Marschall Tallard (Siegfried Steinbrück)

Die Belagerung Villingens im Jahre 1704 von der anderen Seite aus gesehen

Wir alle kennen wohl die Belagerung Villingens im Jahre 1704 aus der Schrift von Dr. Johann Nepomuk Hässler. Auch über Prinz Eugen von Savoyen gibt es genügend Literatur.

Der Herzog von Marlborough ist uns Heutigen iahe gebracht durch das vierbändige Werk seines Nachkommen Winston Churchill, der dafür 1953 len Literatur-Nobelpreis erhielt.

Was aber den für die Villinger Lokalgeschichte wichtigen Tallard angeht, so kennen wir die Belagerung und seine Niederlage bei Höchstädt. Tallard hieß er aber erst seit 1703. In diesem Jahr wurde er in den Herzogsstand erhoben.

Er hieß vorher Camille d’Hostun.

Zuvor muss ich ein wenig Geografie aus Frankreich einflechten: Im Departement Dröme, das ist die Gegend von Valence im Rhonetal gibt es einen Ort Hostun. Da ich von dort keine Antwort auf meine Bitte um Auskunft bekam, weiß ich nichts über seine Jugend zu berichten.

Tallard stammt aus einer adeligen Familie aus der Dauphine. Das ist die Gegend südlich Grenoble. ‚Unser Tallard“ ist in Lyon geboren, wo die Familie ein Stadthaus besaß.

Tallard ist auch ein historischer Ort in Südost-Frankreich, an der sogenannten „Route Napoleon“ wischen Gap und Sisteron im Departement Hautes Alpes. Geschichtlich erwähnt wird, daß sich im Jahre 404 der armenische Bischof Gregor Ion niederließ. In der Burgkapelle gibt es ein anachronistisches Gemälde. Es zeigt den Bischof des 5. Jahrhunderts im Gewand des 17. Jahrhunderts bei der Segnung von Tallards Eltern.

Im 13. Jahrhundert gehörte der Ort dem Johanniter-Orden, der die Burg anlegte.

Im 16. Jahrhundert war die Familie „Bonne 1′ Auriac“ dort seßhaft, deren Erbtochter Ca-lehne die Frau von Roger d‘ Hostun wurde, dem Vater von Camille d’Hostun.

Nach mehreren Adelsfamilien war von 1897 bis 1926 ein Archäologe namens Roman Besitzer der Burg. Er betrieb eine systematische Renovierung. Seit 1957 ist sie im Eigentum der Gemeinde.

Foix und Carcasonne liegen im Südwesten Frankreichs südlich von Toulouse.

Tallard’s Sohn und Enkel trugen die erblichen Titel „Herzog von Tallard“. Der Enkel starb 1739, der Sohn 1755. Der Name Tallard war erloschen. Die militärische Karriere Tallards wurde durch seilnen Cousin, den Marschall de Villeroy, entscheidend gefördert.

Auszug des Posteingangsregisters der Königl. Regierung, die Kaiserlichen betreffend.

Juli 1704

Herr de Chamillard an Herrn de Tallard: Seine Majestät hat dem 1. Bürgermeister von Alt-Breisach eine Prämie von 1000 Gulden ausgesetzt.

Juli 1704

Herr de Tallard schreibt an Seine Majestät aus dem Feldlager bei Villingen. Der Brief betrifft den Bruch des Bayernherzogs mit dem Kaiser. Bericht an die Majestät der Vorschläge, die dem Kurfürsten gemacht wurden. Zwei Dinge wurden vorgeschlagen, wenn er nichts unternimmt bis zum Ende des Feldzuges.

Seine Gedanken über die Belagerung Villingens. Allgemeine Gedanken für den Fortgang das Feldzuges.

Juli 1704

Herr de Tallard im Lager bei Villingen, um Herrn da Chamillard über seinen Brief an den König zu unterrichten und daß er die Berge überschritten hat. Nachrichten vom Feind. Eine Abschrift des Briefes über das, was bei Rottweil passiert ist.

Anmerkung:

Was ereignete sich bei Rottweil ?

Hier habe ich Herrn Dr. Hecht, Stadtarchivar in Rottweil, zu danken.

Eine Armee unter Feldmarschall HanslKarl von Thüngen nämlich hatte ein großes Feldlager bei Böhringen. Prinz Eugen selber war häufig unterwegs zwischen Rastatt, Herrenberg und Ulm. Er war mehrmals Gast der Freien Reichsstadt Rottweil. Prinz Eugen und auch von Thüngen waren im Gasthof „Armbrust“ untergebracht (heutiges Postamt).

