125 Jahre metrische Maße in Baden (Walter K. F. Haas)

Bis zur Einführung des metrischen Maß- und Gewichtssystems im ehemaligen Baden durch das Gesetz vom 24. November 1869, das am 1. Januar 1872 als Gesetzesnorm in Kraft trat, war es ein weiter Weg zur Vereinheitlichung. Dieser begann im Jahr 1795 in Frankreich, das zuvor auch viele lokale Maßgrößen kannte, mit der Einführung des metrischen Systems. Die Grundeinheiten waren das Meter als Einheit des Längenmaßes und das Kilogramm als Maßeinheit des Gewichtes. Alle übrigen Längenmaße und Gewichte sowie alle Flächen- und Körpermaße ließen sich auf dieses einheitlich geregelte System zurückführen. Nach der ursprünglichen Definition der französischen Nationalversammlung war ein Meter der 10 000 000ste Teil desjenigen Erdmeridianquadranten, der durch Paris läuft. Im Laufe der Zeit wurde das Meter in immer verfeinerter Form definiert. Seit dem Jahr 1960 lautet diese: ein Meter = 1 650 763,73 Wellenlängen der Orangelinie des Kryptonisotops KR 86 im Vakuum. Für einen Laien, der täglich mit dem Zollstock umgeht, sicherlich „böhmische Dörfer“.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren in den deutschen Landen noch eine Vielzahl von Maß- und Gewichteinheiten in Gebrauch, die zudem regional außerordentlich voneinander abwichen. So gab es die Bezeichnungen Zoll, Fuß, Elle, Rute, Meile, Quadratrute, Morgen, Schoppen, Seidel, Quart, Ohm, Fuder, Maß, Sester, Scheffel, Malter, Unze, Lot und viele mehr. Diese unterschiedlichen Maßeinheiten zeigen deutlich welche Schwierigkeiten der Handel zu überwinden hatte, wenn er über die Grenzen des eigenen Landes hinausgehen wollte.

Ablösung der alten Maße

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die ehemaligen Villinger Flächenmaße. Nach der Einführung des metrischen Systems wurden die alten Feldmaße wie folgt umgerechnet: 1 Rute = 12,17 qm, 1 Vierling = 8,03 Ar, 1. Jauchert 32,12 Ar und als Wiesenmaß das Mannsmatt = 48,18 Ar. Villingen hatte auch das Wiener Maß (1 Rute = 10,03 qm) und das Badische Maß, mit dem der Villinger Geometer Wehrle seit 1833 alles eingemessen hat. 1 badischer Quadratfuß = ),09 qm, 1 Quadratrute = 9 qm, 1 Viertel = 9 Ar, Morgen = 36 Ar.

Wenn man bedenkt, daß allein im ehemaligen Großherzogtum Baden im Jahr 1871 zur Umrechnung der örtlich sehr verschiedenen alten Maße in las metrische System mehr als 140 verschiedene Umrechnungstabellen für Feld- und Wiesenmaße erschienen sind, dann wird man verstehen, wie notwendig eine Vereinheitlichung auf diesem Gebiet war.

In Deutschland wurde das metrische Maß- und Gewichtsystem durch die Maß- und Gewichtordnung für den Norddeutschen Bund vom 17. August 1868 eingeführt. Das Großherzogtum Baden folgte mit dem bereits genannten Gesetz vom 24. November 1869, das am 1. Januar 1872, also vor genau hundert Jahren in Kraft trat. Als Urmaß wurde derjenige Platinstab bestimmt, der im Kaiserlichen Archiv zu Paris aufbewahrt und bei der Temperatur des schmelzenden Eises gleich 1,00000301 Meter befunden worden ist. Als Längenmaße wurden Millimeter, Zentimeter, Meter und Kilometer, als Flächenmaße Quadratmeter, und Hektar eingeführt. Zur Grundlage der Körpermaße wurde das Kubikmeter. Der tausendste Teil des Kubikmeters wurde Liter genannt oder euch Kanne, V2 Liter = Schoppen, 100 Liter = Hektoliter oder das Faß, 50 Liter = Scheffel. Die Meile = 7500 Meter diente als Entfernungsmaß. Als Urgewicht wurde dasjenige Platinkilogramm bestimmt, das im Kaiserlichen Archiv zu Paris aufbewahrt und 0,999999842 Kilogramm befunden worden ist, wobei ein Kilogramm das Gewicht eines Liters destillierten Wassers bei plus vier Grad Celsius ist. Ergänzt wurde die Einheit Kilogramm durch 10 Gramm = Dekagramm, 1/10 Gramm = Dezigramm, 1/100 Gramm = Zentigramm, 1/100 Gramm = Milligramm, 500 Gramm = Pfund, 50 Kilogramm = Zentner und 1000 Kilogramm = Tonne. Durch das Gesetz von 1869 wurde bestimmt, daß das Geschäft der Eichung und Sternpelung ausschließlich durch Eichungsämter ausgeübt wird.

Meterkonvention in Paris

Am 20. Mai 1875 haben 18 Kulturstaaten in Paris die Meterkonvention abgeschlossen. Die Mitgliedsstaaten unterhalten auf gemeinsame Kosten das „Bureau International des Poids et Mesures“ in Paris als ständiges Institut, das Kopien (Prototypen) der dort aufbewahrten Urmaße herstellt und an die Vertragsstaaten abgibt. In der Bundesrepublik Deutschland werden Kopien des Urmeters und des Urkilogramms bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig aufbewahrt.

Das metrische System, das 1871/72 im ganzen Deutschen Reich eingeführt wurde, fand seine Ergänzung durch offizielle Abkürzungen der gesetzlichen Längen-, Flächen- und Körpermaße, welche durch eine Verordnung des Bundesrates vom 8. Oktober 1877 vorgeschrieben wurden. Nach und nach verschwand auch in Deutschland die lästige Vielfalt an Maßen und Gewichten, wenn auch bei der Landbevölkerung einige dieser alten Maße bis heute erhalten geblieben sind, so beispielsweise der „Morgen“, wobei jedoch ein wesentlicher Größenunterschied besteht zwischen einem badischen, einem württembergischen oder einem preußischen Morgen. Auch das Ackermaß Jauchen“ oder Juchert“, die Bezeichnung für eine Fläche, die man mit einem Joch Ochsen an einem Tag pflügen kann, ist im südwestdeutschen Raum noch nicht völlig vorn metrischen System verdrängt worden.