Wenn Steine reden könnten… einige Villinger Gebäude und ihre Geschichte (Ute Schulze)

Wenn Steine reden könnten, könnten sie viel Heiteres, aber auch viel Tragisches erzählen. Als stumme Zeugen vermitteln uns Häuser dennoch vieles. Ihre ganz individuellen Geschichten stehen im Zusammenhang mit historischen Entwicklungen und Ereignissen.

Alte Gebäude für neue Zwecke zu nutzen, kann läufig ihre Erhaltung retten. Laut Gemeinderatsbeschluß vom 16. Oktober 1991 steht die gesamte Villinger Innenstadt innerhalb des Mauerrings Inter Denkmalschutz.

Die Gestaltung der Bauten drückt auch immer eilen Zeitgeschmack aus. Ob nun Gotik, Barock, Gründerzeitformen oder Jugendstil, alle haben in Villingen ihre Spuren hinterlassen. Bei Neubau nach Abriß ging zwar einiges verloren, aber dennoch ist noch vieles zu entdecken und seien es nur Bauteile wie Erker, die es in Villingen reichlich gibt.

Wenn man durch die Villinger Innenstadt geht, sieht man gerade an den Haupt-Straßenachsen Schaufenster, Reklame und Warenstände, kurz das, was die moderne „City“ überall bietet. Schaut man jedoch nur eine Etage höher, so kommen ganz andere Dinge ins Blickfeld. Da gibt es Erker, Fassadenbemalungen und Gestaltungselemente Früherer Baustile. Dabei reicht die Palette von romanischen Teilen, wie an der Rabenscheuer am Münsterplatz, über barocke Formen, wie sie etwa in der Bickenstraße das St. Ursula aufweist, bis zu Gründerzeit und Jugendstil. So zum Beispiel das sehr schöne im Stil der Neorenaissance 1853 errichtete Gebäude der Bäckerei Hoch in der Rietstraße, dessen Fassade von 1887 reich geschmückt ist mit Figuren und Ornamenten. Sehr interessant ist auch das Gebäude Rietstraße Ecke Schulgasse, das Elternhaus des Malers Albert Säger (1866-1924). Die Fassadengestaltung stammte ursprünglich von ihm und wurde 1985 nach einer Vorlage von 1898 erneuert. Dies sind nur zwei Beispiele, die Liste ließe sich lang fortsetzen.

Im Folgenden sollen nun einige wenige Gebäude näher betrachtet werden, die im Laufe ihrer Geschichte einige Veränderungen erlebten, an denen sich historische Ereignisse aber auch Behördengeschichten festmachen lassen. Dabei liegt der Schwerpunkt im 19. und 20. Jahrhundert, wenn auch die Ursprünge der Bauten häufig deutlich früher anzusetzen sind. Der Nutzungswandel für Gebäude in den verschiedenen Zeiten verblüfft heute manchmal (etwa der weltliche Umgang mit Kirchenbauten im 19. Jahrhundert).

Einige zunächst groß gefeierte Bauten verloren im Laufe der Zeit ihren Stellenwert für die Bevölkerung (Beispiel Bahnhof). Der Erhalt alter Bausubstanz geht immer wieder auch auf private Initiative zurück, dafür werden an dieser Stelle Beispiele aufgezeigt. Manchmal bleibt trotz aller Bemühungen jedoch nur noch ein Stück Fassade übrig (Beispiel Hollerith-Gebäude).

Altes Heilig-Geist-Spital/ Kaufhaus

Die Spitäler des Mittelalters widmeten sich der Sorge um Arme und Kranke. Das Heilig-Geist-Spital in Villingen geht auf eine Stiftung der Gräfin Agnes v. Fürstenberg zurück und sollte die genannten Aufgaben erfüllen. Das Spital existierte wohl schon um 1270. 1) Ein Ablaßbrief von 1286 stellt die erste völlig sichere Nennung dar.

Das Gebäude in der Rietstraße, also in bevorzugter Lage an einer der Hauptstraßen der Stadt, war seit 1286 im Bau. Es wurde 1288 (vermutlich nach einer Zerstörung) wiederhergestellt. Im Jahre 1727 erfolgte eine Erneuerung durch den Vorarlberger Barockmeister Jodocus Beer. 1825 zog das Spital, dessen soziale Aufgaben sich im Laufe der Zeit erweitert hatten, in das ehemalige Franziskanerkloster um, in dem es bis zum Neubau in der Schertlestraße 1978 untergebracht blieb.

