Das Villinger Münster (Barbara Eichholtz)

Aspekte der baulichen Gestaltung und Ausstattung

I

Der nachfolgende Beitrag ist der für die schriftliche Fassung modifizierte Teil einer Führung vom Frühjahr 1997. Schwerpunkt war nicht eine Erläuterung der zum Villinger Münster bekannten Daten und Fakten, sondern vielmehr wurden einzelne Aspekte der baulichen Gestaltung und Ausstattung, die, obwohl sie ins Auge fallen, doch meist „unhinterfragt hingenommen“ werden, herausgegriffen, interpretiert und in einen überörtlichen Zusammenhang gestellt.

II

Das Münster ist das dominierende Gebäude im nach ihm benannten Viertel, das das älteste und größte 1) der durch die sich kreuzenden Hauptstraßen Riet-, Bicken-, Obere und Niedere Straße gebildeten vier Quartiere ist. Zusätzlich herausgehoben ist es durch seine allseits freie Lage auf einem Platz, wie es bei Pfarr- im Gegensatz zu Bischofskirchen die Regel war. Dieser Kirchhof, der zugleich den Immunitätsbereich darstellte, diente andernorts bis ins 18., teilweise bis ins 19. Jahrhundert als Friedhof 2). Dann verlegte man, als Folge aufklärerischen Gedankengutes und daraus resultierendem Gespür für die teilweise sehr unhygienischen Verhältnisse, die Friedhöfe außerhalb der Städte. In manchen Städten, so z. B. in Freiburg 3), geschah dies auch schon früher als Konsequenz der grassierenden Seuchen wie der Pest. Da in Villingen jedoch bis ins 16. Jahrhundert hinein die Altstadtkirche Pfarrkirche mit Begräbnisrecht blieb und auch danach die Villinger traditionsgemäß ihre Toten weiterhin dort bestatteten, der ursprüngliche Friedhof auch später den Forderungen nach einem Begräbnisplatz außerhalb der Stadt gerecht wurde, blieb er dort bis zum heutigen Tage. Die Notwendigkeit der Nutzung das Münsterplatzes als Friedhof war daher zu keiner Zeit gegeben. Ob dennoch einzelne Bestattungen dort stattfanden, kann, solange der Platz nicht flächendeckend archäologisch untersucht ist, nicht beantwortet werden. Die Anlage eines Kirchhofs, auf dem keine Bestattungen stattfanden, ist also mit der speziellen Villinger Situation zu erklären. Wurde von Anfang an damit gerechnet, daß das Münster die Altstadtkirche als Pfarrkirche ablösen würde ? Sehr wahrscheinlich war es als Bestattungsort für die Zähringer geplant, so wie es später in Freiburg 4) realisiert wurde.

Bei der planmäßigen Anlage der Stadt seit dem Ende des 11. Jahrhunderts scheint ein Hof, der zur Versorgung schon bestehender Verteidigungsbauten diente, aufgelassen worden zu sein, um Platz für die Kirche zu schaffen. 5)

III

Das heutige spätromanische Münster ist bereits der dritte Bau an dieser Stelle, ist von seinem Alter her jedoch nicht eindeutig zu bestimmen. 6) In der Angabe seines Alters herrscht auffallende Zurückhaltung, da vieles (noch?) zu unsicher ist. Die archäologischen Grabungen 1979 und 1980 ergaben, daß schon das Langhaus des ersten Baues vom Ende des 11. Jahrhunderts nahezu ebenso lang war wie das des jetzigen. 7) Dieser für den Umfang der Stadt von Anfang an auffallend große Bau führte schon im 14. Jahrhundert zu der Bezeichnung „Münster“ 8), der vom lateinischen monasterium, Kloster, herkommt und später vor allem auf Bischofskirchen übertragen wurde (z. B. in Straßburg, Basel, Konstanz), u. U. auch auf besonders große Pfarrkirchen (Freiburg, Ulm, Rottweil). Eine solch herausgehobene Bezeichnung für eine Filialkirche zeugt von einem hohen Anspruch.

