Der „Riese“ Romäus – Wirklichkeit, Legende und Deutung (Werner Huger)

Vor 500 Jahren: 1497 /98 Romäus im Turm gefangen

Als man zählt 1498 Jahr

Hat hier gelebt, glaubt fürwahr,

Ein Wundermann, Romeyas genannt,

Im ganzen Land gar wohl bekannt.

Nachdem er ritterliche Thaten vollbracht,

Sein Stärke ihn verführet hat,

Fing an seine Obrigkeit zu schelten,

Dessen mußt er im Thurm entgelten.

Broch wunderlich mit List daraus

Und floh in Sanct Johanniser Haus,

Allda noch ein Balken zu finden,

Welchen Romeyas dahin tragen konnte;

Wagt sich hernach über d‘ Mauern n’aus

Belagert Kusenberg, das feste Haus,

Das er in wenig Zeit eingenommen,

Daher wiederum Gnad bekommen,

Daß im Spital bis an das Grab

Die Herren-Pfrund ihm geben ward,

Endigt also in Ruh sein Leben.

Gott woll‘ uns allen den Frieden geben!

(Der ältesten Abbildung auf der Mauer angeblich beigefügte Text.)

So stellte sich der Zeichner 1872 die Flucht des Romäus aus dem damaligen Diebturm im Jahre 1498 vor. Die inzwischen ermittelten Daten und geprüften Hinweise geben ihm recht. (Vgl. nachfolgenden Text)

 

Romäus, der spätunittelalterliche Villinger Lokalheld, ist keine abgehobene mythologische Figur, die sich in einem sagenhaften Dunkel verliert. Er lebt zu seiner Zeit als Bürger unter Bürgern der kleinen Stadt, ist einer der ihren. Er wird aber als Mensch in seinem sozialen Umfeld durch sein Verhalten zur auffälligen Person, die Erstaunen, Bewunderung oder gar Furcht erregt. Für uns sind es die Andeutungen und überlieferten Geschichten von verwegenen Taten aber auch von seiner trotzigen Haltung gegenüber der städtischen Obrigkeit. In der sozialen Hierarchie einer Ober-, Mittel- und Unterschicht gehört er bezeichnenderweise zur bürgerlichen Mittelschicht im Umkreis der Handwerker und Gewerbetreibenden. Seine kraftmeierischen, manchmal schelmischen und oppositionellen Auffälligkeiten machen ihn zum Sympathieträger des solidarischen Bürgers, in dessen zunächst nur mündlich weitergegebenen Erzählungen die reale Person in das verklärende Licht der Legende oder Sage taucht. Noch über drei Jahrhunderte nach dem Tode des historischen Romäus sammelten und vereinigten sich über seine Gestalt zeitaktuelle Geschichten, die sich kompromittierend mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verbinden.

So ist er auf uns Heutige überkommen, ein „ewiger Romäus“ gewissermaßen. Wie bei der Beugung des Lichts umgibt seine Person der farbige Kranz einer Aureole. In diesem Licht verliert er seine reale Dimension und wird Figur. Als solche bleibt er zwischen Wirklichkeit und Legende angesiedelt, bleibt Träger von Eigenschaften, die sich vom Bild eines gewöhnlichen Sterblichen lösen. Es sind äußerliche Merkmale. Da ist seine angeblich gewaltige Kraft, sind sein unbeschreiblicher Appetit und die riesige Körpergröße. Von ihnen und seinem Mut handeln die Ausführungen jedes Gästeführers, der Fremde durch die Geschichte der Stadt geleitet und das Besondere kolportiert. Diesem „Riesen Romäus“ wollen wir auf die Spur kommen. Wir wollen ergründen, welche Ursachen bestimmend waren, daß aus einem Mann ein Kerl und aus diesem die Vergegenwärtigung „einer erzählerischen und letztlich glaubensmäßigen Gestalt“ wurde.

II. Geschichtliche Fakten

1. Der Name

a) Vorname

Der heute für den Lokalhelden gebräuchliche Name ist Romäus. In früherer Zeit gab es weitere Spielarten: Romey, Romeias, Romius, Romias oder Romeius. Es sind Gebrauchs- bzw. Rufnamen, und sie sind Vornamen. Bis in unser Jahrhundert blieb es Sitte, gleiche Ruf- oder Vornamen in der Familiensippe zu wiederholen. Als Ausfluß der Heiligenverehrung war sein korrekter Name, der so ins Taufbuch eingetragen wurde, Remigius, ein im Mittelalter häufig vorkommender Name. Er bezieht sich auf den heiligen Remigius, Bischof von Reims im 5. Jahrhundert, den Namenspatron, „dessen mächtigen Schutzes man einen zu Benennenden anvertrauen wollte“. Es findet sich wiederholt auch die Schreibweise Romigius, aus der die Verkürzung Romeius usw. oder Romäus herzuleiten ist.

b) Nachname

Der Familienname war „Manns“. Auch hier gibt es mehrere abgewandelte Formen. Die um 1500 noch ungefestigte Schreibweise von Familiennamen führte in den historischen Quellen zu Abweichungen wie: Man, Mans, Manns, Manß, Mann, Manz, Mancz, Manzz und Mantz. Sowohl die Verwendung gleicher Rufnamen, wenn auch modifiziert, sowie unterschiedliche Schreibweisen des Familiennamens erschweren u. a. die Zuordnung an eine bestimmte Person. Das geschichtliche Quellenmaterial ist ohnehin begrenzt und sagt in unserem Falle wenig aus.