Das Haus in der Rietstraße wurde zum Kaufhaus umgewandelt. Seit dem 19. Jahrhundert befand es sich in städtischem Besitz. Es wird seither als städtisches Dienstgebäude von verschiedenen Ämtern und Dienststellen genutzt.

Ab 1838 wurden im ersten und zweiten Stockwerk je eine Wohnung gebaut. Im Dezember 1840 waren die Arbeiten dazu weitgehend abgeschlossen.

1850 hatte im obersten Stock der Amtsrevisor (Prüfungsbeamter der Bezirksverwaltung) eine Wohnung bestehend aus: 5 ineinanderlaufenden Zimmern und einem weiteren Zimmer „gegen die Wohnung von Wendelin Nestor“, dem hinteren Zimmer gegen den Münsterplatz, der Hälfte des Kellers neben dem Büro der Kaufhausverwaltung und dem Platz auf dem ersten Speicher zur Aufbewahrung des Brennholzes und zum Trocknen der Wäsche. Auch das Büro befand sich im Kaufhaus. 1853 wurden Büro und Wohnung des Amtsrevisors ins Kreisgerichtsgebäude verlegt.

1920 erfolgte der Einbau einer Aufzugsgaupe im Hof (noch vorhanden). 1921 wurde ein Raum für Feuerwehrgeräte hergerichtet (jetzt Buchhandlung Hügle). 1924 wurde provisorisch eine Wohnung im zweiten Obergeschoß (jetzige Hausmeisterwohnung) erstellt.

1936 wurde das Kaufhaus zum „Braunen Haus“. Es entstanden nämlich Büroräume für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt im ersten und für die Hitlerjugend im zweiten Obergeschoß.

1951 wurde eine öffentliche WC-Anlage, 1962 ein Versammlungs- und Probelokal (jetzt Büro Buchhandlung Hügle) und 1964 das Grundbucharchiv eingebaut. 2)

Benediktinerkloster

Das Kloster der Benediktiner von St. Georgen umfaßt ein ganzes Ensemble von Gebäuden. Es erstreckt sich vom Abt-Gaisser-Haus (Schulgasse 23) bis zur Benediktinerkirche (Schulgasse 19). Der Benediktinerkonvent in Villingen hatte seinen Ursprung in St. Georgen im Schwarzwald. Die Mönche richteten sich nach ihrer Vertreibung im Zuge der Reformation durch den Herzog von Württemberg 1538 zunächst vorübergehend bis 1548, ab 1566 endgültig in ihrem Pfleghof („Alte Prälatur“) in Villingen ein. Um 1600 wurden weitere Klostergebäude errichtet. So entstand unter anderem neben der alten Prälatur der Konvents-bau mit Bibliothek. Dabei wurde die Kapelle einbezogen. Diese Neubauten wurden, nachdem sie durch einen Brand 1637 zerstört worden waren, 1666 wieder aufgebaut.

Die „Alte Prälatur“ 3) war ursprünglich Pfleghof des Klosters St. Georgen. Die Stadtmauer ist seine älteste erkannte Bausubstanz. Um 1233/34 erfolgte der Anbau eines dreigeschossigen Massivbaus. Aus den Jahren 1371/72 sind erste sicher datierte Umbauten belegt. Von 1398/99 stammt die erste gesicherte Grundrißkonzeption. Um 1536 ist eine umfassende Modernisierung der Grundrißgliederung geschehen. Um 1538/39 wurde der Kernbau nach Osten erweitert und im 19. Jahrhundert umfassend erneuert. Der Wappenstein des Abtes Georg Gais-ser II. (* 1595, t 1655) wurde an der Fassade angebracht und so zum Wahrzeichen des Gebäudes, das auch „Abt-Gaisser-Haus“ genannt wird.

Das Benediktinerkloster in seiner heutigen Bausubstanz entstand im wesentlichen unter Abt Georg III. Gaisser, dessen Amtszeit von 1685 bis 1690 dauerte. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die beiden Hauptklostertrakte mit der Kirche errichtet sowie das neue Gymnasialgebäude (1747-1749). Die Stukkaturen im Mittelbau, die 1730 von Gaspare (Caspar) Mola geschaffen wurden, sind erhalten geblieben.