Die umliegenden Gebäude hat man sich bis etwa ins 13. Jahrhundert hinein relativ niedrig und aus -Holz gebaut vorzustellen, Sakralbauten als in der Hierarchie am höchsten stehende Bauten waren die frühesten in Stein errichteten Gebäude und hatten auch aus diesem Grunde eine wörtlich zu Lehmende herausragende Stellung im Stadtgefüge. Noch heute stehen an der West- und Nordseite les Münsters repräsentative öffentliche Gebäude, wobei besonders das Alte Rathaus durch seine für Villingen untypische Giebelseite zum Platz hin auffällt. Dies wirkt wie ein stolzes Sich-Behaupten weltlicher gegenüber der geistlichen Macht. Eigenartig ist die Ungleichwertigkeit der Nord- gegenüber der Südseite des Münsterplatzes: Während das Münster gerade zu dieser Stadtseite hin ein prächtiges Portal hat, sieht man von dort nur auf die Rückseite der Rietstraßenbebauung, man vergleiche dagegen den Freiburger Münsterplatz!

Das Münster hat die Form einer dreischiffigen querhauslosen Basilika, d. h. einem hohen Mittelschiff mit sog. Obergadenfenstern ist beidseitig ein niedrigeres Seitenschiff angefügt, wie es schon der Vorgängerbau gehabt hatte, nicht jedoch der erste Bau, der nur die einfache Form einer Saalkirche gehabt zu haben scheint, wie sie die meinten Dorfkirchen bis in unser Jahrhundert hinein aufweisen. Die Basilikaform galt als anspruchsvolle Kirchenform, leitet sie sich doch von der griechisch-lateinischen Königshalle bzw. Markt- und Gerichtshalle der Antike ab, deren spätestes Beispiel auf dem Forum Romanum in Rom mit den Ruinen der Basilika des Kaisers Konstantin zu bewundern ist. Das Christentum übernahm, wie so vieles andere aus der heidnischen Antike, mit dem Namen auch die Form, das erhöhte halbrunde Podium für den Sessel des Kaisers wurde zur christlichen Apsis für den Bischofsstuhl, den Klerus und den Hochaltar.

IV

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben der Größe und der Basilikaform bedeutet die Erstellung des Baues aus Quadern, im Vergleich etwa zu Bruchsteinmauerwerk wie bei der Franziskanerkirche, ein weiteres Merkmal eines anspruchsvollen 9) Bauwerks. Der rote Sandstein kommt aus der hiesigen Gegend, wahrscheinlich aus dem Gebiet in Richtung Unterkirnach. Es gibt mittelalterliche Berichte über die Suche nach einer für den Bau einer Kirche geeigneten Steinlage, die zu finden u. U. recht schwierig war. Denn der Stein durfte weder zu spröde oder hart für die Bearbeitung, aber auch nicht zu bröselig sein und sollte zudem in größtmöglicher Nähe zum Bauvorhaben liegen, denn die Strapazen, die der Transport der gebrochenen Steine mit zwei- oder vierrädrigen Ochsenkarren auf ungepflasterten unebenen Wegen kostete, waren ungeheuer groß. Der Bau dieser Eigenkirchen, d. h. Kirchen, die einem Grundherrn bzw. Herrscher gehörten, der auch, die von ihm abhängigen Geistlichen bestimmte, wie es im frühen Mittelalter in ganz Europa die Regel war, geschah zu einem großen Anteil mit Frondiensten. Erst in späterer Zeit, als auch Kommunen als Bauherren auftraten, änderte sich dies.

Neben Maurern, Mörtelmischern usw. erforderte die Erstellung eines Quaderbaues Steinmetze, die vorwiegend in der schlechten Jahreszeit im Schutze von zeltartigen Hütten die grob behauenen Steine sorgfältig zurichteten. So wurde ein Quadervorrat geschaffen, den man in der wärmeren Jahreszeit verbauen konnte.