2. Romäus in den geschichtlichen Quellen

Wie steht es um diese Quellen? Versiegt sind die der Ratsprotokolle und ihrer Begleitakten. Das Material ist für die Zeit vor 1549 (1540) nicht mehr vorhanden. Damit ist vor allem die prozessuale Seite des Fadles Romäus (Turmhaft) nicht mehr aktenbezogen rekonstruierbar.

Die gleiche Quellennot ergibt sich bei den wichtigen Pfarrbüchern. Auch sie reichen nicht mehr in jene Zeit zurück 1). Nach den im Villinger Stadtarchiv noch vorhandenen Urkunden erscheint, fürs Erste ohne nähere Differenzierung, für die in Frage kommende Zeit dreimal ein Remigius und einmal ein Hans Manns, wie zuvor schon verdeutlicht in abgewandelter Schreibweise 2). Ebenfalls im Stadtarchiv befindet sich das Bürgerbuch ab 1401 mit drei Hinweisen auf einen Remigius Manns 3). Einen Hinweis auf Remigius Mans gibt es in den Aufzeichnungen der Sankt Leonhard- und Sankt Josenpfründe 4). Schließlich bleibt noch das Jahrzeitbuch des ehemaligen Franziskanerklosters mit der Erwähnung eines Remigius Mans 5).

Zunächst ohne Möglichkeit einer genealogischen Einordnung, lassen sich die urkundlichen Notizen wie folgt auflisten:

1467 Remigius Manns und andere schwören Schultheiß, Bürgermeister und Rat von Villingen Urfehde (Anmerkung 2).

1480 Hanns Manns, genannt Hessli, …schwört Schulth., Bgm. u. Rat von Villingen Urfehde (Anmerkung 2).

1481 Hans Brulinger, ist burger an sinem halben huse, in hüffinger gassen, was Remigius Manns, an dem tail wider Vailingen huse… (Anmerkung 3).

1483 Maister Michel Wichen, der kessler, ist burger ab sinem huse in hüffinger gassen, ab dem teil gegen Remigius Manns huse (Anmerkung 3).

1483 Remigius Manns, der gebütel, ist burger ab sinem huse, gegen der frowen in der samlung huse in hüffinger gassen… (Anmerkung 3).

1486 Romigius Manns, der wirdt zu Villingen, schwört Bgm. und rat von Villingen Urfehde (Anmerkung 2).

1494 Remigius Man zu Villingen bestätigt, von Schulth., Bgm. und Rat von Villingen die Erlaubnis zum Bau eines Hauses „uff brayten brunnen“ bekommen zu haben, als Erblehen… (Anmerkung 2).

1508 Hans Müller, genannt Allgöwer, in der Niedergrabenmühle zu Villingen, verkauft sein Haus an der Bickenstraße samt der Scheuer dahinter um 28 fl. Villinger Währung an den ehrbaren Remigius Mans und dessen Nachkommen zu Villingen (Anmerkung 4).

1510 „Es wirt jorzit am suntag zuo vesper mit Vigil und mendag frue mit sel meß for lucye remigius mans sin fatters und muoter und zweyer siner husfrowen und aller siner vorderen und siner kinden het geben ein hus im Ried mit ein garten giltet jerlich 1 lib. VIII ß, anno XV°X°.“ (Anmerkung 5).

Die obige Reihung der einzig vorhandenen „amt-ichen“ Jahreszahlen grenzt den zeitlichen Bereich :in, in dem wir die historische Person des Romäus ui suchen haben. Sowohl J. N. Schleicher als auch 2hristian Roder (a. a. 0.) unternahmen den Ver-;uch, die genannten Personen in einen familiären Zusammenhang zu bringen und sich dem legendären Romäus zu nähern. Während Schleicher zu ;ehr im Spekulativen bleibt, glaubt Roder (Romeias a. a. 0., S. 201 ff.), daß „höchst wahrscheinlich“ jener Remigius Manns von 1467 (Urfehde) der Vater von Hanns Manns (Urfehde 1480) und des „Remigius Manns, der gebütel“ sei. Er schreibt, „Letzterer, – unser Romeias, er war Büttel oder Gerichtsdiener – war laut Bürgerbuch seit Weihnachten 1483 Bürger auf seinem Haus in der Hüfinger Gasse (jetzt Gerbergasse)“.

Für Christian Roder sind Remigius Manns (1483) und Romigius (Urfehde 1486) dieselbe Person, wenn er schreibt, „Aber auch dessen Bruder (Anm.: Bruder des Hanns Manns) Romigius (sic!) Mans – er ist nun Wirt – war bald, nämlich 1486, in ähnliche ,merkliche Händel‘ verwickelt“.

Nichtsdestoweniger sind auch Roders Gedanken ungesicherte Überlegungen. Roder bezeichnet nämlich Remigius Manns, den Büttel, mit dem Datum von 1483, und Romigius Manns, den Wirt, von 1486 als, wie erwähnt, dieselbe Person, ohne den Beweis zu führen. Aus dem Urfehde-brief von 1486 ist er, außer dem Namen und der Berufsangabe, nicht näher identifizierbar, und wir erfahren nur, daß er „in allen ehrbaren Dingen wieder gehorsam und gewärtig“ sein wolle (Schleicher, S. 89). Die Person des Romäus ist folglich weder aus dem obigen zeitlichen Katalog zu identifizieren, noch ergibt der Wortlaut des Urfehde-briefs oder sonstiger Urkunden, einen unmittelbaren Hinweis. Alle Kombinationen haben nur mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit für sich. Dazu gehören auch fiktive Altersrechnungen. Danach dürfte – entgegen der Meinung J. N. Schleichers (a. a. 0.) – der Remigius Manns von 1467 ausscheiden, wäre er doch zum Zeitpunkt der nachfolgend zu schildernden Einkerkerung 1497 und der Flucht 1498 bereits um die fünfzig und bei der Schlacht von Novara, 1513, mindestens sechzig Jahre alt gewesen.