Das 18. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen für alle geistlichen Gemeinschaften. Joseph II. setzte mit seinen Reformen die staatliche Vormachtstellung gegenüber den kirchlichen Institutionen durch. Seit 1774 betrieben daher die Benediktiner allein ein Gymnasium, welches 1806 aufgelöst wurde. Die Franziskaner hatten ab 1775 für den Knaben-Normalschulunterricht zu sorgen. Seit 1826 wurde der ehemalige Benediktiner-Konventsbau wieder als Schule genutzt.

Türm der Benediktinerkirche und die alte Turnhalle.

 

Die Benediktinerkirche ist eine barocke Wandpfeilerbasilika. 1688 im Mai wurde der Grundstein gelegt. Die Pläne stammten von dem bekannten Vorarlberger Baumeister Michael Thumb. 1719 war der Rohbau – ohne Chor und Turm – vollendet. Den Hochaltar hatte Anton Josef Schupp geschaffen und sein Sohn Ignatius ausgeführt. Das Altarblatt hatte der Bruder des Abtes, Johann Georg Glückher aus Rottweil, gemalt. 4) 1725 wurde die Kirche geweiht. Ab 1728 erweiterte man den Chor, der Hochaltar mußte abgebrochen werden. 1729 fertigte Heinrich Schilling (aus der bekannten Villinger Malerfamilie) den Riß für den neuen Altar und malte das Altarblatt. 1730 übernahm Gaspare Mola die Stukkatur-Ausstattung. Er arbeitete auch für die Klöster Ottobeuren, Ochsenhausen und Wiblingen. 5) 1755 bis 1756 wurde der Turm gebaut.

1806 erfolgte die Säkularisation des Gotteshauses. Die Silbermann-Orgel von 1752 wurde 1809 vom badischen Staat nach Karlsruhe transportiert. Ihre Reste wurden dort im 2. Weltkrieg zerstört. In der Folgezeit war die Benediktinerkirche u. a. Salzlager der Saline Dürrheim (1823) und Schauplatz der Schwarzwälder Industrieausstellung (1876). Seit 1903 bereits wieder durch die Münsterpfarrei genutzt, ging die Kirche 1924 im Tausch gegen das Pfarrhaus am Münsterplatz (heute Rathaus) wieder in deren Eigentum über. Eine Instandsetzung des Gotteshauses tat Not. Ende 1983 wurden die umfangreichen Maßnahmen begonnen. 1995 gründete sich der „Förderverein Renovierung Benediktinerkirche“. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mittel, welche durch staatliche und kirchliche Fördermittel nicht aufgebracht werden, durch Spenden zusammen zu bringen. Dies soll sein Beitrag zur 1000-Jahrfeier im Jahr 1999 sein. Ein weiteres ehrgeiziges Projekt ist die Rekonstruktion der bereits erwähnten Silbermann-Orgel.

Johanniterkommende

Die Kommende, also die Niederlassung der Johanniter bestand insgesamt aus der Kirche (Gerberstraße 11), dem Amtshaus (an der Bickenstraße, später Glockengießerei Grüninger), dem Ritterhaus, der Kaplanei, dem Pfarrvikarshaus und der alten Schaffnei.

1253 wurden die Johanniter durch den damaligen Stadtherrn, Heinrich von Fürstenberg, nach Villingen gerufen. 1257 wurde der Ritterorden von allen Lasten, Dienstbarkeiten sowie der Wehrund Schutzpflicht befreit und sollte bevorzugte Behandlung vor dem Stadtgericht genießen.

Das Haus Gerberstraße 13 war ehemals Meßnerhaus. Der Massivbau stammt von 1844 mit älteren Mauerteilen.

An der Gerberstraße 15 weisen Wappen und In-schriftstein von 1630 auf die Bautätigkeit des Komturs Rollmann von Dattenberg hin. Er wurde in der Johanniterkirche beigesetzt, wie die dort gefundenen Grabsteinfragmente belegen.

