Die Erbhuldigung und ein Besuch Kaiser Maximilians in Villingen (Dr. Dieter Speck)

oder wie ein alter Villinger der vorderösterreichischen Regierung aus der Klemme half

Ton Kaiser Maximilian, der Erbhuldigung und der vorderösterreichischen Regierung zu sprechen, scheint zunächst einmal nicht zusammenzupassen. Die Zusammenhänge sind auch in der Tat etwas verwirrend und nicht ganz einfach zu verstehen. Die Erbhuldigung auf Maximilian fand 1490 statt und zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine vorderösterreichische Regierung. Einen Einstieg in las Thema bietet auch nicht Kaiser Maximilian selbst, sondern überraschenderweise sein Urenkel, Erzherzog Ferdinand II., der Anlaß für die hier zu schildernde Episode wurde. Kaiser Maximilian tilgte nicht sein Sohn Philipp auf dem Thron lach, sondern unmittelbar sein Enkel Karl V., über dessen Reich die Sonne niemals unterging und der über Amerika, Spanien und das Deutsche Reich herrschte. Nach nur vier Jahren folgte diesem sein Bruder Ferdinand I., der 41 Jahre lang vorderösterreichischer Landesfürst war. Als Ferdinand I. 1564 starb, teilte er seinen Herrschaftsbereich unter seinen drei Söhnen auf und einer dieser Söhne, Ferdinand II., wurde Landesfürst in Tirol und in den vorderösterreichischen Landen (1564[595). Erst nach dieser sehr langen Regentschaft Ferdinands I. erfolgte also ein neuer Thronwechsel und eine neue Erbhuldigung. Dieser Regierungsantritt und diese Erbhuldigung sind die zentralen Ereignisse für den Bericht des Villinger Bürgers, der für die vorderösterreichischen Lande so wichtig wurde und der Ausgangspunkt dieses Beitrages ist. Ja bei den habsburgischen Herrschern die Erbhuldigung ein ganz besonderer, staatsrechtlich bedeutender Akt war, der von Landesfürst, Regierung, Ständen und Untertanen sehr genau beachtet wurde, ist es notwendig, zunächst einmal zu erläutern, was eine Erbhuldigung ist.!) Danach wird auf die Situation einzugehen sein, wieso der Vorgang der Erbhuldigung beim Thronwechsel zu Erzherzog Ferdinand II. nicht mehr bekannt war. Bei der Lösung dieses Problems spielte ein alter Villinger und sein anschaulicher Bericht über Kaiser Maximilian und dessen Besuch in Villingen eine große Rolle. Diese Schilderung war schließlich eine Grundlage für die Durchführung der Erbhuldigung in Verbindung mit dem großen Landtag in Freiburg, auf den ebenso wie auf den Einzug des Erzherzogs in seinen vorderösterreichischen Landen und die Umsetzung der Huldigung einzugehen ist.

Schon im frühen Mittelalter gab es verschiedene Formen der Huldigung und der Huldigungseide. Als die Reichsgewalt und die Macht des Königtums sank, wuchs in den aufsteigenden Territorialstaaten die Bedeutung der Huldigung. Das Grundverhältnis zwischen Territorialherr und Landesbewohnern wurde durch einen Treueeid begründet. Bei einem Regentenwechsel wurde er neu begründet und neu durchgeführt. Der typische Fall ist der Tod des Landesfürsten und die Thronbesteigung des Sohnes im Rahmen der Erbfolge, was im österreichischen Raum als Erbhuldigung bezeichnet wird. Der Erbhuldigungsakt erscheint dabei öffentlich als ein Vertragsverhältnis zwischen Herr und den Landständen, die das Land repräsentierten. Meist wurde den Landständen sogar das Recht eingeräumt, diese Erbhuldigung nur unter bestimmten Bedingungen und der Erfüllung von Forderungen durch den Landesfürsten leisten zu müssen.

Die Erbhuldigung bezeichnete in den habsburgischen Erblanden speziell den bedeutenden Rechts-und Staatsakt beim Regentenwechsel, der dementsprechend mit großem Zeremoniell durchgeführt wurde. Davon zu unterscheiden ist die jährliche Bekräftigung der Untertanentreue, die ebenfalls Huldigung genannt wurde. In jedem einzelnen der österreichischen Länder, Tirol, Kärnten, Krain, Nieder- und Oberösterreich wurde die Erbhuldigung in eigenständigen Festakten durchgeführt. In der territorialen Verschiedenartigkeit wurde die jeweilige Eigenständigkeit der einzelnen Länder gegenüber ihrem Landesfürsten zum Ausdruck gebracht. Mit der Erbhuldigung wurde wie in einer Art Grundgesetz das Verhältnis zwischen Landesherrn und Landleuten, das auf gegenseitiger Treuepflicht beruhte, gegründet. Die Landstände versicherten im Rahmen ihrer alten Verpflichtungen, dem Landesfürsten ihre Loyalität. Der Landesfürst seinerseits wiederum bestätigte die alten landständischen Rechte und beschwor, seine Landleute und ihre Rechte zu schützen und zu schirmen. Obwohl die Bedeutung der Erbhuldigung im 18. Jahrhundert sank und fast nur noch ein formaler Akt war, wurde sie weiterhin praktiziert. Letztmals wurde eine solche Zeremonie im österreichischen Kaiserreich im Jahr 1835 zelebriert.2)

Im Grunde war die Huldigung ein herrschaftskonstituierender Akt, der idealtypischerweise auf einem Geben und Nehmen von Untertanen und Landesfürst beruhte. Auf diesem Vertragscharakter der Erbhuldigung basiert auch die Theorie, daß es ein Widerstandsrecht gibt und dieses angewendet werden dürfe, sofern die Vertragsbedingungen nicht eingehalten würden. In der Realität wurden daher in den vorderösterreichischen Ländern, d.h. im engeren Sinne Elsaß, Sundgau, Breisgau und Schwarzwald, von den Landständen Beschwerden über Mißstände vorgetragen, die sogenannten Gravamina. Die Beschwerden hatte der Landesfürst entgegenzunehmen und als Voraussetzung für die Durchführung der Huldigung ihre Prüfung und gegebenenfalls auch ihre Abstellung zu versichern. Im Anschluß daran versprachen die Landstände die Huldigung.