Anders steht es um Romigius Manns, den Wirt, aus dessen Urfehdebrief von 1486 zu entnehmen ist, daß er ein „eelich wyb“ und „klaine unerzogene kind“ besitzt (Vgl. Schleicher, S. 89). Ihm für das Jahr 1486 ein fiktives Alter von 25 Jahren zuzuweisen, würde für alle nachfolgenden geschichtlichen Daten Sinn machen.

Dennoch: Die Gestalt aus Fleisch und Blut, die Person, bleibt im Verborgenen, ihr Bild unbestimmt und schemenhaft. So bleibt sie Stoff, aus dem die Legenden sind. Das gilt ebenso für jene Gestalt, die uns im Bericht des Villinger Ratsherrn Heinrich Hug, einem Zeitgenossen des Romäus, handelnd entgegentritt. Hug hat uns seine Tagebuchaufzeichnungen für die Jahre 1495 – 1533 hinterlassen, in denen er als Zeitzeuge Nachrichten aus dem Leben des Romiaß Manß übermittelt 6). Formal, inhaltlich und aus rechtshistorischer Sicht der deutschen Sprache unserer Tage angepaßt, lauten die Schilderungen Hugs wie folgt:

Im Jahre 1497, um Maria Empfängnis (Anm.: auch: Mariä Erwählung) (nach Roder: 8. Dezember), wurde einer gefangen genommen. Er hieß Romiaß Manß. Er wurde im Diebturm (Anm: Sankt Michaelsturm) eingesperrt, weil er angeblich den Stadtschreiber und den Hansen von Frankfurt, der hier Schultheiß war, verunglimpft hatte. Er lag zunächst bis nach der Weihnachtszeit gefangen (Anm.: damals vom 25. Dezember bis Sonntag nach dem 6. Januar). Dann hat man einen Boten ausgeschickt, der mit der Glocke den Rat zusammenrief. Dieser kam mit mehrheitlichem Beschluß zu dem Urteil, ihn lebenslänglich im Turm einzusperren. Aus dem Spital solle man ihm täglich ein Stück Brot und einen Krug mit Wasser geben, sofern allerdings seine Freunde (Anm: auch Verwandte) der wohlgesonnene Gönner ihm aus Barmherzigkeit Zuwendungen machten, wäre man damit einverstanden. Es gab Freunde und Gönner, von denen jeweils einer ihn einen Tag in der Woche im Turm verköstigte. In der städtischen Bevölkerung hatte man mit ihm großes Mitleid, aber es gab keine Hilfe. Während der Fastenzeit kam auf seinem Ritt nach Hochburgund Herzog Jörg von Bayern in die Stadt. Den Grafen und Rittern seines Gefolges trugen ehrbare Leute den Sachverhalt vor, weshalb er eingekerkert sei und welche Gründe dafür bestimmend waren. Daraufhin setzten sich drei Grafen und sieben Ritter und Freiherren bittend für ihn ein.

So müßte die Holzpritsche für Romäus ausgesehen haben. Als sein Zeitgenosse berichtet der Villinger Ratsherr Heinrich Hug ..Und macht im ain ratt ain brugk uß flecklin…“ (Bildvorlage: Aufnahme der ehemaligen Gefängniszelle im Wasserschloß Glatt, Kreis Hechingen, 1985)

 

Aber alles war vergebens. Der Rat wies das Ansinnen mit dem Hinweis zurück, daß er, entsprechend des begründeten Urteils, bis zu seinem Tode im Turm verbleiben müsse. Der Rat ließ ihm eine hölzerne Pritsche aus Bohlenbrettern anfertigen und versorgte ihn nach seiner Meinung entgegenkommend, dennoch konnte ihm niemand helfen. Da rief er die Heiligen an und überlegte, was ihm nützen könnte. Er erhielt in den Turm ein fingerlanges Messer zugesteckt. Damit brachte er es mit Gottes Hilfe zuwege, daß er eine Sprosse nach der anderen in die Mauer einbrachte, bis er oben an die Decke des Kerkers gelangte. Dort hatte er erhebliche Schwierigkeiten, weil er auf große Eichenklötze (Anm.: Stockwerksbalken) stieß. Er arbeitete nun nachts und trieb es „so lang bis an unßers heren fronlichnams abend“ (Anm.: = 2. Donnerstag nach Pfingsten nach Roder 13. Juni 1498) um die „11 stund im tag“ 7) (Anm.: nach 18 oder nach 19 Uhr). Da war er auf das Stockwerk gelangt und versorgte sich mit den Seilen die hier lagen. Und als es Nacht war zwischen 10 und 11 8) (Anm.: drei und 3.45 Uhr morgens), seilte er sich über eine Öffnung nach außen ab, bis auf das Dächlein vor dem Turm (Anm.: über dem hochgelegenen Eingang in etwa acht Meter Höhe). Seine Hände verloren den Halt am Seil, und er fiel auf Bretter hinunter, die dort lagen. Zuvor hatte er große Klötze, die er ausgegraben hatte, hinuntergeworfen. Die trug er mit als er hinüber zur Johanniter-Kommende flüchtete. Der eine befindet sich noch an der Säule im Chor. Den andern trug er mit nach St. Wolfgang im Bayernland. Sobald er zu den Johannitern kam und es morgendlicher Tag war, wurde es zum allergrößten Wunder, das man je gehört hatte, daß einer einem solchen Gefängnis entkommen konnte. Die Menschen strömten ihm zu und priesen Gott an ihm. Vom Rat war keiner darunter. Viele wurden verhaftet. Der für den Diebturm zuständige Werkmeister wurde festgenommen und in die Arrestzelle im Bickentor eingesperrt. Aber auch er brach aus und flüchtete ebenfalls ins Asyl zu den Johannitern. Wollte er allerdings freikommen, mußte er dem Rat zwanzig Gulden zahlen. Auch der Turmwächter wurde festgenommen. Es war jedoch von niemandem zu erfahren, wer ihm den Ausbruch aus dem Turm ermöglicht hatte. Mit großem Aufwand versuchte der Rat seiner habhaft zu werden. Am Sankt Verenatag (nach Roder: 31. August; richtiger: 1. September) gab es ein großes Unwetter. Da floh er über die Mauer, entkam und verlangte Gerechtigkeit. Es gab ein Wiederaufnahmeverfahren, der Rat hob sein Urteil auf und zahlte ihm eine Abfindung 9). Man gewährte ihm den freien Abzug, auf daß er ziehe, wohin er wolle. Er war ein ganz ungewöhnlicher, unbegreiflicher Mensch, so daß die Ereignisse um ihn nicht zu beschreiben sind; zumal er von Jugend an ein Kriegsmann war, der während seiner Tage große Dinge getan hat.