1811 wurde das Ritterhaus, das direkt an der Stadtmauer (im Bereich des Kaiserrings) gestanden hatte, abgerissen. Später stand dort das Bezirks-bzw. Landratsamt, an dessen Stelle seit kurzem eine Seniorenwohnanlage entsteht.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wechselte das ehemalige Amtshaus in der Bickenstraße, das 1868 schließlich abgerissen wurde, mehrfach den Besitzer. Zwischen ihm und dem Landratsamt stand auch einmal die Glockengießerei Grüninger, bevor deren Betrieb auf den Goldenen Bühl verlegt wurde.

Evangelische Johanneskirche, 1913.

Die Johanniterkirche ist eine vierjochige Saalkirche. Sie wurde am Anfang des 14. Jahrhunderts gebaut. Erstmals schriftlich erwähnt wurde sie 1336 und diente seit dem 16. Jahrhundert als Grablege der Komture. Das wahrscheinlich bekannteste Kunstwerk im Zusammenhang mit den Villinger Johannitern ist das von Hans Kraut 1576 geschaffene Grabmal des Komturs Wolfgang von Masmünster. Die Vorlage des Künstlers war die 1496 in Ulm erschienene Beschreibung der ersten Belagerung von Rhodos (1480). Masmünster hatte an der Schlacht teilgenommen. Kraut verband verschiedene Holzschnittszenen des genannten Buches zu einer Gesamtkonzeption 6). 1711 war eine Erneuerung der Kirche notwendig.

1806 wurde das Gotteshaus vom Großherzogtum Baden in Besitz genommen und bereits ein Jahr später für den Gottesdienst geschlossen. In den 1840er Jahren diente die Johanniterkirche sogar als Amtsgefängnis. Freischärler der 48er Revolution saßen hier ein.

1859 kaufte die evangelische Gemeinde das Bauwerk, das seither wieder als Kirche genutzt wird. 1924 wurden Bauarbeiten am Chor und die Erweiterung der Westempore durchgeführt. Die 1838 von Schildtknecht & Bergmann geschaffene Orgel wurde 1980 angeschafft und steht unter Denkmalschutz.

Zehntscheuer, Bärengasse Ecke Hans-Kraut-Gasse 11

Die ehemalige Zehntscheuer ist ein Barockbau, der im Scheitel des Portals mit 1690 datiert ist. Sie gehörte ursprünglich zum gegenüberliegenden Dominikanerkloster und diente als Bauernhaus und Scheuer. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine Werkstatt eingcbaut.

Die durchgreifende Renovierung durch den neuen Besitzer Adalbert Briegel in den 1970er Jahren stellte vor allem den erhalten gebliebenen barocken Fachwerkgiebel wieder her. Eine vorherige Dachstuhluntersuchung hatte ergeben, daß dieser von Grund auf erneuert werden mußte. Einzelne Teile waren aber noch so gut erhalten, daß sie wiederverwendet werden konnten.

Auch das Mauerwerk war marode, ein Einsturz hatte nur durch den Einbau eines Stützkorsetts verhindert werden können. Die bauliche Herstellung erfolgte insgesamt unter der Devise, von der historischen Substanz zu erhalten, was möglich war. So wurde auch die alte Blockstufentreppe wieder ihrer ursprünglichen Funktion zugeführt. Die im ersten Stockwerk eingezogene Betondecke wurde entfernt. Auch der Wetterhahn wurde wieder auf das Dach gesetzt.

Aufgrund der kulturhistorischen Bedeutung des Hauses beteiligte sich das Landesdenkmalamt an den Sanierungskosten. Das Haus ist auch unter dem Namen „Zehndersches Anwesen“ bekannt nach seinem ehemaligen Besitzer.

Hollerithgebäude

(ehem. Gasthaus „Engel“, Vereinshaus des katholischen Gesellenvereins)

Der Gründerzeitbau, von dem heute nur noch die denkmalgeschützte Fassade mit Jugendstilelementen erhalten ist, hatte mehrere Vorgängerbauten (z. B. Ansicht von 1840).

Schon 1509 ist der ehemalige Besitzer der Wirtschalt vor dem Riettor, Michael Werkmeister, erwähnt. 7) Im Ratsprotokoll wird zum 1. Dezember 1726 eine Schlägerei vermerkt, in die der Engelwirt Josef Vetter verwickelt war. 8) Das Brandversicherungskataster von 1766 taxiert die Württschaft zum Engel“ als „dreistöckiges steinernes Haus“ 9). Das Wirtshaus wechselte mehrfach den Besitzer. 1847 erwarb es Anton Faller. Der es 1890 dem katholischen Gesellenverein verkaufte. Letzterer bildete eine „Aktiengesellschaft catholisches Vereinshaus“.