Die drei konstitutiven Elemente der Erbhuldigung in den vorderösterreichischen Landen waren der Empfang des Landesfürsten, der Landtag und der Huldigungsumritt. Der Empfang des ankommenden Landesfürsten und seine Aufnahme durch die Landesbewohner war besonders wichtig, da er in der Regel in Tirol residierte und die vorderösterreichischen Lande nur noch zeitweise besuchte. Der Huldigungslandtag in Anwesenheit des Fürsten mit der Erbhuldigung der Landstände war das Aushandeln und Feilschen um die Leistung der Huldigung und unter welchen Bedingungen diese erfolgt. Der Umritt des Landesherren beziehungsweise seiner bevollmächtigten Kommissare mit der Entgegennahme des Huldigungseides aller Untertanen war der Abschluß des gesamten Erbhuldigungsvorganges.

Doch nun konkret zu den vorderösterreichischen Landen, den ursprünglich habsburgischen Stammlanden. Die Ursprünge der habsburgischen Dynastie lagen bekanntlich in der Gegend um die Habsburg bei Baden im Aargau und bei dem elsässischen Ottmarsheim. Noch zu Lebzeiten Ferdinands I. hatte dieser die Regelung getroffen, daß sein Sohn Ferdinand II. Landesfürst in Tirol und den vorderösterreichischen Landen werden sollte. Der kaiserliche Rat Lazarus von Schwendi, Herr von Kirchhofen, Triberg, von Hohenlandsberg und Kaisersberg im Elsaß usw., Verfasser zahlreicher bedeutender Denkschriften, Vordenker einer allgemeinen Wehrpflicht und der konfessionellen Toleranz, meldete sich wegen der bevorstehenden Erbhuldigung eindringlich zu Wort. Schwendi forderte im Juni 1563 den designierten Thronfolger Ferdinand II. auf, sich noch zu Lebzeiten seines Vaters der komplizierten Vorgänge der Erbhuldigung zu widmen. Für besonders wichtig erachtete Schwendi, daß der Erzherzog selbst in die vorderösterreichischen Lande kommen müßte, um so die Sympathien der Landesbewohner zu gewinnen. Speziell vor der mächtigen vorderösterreichischen Ritterschaft, der Schwendi selbst angehörte, und deren großem Einfluß warnte er den Erzherzog. Ein Besuch Ferdinands blieb aber dennoch aus. Als sein Vater Ferdinand I. am 25. Juli 1564 starb, wurden bei der kurz darauf erfolgten Testamentseröffnung erwartungsgemäß Erzherzog Ferdinand II. Tirol und die vorderösterreichischen Länder zugesprochen. Am 11. August 1564 wurde der Tod des alten und die Verkündigung des neuen Landesfürsten unter Glockengeläut den Untertanen publik gemacht. Langsam wurde die Antrittsreise des neuen Erzherzogs am Oberrhein vorbereitet, doch der Besuch verzögerte sich noch bis Herbst 1567.

Wie verlief nun eine solche Erbhuldigung? Die vorderösterreichische Regierung wußte es selbst nicht und versuchte es behutsam zu erkunden. Grund für die Probleme und das Wissensdefizit über den Ablauf der Erbhuldigung war die lange Regentschaft Ferdinands I. Die letzte Erbhuldigung lag 41 Jahre zurück und wurde 1523 auf Ferdinand geleistet. Über das ,Wie“ der Erbhuldigung hatte auch die vorderösterreichische Regierung in Ensisheim keinerlei klare Vorstellungen. Die Regierung hatte sich gegenüber ihrer vorgesetzten oberösterreichischen Regierung in Innsbruck und dem Hof entschuldigt, daß in ihrem Archiv aus der Zeit vor 1537 keinerlei Urbare, Saalbücher, Protokolle oder sonstige Akten vorhanden seien, woraus man den Vorgang der Erbhuldigung ersehen könnte. Sie hätten „…hie in der Cantzley und schlossgewelb etliche tag lanng mit ernstlichem Vleiß Nachsuechung gethan, aber die Erb- und Landtshuldigung betreffendt nicht anderst befunden…“ Dieser Sachverhalt ist dadurch erklärlich, daß erst Ferdinand den systematischen Aufbau einer Verwaltung und Regierung für die vorderösterreichischen Lande seit 1523 vorantrieb und in Ensisheim erst 1537 eine ordentliche Registratur aufgebaut wurde. Aus der Zeit davor war daher kaum etwas über die Erbhuldigung und ihren Verlauf herauszufinden.

Im Februar 1567 konnte die Ensisheimer Regierung der oberösterreichischen Regierung in Innsbruck aber dennoch eine kleine Erfolgsnachricht vermelden. In einem Villinger Bürger hatten der vorderösterreichische Regimentsrat Simon von Pfirdt und der Kanzler Dr. Wendel Arzt einen Zeugen der Erbhuldigung zur Zeit Kaiser Maximilians gefunden. Die Ensisheimer Räte legten daher sofort eine kurze Zusammenfassung des Augenzeugenberichtes ihrem Schreiben nach Innsbruck bei. Der Bericht schilderte einen Besuch Maximilians sowie das Empfangs- und Huldigungszere-moniell, das Modellcharakter für die späteren Erbhuldigungen in den vorderösterreichischen Landen erhalten sollte.3) Bei dem Zeugen aus Villingen handelte es sich laut Bericht um einen Bürger mit Namen Betz. Er war 86 Jahre alt und etwa 1481 geboren worden. Da er über 60 Jahre lang im Rat der Stadt Villingen gesessen hatte, war er auch für die Ensisheimer Regierung eine respektable Persönlichkeit und genoß hohe Glaubwürdigkeit. Wer war dieser Villinger namens Betz? Gemeint ist wohl Junker Jakob Betz, der Regierungsbericht selbst nennt ihn einen Villinger Patrizier. Seine Familie oder sogar noch er selbst stammte aus Überfingen am Bodensee. 1503 wird seine Herkunft „aus Überlingen“ im Zusammenhang mit Besitz in der Villinger Brunnengasse angegeben, 1509 wurde er im Bürgerbuch der Stadt geführt. Etwa 1503 hatte Jakob Betz, ungefähr im Alter von 22 Jahren, eine Tochter des Hans Keller geheiratet und schon fünf Jahre später war er Schultheiß der Stadt Villingen. Drei weitere Jahre später, im Jahre 1512, wird Betz als Besitzer einer halben Scheuer im Barfüßergässlein belegt. 1514, 1515, 1516 wurde Betz mehrmals als Alt-Schultheiß, d.h. als ehemaliger Schultheiß, und im Dezember 1516, 1518 und 1519 als Schultheiß genannt. Er saß aber nicht nur im Rat der Stadt, sondern die Urkunden und Akten nennen Betz 1523 Altbürgermeister, 1524 und 1525, also zur Zeit der Bauernkrieges, und zwischen 1526 und 1549 mindestens achtmal als Bürgermeister. Demnach war Jakob Betz etwa im Alter zwischen 48 und 68 Jahren die meiste Zeit Bürgermeister von Villingen.