Der Umriß, eventuell auch grob die Einzelheiten des zu erstellenden Baues wurden in den Erdbolden eingeritzt, abgesteckt oder mit Schnüren gelegt. Gebaut wurde nach tradierten Erfahrungswerten, die ein großes Wissen und Können voraussetzten. Davon daß dies auch fehlschlagen konnte, zeugen mehrere mittelalterliche Berichte über Einstürze, von denen der über den Einsturz der Kathedrale von Beauvais der berühmteste sein dürfte. Der Wandaufbau des Münsters erfolgte im für Quaderbauten üblichen sog. Hausteinmantel-verfahren, d. h., daß die Quader innen und außen eine Hülle bilden, die mit einer reichlichen Füllung aus Bruchstein und Mörtel versehen wurde. Betrachtet man die Quader aus der Nähe, so fällt an einer Reihe von ihnen die punktförmige Vertiefung auf. Sie rührt vom Einsatz der sog. Zange her, die an zwei einander gegenüberliegenden Längsseiten des Quaders angesetzt wurde und, mit einem Seilzug verbunden, zum Aufzug der Steine diente 10). Im süddeutschen Raum ist der Einsatz der Zange besonders früh festzustellen, ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Es finden sich am Münster jedoch auch Zangenlöcher an Quadern, die relativ dicht über dem Bodenniveau plaziert sind und wo der Einsatz eines Seilzuges mit Steinzange wenig sinnvoll gewesen wäre. Hier ist an die Wiederverwendung der Quader bei Anlund Umbauten zu denken. Berücksichtigt man, daß ein größerer Quader etwa drei Tage bis zu seiner Fertigstellung benötigte und stellt ebenso die Arbeit des Steinbruchs und des Transportes in Rechnung, so ist dies verständlich.

V

Beim näheren Betrachten der Quader bemerkt man auch, daß die „Außenhaut“ des Münsters keineswegs so homogen ist wie es auf den ersten Blick scheint: Quader unterschiedlichster Größe wirken an einigen Stellen wie unordentlich „zusammengestoppelt“. Hier sind ältere Flickstellen, die von Ausbesserungen und Umbauten herrühren, neue Flickstellen aus diesem Jahrhundert dagegen sind auffallend gleichmäßig, fast wie maschinell genormt und verarbeitet.

Am ganzen Bau findet man diese Störungen im Steinverband, besonders an der Westfassade. Dort ist die sog. Baunaht deutlich zu erkennen, die den ursprünglichen Verlauf der Dachneigung der Seitenschiffe zeigt, ehe sie erhöht und verbreitert wurden. Im Mittelteil hingegen sehen die Steine so frisch aus, daß sie in neuerer Zeit, in welcher Form auch immer, einen entscheidenden Eingriff erfahren haben müssen. Ganz anders sieht es dalgegen im Obergaden aus: Dort sieht man erstaunt, daß die Mauer einen Verputz mit Quader-bemalung erhalten hat. Dies geschah im Zusammenhang mit der letzten Restaurierung 1983/84, da die Steinsubstanz hier so unansehnlich geworden war, daß anders kein ästhetisch befriedigendes Ergebnis zu erzielen war 11). Das ist insofern bemerkenswert, da davon auszugehen ist, daß das Münster, wie zahllose andere romanische Quader-bauten auch, ursprünglich mit einer farbigen Schlämme überzogen war, die Fehlstellen kaschierte und die Steine schützte. Im vorigen Jahrlhundert kam jedoch das Ideal der angeblich „materialgerechten Steinsichtigkeit“ auf, man sah in den farbigen Putzen und Schlämmen romanischer Bauten eine Zutat späterer Jahrhunderte, die es möglichst radikal zu entfernen galt, um den massigen Bauten ihre trutzige Würde (Kirche als Gottes“burg“) wiederzugeben. So sieht man an vielen romanischen Bauten, vom Villinger Münster bis zum Wormser Dom, unbarmherzig jede Fehlstelle und Unregelmäßigkeit, was andererseits dem an der Baugeschichte Interessierten zustatten kommt. Inzwischen hat jedoch eine Umorientierung stattgefunden und landauf, landab fängt man am Ende des 20. Jahrhunderts wieder an, über eine Neuverputzung bzw. -schlämme nachzudenken. Das 19. Jahrhundert hat hier aber großenteils so gründliche Arbeit geleistet, daß Kaum noch ursprüngliche Farbreste, die zur Orientierung dienen könnten, vorhanden sind. Das Spektakulärste Beispiel neuerer Zeit dürfte der Limburger Dom sein, dessen Neuverputzung such zu einer Neuinterpretation das Baukörpers zwingt.