 

Die Küssaburg (670 m) bei Waldshut, seit 1634 Ruine. Heinrich Hug über das Geschehen auf der Burg im Schweizeroder Schwabenkrieg 1499: “ .do hielt er (Romäus) sich so redlich, das im der king (König Maximilian 1.) hie (in Villingen) ain Pfrund gab in der ober stuben. ..“

 

Danach im Jahre 99, wie du später noch hören wirst, fing der Schweizerkrieg an. Da befand er sich auf dem Schloß Küssaburg bei Waldshut. Hier bewährte er sich so rechtschaffen, daß ihm der König (Anm.: Maximilian I.) hier (Anm.: in Villingen) eine Pfründe in der oberen Stube des Spitals stiftete. Die war ihm lieber als die „Pfründ“ im Diebturm, zu der sie ihn verurteilt hatten. Es ist unmöglich, all das Außergewöhnliche um ihn zu beschreiben.

Soweit die Übertragung dieses Teils des Tagebuchtextes von Heinrich Hug für die Jahre 1497 / 98. Aus der Zeit des Schweizerkrieges (auch: Schwabenkrieg) 1499 entnehmen wir bei Hug auszugsweise folgende Schilderungen: 10)

Item am 4. Donnerstag nach Ostern (nach Roder: 25. April) schlossen sich die Schweizer zusammen und zogen heraus vor ein Städtlein, namens Tiengen … machten große Beute und verbrannten die Stadt. … Das war unsererseits eine Schande und verbreitete großen Schrecken … Item in diesen Tagen kam der Römische König (Anm.: Maximilian I.) nach Freiburg … Item von Tiengen zogen die Schweizer nach Stühlingen und belagerten Schloß und Städtlein … sie verbrannten Schloß und Städtlein „butzen und stil“. Item von Stühlingen zogen die Schweizer vor ein Schloß namens Küs-saburg. Auf diesem Schloß waren 25 starke Männer und war Romias Manss ein Büchsenmeister (Anm.: Befehlender über Feuerwaffen). Als die Schweizer vor das Schloß kamen, wollte die Mannschaft den Büchsenmeister nicht schießen lassen. Der Schloßhauptmann stellte sich vor sie und sagte: ,Wer mit mir das Schloß verteidigen will, stelle sich auf meine Seite“. Nur vier Mann stellten sich auf seine Seite. Zwanzig wollten das Schloß aufgeben und ergaben sich ohne alle Not. Man ließ sie abziehen, doch als sie nach Waldshut kamen, wurden sie gefangen genommen. Den Anstiftern ließ der Landvogt den Kopf abhauen, weil sie Verräter waren, nur fünf ließ man leben…. Item am Donnerstag nach dem St. Georgstag (nach Roder: 25. April) kam der König nach Villingen 11). Zu seineun Empfang zogen ihm einhundert Vertreter der Stadt entgegen. Denen schenkte der König sechs Gulden, die wir in geselliger Runde verzehrten. Freitagfrüh um zehn Uhr ritt dann der gesamte Zug mit dem König und achthundert Pferden nach Konstanz….

1509 vermerkt Heinrich Hug: 12)

Item im Jahr 1509 erhob sich der Krieg zwischen dem Papst und dem Römischen König und dem König von Frankreich gegen die von Venedig…. Der König hatte 80000 Mann vor Padua liegen, aber er konnte die Stadt nicht einnehmen. Aus der Stadt heraus wurden 1000 Mann erschossen, zwei Büchsenmeister aus dieser Stadt (Anm.: Villingen): einer war Michel Wer(k)maister und der „jung Romius Mans“

Die Ansprüche des französischen Königs Ludwigs XII. auf das Herzogtum Mailand führten am 6. Juni (nach Roder) 1513 zur Schlacht bei Novara, etwa 30 km westlich Mailands in der Poebene. Nach Heinrich Hug kämpfte auf französischer Seite ein Kontingent von dreieinhalbtausend Landsknechten. Ein letztesmal berichtet Hug von „Romyas“:

Item wir hatten von Villingen wohl achtzig bei der Schlacht 13) … Item am Vorabend Mariä Geburt in der Haferernte (nach Roder: 7. Sept.) war hier in Villingen ein großes Jammern. Man gedachte, wie es hier Sitte und Gewohnheit ist, mit dem Läuten der großen Glocke des Begräbnisses all der frommen Knechte, die von hier kamen und die in der Schlacht bei Mailand von den Schweizern erschlagen worden waren. Es waren 21 Mann, die zu Villingen gehörten, aber nicht mehr als zehn tapfere Männer, die in der Stadt steuer- und dienstpflichtig waren, mit Namen: Romyas Mans, von dem ich weiter vorne viel geschrieben habe, er war ein Büchsenmeister, …