1905 wurde ein Neubau nach Plänen des Architekten Nägele erstellt, bei dem ein Saalbau angefügt wurde. Dort fanden unter anderem Theaterveranstaltungen der katholischen Vereine statt. Im Wirtschaftraum stand zur musikalischen Unterhaltung der Gäste ein Orchestrion. Am 1. November 1917 erlosch die Wirtschaft. 10)

1918 bis zum Ende der 1920er Jahre war hier der Sitz der Deutschen Hollerith, von der die heute üblicherweise noch gebrauchte Benennung herrührt. Diese Firma ist die Vorgängerin der IBM-Deutschland. Sie schloß 1929 ihre Pforten in Villingen.

Seit den 1930er Jahren gehörte das Gebäude der Stadt Villingen, die städtische Dienststellen (u. a. las Bauamt) dort unterbrachte. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Haus Sitz der Verwaltung des Reichsarbeitsdienstes. Nach dem Krieg wurde es Unterkunft für nordafrikanische Truppenteile der französischen Besatzungsmacht. 1985 wurde der Komplex an die Firma Top-Bau verkauft. Bis 1988 erfolgte der Umbau in Bürohaus mit Laden, Arztpraxen und Bank. Dabei mußten die unter Denkmalschutz gestellten Baueile integiert werden.

Amsgericht

Für die Bedeutung einer Stadt im badischen Staat var das Vorhandensein staatlicher Behörden und Institutionen sehr wichtig. So bemühten sich die Stadtväter intensiv darum, Villingen zum Gerichtsort werden zu lassen. So ist auch die ständige 3esorgnis zu erklären, das Gericht könnte wieder aus Villingen abgezogen werden.

Amtsgericht. Ansicht der gesamten Fassade an der Niederen Straße, vor 1988.

 

Das „Bezirksstrafgericht“ mit angeschlossenem Gefängnis war das erste größere Bauvorhaben, seit die Stadt Villingen 1806 an Baden gefallen war. Zunächst war das Gebäude gemeinsam mit einem Bahnhof am Riettor geplant gewesen. Schließlich wurde der Bauplatz am südlichen Stadtausgang gewählt, weil er anders als die östlichen und nördlichen Innenstadtbereiche nicht im damals noch unkanalisierten Brigachgelände lag.

Am 15.12.1846 wurde ein Vertrag zwischen dem badischen Justizministerium und der Stadt Villingen über die Bauplatzabtretung geschlossen, nachdem das Niedere Tor abgerissen war.

Am 25. Juli 1847 fand dann die feierliche Grundsteinlegung statt, für deren Organisation ein eigens einberufenes Komitee verantwortlich zeichnete. Bereits am Vorabend begannen die Feierlichkeiten um 17.00 Uhr mit Geläut der Münsterglocken, Zapfenstreich der Bürgermilitärmusik um 20.00 Uhr und durch Freudenfeuer auf „einigen der höchsten Punkte“ gegen 21.00 Uhr. Der eigentliche Festtag wurde bei Tagesanbruch mit 50 Böllerschüssen begonnen. Nach musikalischer Einstimmung bewegte sich ein Festzug ab 9 Uhr vom Bezirksamtsgebäude zum Münster, in dem ein feierlicher Gottesdienst abgehalten wurde. Anschließend zog man von der Oberen Straße her zum Bauplatz. Dort wurde ein Festvortrag auf einer eigens errichteten Tribüne gehalten. Es folgte die eigentliche Grundsteinlegung unter Geläut aller Glocken und Abfeuern von Geschützen. Nach einem „Lebehoch“ für den Landesherrn wurde abschließend vom Villinger Männergesangverein ein „vaterländisches Lied“ zu Gehör gebracht. Der Festzug setzte sich wieder in Bewegung und marschierte zum Gasthof „Post“ in der Rietstraße, wo er sich auflöste. Dort fand um 12 Uhr ein Festessen statt. In seinem Trinkspruch betonte Stadtrat Schmid die Bedeutung der Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Strafverfahren, die nun wieder Einzug hielten. Der Tag klang mit einem Feuerwerk und Beleuchtung des Marktbrunnens aus. Alle Bürger waren gehalten, die Stadt festlich zu schmücken. 11)

Mit dem neuen Gericht verband man auch die Hoffnung auf eine Neugestaltung der Verfahren. Die bereits genannte Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Verhandlungen kam im 19. Jahrhundert durch den napoleonischen Einfluß von Frankreich nach Deutschland. Vorher war die Beweisführung schriftlich erfolgt und dem Gericht zur Entscheidung vorgelegt worden 12).