Auszug aus der Liste der Marschälle von Frankreich

De Tallard (Camille d’Hostun, Herzog), getauft am 4. Februar 1652.

Verstorben am 30. März 1728.

Bisher bekannt unter dem Namen Graf von Tallard. Fähnrich der „Englischen Gendarmen“ durch Erlaß vom 29. November 1667.

Diente in 1668 bei der Eroberung der Franche-Comte, bei der Einnahme von Besancon am 7. Februar, von Dôle am 14., von Gray am 19. Quartiermeister und Leutnant im Königlichen Kroaten-Regiment nach der Verabschiedung des Grafen von Vivonne laut Erlaß vom 13. Januar 1669.

Er diente in Holland unter „Monsieur“ und Graf von Turenne in 1672, bei der Belagerung von Buric, das sich am 3. Juni ergab, bei der Einnahme von Rees am 8.6., bei Arnheim am 15.6., bei der Festung Skenk am 19.6., bei Nimwegen am 9. Juli, der Insel und Stadt Bommel am 26. September.

In Flandern unter „Monsieur“ in 1673, bei der Belagerung und Einnahme von Maastricht am 29. Juni, bei der Entsetzung von Woerden; dort wurde beim Eindringen in die Schanze sein Fuß durchbohrt. Der Feind wurde geworfen.

Im Sept. 1679 demissionierte er aus dem Kroaten-Regiment.

Durch Erlaß vom 8. März 1682 hob er sowohl eine Kavalleriel-Kompanie des Bligny-Regiments aus als auch ein Kavallerie-Regiment seines eigelnen Namens (heute la Rochefoucaud) durch Erlaß vom 1. Oktober. Er zeichnete sich aus bei der Belagerung von Cour-tray, das sich am 5. November 1683 ergab, sowie vor Dixmuiden, das am 10. genommen wurde. Tallard war bei der Belagerung von Luxemburg, das der König am 4. Juni 1684 nahm.

Er diente im Lager der Saöne unter dem Marquis de Trousse in 1685. Am 24. August 1688 wurde er Quartiermeister in Flandern unter dem Grafen Broglie. Im Dezember verließ er sein Regiment. Durch Dekret vom 31. Oktober wurde er unter dem Marschall de Lorges in Deutschland eingelsetzt. Kein Feldzug. Im Winter war er im Elsaß. Unter „Monsieur“ und dem Marschall de Lorges besorgte er in Deutschland die Rückendeckung dieser Grenze. Er überquerte den zugefrorenen Rhein und brandschatzte die Bergstraße und den Rheingau.

In Flandern unter seiner Hoheit dem Prinzen kämpfte er 1674 am 11. August bei Seneff. Ein Pferd wurde unter ihm getötet, ein zweites verwundet.

Er befehligte die Angriffstreitmacht am 29. Dezember bei Mülhausen.

Dasselbe Kommando hatte er inne im Gefecht bei Türckheim am 5. Januar 1675.

Er wurde Generalleutnant bei der Dauphiné-Regierung nach dem Tode das Marquis de Ragny durch Erlaß vom 10. April. Er diente in Flandern; bei der Belagerung von Limburg, das sich am 21. Juni ergab.

1676 war er bei der Einnahme von Condé am 26. April, am 11. Mai bei Bouchain, von Aire am 30. Juni.

Am 25. Febr. 1677 zum Kavallerie-Brigadier ernannt, diente er in der Flandern-Armee bei der Belagerung und Einnahme von Valenciennes am 17. März, von Cambray am 5. April.

Dann bei der Belagerung von Gent, das sich am 9. März 1678 dem König ergab; das Schloß kapitulierte am 12. 3.; Ypern wurde am 25.3. vom König eingenommen. Beim Angriff auf die Brücke von Rheinsfeld wurde er von einem Musketenge-schoß verwundet.

1691 hatte er unter Marschall de Lorges Defensivaufgaben während dessen Winters an der Saar.

1692 stand er in Deutschland, war beteiligt an der Niederlage der Deutschen bei Pforzheim am 17. September. Ebenso beim Entsatz der Belagerung von Ebernburg durch den Landgrafen von Hessen-Kassel am 8. Oktober.