VI

Doch nicht nur durch Um- und Anbauten veränderte sich das Aussehen des Münsters, wozu ebenso die extrem steile Dachneigung gehört, die stilistisch nicht zu einem romanischen Bau paßt, sondern auch durch die später veränderten Fenster. Hier fallen besonders diejenigen der mittleren Westfassade und die barocken Fenster und Türen des Langschiffes auf. Die Barockisierung beschränkte sich jedoch weder auf die Fenster des Münsters, der Johanniter- und der Franziskanerkirche erging es ebenso, noch auf Villingen. Es spiegelt sich darin einerseits ein Geschmackswandel wieder, vor allem aber ein verändertes Glaubensverständnis, das den Kirchenraum als lichtdurchfluteten Raum erforderte und einen starken Appell an das sinnliche Erleben einschloß. Auslöser hierfür war die Gegenreformation, die in den Beschlüssen des Tridentinischen Konzils u. a. die bildliche Darstellung der Glaubensinhalte neu Formulierte und auch Veränderungen in der Liturgie beinhaltete. So sind Barockisierungen mittelalterlicher Kirchen, wozu auch der Ersatz von Chorschranken und Lettner 12) durch aufwendige Gitter gehörte, vor allem in katholischen Gegenden zu finden. Auch der Lettner des Villinger Münsters wurde damals abgerissen und durch ein heute ebenfalls verschwundenes Gitter ersetzt.

VII

Verglichen mit den einschneidenden Eingriffen an der Bausubstanz des Langhauses zeichnet sich der gotische Langchor mit Polygonalabschluß durch große Einheitlichkeit aus, auch wenn er nicht ohne Eingriffe die Vergangenheit überdauert hat. Es fällt der geringe Freiraum zwischen Chorablschluß und gegenüberliegender Bebauung auf, der ursprüngliche romanische Chorabschluß war wesentlich kürzer. Dieser Chorneubau, von Heinrich von Fürstenberg initiiert und in Zusammenhang mit dem einzigen Stadtbrand Villingens 1271 zu sehen, war wohl von Anfang an als prächtiges Gehäuse für die fürstliche Grabstätte geplant 13) eine solche Grabstätte im Sanktuarium der Kirche findet sich häufig. Die Strebepfeiler weisen auf die Rippenwölbung im Innern hin. Wo romanische Bauten durch die Dicke ihrer Mauern mit kleinen Fensteröffnungen statische Sicherheit erreichten, wurde dies in der Gotik durch ein System der Kräfteableitung lastender Elemente auf stützende Pfeiler erreicht und erlaubte die weitgehende Auflösung der Wand durch Fenster mit bunt-leuchtenden Glasscheiben, die durch ihren edelsteinartigen Charakter das Kircheninnere in geheimnisvolles Licht tauchten. Bei genauem Hinsehen, besser noch vom Innenraum her festzustellen, sieht man eine leichte Abknickung des Chors gegenüber dem Langhaus. Dieses Phänomen, häufiger und in markanterer Ausprägung anzutreffen, ist bisher nicht sicher zu deuten. Zwangen ganz pragmatische Gründe, z. B. Grundstückslgrenzen hierzu? War es das Bemühen um eine exakte Ostjustierung 14) ? Denn wenn nicht zwingende Gründe dagegen standen (z. B. Rom, Peters-grab; Villingen, Raumprobleme bei Franziskaner-und Benediktinerkirche) wurden Kirchen geostet, hier wieder einer uralten Tradition heidnischer Kultstätten folgend, derzufolge ex oriente lux, von der Seite des aufgehenden Lichtes her, das Gute, hier das christliche Heil in Gott, zu erwarten war. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß in dem abgeknickten Chorhaupt häufig ein Symbol für den Kopf des toten Christus gesehen wird, so wie auch der überaus häufige Übergang viereckiger Turmunterbauten in ein Vieleck, wie es auch am Münster zu sehen ist, mit Mariensym-bolik in Verbindung gebracht wird. Auffallend ist die Vorliebe der Gotik für vieleckige, spitzkantige Formen, wie sie sich auch im polygonalen Chorlabschluß im Gegensatz zu den halbrunden oder rechteckigen bzw. quadratischen der Romanik zeigt.