Die Bauarbeiten gerieten dann aber ins Stocken, kein Wunder in der bewegten Zeit der 48er Revolution. Erst 1857 wurde das neue Gebäude vom Amtsgericht bezogen, nachdem der große Saal zwischenzeitlich von der evangelischen Kirchengemeinde alle 14 Tage zu Gottesdienstzwecken genutzt worden war. Am 1. Oktober wurde wiederum mit einer großen Feier der Einzug des Kreisgerichts begrüßt.

Altes Finanzamt

Seit dem Jahr 1898 sind Verhandlungen zwischen dem Amtsbezirk und der Stadt Villingen belegt, in denen es um die Bereitstellung eines geeigneten Bauplatzes für die Errichtung eines Finanzamtes ging. Es kristallisierte sich das Areal gegenüber dem neuen Amtsgericht heraus. Am 20. Januar 1901 schloß der badische Landesfiskus einen Vertrag mit der Stadt Villingen, mit dem die Kommune das ehemalige „Schuppsche Anwesen“, Grundstück mit dreistöckigem Wohnhaus mit zwei Balkenkellern, Scheuer und Stall an der Goldgrubengasse sowie ein Stück der daran angrenzenden Anlage. 13) Die Bauarbeiten dauerten bis 1904. Das im Stil der Neorenaissance errichtete Gebäude lag im Übergangsbereich von der In-

Altes Finanzamt. Ansicht von der Bertholdstraße, vor 1988.

Diese hatte generell im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts Bedeutung erlangt, weshalb die Hauptfassade des Finanzamts zum Ring lag. Trotzdem gelang es dem Architekten, „mit der Nebenfront zur innerstädtischen Bebauung der Niederen Straße hin zu vermitteln und zugleich diese Lage zu akzentuieren, um diesen Neubau gegenüber der größeren Baumasse des Bezirksgerichts zu behaupten.“ 14)

Der Raumbedarf der Finanzverwaltung nahm im Lauf der Zeit zu. Zunächst wurden Räume zusätzlich angemietet. 1956 wurde dann ein Wettbewerb für einen Neubau ausgeschrieben, der seit 1957 an der Schwenninger Straße entstand. Im November 1959 konnte das neue Gebäude bezogen werden. Es erwies sich jedoch schon bald als zu klein. Daher wurde das ehemalige Fabrikgebäude von Kaiser-Uhren in der Weiherstraße 7 umgebaut. Im Oktober 1985 wurde das neue Finanzamt eröffnet.

Im Haus an der Niederen Straße fand das staatliche Gesundheitsamt zunächst seine Bleibe. Die Mitarbeiter mußten dann aber 1981 in das frei gewordene Gebäude an der Schwenninger Straße umziehen. Dem „alten Finanzamt“ drohte der Abriß. Die Commerzbank jedoch, die einen Neubau plante und seit 1985 Interesse an dem alten Gemäuer bekundete, setzte von Anfang an auf Renovierung und Sanierung. Am 4. August 1988 fand der erste Spatenstich statt. Das alte Finanzamt wurde in den Neubau integriert. Die Fassade erstrahlte in neuem Glanz. Auf der Wiesenfläche vor dem Bankkomplex hat ja kürzlich das durch Privatinitiative restaurierte Bertholddenkmal seine Heimat gefunden.

Bahnhofsgebäude

Mit der Eisenbahn begann ein neues Zeitalter. Die Entfernungen ließen sich zunehmend schneller überwinden. In Villingen bemühte man sich schon seit den 1840er Jahren um einen Bahnan-schluß.