Im Winter befehligte er an der Saar. Am 30. März 1693 wurde er zum Generalleutnant der Königlichen Armee ernannt.

Unter „Monsieur“ war er bei der Einnahme von Heidelberg am 21. Mai und am 23. Mai bei der Einnahme und Zerstörung des Schlosses.

Durch Dekret vom 29. Oktober befehligte er im Winter an der Saar und in der Pfalz.

1694 diente er in Deutschland unter den Marschällen de Lorges und Joyeuse ohne Feindseligkeiten. Im Winter wieder an der Saar.

1695 unter denselben Generälen in Deutschland wurde nichts unternommen. Im Winter wieder an der Saar.

Unter Marschall de Boufflers in der Maas-Armee in 1696. Im Winter an der Saar.

1697 dasselbe.

Und jetzt wurde der Friede zu Ryswijk geschlossen, bei dem er mitwirkte.

1698 zum außerordentlichen Botschafter in England ernannt, am 11. März vom König verabschiedet.

Nach dem Tode des Marquis de Mirepoix wird er am 25. April 1701 Gouverneur und Generalleutnant der Grafschaft von Foix, von Stadt und Schloß Foix, Burgherr von Carcassone.

Nach Rückkehr aus England erhält er am 15. Mai den Königl. Verdienstorden.

Ab 21. Juni dient er wieder in Deutschland unter dem Herzog von Burgund.

Im Febr. 1702 verlässt er Foix und dient in Flandern unter dem Herzog von Burgund.

Am 21. April hat er ein selbständiges Korps. Er eilt zu Hilfe nach Kaiserswerth. Er trägt dazu bei, die Holländer aus ihrem Lager bei Mülheim zu vertreiben. Am 6. November nimmt er Stadt und Schloß Trarbach.

Am 14. Januar 1703 wird er zum Marschall von Frankreich ernannt.

Am selben Tag legt er den Eid ab.

Am 25. Februar entsetzt er Trarbach. Unter Oberbefehl des Herzogs von Burgund kommandiert er ab 24. Mai die Armee in Deutschland.

Er belagert Breisach, das nach 13 Tagen Grabenkämpfen am 6. Dezember kapituliert.

Während der Belagerung von Landau verlässt er mit der Armee seine Positionen und eilt dem Prinzen von Hessen-Kassel entgegen, der Landau zu Hilfe kommen will. Bei Speyer treffen sie aufeinander. Nach Zurückwerfen der gegnerischen Kavallerie auf dem linken Flügel wird die Infanterie vernichtend geschlagen. Der Prinz verliert 4000 Mann auf dem Schlachtfeld, 3000 Gefangene, 30 Kanonen und einen Teil seines Trosses. Die Verluste Marschall Tallards waren unbedeutend. Er erbeutete nämlich mehr Truppenfahnen als er Leute verlor.

Nach dem Sieg kehrte er nach Landau zurück, forderte vom dortigen Befehlshaber die Übergabe, die am folgenden Tag erfolgte.

Als Befehlshaber der Rhein-Armee ab 28. März 1704 schickte er dem Bayern-Herzog eine bedeutende Unterstützung (Truppen) im Mai. Er selbst marschierte mit der Hauptmacht trotz feindlicher Wachsamkeit und Bedrohung auf schwierigsten Wegen über Hindernisse, die als unüberwindbar galten. Er belagerte ohne Erfolg Villingen. Dann marschierte er weiter nach Osten. Am 13. August wird er bei Höchstädt geschlagen, verwundet, gefangen genommen und nach England gebracht. In Abwesenheit wird er am 14. Oktober Gouverneur der Franche-Comté und von Besançon nach dem Tod des Marschall Duras.

Im November 1711 kehrt er aus England zurück, versehen mit einem Geleitbrief der Königin von England.

Durch Erhebung der Grafschaft Baume d’Hostun in ein Herzogtum ist er ab März 1712 Herzog, vom Parlament bestätigt am 14. April.

Im März 1714 wird er in den Stand eines Pair von Frankreich erhoben, bestätigt durch das Parlament am 25. Juli 1715.

Er wird Berater der Regierung, Mitglied des Regentschafts-Rates und Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

1719 verlässt er die Dauphiné-Verwaltung und wird am 25. September 1726 Staatsminister.

Wie schon eingangs erwähnt, starb er 1728.