3. Die Auslegung der Hugschen Berichte

a) Die Turmhaft

Dem Romäus war vorgehalten worden, er habe sich verleumderisch oder mit übler Nachrede gegen den Stadtschreiber und den Schultheißen vergangen. Der Straftatbestand, der sich im modernen Recht als Beleidigung erweist, wird auf die Ebene des Verbrechens gehoben und mit lebenslanger Turmhaft abgestraft. Nach den Spuren, die sich im ehemaligen Diebturm noch heute vorfinden, sowie den Schilderungen Hugs lag Romäus im Verlies, d. h. auf der Sohle des Turms, hinter zweieinhalb Meter dicken Mauern, fast neun Meter unterhalb des Turmeingangs.

Zur Verbüßung der Strafe wurde also nicht die urkundlich nachgewiesene Arrestzelle, das für Diebe vorgesehene „keffit“, auf Höhe des ersten Stockwerks über dem Turmeinstieg verwendet. Eine solche schwere Kerkerhaft ist dennoch nicht ungewöhnlich, wenngleich sie bisher nur noch einmal als lebenslange Strafe, wenn auch nicht als Dunkelhaft, bekannt geworden ist 14).

Für den heutigen Menschen ist die schwere Strafe schon deshalb kaum verständlich, weil der Tatbestand der Beleidigung als rechtswidriger Angriff auf die Ehre zwar strafbar ist, aber in der vorliegenden Form auch nach Antrag des subjektiv Verletzten wahrscheinlich auf den Privatklageweg verwiesen würde, wo die Grenzen u. U. weit gesteckt sind. Was noch vor hundert Jahren im Rahmen des Ehrenkodex zu einem Verfahren und Urteil geführt hätte, qualifiziert sich heutzutage nicht selten als freie Meinungsäußerung. Das Mittelalter war hier rigoros. Die Beleidigung in Form der Üblen Nachrede oder Verleumdung wurde als Angriff auf die Ehre als hohem Rechtsgut über die sogenannte Blut-, Hals-, Malefiz- oder Hochgerichtsbarkeit geahndet. Die Ehre ist im Mittelalter das höchste Gut des Bürgers. Nur wer im Vollbesitz seiner bürgerlichen Ehre war, konnte zum Richter (Rat) gewählt werden oder ein städtisches Amt bekleiden. Besonders schwer wog deshalb in der Einschätzung der Angriff auf die Ehre eines Ratsmitglieds, eines Schultheißen, Bürgermeisters, Obristzunftmeisters oder des Stadtschreibers. Das wird aus den Villinger Stadtrechtsregelungen deutlich, und nur so erklärt es sich, daß die angeblichen Äußerungen des Romäus über das Hochgericht abgeurteilt wurden, wo es nach dem Verbrechenskatalog an Hals und Hand ging, d.h. es regelmäßig zur Todes- oder schweren Leibesstrafe kam.

Weder die städtische Mittelschicht noch die in der Stadt eingetroffenen adligen Gäste vermochten den Rat umzustimmen. Lediglich eine geringe Hafterleichterung und etwas Zubrot wurden gewährt. Das erklärt den Zwang zum gewagten Ausbruch des Remigius. Die heute noch sichtbaren Hinweise im Turm erlauben eine wirklichkeitsnahe Rekonstruktion der Flucht 15). Danach kratzte Romäus mit einem Gegenstand („fingerlanges Messer“) den Kalkmörtel aus den Stoßfugen der Bruchsteine an der inneren Nordwand. In diesen Löchern („spris“ = Sprosse oder Stufe) konnte er dann ohne nennenswerte Anstrengung bis zu einer Höhe von 4,60 Meter emporsteigen. Die restlichen 3,4 m bis zum untersten hölzernen Stock-werksboden, für ihn die Decke des Verlieses, mußten über die Mauervorsprünge der Wand erklettert werden. Ein entsprechender Versuch wurde von uns vor Jahren unternommen und damit als Ausbruchsmöglichkeit nachgewiesen. Größere Schwierigkeiten bereiteten Romäus dann allerdings die Balken und die aufliegenden Bohlen, die es zu durchdringen galt. Anschließend benutzte er das damals bereits vorhandene heutige hölzerne Innengerüst (Vgl. Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft XIX, 1994/95, S.48 f.) und gelangte über dessen Treppenstufen in das 2. Stockwerk über dem Turmeingang, wo er sich mittels vorgefundener Stricke aus der ersten breiten Luke in der Ostwand zur Stadt hin abseilte. Für den engen Erlebnis- und Erfahrungshorizont der Menschen dieser kleinen mittelalterlichen Stadt muß der Ausbruch aus diesem mächtigsten aller Türme etwas Unfaßliches gewesen sein. Es hat, wie die Erzählung weiß, entscheidend zur Bildung der Romäuslegende beigetragen.

Der Grund für die Flucht zu den Johannitern auf die andere Stadtseite hinüber ist vor allem in deren Asylrecht zu suchen. Zu den 1378 durch Kaiser Karl IV. erneuerten Rechten und Freiheiten des St. Johann Ordens gehörte auch: „Es sollen alle ihre Heuser in Teutschen Landen, und dazu alle, die mit ihr Leib und Guet darein fliehen, frey und sicher sein, also das niemand ihr Leib noch Guet darauß Frevenlichen noch mit Gewalt mit nehmen solle, in kaine weise“. (Archivakten) 16) Das Asylrecht galt im Mittelalter grundsätzlich auch für Klöster.