Schon im Alter von etwa 32 Jahren (1513/1514) muß Jakob Betz ungewöhnlich vermögend gewesen sein, da er mehrfach als Stifter belegt ist, so beispielsweise als Stifter für das Siechenspital und dessen Spitalskaplan, eines weiteren Villinger Spitals einschließlich dessen Kaplan, einer Stiftung am St. Josefsaltar im Münster und an einer Kalaneistiftung der Brotbäcker. Mindestens zwischen 1529 und 1541 war er Pfleger und Finanzverwalter des Villinger St. Clara-Klosters und 1529 auch des Franziskanerklosters. Auch seine Nachbarschaft scheint auf vornehme und begüterte Bürger schließen zu lassen. Einer dieser Nachbarn war Lutz von Landau, dessen Bruder Georg von Landau kaiserlicher Rat Karls V. und Pfandherr von Freienstatt und Triberg im Schwarzwald war. Betzens Garten und wohl auch sein Haus stieß an das Landausche Grundstück, das ganz in der Nähe des Rietturmes und der Rietstraße lag. 1544 wurde Betz auch in der Steuerliste für den Türkenkrieg genannt.

Für Jakob Betz war vom kaiserlichen Hofgericht in Rottweil 1516 ein Geleitbrief auf Bitten verschiedener hochrangiger Persönlichkeiten der Stadt ausgestellt worden, was bedeutet, daß Betz offenbar auch in offuzieller Mission für Villingen mit Reisen und Gesandtschaften tätig war. Hierzu paßt auch, daß Betz als Schiedsrichter neben anderen niederen Adligen in einem Streitfall zwischen Friedrich Graf von Fürstenberg und zwei Villinger Bürgern schlichten sollte. Im Bauernkrieg hatte Betz zudem die nicht einfache Aufgabe, mit Georg Truchsess von Waldburg, dem sogenannten Bauernjörg, Christoph Fuchs von Fuchsberg und Dr. Frankfurter einerseits und den aufständischen Bauern andererseits zu verhandeln. Ziel war es, die Bauern zu einem Rechtsstreit vor einem ordentlichen Gericht zu bewegen. Bei solch herausgehobener Position, ist es nicht ungewöhnlich, daß Betz selbst auch mehrfach in Streitereien verwickelt war, beleidigt und beschuldigt wurde. In einem Fall wurde er sogar bezichtigt, die Markungssteine des Friedhofes versetzt zu haben. 1530 hatte Jakob Betz sogar die ehrenvolle Aufgabe auf dem Reichstag zu Augsburg den von König Ferdinand I. ausgestellten Wappenbrief für Villingen entgegennehmen zu dürfen und ihn nach Villingen zu bringen.4)

Doch nun zurück zum Huldigungsbericht des Jakob Betz. Der Villinger Rat Betz hatte aus seiner Erinnerung von der Ankunft und dem Einritt der österreichischen Landesherren und der Durchführung der Erbhuldigung erzählt. Als acht- oder neunjähriger Junge habe er zum ersten Mal den Einritt von Kaiser Maximilian in Villingen miterlebt, insgesamt sei Maximilian drei mal in der Stadt gewesen. Maximilians erster Besuch fand 1490 statt, als er die tiroler und vorderösterreichischen Lande von seinem Vetter Sigmund von Tirol übernommen hatte. Sigmund hatte einen glücklosen, kostspieligen und verlustreichen Feldzug gegen die Stadt Venedig geführt und hatte seine Landstände als erbitterte Gegner. Schon 1487 hatten diese Sigmund eine Art ständische Vormundschaftsregierung aufgezwungen und drei Jahre später hatten sie ihn sogar ganz abgesetzt. Friedrich III. und sein Sohn Maximilian waren nicht nur die Nutznießer der Absetzung Sigmunds, sondern hatten auch handfest mitgeholfen und zusammen mit den Landständen intrigiert. Einer der Drahtzieher war Dr. Conrad Stürtzel von Buchheim, einer der ersten Professoren der Freiburger Universität, dann Tiroler Kanzler Sigmunds, dann Kanzler Maximilians und schließlich sogar als Reichsvizekanzler einer der mächtigsten Männer der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Maximilian konnte also auf vorderösterreichische Helfer und Wegbereiter bauen, als er 1490 zur Huldigung in seinen Vorlanden einritt. Diese Machtübernahme hatte Betz als kleiner Bub in Villingen miterlebt. Anläßlich der Huldigung war Maximilian am 31. Mai 1490 in Freiburg eingezogen, was auf seinen Besuch in Villingen kurz zuvor schließen läßt, da die übliche Reiseroute über Villingen nach Freiburg führte und die Reisezeit für diese Strecke normalerweise ein bis zwei Tage betrug. Später sei Maximilian noch zwei mal in Villingen gewesen. Einmal wisse er, Betz, es nicht mehr so genau, wann es gewesen sei. Das dritte Mal sei es im Schweizerkrieg 1499 gewesen, als Maximilian mit elf Fürsten und Churfürsten in der Stadt eingeritten sei.