Aus dem Feldlager bei Villingen: Marschall de Tallard schreibt an seinen König: Sire

Gestern erhielt ich einen Brief das Herrn Marlschall de Marcin. M. de Massenbach kam hier an begleitet von 200 Reitern und einem Vierzehner (vermutlich ein 14-Pfünder).

Euer Majestät finden in der Anlage die zwei Vorschläge, die ich hier nicht wiederhole. Ich beschränke mich darauf, hinzuzufügen, was mir Herr von Massenbach mündlich vom Marschall de Marcin ausrichtete.

Die letzte Post, Sire, erhielt ich am 13. in Ulm (nicht Ulm/Donau).

Der Kurfürst verhandelte mit dem Kaiser. Als sie erfuhren, daß ich über das Gebirge hinweg sei, verlangte er von dem Gesandten, sich zurückzuziehen. Die Feinde boten ihm die Grafschaft Burgau und die Pfalz von Neuburg an. Sie waren mit den Bewegungen der Armee Ihrer Majestät nicht einverstanden. Sie verlangten, daß der Kurfürst auf seine eigenen Streitkräfte verzichten solle. Er war damit nicht einverstanden. Er hatte eine Begegnung mit dem Grafen Watislau vorgeschlagen. Aber der Marschall de Marcin konnte ihn umdrelhen, nicht hinzugehen: man würde ihn ergreifen, Lösegeld verlangen, sein Gepäck und Equipagen verbrennen. Dies hielt ihn ab und mein Brief kam bei ihm an. Es scheint, er ist begeistert zu seinem früheren Gedanken zurückgekehrt und zu seinen Vorhaben. Man sagt, er habe den Kaiserlichen Gesandten schimpflich verabschiedet. Die Kurfürstin kam und versuchte dringendst, ihn von den Interessen Ihrer Majestät abzubringen. Er schickte sie weg. Das ist erledigt.

Der Graf Daves und Monastérol sind unverbrüchllich auf Ihrer Majestät Seite. Das muss Sie, Sire, zum Nachdenken anregen.

Zwei Möglichkeiten gibt es von heute an bis zum Ende des Feldzuges. Bis jetzt hat sich nichts Entscheidendes getan, um das Vorgesehene zu ändern.

Gegen Ende September müsste man Offenburg nehmen und es so herrichten, daß es eine große Garnison aufnehmen kann. Möglichst viele Truppen sollten ihr Winterquartier im Elsaß haben. Von dort könnte dann eine Armee wieder hervorbrechen, das Kinzigtal besetzen sowie die Täler der Gebirgseingänge und auf Villingen vorrücken. Wenn wir es haben oder wenn er es besetzt und wir haben es nicht, müssten alle Kräfte Ihrer Majestät die ganze Gegend zwischen Ulm und Villingen sowie zwischen Donau und Bodensee vom Feind säubern, wie schon in diesem Jahr geschehen. Das wäre die Aufgabe der aus dem Elsaß kommenden Armee. Und das Ganze wäre zu befelstigen.

Ohne sein Land sehr zu entblößen, hatte der Kurlfürst sein Winterquartier in diesen Gegenden und konnte zwischen Ulm und Straßburg verkehren. Unter dieser furchtbaren Bedrohung, Sire, und ohne Armee könnte Ihre Majestät keine Verbindung unter den Truppenteilen herstellen, denn über die Schweiz ist es nur für Offiziere möglich und im Winter ist es ganz unmöglich.

Ihre Majestät könnte die Armee des Marschall de Villeroy nach Bayern schicken und zudem die, die ich die Ehre habe zu befehligen.

Aber weder die eine noch die andere hat genügend Nachschub.

Im Frühjahr wären die Folgen fatal: es mangelt an allem. Die Feinde wären um uns herum, hätten überall hin Verbindungen und können aus dem Kaiserreich (gemeint ist Habsburg) Verstärkung heranführen. Es bestünde immer die Gefahr, die Streitkräfte in diesem Gebiet zu verlieren.

Wenn die eine Möglichkeit Ihrer Majestät nicht gefällt, nehme ich mir gehorsamst die Freiheit, Ihnen zu sagen, daß es noch eine andere gibt.