Am 6. Juli 1869 war es endlich soweit. Nach langem, zähen Ringen rollte die erste Lokomotive auf der Linie Villingen – Konstanz in der Stadt ein. Am 15. August folgte die Verbindung Singen -Villingen, durch die Fertigstellung des Abschnitts von Donaueschingen bis Villingen. Am 26. August des gleichen Jahres folgte die Strecke Villingen – Schwenningen – Rottweil. Am 1. November 1873 konnte die gesamte Schwarzwaldbahn eröffnet werden. Kriegsbedingt waren die Arbeiten zwischen Hausach und Villingen 1870/71 unterbrochen gewesen.

Der 15. August 1869 war ein Großereignis in Villingen. Bereits am Vorabend gab es einen großen Zapfenstreich der Musik des Großherzoglich Badischen 5. Infanterieregiments. Der eigentliche Festtag wurde mit Geschützsalven begonnen. Von 10.30 bis 11.30 Uhr spielte die Militär-Musik auf dem Marktplatz auf. Um 12.30 Uhr versammelte man sich „auf dem Rathaussaale“, um anschließend in einem Festzug zum Bahnhof zu ziehen. Um 13.30 Uhr sollte der Eisenbahnzug aus Donaueschingen kommend einfahren. Dann fand – wieder auf dem Marktplatz – die kurze Begrüßung der Festgäste statt. Ab 16.00 Uhr wurde ein Festbankett veranstaltet „in der hierzu festlich verzierten Güterhalle, auf dem Bahnhofe, mit Produktion der Militär-Musik und Gesangsvor-trägen des hiesigen Sängerbundes.“ 15)

Man „errichtete in Villingen einen eigenen Bahnhof mit Bahninspection, Güterexpedition, Loco-motivremise und zugehörigen Dienst- und Wohngebäuden auf der Nordseite des heutigen Villinger Bahnhofsgeländes zwischen Marbacher Brücke und Arbeitsamt. Erst später ging die Bahnhofsin-spection in dem badischen Stationsgebäude auf; die eigene Güterabfertigung blieb noch bis zum 1. Juli 1905 bestehen“. 16) Die Lokomotivstation, die seit dem 1. November 1869 existierte, wurde am 1. November 1873 zur Betriebswerkstätte erhoben und bestand bis zum 1. Oktober 1977.

 

Villinger Bahnhofsgebäude, 1913.

Das erste Bahnhofsgebäude reichte schon bald nicht mehr aus. Er wurde 1889/90 durch einen steinernen Neubau ersetzt, der in Teilen bis heute existiert. Schon 1887 wurde das Betriebsamt gebaut. 17) Das alte Aufnahmegebäude wurde zum Magazin umgebaut. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde an den Bahnanlagen und -baulichkeiten in Villingen viel erneuert, erweitert und umgestaltet. 18) Der zunächst eingleisige Betrieb wurde bald um ein zweites Gleis erweitert. Dies brachte Probleme mit sich, deren Lösung sich von 1908 bis 1927 hinzog. Im Jahre 1907 erhielt das Gleis I eine Platzierung und Überdachung. Für die Reisenden war aber der Übergang zum Gleis II mit einigen Gefahren verbunden, führte er doch direkt über den Schienenkörper. Erschwerend kam hinzu, daß der zweite Bahnsteig zunächst überhaupt nicht und dann nicht in ausreichendem Maße überdacht war. Im Jahre 1912 beschäftigte sich die zweite Kammer der badischen Ständeversammlung mit den Fragen einer Fußgängerüberführung und einer „Schirmhalle“. 19) 1912 sollte im Rahmen von Umbauten „eine Überdachung des Bahnsteiges II“ „auf eine genügende Länge“ vorgenommen werden. 20) Die Korrespondenz zwischen dem Gemeinderat Villingen und der Großherzoglichen Generaldirektion der Badischen Staatsbahnen (Betriebsinspektion Villingen) zeigt in einer Aktennotiz vom 1. Januar 1918 ein erstes Ergebnis: „Die Bahnsteigüberdachung ist erstellt worden.“ 21) Da sie jedoch zu kurz war, setzte sich der Schriftverkehr fort. Aus ihm wird auch deutlich, daß die Fußwege, die zur Überquerung des Bahngeländes nötig waren, sehr lang waren. Auch die lokale Presse vermeldete schlechte „Verkehrswege auf dem hiesigen Bahnhof“ und außerhalb des Gebäudes selbst. Dort herrschte drangvolle Enge beim Durchgang. 22)

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der Bahnhof im Gespräch. Seit den 1950er Jahren bemühten sich die Villinger bei der Bahndirektion in Karlsruhe um eine Erneuerung des Gebäudes. Wieder einmal schleppte sich das Verfahren dahin. So wurde erst 1964 mit dem Bau der neuen Schalterhalle begonnen. Am 15. November 1966 wurde diese in Betrieb genommen. Für sie wurde der alte Mittelteil abgerissen. Die übrigen alten Backsteinreste blieben erhalten.