Zum Reichstag in Freiburg, der 1497/98 stattfand, kam Maximilian nochmals in die Vorlande und traf am 18. Juni abends in Freiburg ein und blieb dort bis Ende Juni. Auf dem Hin- und Rückweg könnte Maximilian wiederum in Villingen gewesen sein. Die andere Möglichkeit, sofern es Betz nicht verwechselte, war im Juli 1499. Der Kaiser war im Zusammenhang mit den Kriegsvorbereitungen am 22. April 1499 nach Freiburg gekommen, zeitweise in Ensisheim gewesen und reiste Mitte Juli über Villingen nach Konstanz weiter. Betz berichtet zwar, daß der Kaiser während des Schweizerkrieges in Villingen war, doch seine Begleitung von Chur- und Reichsfürsten macht auch einen Zusammenhang mit dem kurz zuvor abgehaltenen Reichstag möglich. Eine Verschmelzung beider, nicht einmal ein ganzes Jahr auseinanderliegender Ereignisse, wäre durchaus möglich und Betz nachzusehen. 1492 und 1510 hielt sich Maximilian nochmals am Oberrhein auf, wobei unklar ist, ob er auch in Villingen war.5)

Wie lief aber der Besuch Maximilians bei der Erbhuldigung im Jahr 1490 ab? Als Maximilian nach Villingen kam, sei ihm die Stadt, worunter man eine offizielle Delegation, bestehend aus Stadtoberhäuptern und Magistrat zu verstehen hat, entgegengegangen, berichtet Betz. Man wird sich vorstellen können, daß dieses Ereignis von einer großen Menge Schaulustiger verfolgt wurde. Schließlich kamen bis dahin nur sehr selten Kaiser oder habsburgische Landesfürsten nach Villingen. nebenbei erfährt man auch, daß Betz damals ein Schüler war, was durchaus nicht ganz selbstverständlich war in einer Zeit, als eben nicht alle Kinder den Schulbesuch genießen konnten. Man darf daraus schließen, daß wohl der vornehme Stand und das Familienvermögen dem kleinen Jakob eine Ausbildung, vermutlich an einer Lateinschule, ermöglicht hatten.

Als sich Kaiser Maximilian, wie Betz berichtete, 1490 der Stadt näherte und er die Delegation der Stadt Villingen erblickt hatte, lief der Empfang ganz dem üblichen Ritual entsprechend ab. Der Kaiser stieg vom Pferd, kniete nieder und hielt ein kurzes Gebet. Das schwarze Pferd des Kaisers und dessen Samtkleidung, ein knielanger Rock, auf dem Kopf ein großer Hut mit weißen Federn, wie ihn eben nur hoher Adel zu tragen berechtigt war, hatten Betz derart beeindruckt, daß ihm das noch fast siebzig Jahre später im Gedächtnis haftete. Nach dem Gebet erhob sich der Kaiser und ging zu Fuß dem Sakramentskästlein entgegen, das ihm Michael von Reischach, der Pfarrherr des Villinger Münsters, entgegengetragen hatte. Dann kniete Maximilian vor dem Sakrament ein zweitesmal nieder und ging anschließend Seite an Seite mit Michael von Reischach in das Villinger Münster. Als Gastgeschenk erhielt der Kaiser von der Stadt einen Wagen mit Wein und einen zweiten Wagen mit Hafer.

Vom Bericht des Jakob Betz, wie ihn der vorderösterreichische Regierungsrat Simon von Pfirdt niederschrieb, sind also nur einige wichtige Kernpunkte der Huldigung bekannt, nicht jedoch der gesamte Ablauf. Aus den Bruchstücken der maximilianischen Huldigung, aus den problematischen Verhandlungen um die Erbhuldigung der Jahre 1520 und 1523, das reichhaltige Programm und die Nachrichten von der Durchführung aus dem Jahr 1567 bzw. 1569 läßt sich der Vorgang jedoch gut rekonstruieren. Der Bericht des Jakob Betz ist aber nicht nur eine Erinnerung eines alten Mannes, sondern auch die Grundlage für die Durchführung der Erbhuldigung Ferdinands II. im Jahre 1567, also für einen Staatsakt. Der Bericht des Jakob Betz wurde somit zu einem Leitfaden für den ersten Besuch des Erzherzoges in seinen vorderösterreichischen Landen und für die Durchführung der Erbhuldigung.

Über die Ankunft Erzherzog Ferdinands in Villingen schreibt Veltin Ringlin in seiner Chronik lapidar die Sätze: „In dem 1567. jar ist fürseiche] D[urchlaucht ertzherzog Ferdinandus von Österreich] alhie eyngeritten auf samstag vor Simon und Judä (25. Oktober – wobei der Chronist sich gegenüber dem Reiseplan wohl um einen Tag geirrt hat) mit 400 pferden, ist zue St. Johanni gelegen. Freytag darnach (31. Oktober) wider alhie zu Villingen eingeritten. „6) Der Erzherzog war am 15. Oktober 1567 von Innsbruck aus aufgebrochen und traf am 26. Oktober in Freiburg ein, wo der Erbhuldi-gungslandtag stattfand. Außer der Tatsache, daß Ferdinand in Villingen Zwischenstation einlegte und hier übernachtete, sind keine Quellen über die Villinger Ereignisse bekannt. Es ist anzunehmen, daß er damals wegen der Größe und des Komforts das Franziskanerkloster als Unterkunft gewählt hat. Wie man sich den Ablauf seiner Ankunft und den Aufwand vorzustellen hat, wird aus den Berichten über den Besuch Maximilians 1490 und über den Aufenthalt Ferdinands II. in Freiburg vorstellbar. Vor seiner Reise hatte der Innsbrucker Hof die Beschaffenheiten der oberrheinischen Lande sondiert und es wurden die Orte taxiert, welche für einen Zwischenaufenthalt oder eine mehrtägige Residenz geeignet waren. Der Bericht kam im Grunde zu einem niederschmetternden Urteil: Es gäbe zwar viele und meist landschaftlich reizvoll gelegene, aber nur sehr kleine Städte am Rhein, die Hauptstadt Ensisheim sei für eine Residenz völlig ungeeignet. Aber, bemerkt der Innsbrucker Bericht, „… Villingen ist ain schöne statt auf dem Schwarzwald … Es hat um dise revier gar kain gelegenhait, das ain landtsfürst ainige ordinari residenz oder hofhaltung alda suechen und gebrauchen möchte; allein wann ir durchlaucht aus dem landt zu Schwaben über den Schwarzwald in das Elsaß und Preysgew raisen würden, so möchte ir durchlaucht Villingen haimbsuechen und alda ir durchlaucht leger nehmen, und darinnen stattlichen und wol underkomen.“ Beste Möglichkeit für einen Aufenthalt sei aber Freiburg. „Die statt Freyburg im Preyßgew ist ein zimbliche, schöne, wolerpawne Statt, alda auch in diser Statt ain Universität oder Hohe Schuel ist. Daselbs möcht ain Landsfürst wol je zu Zeiten sein Residenz halten…“7)

