmittag ein weiteres Mal auch Fabrikant Carl Heinrich Werner aus. Er hatte ein Mittagessen für Arbeiter organisiert, für das 500 Karten ausgegeben wurden und wofür in mehreren Lokalen gekocht und serviert worden war: Schlössle, Schnecke, Schützen, Tonhalle, Germania, Adler, Raben, Brauerei Faller und Brauerei Schilling.

 

Größte Gruppe beim 900-Jahr-Festzug waren die Zünfte: Voran Hans Kraut mit einem Ofen, dann die Träger der Zunftfahnen und Zunftladen, Zunftmeister, mit Gesellen und Lehrlingen. Vertreten beim Umzug waren Bierbrauer und Wirte, Metzger, Barbiere, Seifensieder und Seiler, Bäcker und Müller, Schuhmacher, Gerber und Sattler, Schmiede, Glockengießer,Schlosser, Maurer und Ziegler, Krämer, Schneider, Kürschner, Buchbinder, Maler und Bildhauer, Tucher, Weber und Färber, Bauleute, Zimmerleute, Schreiner, Wagner, Orgelbauer, Drechsler und Ackerbauer. Allesamt trugen die Handwerker Werkzeuge oder Erzeugnisse ihrer Zunft mit sich.

Auf dem Speiseplan standen Suppe mit Rindfleisch, Schweine- oder Kalbfleisch mit Kartoffelbrei oder Bohnen, Salat, sowie je ein Glas Bier.

Kaufmann Schleicher oblag es abschließend, all jene zu loben, die nur am Rande der Ereignisse oder im Hintergrund beteiligt waren.

Dazu zählte auch die Sanitätskolonne, der Service des Radfahrclubs von 1868 sowie der Polizei und der Gendarmerie.

Die örtliche Gastronomie hatte ebenfalls erfolgreich bewirtet: allein in der „Blume“ wurden am Sonntagmittag von 11 bis ein Uhr 400 Essen serviert und abends wieder so viele.

Vom ganz dicken Lob las man im „Schwarzwälder“ allerdings erst am Samstag der folgenden Woche:

Herzlichen Dank den Veranstaltern eines Festes, das Glanz und Stärke unserer Stadt in früheren Jahrhunderten und die Tapferkeit unserer Vorfahren der Vergessenheit entrissen haben und der ganzen Welt in Erinnerung brachten. So waren zum Gelingen alle nötig: Kaiser und Pagen, Künstler und Pferdeführer.

Kommende Generationen werden noch mit Freude und Stolz von einem großartigen Fest der Stadt Villingen reden, dessen Tage die größten waren, die ihre Mauern je gesehen hatten.

Unserer alten Zähringerstadt rufen wir zu:

Du hast Deinen alten, guten Ruf auf Neue gefestigt. Tausende und Abertausende haben sich Deiner oft bewährten Gastfreundschaft erfreut. Du hast all die großen Erwartungen übertroffen.

Blühe fort und gedeihe bis in die fernsten Zeiten und mit Dir der gesunde Bürgersinn der Einwohner und ihre Einigkeit, auf daß wir würdig der glorreichen Vergangenheit unserer Vorfahren einer freundlichen und schönen Zukunft entgegengehen.

Die Illustrationen im vorstehenden Bericht stammen aus dem Original-Programmheft zur 900-Jahr-Feier. Von dieser Broschüre hat die Buchhandlung F K Wiebelt lobenswerterweise eine Reprint-Ausgabe herstellen lassen, die Interessenten dort zum Preis von DM 11,80 erwerben können.