Die Bemühungen um die Gestaltung des Bahnhofsplatzes, 1936 schon einmal angedacht, keimten immer wieder einmal auf und sind zur Zeit gerade wieder in der aktuellen Diskussion.

Quellenangaben:

1) Zur Geschichte des Spitals s. v. a.: Wolfgang Berweck: Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald von der Gründung bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Verfassung und Verwaltung, Villingen 1963 (= Schriftenreihe der Stadt Villingen 3). s. auch: Wolfgang Berweck: Das Heilig-Geist-Spital zu Villingen im Schwarzwald. Erinnerungen und Erkenntnisse, in: Geschichts- und Heimatverein Villingen Jahresheft XX (1995/96), S. 31-37, und in: Geschichts- und Heimatverein Villingen Jahresheft XXI (1996/97), S. 45-51.

2) Stadtarchiv Villingen-Schwenningen (künftig: Stadtarchiv), Best. 2.2, IV 36.26.

3) s. Casimir Bumiller: Untersuchungen zur Baugeschichte des ehemaligen St. Georgener Pfleghofs in Villingen (sog. Abt-Gaisser-Haus alias Alte Prälatur, Schulgasse 23), masch., Bollschweil 1996.

4) Paul Revellio: Baugeschichte des Benediktinerstiftes St. Georgen in Villingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, Heft )0(111/1954, S. 77.

5) Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, begr. v. Ulrich Thieme und Felix Becker, hg. v. Hans Vollmer, 25. Bd., Leipzig, S. 27.

6) Winfried Hecht: Die Johanniterkommende Villingen, in: Wolfgang Müller (Hg.): Villingen und die Westbaar, Bühl/Baden 1972 (= Veröffentlichungen des Alemannischen Instituts Nr. 32), S. 147.

7) Stadtarchiv, Best. 2.1, L 9.

8) Stadtarchiv, Best. 2.1, AAAb/9.

9) Stadtarchiv, Best. 2.2, Bücher IV. 1, Blatt 44, Nr. 568.

10) Stadtarchiv, Best. 2.2, V 2b. 23.

11) Stadtarchiv, Best. 2.2, XI 3.45 und 46.

12) Gerichtsverfahren, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, hg. v. Adalbert Erler und Ekkehard Kaufmann, Bd. I., Berlin 1971, Sp. 1551-1564, v. a. Sp. 1560-1562.

13) Stadtarchiv, Best. 2.2, XIII 4.6.

14) Peter Findeisen: Anmerkungen zur Idee, in Villingen ein neues Stadttor zu bauen, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes Heft 3/1994, S. 119-120.

15) Festprogramm, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972), 773/2.

16) Hans-Wolfgang Scharf: Die Schwarzwaldbahn und das Bahnbetriebswerk Villingen, Freiburg i. Br. (1980), S. 91.

17) Stadtarchiv, Best. 4.8, Feuerversicherungsbuch.

18) vgl. dazu: H.-W. Scharf (wie Anm. 16), S. 69-74.

19) Amtliche Berichte über die Verhandlungen der Bad. Ständeversammlung, Nr. 89, 76. Sitzung (4.6. 1912), Karlsruhe 1912, Sp. 3600, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972), 773/1.

20) Schreiben der Großherzogl. Generaldirektion der Bad. Staatseisenbahnen an den Gemeinderat Villingen vom 4. Juni 1912, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972), 773/1.

21) ebd.

22) z. B.: Der Schwarzwälder, 27.3. 1925, Villinger Volksblatt, 26.3., 27.3., 25.6. 1925 und 27.10. 1927, Stadtarchiv, Best. 2.16 (1972)773/1.

 

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