Die Reise eines Fürsten war immer auch ein Organisations- und Logistikproblem. Der Hofstaat Ferdinands umfaßte mehr als 200 Personen, auf Reisen bestand er sogar aus einem Gefolge von mehr als 500 Menschen. Achtzig Jahre früher kam Maximilian I. einmal sogar mit einem Troß von 700 Personen nach Freiburg. Lange im Voraus schon planten die Behörden deshalb die Reiseroute, die Quartiere und die Versorgung. Die Reiseroute mußte sich nicht nur an den Straßen und Unterkünften orientieren, sondern war auch darauf bedacht, allen Epidemien und sterbenden Läufen, wie man die Pest nannte, aus dem Wege zu gehen, um den Landesfürsten nicht zu gefährden. Aus diesem Grunde wurde 1567 der ursprüngliche Reiseweg entlang des Bodensees gemieden. Schließlich wurde die fast klassische Route von Innsbruck über Telfs, Reute, Leermoos, Vils, Nes-selwang, Leutkirch nach Waldsee, Wangen, Meßkirch, Tuttlingen, Villingen, Waldkirch nach Freiburg gewählt. Die Reise dauerte elf Tage, der Aufenthalt in Freiburg eine Woche.

Der Hofquartiermeister war dem Erzherzog vorausgereist und nahm den Ort in Augenschein, wo sein Fürst Quartier nehmen sollte und wo die Pferde und Kutschen unterzubringen waren. Als Quartier diente Ferdinand II. in Freiburg das Haus zum Walfusch. Für weitere vornehme Gäste wurden die Häuser des Adels herangezogen, namentlich wird mehrfach als Herberge der Basler Hof, das Stürzelsche Stadtpalais und heutige Regierungspräsidium genannt. Für andere angesehene Gäste waren die Freiburger Wirtshäuser, namentlich der Wilde Mann, Storch, Schnecken, Span-hart, Kiel, Salmen, Ochsen, Bären, Schwert, Löwen und Schnabel eingeplant.

Doch nicht nur der Erzherzog mit seinem Gefolge war unterzubringen, sondern auch die Ensishei-mer Regierung und die Stände, die zum Huldi-gungslandtag nach Freiburg kamen. Dazu zählten etwa 30 Städte und Landschaften mit ihren Deputierten, etwa 60 Prälaten und annähernd 200 Rit-terstandsglieder. Zwar erschienen zu gewöhnlichen Landtagen oft nur die Hälfte der Ständevertreter, doch war bei einem Huldigungslandtag mit wesentlich mehr Teilnehmern zu rechnen. Neben dem Erzherzog, seinem Hofstaat, den Landständen und deren Begleitern waren zusätzlich noch deren Gesinde, Diener, Pferde und Kutschen zu versorgen. Vom Adel hatten die Grafen von Tübingen und die Herren von Rappoltstein mehr als ein Dutzend Begleiter, die anderen Adligen meist drei oder vier Begleiter jeweils samt Diener, Mägden und Pferden, so daß man von einer Menschenmenge von über 1.000 Personen ausgehen kann, die sich zusätzlich in der Stadt aufhielten. Für den Reisezug Ferdinands waren meist mehr als 500 Pferde und mehr als 50 Kutschen und Wagen im Einsatz. Es wundert daher nicht, daß die ganzen Straßen Freiburgs mit Unterkünften und Stallungen vollgestopft waren und sich kaum noch jemand in der Stadt bewegen konnte. Die Gäste entsprachen etwa 15 bis 20 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung. Wie sich die Menschenmassen des Hofstaates über das wesentlich kleinere Villingen ergossen haben, kann man sich nur in den buntesten Farben ausmalen.

 

Das große höfische Schauspiel in der Provinz, die kaum einmal einen Landesfürsten zu Gesicht bekam und der große Huldigungslandtag in Freiburg waren ein Spektakel ohne gleichen. Überall in den Straßen waren Ställe und Buden aufgebaut, drängten sich die Menschenmassen, waren Berge von Mist und Exkrementen. „Die Stadt ist zimblich groß, aber wegen der Stallung gar eng, dermassen, daß das Hesind mueß mit schlechtem fur guet nemben.“ Ferdinands II Vater, Kaiser Ferdinand, var fünf Jahre zuvor ein gedeckter Gang vom weiten Stock des Hauses zum Walfusch nach St. Martin errichtet worden, so daß er ungestört und unbemerkt die Kirche besuchen konnte, ohne durch den Mist waten zu müssen.