Die Fugenlöcher im Mörtel der inneren Nordwand des Romäusturmes ab der Sohle, die offensichtlich herausgearbeitet wurden, verraten einen Bereich, innerhalb dessen ein Aufstieg bis zur Höhe von etwa 4,60 m ohne große Anstrengung möglich (gewesen) wäre. Im Bild die Zone zwischen Höhenmeter 2 ab Sohle bis 4 Meter.

 

Rekonstruktionsversuch des Ausbruchs durch den Geschichts- und Heimatverein Villingen: Im Jahre 1971 erkletterte Werkmeister Thierer von der Stadtverwaltung den wahrscheinlichen Fluchtweg des Romäus über die innere Nordwand bis zur einstigen Decke des Verlieses, dem untersten Boden im Turm, hinter dem Eingang, etwa acht Meter über der Sohle.

Ein Ausweichen des Romäus auf das unmittelbar benachbarte Franziskanerkloster hätte allerdings nur scheinbaren Erfolg versprochen. Im Gegensatz zu den politisch einflußreichen und begüterten Johannitern waren die Franziskaner als Bettelorden zu sehr von der städtischen Obrigkeit abhängig und damit erpreßbar, zumal auch noch das erneuerte Stadtrecht von 1371 verfügte, daß gegenüber Flüchtigen zu den Franziskanern ein Verfolgungsrecht besteht. Das dürfte Romäus gewußt haben. Die Wiedereinsetzung des Verfahrens, die Aufhebung des Urteils und die gezahlte Haftentschädigung machten Romäus ausdrücklich zu einem freien Mann, dem damit die erneute Niederlassung in der Stadt grundsätzlich ermöglicht wurde. Nur so wird verständlich, weshalb König Maximilian I. ihm zehn Monate später in der oberen Stube des Spitals zu Villingen eine Pfründe stiften konnte, die ihm sogar eine bevorzugte Versorgung versprach. Er hatte auch für den König als unbescholtener Untertan der Landesherrschaft Habsburg-Österreich zu gelten. Welche Hintergründe für das Pfründprivileg bestimmend waren, wird noch darzustellen sein.

b) Die Belagerung und Einnahme des Schlosses Küssaburg

Die stattliche Küssaburg, als Ruine heute noch weit ins Land schauend, liegt etwa sieben km östlich der Stadt Tiengen am Hochrhein, heute kommunalpolitisch mit Waldshut vereinigt, nördlich des Rheins und unweit der Bundesstraße 34, die eine Ost-West-Verbindung über die grüne Grenze hinweg durch den Kanton Schaffhausen über Singen hinaus, an den Bodensee herstellt. Folgt man den Ausführungen Heinrich Hugs, versammelten sich die Schweizer am vierten Donnerstag nach Ostern (nach Roder: 25. April 1499) und zogen vor das Städtchen Tiengen.

Die aus Holz gezimmerten Stockwerke mit den Treppenläufen im Romäusturm, wo auch diese mächtige Aufzugswelle zu finden ist, wurden im Ausbruchsbereich von unten nach oben in den Jahren 1357, 1390 und 1430 eingebaut. Aus dieser Luke konnte sich Romäus auf waghalsige Weise nach außen abseilen.

 

Nach dessen Einnahme führte der Weg von Tiengen etwa 23 km ins nordöstlich gelegene Stühlingen. Als dieses zerstört war, ging es angeblich zur Küssaburg, die wieder rund 20 km südlich liegt. Am selben 25. April sei der König nach Villingen gekommen. Wie konnte er zu diesem Zeitpunkt etwas vom tapferen Verhalten des Romias Manss wissen? An der Schilderung dieser kriegerischen Ereignisse wird einmal mehr deutlich, daß Heinrich Hug dort, wo er nicht unmittelbarer Erlebniszeuge war, auch hörensagend auf Nachrichten angewiesen war, die sich rückblickend widersprechen konnten, obwohl er die Vorgänge grundsätzlich richtig wiedergibt. Im konkreten Falle müssen wir deshalb die zeitliche Abfolge des Geschehens und die taktischen Verläufe überprüfen. Über den zweiten Zug der Schweizer in den nördlich gelegenen Hegau vom 16. April bis 1. Mai während des Schweizerkriegs (Schwabenkrieg) 1499 erfahren wir aus anderer Quelle einen modifizierten Verlauf 17).

Danach überschritten die Schweizer am 16. April etwa neun Kilometer südöstlich der Küssaburg bei Kaiserstuhl (mittelalterlicher Rheinbrückenüber-gang mit Burg Röteln) den Fluß. Ihr Vorstoß in den Klettgau erfolgte nach Norden und Nordwesten. Es seien 4000 Berner gewesen. Die von Luzern, Fryburg und Zürich belagerten Tiengen. Von den Bernern erhielten sie Verstärkung und zählten nun 4000 Mann. … Nach der Besetzung der Küssaburg seien die Eidgenossen vor Stühlingen gezogen. Tags darauf habe sich das oberhalb liegende Schloß Hohenlupfen ergeben. Dann marschierten sie am 27. April weiter nach Norden bis Watterdingen, wo sie einen Tag ruhten …

Nach dieser Darstellung dürfte die Küssaburg entweder am 16. April oder kurz danach eingenommen worden sein. Das heißt, Romias Manss konnte schon einige Tage vor Ankunft des Königs in Villingen am 25. April in der Stadt eingetroffen sein. Nur so läßt sich zeitlich die Pfründverleihung erklären. Über den Beweggrund gilt es zu spekulieren. Villingen war eine habsburg-vorderösterreichische Stadt und der König in Personalunion gleichzeitig der Landesherr. Die Bürger waren als Untertanen auf Seiten des Königs in den Schweizerkrieg einbezogen, ergänzend als Koalitionspartner des Schwäbischen Bundes. Die Allianz galt umso mehr, nachdem Maximilian I. am 22. April 1499 den Eidgenossen als Angehörige des Reiches den Reichskrieg erklärt hatte.