VIII

Für Laien verwunderlich ist die an den meisten Kirchturmspaaren anzutreffende unterschiedliche Gestaltung vor allem der oberen Teile, so auch bei den zum größten Teil gotischen Türmen des Münsters, wo zudem eine Wächterstube im Südturm, wie sie vielerorts üblich war, der rechtzeitilgen Warnung der Bewohner, vor allem nachts, vor Feinden, Feuer usw. diente. Äußere Übereinstimmung war jedoch besonders in der Spätgotik kein angestrebtes Ideal. Bei einem Baumeisterwechsel, wie er angesichts der oft langen Bauzeiten und wesentlich kürzeren Lebenserwartung als heute häufig war, kamen veränderte Vorstellungen zur Ausführung. Die einander genau entsprechende Ausführung eines gotischen Turmpaares läßt eher die Vermutung aufkommen, daß dies ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist, wie z. B. beim Kölner Dom. Hohe Türme sind immer eine architektonische Auszeichnungsform und demonstrieren einen Machtanspruch. Beim Münster ist die Positilon als Chorflankentürme eine Betonung und Auslzeichnung des Allerheiligsten, des Chores. Sie entspricht der Position der Hahnentürme des Freiburger Münsters, das aber mit seinem spätelren Westturm einen gewaltigen Kontrapunkt hierzu setzt als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewußtseins, denn das Freiburger Münster war inzwischen in den Besitz der Stadt übergewechselt. Bezeichnenderweise baute man aber eine Ein-turmfassade, der Anspruch einer Zweiturmfassade wäre zu groß gewesen für eine städtische Pfarrkirche. In Villingen blieb es bei den auf romanischen Fundamenten ruhenden Chorflankentürmen, die allerdings dadurch, daß sie durch das im Vergleich zu Freiburg niedrigere Langhaus weitgehend freistehen und recht hoch sind, wesentlich markanter ins Auge fallen als die Freiburger Hahnentürme Vielleicht wäre das romanische Langhaus des Münsters, wenn die Fürstenberger länger die Herrschaft über Villingen innegehabt hätten, doch noch einem gotischen gewichen? So waren nach dem Loskauf der Stadt Villingen von der Für-stenberger Herrschaft, 1326, wahrscheinlich weder das Interesse noch die nötigen Gelder vorhanden.