Dies wäre, die Truppen Ihrer Majestät links und rechts das Rheins in die Winterquartiere zu verlegen. Dann könnte man sie eines schönen morgens zusammenfassen. Wenn der Kurfürst Ihre Majestät täuschen würde und wieder mit dem Kaiser verhandelt, könnte man aufs Pferd steigen und wäre schnell vor Ort. Dieser letzte Vorschlag ist nicht ohne Besorgnis, je nachdem, was Ihre Majestät mit dem Kurfürsten vorhat. Aber in dem .kommenden Feldzug riskieren Euer Majestät, alle Truppen zu verlieren.

Nach dem ersten Plan könnte man im Winter im Kaiserreich den Schlag führen, den sie in diesem Sommer gegen den Kurfürsten führen wollten. Besonders wenn Herr von Marlborough nach London abgereist ist, seine Engländer in Holland sind und der Prinz Eugen nach Wien zurückgeehrt ist.

Für den zweiten Plan, Eure Majestät, erinnere ich an die unbesiegbaren Armeen in unserem Land und verberge meine Beunruhigung, die erst enden wird, wenn Sie eine Entscheidung in dieser Hinsicht getroffen haben.

Von den Leuten, die aus diesem Landstrich kommen, erfahre ich, daß es dort an allem fehlt. Geld und alles andere. Es wurde so wenig requiriert, daß man davon fast nicht reden kann als Nachschub. Auch mit den „Lettres de Change“ kann nur wenig auf einmal beigebracht werden. Deshalb muss man jetzt beginnen, bevor alle Quellen erschöpft sind und wir plötzlich ohne etwas dastehen.

Vorgestern hatte ich die Ehre, Ihrer Majestät zu Derichten, daß die vom Marschall de Marcin erhaltenen Berichte meine Pläne über den Haufen geworfen haben, nämlich daß der Kurfürst den Pakt erneuert hat. Meine Pläne waren, zuerst Rottweil und Villingen einzunehmen, dann mich nach Tübingen hin auszubreiten und nach Urach, las nur einige Meilen von Ulm entfernt ist. Dann Könnte man nach und nach durch das Kinzigtal von Straßburg aus erreicht werden. Das wäre keine Dauerlösung, wenn die Feinde ernsthaft agieren würden.

Aber es wäre eine Ablenkung, auf die sie eingehen könnten. Und wenn sie uns gewähren ließen, würde es uns unserem Ziel näher bringen.

Stattdessen fühle ich mich verpflichtet, Villingen einzunehmen und dort einen Halt zu machen, bevor ich zur Donau weitermarschiere. Vor allem, wenn der Kurfürst sich mit dem Kaiser einlässt, am die Armee Ihrer Majestät zum Rückzug zu bewegen. Dann könnte ich ihm doch bei seiner Rückkehr Unterstützung geben.

Und ich fühle mich noch mehr irregeführt, daß angeblich dem Kurfürsten die Belagerung Villingens gar nicht gefällt. Besonders, wenn dieser kleine Ort, der übrigens besser ist, als man uns sagte, zwei oder drei Tage länger hält, als vorausgesehen. Denn der Prinz Eugen befindet sich mit einem großen Infanterie-Detachement in Württemberg. Der Herr von Tüngen, obwohl verwundet, ist mit beträchtlicher Streitkraft zu ihm gestoßen.

Ihre Majestät sehen also schon durch die Nachricht vom Marschall de Marcin, daß dies im ganzen eine beachtliche Armee ist. Und wenn diese sich vor mir um Riedlingen festsetzen würde, hätte ich große Mühe, den Kurfürsten zu erreilchen. Also müsste ich durch die Sumpfgegend von Pfullendorf. Sonst hätte der Kurfürst, anstatt durch meine Ankunft erleichtert zu sein, alles gegen sich, was der Prinz Eugen zusammengefasst hat an Kampftruppen. Letzterer hätte dann noch das besetzt, was ich eigentlich wollte. Der Kurfürst wäre dann in Reichweite der württembergischen Kanonen und wenn ich angreifen wollte, wäre er zwischen dem Prinzen und mir.

Diese Überlegungen, Sire, haben mich zur Überzeugung gebracht, daß wir vor ihnen handeln müssen, damit sie sich zwischen der Armee Ihrer Majestät und Herrn von Bayern befinden.

Danach, egal ob der Herr von Baden mit seinen Einheiten den Prinzen Eugen erreicht oder auch nicht, müsste der Marschall de Villeroy eine Ablenkung versuchen, damit sie Truppen in diese Gegend entsenden. Oder er müsste mit seiner Armee die Berge überqueren und sich in dieser Gelgend festsetzen.