Der Auszug eines städtischen Heerbanns in das Schaffhauser Gebiet nach Schleitheim und Hallau wurde zu einem erfolglosen Unternehmen 18). Dagegen konnte man in der Person des Romias Manss einen wagemutigen Mann nach dessen unmittelbar zurückliegender „Feindberührung“ vorzeigen und ihn dem König vorstellen. Dieser hatte sich ja schon beim Empfang spendabel gezeigt, so daß auch hier eine Anerkennung der kriegerischen Verdienste des Romias Manss in Form einer Pfründe naheliegt. Sach- und Rechtszuwendungen als Belohnung für kriegerische Verdienste waren zu allen Zeiten üblich.

c) Tod des „jung Romius Mans“ in der Schlacht von Padua 1509

Das von Heinrich Hug verwendete Eigenschaftswort „jung“ grenzt die Person ein. Danach kann es sich mit Sicherheit nicht um „unseren“ Romäus gehandelt haben. Wie weiter vorne erwähnt, ist dem Urfehdebrief von 1486 zu entnehmen, daß Romigius Manns „klaine unerzogene kind“ besaß. Unterstellt, dieser Romigius Manns, der Wirt, sei unser Romäus gewesen, dann kann man Christian Roder zustimmen, wenn er meint, der „jung Ro-mius“ sei „wahrscheinlich ein Sohn unseres Ro-meius Manns“ gewesen 19). Der Ausdruck „jung“ ließe sich mit einer realistischen Altersschätzung um 25 Jahre verbinden.

d) Tod des „Romyas Mans“ in der Schlacht bei Novara 1513

Diesem Ereignis ist die Notiz voran zu stellen, wonach „remigius mans“ 1510 dem Franziskanerklo-ster ein Haus im Riet als Jahrzeitstiftung zum Seelenheil seiner (verstorbenen) Eltern, seiner zwei Frauen, seiner Vorderen und seiner Kinder vermachte 20). Diese Mitteilung, für sich allein betrachtet, gibt keine Auskunft, ob es sich bei diesem Stifter „remigius mans“ um Romäus gehandelt hat. Wir werden aber noch sehen, daß sich über die familiären Querverbindungen eine heiße Spur und eine Lösung entdecken läßt.

Eine sichere Verbindung zum historischen Romäus stellt zunächst die Bemerkung Heinrich Hugs dar, wenn er die in der Schlacht bei Novara am 6. Juni 1513 in französischem Sold gefallenen Villinger namentlich erwähnt und u. a. schreibt: „… Romyas Mans, von dem ich da forna ful geschriben hon, was ain büchsenmaister…“.

Anthropologische Skelettuntersuchungen, auch in Villingen, belegen im Mittelalter, anhand zweien hier zu zitierenden statistischen Stichproben, ein mittleres Sterbealter für Männer von 42,6 bzw 34,0 und für Frauen von 38,7 bzw. 27,7 Jahren 21) Bei der Häufugkeitsverteilung ist die Sterberate in der maturen Altersgruppe (41 bis 60 Jahre) den Männer allgemein sehr hoch und mit der Kindersterblichkeit vergleichbar. Der Anteil einer Stichprobe beträgt bei sicher zuweisbaren 259 (vor 494) Individuen aus dem Villinger Münster, entsprechend der Skelettbefunde, 35 % 22). Es läßt sich abschließend sagen, daß der historisch( Romäus im Jahre 1513, bei seinem gewaltsamer Tode, ein für seine Zeit hohes Alter erreicht hatte und aus der Sicht seiner Mitstreiter ein alte Mann gewesen sein dürfte.

Erläuterungen:    Josua Maler hat seine Selbstbiografie von 1593 bis 1596 verfaßt, und zwar den Teil aus dem sich die obige Aufstellung ergibt. Er war Geistlicher sowie Schulmann und zu dieser Zeit als Schweizer in Elgg, von wo er eine zweite Reise in das „Vaterland“ seines Vaters, Villingen, unternahm. Das Geschlecht ist im Mannesstamme 1656 ausgestorben. (Vgl. SVG a. a. 0., S. 74 bis 95 u. 109)

Die jeweils 2. Ehe der Witwe des Balthasar Maler alt und des Remigius Mans mußte spätestens 1510 geschlossen worden sein. Bereits vom 9. Dezember 1510 stammt der Eintrag im Jahrzeitbuch der Franziskaner (siehe weiter vorne), wo Remigius Mans seine Grundbesitzschenkung, unter anderem für „zweyer siner husfrowen“ dokumentieren ließ (Vgl. J. N. Schleicher, Romeius Manns a. a. 0., S. 92).

Wie schon bei Heinrich Hug, so wird auch durch Josua Maler über die Erzählungen seines Vaters Balthasar Maler deutlich, daß der tapfere Romäus wegen seiner kriegerischen Kühnheit für die Leute ein auffälliger herausgehobener Mann war. Gleichzeitig bietet uns die Mitteilung des Josua Maler die Gewähr, daß es sich bei dem Gemälde auf der Ringmauer nicht um einen x-beliebigen Landsknecht mit symbolischer Bedeutung sondern um Remigius Mans, den legendären Romäus, gehandelt hat, wenngleich nicht als Portrait. Dazu kamen auf dem Bild, laut Roder (S. 199) „von einem offenbar neueren Poetaster“, die in der Einleitung unseres Beitrags wiedergegebenen Verse. Das Bild verschwand endgültig beim Abbruch der äußeren Maueranlage „in den 1840er Jahren“. Eine „genaue Kopie vom alten Bilde“ fertigen zu lassen „habe man“, so Roder, „leider vergessen“.