Hingewiesen sei noch auf eine kaum fünfzehn Jahre alt markante Neuerung am Außenbau: die Bronzetüren von Klaus Ringwald. Sie zeigen Stationen aus dem Leben der beiden Patrone des Münsters: Johannes des Täufers (Südportal) und Marias (Westportal). Das Marienpatrozinium ist das jüngere, zahlreiche Kirchen widmeten ab dem späteren 13. Jahrhundert, als die Marienverlehrung stark zunahm, das ursprüngliche Patro-zinium zugunsten eines für Maria um, so z. B. auch Freiburg das ursprüngliche Nikolauspatrozinium. Ringwald greift mit Material und Fellderung der Türen auf alte romanische Traditionen zurück, verwiesen sei hier als Beispiel auf die Bernwardstür des Hildesheimer Domes. Ebenso entspricht die typologische Darstellung, d. h. die Gegenüberstellung eines im Neuen Testament geschilderten Ereignisses mit einem solchen aus dem Alten Testament als Präfiguration einer christlichen heilsgeschichtlichen Erfüllung Dieser Tradition, z. B. die Verbindung von Maria als neuer Eva, die im Gegensatz zur alttestamentarischen Vorgängerin nicht „sündig“ ist, sondern als Got-tesgebärerin der Welt das Heil brachte. Typologische Darstellungen finden sich im übrigen auch auf vielen mittelalterlichen Glasfenstern und sind ein Charakteristikum bestimmter bebilderter Bilbeltypen, z. B. der biblia pauperum. Am Südportal findet sich eine Variante dieser typologischen Darstellungen; Stationen aus dem Leben Johannes des Täufers werden mit solchen seines jüngeren Namensvetters Johannes des Evangelisten in Beziehung gesetzt. Auch der Formenkanon, den Ringwald benutzt, ist eher traditionell als modern, jedoch nicht epigonal und fügt sich gut dem historischen Bau ein. Damit ordnet er sein Werk dem Gesamtcharakter des Außenbaues unter. Insgesamt wirkt der Anblick des Münsters, obwohl die Originalsubstanz nur noch zu einem relativ geringen Teil erhalten ist, durchaus mittelalterlich.

X

Umso überraschter ist man beim Anblick des Inneren: Man betritt das Münster in Erwartung eines dem Äußeren entsprechenden Raumeindrucks und sieht sich einer Gestaltung gegenüber, bei der nahezu alle Jahrhunderte seit der Erbauung sowie die unterschiedlichsten künstlerischen Techniken koexistieren. Da stehen z. B. inmitten der gedrungenen spitzbogigen Pfeilerarkaden zwei wuchtige monolithische romanische Säulen. Ein Stück weiter vorn hat man die qualitätvolle spätgotische steinerne Kanzel, ursprünglich weiter westlich plaziert, angebracht. Die Apostel darüber auf Konsolen an den Längswänden, von der Hand des Villinger Künstlers Joseph Anton Schupp, sind eindeutig barock, die Zwischenräume füllen barockisierende Gemälde mit den Freuden und Leiden Mariä. Ist das Mittelschiff bis zum Gesims über den Arkaden sandsteinsichtig, so erstrahlt der Raum darüber einschließlich der Decke und der Seitenschiffe pastellfarbig, reich mit teils barockem, teils klassizistischem weißem Stuck versehen. Die im Verhältnis zur Breite auffallende Höhe des Mittelschiffes, Folge einer nachträglichen Erhöhung 15), mit seiner barocken Flachldecke, die anstelle einer wohl ornamentierten Holztonne eingesetzt wurde und zusätzlich die Raumauffassung empfindlich veränderte, verleiht dem Raum einen kastenartigen klassizistischen Charakter, der durch den die Rechteckform des Raumes betonenden Rosettenfries und den klötzchenartigen Fries, der die Decke ringsum säumt, betont wird. Filigran wie zarte Gespinste hängen Leuchter herab. Stilistisch schwer einzuordnen, würde man sie eher in das vorige Jahrhundert einreihen, ebenso die Scheiben der Seitenschiffenster, wüßte man nicht, daß sie erst anläßlich der letzten Restaurierung in den 80er Jahren für das Münster angefertigt wurden.