Ohne dies, Sire, wäre der Prinz Eugen immer noch mit seiner Armee handlungsfähig und die Armee des Marschall de Villeroy wäre unnütz.

Daraus folgt: sie haben eine handlungsfähigere Armee als wir.

Es liegt in der Natur der Sache und es ist sicher, daß es kein Heilmittel gegen einen Nachteil gibt, ohne einen anderen Nachteil zu haben. Und weil jetzt alle Anstrengungen begonnen haben, muss man damit fortfahren, zumindest für diesen Feldzug. Und wegen der sehr guten Verbindungen zwischen Donau und Rhein, erlauben Sie mir bitte, Majestät, daß ich mir die Freiheit nahm, auf all dies einzugehen.

Die Feinde machen ein großes Aufhebens davon und von den Vorteilen einer freien Nachrichtenverbindung, daß zu befürchten ist, früher oder später könnten Zwischenfälle auftreten. Besonders, Sire, ist es fast unmöglich, irgendetwas über ihre Bewegungen zu erfahren. Nach Anordnung des Herrn von Baden sind manche Gegenden fast entvölkert und man findet kaum Führer (Pfadfinder).

Villingen ist viel besser als in allen Abhandlungen erwähnt. Der Gouverneur verteidigt sich hervorragend und er hält mich länger hin, als ich dachte. Trotzdem hoffe ich, Sire, in zwei Tagen die Sache zu beenden. Die bisher verlorene Zeit zählt dann ab morgen.

Der Rest meines Trosszuges ist erst gestern angekommen und ich habe die Wagen aus dem Elsaß nach dem Abladen erst gestern zurückschicken können.

Zusätzlich, Sire, gab es bei allem unvermeidbare Widerwärtigkeiten. Nach den Befehlen Ihrer Majestät marschierte ich mit allen notwendigen Gerätschaften, um in Württembergischen Landen eine Versorgungsniederlassung zu errichten, was erstens meinen Vormarsch behinderte und jetzt meinen weiteren Marsch verzögert. Es sei denn, es sei nicht mehr so dringend nötig nach dem, was in Bayern passiert ist. Aber es ist keine Frage, dem Kurfürsten helfen zu müssen, der es eilig hat und dessen Truppen, die die Höhen bei Donauwörth verteidigt haben, in ganz Bayern zerstreut sind und noch dazu ohne Waffen, denn auf ihrem Rückzug haben die Soldaten die Waffen weggeworfen.

Eine weitere Schwierigkeit war die Notwendigkeit, Villingen angreifen zu müssen; das ist zweifellos notwendig. Denn als ich aus dem Elsaß aufbrach, Sire, war die Sache bei Donauwörth nicht vorauszusehen. Auch nicht, wo die Armee des Marschall de Marcin sich aufhalten würde. Drei Tage haben wir nichts von ihr gehört. Besonders nach dem Rückzug das Kurfürsten und den letzten Ereignissen. Jede dieser Voraussetzungen macht bestimmte Maßnahmen notwendig. Jeder muss sein Bestes geben.

Herr de Legall und Herr de Masback versichern mir, daß die Feinde uns zuvorkommen können und sich zwischen den Kurfürsten und mich setzen. Und ich kann das nicht billigen.

Villingen wird hier überhaupt in Betracht gezogen gegenüber den anderen Interessen. Aber es müssen schon ganz gewichtige Gründe sein, um mich von einer einmal begonnenen Sache abzubringen.

Ich habe die Ehre, mit dem tiefsten Respekt, den ich Ihnen schulde, Ihre Befehle zu erwarten.

Der Brief des Herrn de Mostang, Sire, den Sie morgen erhalten werden, setzt Ihre Majestät in Kenntnis, daß er 1. die Feinde geschlagen hat und 2. daß der Prinz Eugen den Herrn von Tüngen erwartet, um ihre Truppen zusammen zu führen. Sire

Euer Majestät sehr ergebener, sehr gehorsamer und sehr treuer Untertan

Marschall de Tallard

Höchstädt

Ein Landpfarrer aus Tallard namens Alexandre Dubois hat in seinem Tagebuch aus dem Jahr 1704 festgehalten:

Am 13. August hatte das Glück den Herzog von Tallard verlassen. Es war bei Höchstädt in Bayern. Die franz. Armee war trotz mancher Schwierigkeiten durch den Schwarzwald dort hin gelangt und hatte sich mit dem Herzog von Bayern vereinigt. Die Koalitions-Armee — das waren Deutsche, Österreicher, Engländer und Holländer — erwartete sie da, wo Max Emanuel, der Bayernherzog, die Reichstruppen im selben Jahr schon einmal geschlagen hatte: am Schellenberg bei Donauwörth.