Auch die Versorgung dieser großen Menschenmenge war ein Problem. Auf den überlieferten Speiseplänen standen Rind- und Schweinefleisch, (Kalb, Kuchen, Pomeranzen, Safran, Pfeffer, Rosinen, Bratfisch, Stockfisch, Heringe, Spanferkel, Hühner, Kapaunen, Wildbret, riesige Mengen Schwarz- und Weißbrote, Speck, Weine und immer wieder Kuchen, Kuchen, Kuchen und ;üßspeisen. Der Speiseplan Ferdinands sah schon um Frühstück Hühner- und Fleischbrühen mit Eierspeisen vor, tagsüber dominierte der Fleischkonsum mit großen Mengen Wein, es gab oft 5 bis Mahlzeiten. Täglich verzehrte allein der Hofstaat vier- bis fünfhundert Pfund Fleisch. Damit verbunden waren natürlich immense logistische Probleme, da die Lebensmittel aus einem Umkreis an mehr als 50 km herantransportiert werden mußten, um Preisanstiege und Inflation wenigtens etwas zu dämpfen. Ein Streitpunkt zwischen Ensisheimer Regierung und den vorderösterreichischen Landständen, bestehend aus den Korpora der Prälaten, des Adels und dem dritten Stand aus Städten und Landchaften, war der Verlauf der Erbhuldigung wegen [er man Jakob Betz so eindringlich befragt hatte. )Die Innsbrucker Hofbehörden wünschten zunächst einen Empfang des Landesfürsten an der Landesgrenze, wie es in Tirol üblich sei. Die vorderösterreichischen Stände lehnten einen Vergleich mit Tirol aber entschieden ab und beharrten auf ihren eigenständigen Traditionen. Schließlich wurde eine Kompromissformel gefunden. Eine Abordnung aus den Landständen zog dem Erzherzog einen Tagesmarsch entgegen und empfing ihn bei Waldkirch im Elztal, einen Tag nachdem er in Villlingen Station gemacht hatte. Die Ritterschaft stellte für das Empfangskomitee schließlich schon allein eine Deputation von 50 Reitern, zusammen mit der Regierung und anderen waren es etwa 110 Berittene. Anführer waren die ranghöchsten Ritterstandsglieder Konrad Graf von Tübingen als Sprecher der drei Stände, begleitet von Egenolf von Rappoltstein und Vertretern der Familien Mörsperg, Hattstatt, Andlau, Landeck, Schönau, Schauenburg u.v.a. Doch wollte der Hof nichts dem Zufall überlassen und verlangte, den Text der Reden schon vorher vorgelegt zu bekommen und so vor unliebsamen Überraschungen geschützt zu sein. Die Ritterstandsglieder begleiteten den Erzherzog bis vor die Stadt, wo er vor den Toren von allen Prälaten und Klerikern der Stadt, einschließlich des Basler Domstifts und der Universität empfangen und unter Glockengeläut ins Münster geleitet wurde. Dieser Zug sollte genauso durchgeführt werden wie eine Fronleichnamsprozession. Nach dem Absteigen von seinem Pferd, trat der Erzherzog auf einen von zwei Bürgern ausgebreiteten Teppich. Dann erhielt er vom Empfangskomitee erneut Geschenke, darunter auch eine „Verehrung“ aus Wein von der Universität. Unter einem Baddachin konnte er in die Stadt gehen. Wie bei seinem Vater dürfte vom Freiburger Schloßberg aus Salut geschossen worden sein.

Johann Ulrich Zasius, Propst zu Oelenberg im Elsaß und Sohn des berühmten Humanisten und Rechtsgelehrten Ulrich Zasius, hielt im Namen der Prälaten die Reverenzrede, während der Abt von St. Blasien als ranghöchster Prälat dem Fürsten ein Kreuz zum Kuß entgegenhielt. Im Anschluß daran formierte sich die Prozession und zog unter lateinischen Gesängen ins Münster, die Stadttore wurden geschlossen und Glocken läuteten. Beim Betreten des Münsters gingen die Kleriker voraus und stellten sich im Chor als Spalier auf, durch das Ferdinand zu seinem erhöhten Stuhl neben dem Altar hindurchschritt und Platz nahm. Danach stimmte der Abt von St. Blasien das Te Deum laudamus an, die Orgel antwortete mit dem Te Deum confitemur und die vollständige Liturgie eines Festgottesdienstes folgte. Man kann sich so auch den Empfang Maximilians vor Villingen und dessen Gang ins Villinger Münster plastisch vorstellen, wie ihn auch Jakob Betz berichtete.

In Freiburg begann am darauf folgenden Tag der eigentliche Landtag mit dem Vortrag der Proposition des Erzherzogs, d.h. seinen den Vorgaben und den Tagesordnungspunkten. In der Regel trug diese der Hofkanzler vor, während der Landesfürst in seinem Sessel saß und die Stände stehend zuhörten. Anschließend traten die Ausschüsse zusammen, berieten und verhandelten, teilweise zusammen, teilweise nach Ständen getrennt. Auf dem Landtag, bei dem es nicht nur um die Huldigung ging, forderte der Erzherzog auch Steuerzusagen und die Übernahme seiner Schulden. Vor einer finanziellen Zusage machten die Stände aber die Abstellung ihrer Beschwerden zur Bedingung der Erbhuldigung. Schließlich bewilligten sie mit einer Steuersumme von 200.000 Gulden und einer Schuldenübernahme von weiteren 400.000 Gulden nur etwa die Hälfte der geforderten Summe. Die Stände versprachen dem Erzherzog auf dem Freiburger Landtag auch eine Zulage von 20.000 Gulden für seinen Hofstaat. Dennoch kritisierten sie heftig seine aufwendige Hofhaltung. So nützten ihre Steuerbewilligungen und Schuldenübernahmen wenig, wenn er nicht dafür sorge, daß die Ursachen für seine Verschuldung und seine Finanznöte abgestellt würden. Dazu sei es unbedingt erforderlich „… namblich die unordentlich und überflüssig Hufhaltung, Pracht und anders Verhietung thäte…“. Da jedoch Ritterschaft und Prälaten „…den Fuchs nit beissen noch der Sau die Schellen anhenken…“ wollten, wie das Landtagsprotokoll vermerkt, gab der dritte Stand schließlich resignierend nach. Letztendlich waren auch die Stände von der Notwendigkeit eines repräsentativen Auftretens ihres Landesfürsten Ferdinand überzeugt. Wie berechtigt die Kritik der Stände an den Hof-haltungskosten waren, zeigen die Unkosten der Reise Ferdinands zum Landtag, die mit 100.000 Gulden dem gesamten vorderösterreichischen Steueraufkommen von zweieinhalb Jahren entsprachen. Ein wahrhaft fürstlicher Besuch. Erzherzog Ferdinand war den Vorderösterreichern nicht nur lieb, sondern auch sehr teuer.