XI

Paradox ist die Umkehrung der authentischen Lichtführung: Das romanische Langhaus wirkt trotz der wuchtigen Sandsteinarkaden luftig, leicht und hell gegenüber dem gotischen Chor mit seiner, gemessen an der Raumgröße, riesigen Fensterfläche. Das liegt an den vergrößerten Fenstern des Langschiffes, im Obergaden aus Klarglas und in den Seitenschiffen auch kaum farbig zu nennen, zudem an der hohen lichten Decke, der zarten Farbgebung und den zerbrechlich wirkenden Leuchtern. Im gotischen Chor hingegen schlucken die dunkel bemalten Wände, die kräftigfarbigen (nicht originalen) Scheiben, die zudem noch teilweise von dem üppigen großen neugotischen Altar verdeckt werden, einen Großteil des Lichtes. Zur Neuausstattung der letzten Jahre gehören auch die, wie die Bronzeportale, von Ringwald geschaffene Mensa und der Ambo. Wurde mit der Aufstellung eines Altars in neugotilschem Stil, 1908 von einer Villinger Familie gestiftet 16), die Absicht verbunden, das Werk dem Stil des Aufstellungsortes anzugleichen, so verleugnen Mensa und Ambo Ringwalds ihre Entstehung im 20. Jahrhundert nicht, modern im Sinne von progressiv sind sie jedoch keineswegs, man vergleiche dagegen etwa Mensa und Ambo von Ulrich Rücklriem in der Kirche St. Paul in Esslingen. Es ist heutzutage überaus schwer, eine überzeugende moderne Form für eine derart traditionelle Aufgabe, wie sie die Kirchenausstattung darstellt, zu schaffen, was nicht an der Unfähigkeit der Künstler, sondern an der „unzeitgemäßen“ Aufgabenstelltung in einem durch und durch profanen Zeitalter liegt.

XII

Am reinsten ist der mittelalterliche Charakter noch in den beiden Turmkapellen erhalten, die ungefähr an der Stelle der Nebenapsiden der Vorgängerbauten liegen. Die nördliche Kapelle wird heute als Andachtskapelle mit dem schon seit Jahrhunderten als Heiltum verehrten, aber erst später ins Münster gelangten, Nägelinskreuz genutzt, die südliche seit 1982 17) als Taufkapelle. Die niedrigen engen Räulme verraten noch etwas von der Wucht mittelalterlicher Baumassen, zumal der Zugang zu ihnen nur durch die gewaltigen neobarocken Seitenaltäre hinldurch möglich ist, sodaß die stilistischen Gegensätze hart aufeinander prallen.