Marschall de Tallard

Unter dem Oberbefehl Eugens von Savoyen kommandierten der Herzog von Marlborough und Ludwig von Baden.

Marschall de Tallard ließ angreifen.

Dreimal schien er den Sieg errungen zu haben. Aber beim vierten franz. Angriff gingen die Verbündeten mit solchem Mut vor und zum Gegenangriff über – denn Marlborough hatte seine Reserven eingesetzt – daß die französische Rheinarmee in die Flucht geschlagen wurde.

In der Regierungszeit Ludwig XIV war niemals eine solche Katastrophe geschehen.

Tallard und seine 40 Kommandeure wurden gefangen genommen. Ganze Bataillone und Schwadronen gerieten in Gefangenschaft.

10 000 Mann waren gefallen.

Tallards Kriegskasse erhielt Marlborough. Das Geld verwendete er zum Bau von Schloß Blenheim.

Bayern war als Verbündeter verloren.

1692

In Tallard wird aus dem Jahre 1692 berichtet:

In Schulbüchern wird Ludwig XIV immer als Louis le Grand, der große König, gefeiert. Ebenso wie seine Politik der Größe.

Man vergisst dabei, das schwierige Leben des kleinen Mannes.

Diese Politik der Größe stieß nämlich an ihre Grenzen. Europa war beunruhigt durch Besetzungen und Annektionen ohne Kriegserklärungen. Bei uns in den Alpen verwüstete der Herzog von Savoyen Städte und Dörfer mit seinen deutschen Söldnern. Er nahm Embrun und Gap, und Tallard war keine Ausnahme. Es war bekannt, daß Herr von Tallard, dem damals dieser Ort gehörte, auf Befehl von Louvois die Pfalz verwüstet hatte. Die deutschen Söldner in Savoyer Diensten ergriffen hier die Gelegenheit zur Rache. Tallard ging in Flammen auf.

Anmerkungen:

Weil ich wörtlich übersetzt habe, hier einige Erläuterungen:

DIE FEINDE.    Das sind natürlich die Kaiserlichen, alsodie Habsburger.

DER KAISER.    Leopold I, 1640 – 1705, Kaiser seit 1658.

HERR VON BADEN. Ludwig Wilhelm I, der „Türkenlouis“ 1655 – 1707.

DER KÖNIG.    Ludwig XIV, 1638 – 1715, König seit 1643.

„MONSIEUR“.    Bruder Ludwig XIV, Philippe d’Orleans, Ehemann von Liselotte von der Pfalz, „Madame“.

TURENNE.    Vicomte de la Tour d’Auvergne. Lehrmeister vieler Feldherren, auch von Marlborough. Gestorben bei Sasbach 1675. (Ehrenmal an der B 3, Areal durch Frankreich erworben).

LOUVOIS.    1641 – 1691. Ab 1668 Kriegsminister.

DER KURFÜRST.    Max II Emanuel von Bayern. 1662 – 1726. Kurfürst seit 1679.

PAIR.    Höchste verliehene Adelswürde (vergl. Peer, Englands Oberhaus).

UNTER.    Hier ist der jeweilige Oberbefehlshaber gemeint, manchmal der König selbst. Sind wir jetzt enttäuscht, daß Villingen in diesem Briefe Tallards so wenig erwähnt wird? Zu bemerken habe ich, daß sich eine Militärperson aus einem schon damals zentralistisch regierten Land nur vorstellen kann, eine Stadt wird von einem Stadtkommandanten befehligt und verteidigt.

Es entgeht der Überlegung Tallards, daß die Bevölkerung die Hauptlast der Verteidigung zu tragen hatte. Er rechnete damit, Villingen in zwei Tagen einzunehmen.

Es ist erstaunlich, daß Tallard die Niederlage bei Höchstädt verziehen wurde, weil er sein Möglichstes getan hatte, wie ich gelesen habe. Aus dem militärischen Lebenslauf Tallards kann man die Eroberungen und Annektionen durch Ludwig XIV gut ablesen. Wo Tallard kämpfte, das sind heute meist rein französische Gebiete und Städte.