Die Stände versicherten auf dem Landtag aber auch ihre Treue zum Haus Österreich durch ihre Huldigung. Die landesfürstlichen Kommissare versuchten vergeblich, die Stände zum gleichen Huldigungszeremoniell wie in Tirol zu drängen. Die vorderösterreichischen Prälaten und die Ritterschaft lehnten das aber ab und betonten, daß sie als Stand gerade keine Huldigung, weder Eid noch Gelübde, noch in anderer Form leisten mußten. Die Prädaten, die als erster und vornehmster Stand galten, legten als landständisches Korpus keinen Huldigungseid ab, sondern nur jeder einzelne Prälat erbrachte für sich selbst bei Antritt seines Amtes eine Verpflichtung. Dabei legte er die Hand auf das Evangelium und schwor für sich selbst, bei Notlagen des Landes oder im Kriegsfalle zu Hilfen bereit zu sein und diese Verpflichtung schriftlich niederzulegen. Auch die Ritterschaft schwor als Stand keinen Huldigungseid, sondern jedes Glied ging nur für sich als Amtmann, Diener oder Lehensmann des Hauses Habsburg bestimmte Verpflichtungen ein und leistete dafür einen entsprechenden Amts- oder Treueeid. Die Ensisheimer Chronik beschrieb dies so, daß vom Ritterstand die Räte als Räte, die Pfandherren gemäß ihrem Pfandbrief, die Lehensleute ihrem Lehensherrn, die Amtleute als Amtleute und die ohne Lehen als Landsassen geschworen hätten. Diejenigen ritterständischen Glieder ohne unmittelbare Dienst oder Lehensverbindungen verpflichteten sich also ohne Eid nur dazu, ihren guten Willen gegenüber dem Landesfürsten zu zeigen und ihn als ihren Landesfürsten anzuerkennen.

Prälaten und Ritterschaft leisteten also als landständische Korpora keinen Erbhuldigungseid, was für sie nach Ausbildung der Reichsritterschaft umso bedeutender war, da ihnen auf diese Weise der Zugang zu Ritterorden und zahlreichen Stiften erhalten blieb. Durch diesen Status war die vorderösterreichische Ritterschaft protokollarisch der freien Reichsritterschaft gleichgestellt. Der Adel konnte daher mit Fug und Recht behaupten, daß sie sich dem Hause Habsburg nur freiwillig unterstellt hätten und daher zu nichts verpflichtet seien. Das heißt auch, daß die Habsburger kein Recht hätten, Ansprüche an sie zu stellen, sondern sie die vorderösterreichische Ritterschaft nur bitten dürften.

Beim dritten Stand der Städte und Landschaften gab es keine Diskussion über die Huldigung an sich, da für alle Beteiligten der Huldigungsakt nie in Frage stand. Dennoch wurde auf dem Landtag eingeräumt, daß die Städte, Ämter und Landschaften auf sehr unterschiedliche Art und Weise von Österreich erworben worden waren und daher unterschiedliche Huldigungsarten und -modalitäten üblich seien. Aus diesem Grund wurde die Huldigung eben nicht zentral an einem Ort vollzogen, sondern mußte nach den individuellen Gegebenheiten abgestimmt und durchgeführt werden. Es wurden Kommissare ernannt, die durch die Lande reisten und von jeder Stadt und Landschaft die Huldigung in der alten, gewohnten Form entgegennehmen sollten. Dennoch gab es für den dritten Stand allgemein verbindliche Formen der Huldigung. Die wichtigste ist die Formel, die beim Huldigungsumritt zu leisten war und die im 6. Jahrhundert standardisiert gewesen zu sein scheint. Dieses Paradoxon – unterschiedliche Erbhuldigung, aber weitgehend einheitliche Eidesformel – steht symbolisch für den Stand der Entwicklung Vorderösterreichs, das einerseits als ein Territorialstaat erscheint, andererseits aber als Torso .einer Territorialstaatsbildung wirkt.

Im Anschluß an den Landtag im Oktober und November 1567 sollten Hans Melchior Heggezer und Melchior von Schönau auf dem rechtsrheinischen Gestade, d.h. im Breisgau und auf dem Schwarzwald, den Erbhuldigungsumritt führen. Doch tatsächlich fand der Umritt erst zwi-chen dem 19. Juni und dem 12. Juli 1569 statt. Es hatte offensichtlich längeren Klärungsbedarf und zahlreicher Instruktionen aus Innsbruck bekifft, bis der Umritt mit 20 monatiger Verspätung umgesetzt wurde. Nachdem die Kommissare ihre Ankunft angekündigt hatten, mußte „…die oberkeith und alle ihre burger, hindersassen und haußheblich inwohner, auch deren sun und knaben, so dz 16 jahr ihres alters erricht, uff bestümpte, angesetzte Zeith an hier zue gelegnen und genugsamben orth beyeinander versambt vor uns erscheinen und ihrer fürstlichen Durchlaucht etc. unser ferner erfordern und fürhalten die erbhuldigung, wie sich gebührt und zuthun schuldig, erstatten.“8) Die Kommissare begannen den Erbhuldigungsumritt am 19. Juni 1569 in Waldshut, nahmen die Huldigung im Hochschwarzwald und dem Hochrhein entlang entgegen, zogen dann von Süden nach Norden durch den Breisgau, schließlich über Freiburg, das Elztal und Triberg nach Villingen. In Villingen fand der Huldigungsakt am 10. Juli 1569, morgens um 6 Uhr in der Barfüßerkirche statt. Tags darauf fand die letzte Station in Bräunlingen statt, das kurz zuvor ein heftiges Gewitter heimgesucht hatte und in dem über zwanzig Stadthäuser niedergebrannt waren.

Grundsätzlich kann man sagen, daß zur Huldigung alle männlichen Einwohner über 16 Jahre, was gleichbedeutend mit der Gesamtzahl aller Wehrfähigen ist, verpflichtet waren. Fremde und Dienstboten wurden zur Vermeidung von Unruhen bei solchen Versammlungen nicht zugelassen, sondern gesondert in die Pflicht genommen. Ausnahmen, die keine Erbhuldigung leisten mußten, waren die Hintersassen von Ritterstandsgliedern oder Prälaten, die nicht als unmittelbar österreichische Hintersassen galten. Die Uhrzeit richtete sich nach den Gegebenheiten, jedoch war die Wahl eines Ortes mit sakraler Bedeutung, wie z.B. in Villingen im Franziskanerkloster, sicherlich nicht zufällig. Daneben stand der pragmatische Gesichtspunkt im Zentrum, daß der Rechtsakt meist im Rathaus, für die benachbarten Herrschaften oft unmittelbar vor den Stadtmauern oder auf den Burgmatten stattfand. Selbst bei einer derart minutiös geplanten Unternehmung dauerte der Umritt noch etwa drei Wochen.