XIII

Mancher Besucher mag sich angesichts dieser Vielfalt der Stile, Farben, Formen und Materialien fragen, ob man nicht bei der letzten Restaurierung in den achtziger Jahren auf einen mehr einheitlichen Charakter hätte achten sollen, schließlich gibt es genug Beispiele einer Reromanisierung barock und historistisch überformter Kirchen, als Beispiele in der Nähe seien Hattstadt im Elsaß oder Gengenbach genannt. Diese Rückführungen in den „ursprünglichen“ Zustand geschahen am Ende des vorigen oder im ersten Viertel unseres Jahrhunderts, als man, positivistisch denkend, vom Fortschritt der eigenen Zeit überzeugt, genau zu wissen glaubte, wie mittelalterliche Kirchen ursprünglich aussahen. In bestem Glauben schlug man Putz und Farbe ab, um die Form, das Material „rein“, ohne „störende Zusätze“ wirken zu laslsen, die Begriffe „Materialgerechtigkeit“ und „Stein-sichtigkeit“ hatten Hochkonjunktur. Umgekehrt war man nicht zimperlich darin, Verblaßtes kräftig „aufzufrischen“ oder, wo nichts mehr war, zu rekonstruieren. Auch heute noch herrscht in manchen Kreisen, deren geschmackliche Bildung durch die Maximen des Bauhauses geprägt wurde, die Vorstellung, „richtig“ und „schlicht“ seien identisch, demzufolge seien spätere Veränderunlgen qualitätsmindernd, störend und darum zu entfernen, auch wenn dann nur noch ein kahler Torso übrigbleibt 18). Die moderne Denkmalpflege ist sich der Problematik jeden Eingriffes inzwischen deutlich bewußt geworden, sie weiß, wie leicht die Befürwortung einer bestimmten restau-ratorischen Maßnahme Gefahr läuft, vom persönlichen Geschmack dessen, der sie befürwortet, beeinflußt zu sein, oberste Denkmalpfleger nicht ausgenommen. Deshalb fordert sie zum einen, daß das Prinzip der Reversibilität gewahrt bleibt, d. h. daß restauratorische Maßnahmen ohne weitere schwerwiegende Eingriffe in die historische Substanz auch wieder rückgängig gemacht werden können, falls neuere Erkenntnisse dies erfordern, zum andern, daß die Geschichte eines historischen Gebäudes ablesbar bleiben soll und nicht durch die zeitbedingte Bevorzugung eines bestimmten Zustandes das Gebäude auf den Zustand dieser Epoche hin zu „trimmen“ unternommen wird. Die Baul und Ausstattungszustände unterschiedlicher Epochen sind also prinzipiell gleichberechtigt, erhalten zu bleiben, da sie Teil der individuellen Geschichte des jeweiligen Gebäudes sind. Dies gilt für eine spätgotische Kanzel ebenso wie für die heute eher im pejorativen Sinne dem Historismus zugeordneten Werke. Dieser letztgenannten Forderung entsprach die jüngste Restaurierung 1983/84 in vielem. Auch Denkmalpflege unterliegt Modeströmungen, und so kann es sein, daß bei der nächsten Restaurierung des Münsters ganz andere Schwerpunkte gesetzt werden…

Anmerkungen:

1) vor der Erweiterung der südlichen Stadtviertel.

2) Auf dem Lande ist dies bis heute vielerorts erhalten geblieben.

3) Uni Mißverständnissen vorzubeugen: Freiburg löste erst 1827 Konstanz als Bischofssitz ab.

4) Auf die näheren Umstände der Zähringer-Grablegen soll hier nicht eingegangen werden. Daß es in Freiburg bei nur einer Zähringerbestattung im Münster blieb, lag am Aussterben dieses Geschlechtes.

5) Casimir Bumiller: Untersuchungen zur Geschichte und Baugeschichte des ehemaligen St. Georgener Pfleghofs in Villingen. Masch. Skript 1997.

6) Vgl. Josef Fuchs: Villingen. Münster unserer lieben Frau. Regensburg 1996, 8. Aufl., S. 4.

7) Grundrisse der drei Bauten in: Fuchs: ebda., S. 4.

8) Landesdenkmalamt und Landesvermessungsamt Baden-Württemberg (Hg.): Stadt Villingen-Schwenningen 1991, bearbeitet von Peter Findeisen. Ortskernatlas. Stuttgart 1991, S. 11.

9) Die genannten Auszeichnungen, wozu auch die mächtigen unteren Turmgeschosse zählen, können alle als Indiz einer geplanten Funktion der Kirche als herrschaftliche Grablege gelten.

10) Siehe Abbildung, aus Günther Binding: Mittelalterlicher Baubetrieb, Darmstadt 1993, Abb. 22.

11) Mündliche Auskunft Dr. Fuchs, Herr Ehnes.

12) Chorschranke: romanische, Lettner: gotische Scheidewand zwischen Chor und Mittelschiff.

13) Vgl. hierzu weiter oben die Bemerkungen zum Bau der ersten zähringischen Kirche.

14) Anregung von Herrn Ehnes.

15) Paul Revellio: Beiträge, zur Geschichte der Stadt Villingen. Villingen 1964, S. 106.

16) Mitteilung einer Teilnehmerin der Führung.

17) Josef Fuchs, ebda. S. 14.

18) Eine puristische Auffassung, die im 19. Jahrhundert auch schon zeitweise vertreten wurde.