Im Zusammenhang mit der Eidesleistung hatten die Kommissare die alten Rechte zu bestätigen und die einzelnen Orte hatten das Recht, Bittschriften zu übergeben, damit beispielsweise bestimmte Beschwerdepunkte beseitigt würden. Die Form der Eidesleistung geschah mit aufgereckten Fingern oder Händen. Damit entsprach der Huldigungseid der häufug verbreiteten Art der Eidesleistung auf Reliquien oder geweihte Gegenstände, die entweder direkt mit der erhobenen Hand berührt wurden oder dennoch zumindest symbolisch diesen Gehalt hatten. Unterstützt wurde der Sachverhalt durch die Bekräftigung der eidesinhärenten Formel auf Gott und die Heiligen, manchmal sogar unter Glockengeläut. Man muß sich also vorstellen, daß sich an diesem 10. Juli 1569 alle männlichen Einwohner Villingens über 16 Jahre morgens um 6 Uhr in der Barfüßerkirche und davor versammelt hatten, um ihren Huldigungseid zu schwören. Der Wortlaut dürfte dem Villinger Bürgereid sehr ähnlich gewesen sein: „… und will laisten alle die recht, die ain burger von rechts wegen laisten soll, meiner gnädigsten herrsche von Österreich alls getrew und alls hold zu sein alls ander ire burger one alle gevärde. Das bitt ich mir got zu helfen und alle hailigen.“9)

Der Villinger Jakob Betz hat somit der Ensisheimer Regierung alle die Teile der Erbhuldigung, an denen er teilnahm, berichten und den Regimentsräten aus der Klemme völliger Unkenntnis helfen können: Beim Ablauf des Fürstenempfangs vor der Stadt mit dem Sakrament, der Gang zur Kirche und das Te Deum. Den Landtag hatte der kleine Betz nicht erwähnt, da er ihn nicht besucht hatte. Den Eid der Bevölkerung konnte der Bub Betz auch nicht kennen, da er noch unter 16 Jahre alt war und nicht daran hatte teilnehmen dürfen. Doch Betz wußte sehr wohl, daß auch die letzte Huldigung unter den Kommissaren Christoph Fuchs und dem Abt von Salem am Ende ihres Huldigungsumrittes 1523 im Barfüßerkloster durchgeführt worden war.

Der Bericht des Jakob Betz war also eine große Hilfe für die Ensisheimer Regierung für die Organisation und die Planung der geschilderten Erbhuldigung Erzherzogs Ferdinand, die offensichtlich ebenso wie zur Zeit Maximilians ablief. Darüber hinaus ist noch eine kleine Schlußbemerkung aus dem Bericht des Jakob Betz im Zusammenhang mit seinem Bedauern nachzutragen, daß Erzherzog Ferdinand keinen längeren Zwischenaufenthalt in Villingen genossen habe: Maximilian habe sich bei seinem Aufenthalt 1490 in Villingen und Umgebung noch entspannt und sich sehr wohl gefühlt. Der Jagdfreund Maximilian sei damals seiner Leidenschaft der Beizjagd mit Greifvögeln entlang der Donau und der Brigach nachgegangen. Schließlich habe er sogar noch den Schützen etwas Geld gegeben, weil sie die Enten nicht selbst geschossen hatten und diese ihm so für sein Jagdvergnügen geblieben waren.

Literaturhinweise:

1) Grundlegender Beitrag und Basis mit weiterführenden Archivalien- und Sekundärliteraturhinweisen ist: Dieter Speck, Die vorderösterreichischen Landstände. Entstehung, Entwicklung und Ausbildung bis 1595/1602, 2 Bände, Freiburg 1994, insbesondere die Kapitel S.189-217 und S. 300-324.

2) F. Klein-Bruckschwaiger, Erbhuldigung, in: Handwörterbuch der Rechtsgeschichte Bd. 1, 1971, Sp. 965-966.

3) Generallandesarchiv Karlsruhe 79/1691

4) Hans Josef Wollasch, Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen, Band I – Urkunden, Band II – Akten und Bücher, Villingen 1970-1971, insbesondere die Nrn. 850 (1503 Dez. 24), 895 (1508 Juli 5), 896 (1508 Aug. 14), 958 (1514 Febr. 9), 975 (1515 Nov. 5), 978 (1516 März 3), 990 (1516 Dez. 6), 1018 (1518 Nov. 18), 1055 (1521 Febr. 14), 1107 (1525 Febr. 3), 1185 (1529 Jan. 13), 1196 (1529 Juni 10), 1308 (1535 Apr. 23), 1347 (1538 Juli 24), 1381 (1541 Juni 23), 1449 (1548 Aug. 1), 1452 (1549 Apr. 2), 1976 (1514 Nov. 2), 1978 (1516 März 24 – 1517 Apr. 23), 2946 (1509). Julius Kindler von Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch, Heidelberg 1898 Bd. 1, S. 70 f. Darüber hinaus danke ich dem Stadtarchiv Villingen, insbesondere Dr. Maulhardt, für die freundliche Unterstützung und für die Auskünfte aus dem Nachlaß Gustav Wahrer.

5) Paul Revellio, Villingen, Bräunlingen und die Herrschaft Triberg, In: Friedrich Metz (Hrsg.), Vorderösterreich. Eine geschichtliche Landeskunde, Freiburg 1967, 5.467-489, insbes. 5.470 geht sogar von sechs Besuchen des Kaisers in Villingen aus, ohne daß jedoch seine Quellenbelege nachvollziehbar wären.

6) Franz Josef Mone, Villinger Chronik, in: Quellensammlung der Badischen Landesgeschichte Bd. II, Karlsruhe 1854, S. 80-118.

7) Otto Stolz, Geschichtliche Beschreibung der ober- und vorderösterreichischen Lande, Karlsruhe 1943, bes. S. 154E

8) Stadtarchiv Freiburg C 1 Landstände 10.

9) Christian Roder, Villingen, in: Oberrheinische Stadtrechte, zweite Abteilung: schwäbische Rechte, erstes Heft, hrsg. von der Badischen Historischen Kommission, Heidelberg 1905, S. 136.

 

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