III. Die Legenden im Bild und schriftlicher Überlieferung

Alles was man nicht genau kennt regt die Phanta sie an. Das muß man schon Heinrich Hug, den Zeitgenossen des Romäus, zubilligen, wenn er wie eingangs ausgeführt, schreibt: „Er was ein wunderbarlichast mensch, das sine sachen nit chribend sind, dan er ain kriegsman waß von jugend uff und hat groß sachen geton sin tag“. Das Wort „kriegsmann“ verweist auf einen militärischen Haudegen und tapferen Kerl, ansonsten )leiben „sine sachen“ verborgen. So wird Hug be-egbar der erste, der in der Überlieferung an der -egende Romäus strickt.

1. Die Bildberichte

a) Der Müller zu Niedereschach

Etwa zeitgleich, 1520, schwört Hainrich Gebhart, ler Müller zu Niedereschach, Urfehde, nachdem er zuvor Schultheiß, Bürgermeister und Rat von Villingen verleumdet hatte. In seinen unsachlichen Vorwürfen erwähnt er das gemalte Bild des Romäus, das die Villinger an der äußeren Ringmauer beim Oberen Tor angebracht hatten, mit den Worten „… sy malen lütt für die statt an die muren, umb das man sy fürchten söll“ 23).

b) Josua Maler und seine Familie

Im Frühjahr 1569 besuchte Josua Maler mit seinem Sohn Balthasar von der Schweiz aus seine Verwandten in Villingen. Er schreibt darüber, daß sie „auch andere Kirchen und namhafte Orte der Stadt“ besichtigten und fährt wörtlich fort „wie auch usserhalb der statt an der ringmuren nebent einem thor ein alt gemäll und abcontrafeyung Re-migius Mansen sel., so by sinen zyten ouch von wägen siner unverzagten frävenheit (Verwegenheit) und das in mencklich entsessen ist (und gefürchteten Tapferkeit) Remigius Tüfel genennt worden, von dem mir oft und vil min lieber vatter sel. (Anm.: der Exmönch Balthasar Maler, siehe Skizze) selzamer sachen erzelt, dann er ist sin Stiefvater gsin, ist entlich in der Schlacht zu Nauarren (Novara) umgangen (gefallen), und wirt naach-mals von denen von Villingen sin biltniss von wegen siner kriegrischen, dapferen art, irem und dem östrychischen Wappen und eerenzeichen zu-gemalt. … Es ist aber diss alt gemäll mines Stiefgrossvaters seligen gar naache (beinahe) verblichen, und wirt daran die uralt landsknechtisch kleydung ordentlich gesehen“ 24). Die gezeichnete Darstellung der Abstammungsreihe ergibt in der Altersschätzung der Personen, daß die weiter oben aufgeführten Remigius Mans der Jahre 1483 und 1486 (bzw. 1494) entweder identisch sind oder es sich bei einem von ihnen (dem Wirt?) um den historischen Romäus handelt.

c) 19. Jahrhundert: Das Bild am Turm

Als romantische Rückbesinnung erlebte das Bild im 19. Jahrhundert eine Auferstehung in der Historienmalerei. Der neue Ort wurde die Nordfassade des inzwischen nach unserem Volkshelden benannten Romäusturms. Romäus erhielt wieder das Aussehen eines Landsknechts, diesmal mit eisernem Helm, die Hellebarde zur Rechten gestellt. Als weiteres Attribut kam der Torflügel der Rottweiler Legende hinzu. Ferner wurde das einstige Gedicht modifiziert wiedergegeben. Auch dieses Bild wurde vom Zahn der Zeit zernagt und war nach dem Zweiten Weltkrieg bis auf die Fläche des abgeblätterten Untergrunds verschwunden. Im weiterhin gefragten Historismus gestaltete der Villinger Künstler Manfred Hettich das Bild unserer Tage. Im Oktober 1981 war es eingeweiht worden.

Doch zurück zum spätmittelalterlichen Bild auf der Ringmauer, wie es von Josua Maler erwähnt wurde. Durch glückliche Umstände läßt sich sein Aussehen bis heute vermitteln.

d) Die Rottweiler Pirschgerichtskarte

In der Rottweiler Pirschgerichtskarte des David Röttlin von 1564 tritt uns Romäus überlebensgroß als ein Riese gegenüber. Mit gespreizten Beinen steht er im Landsknechtswams da, den breiten Federhut auf dem Kopf, die Hellebarde geschultert. Die Aufbringung dieses Bildes an der äußeren Ringmauer, unmittelbar westlich des Oberen Tores, ist sicher nicht zufällig gewählt worden. Schon der größte aller Tortürme verrät die Absicht zu imponieren, nachdem die wehrtechnische Ausführung der Schießscharten im Inneren keine Entsprechung findet 25). Die Abbildung der martialischen Landsknechtsfigur auf der Mauer ist nicht künstlerischer Selbstzweck.

 

Rottweiler Pirschgerichtskarte des David Röttlin von 1564: Der Ausschnitt zeigt das Romäusbild auf der äußeren Ringmauer, westlich des Oberen Tores. Josua Mahler besuchte 1569 die Stadt seiner Ahnen, besichtigte die Abbildung und bemerkte, „…diss alt gemäll mines stiefgrossvaters seligen…“ (Anmerkung: des Romäus)

 

Sie hat zumindest ikonographische Bedeutung und signalisiert die wehrhafte Kraft der Stadt gegenüber all denen, die sich auf der wichtigen Straßenachse von Norden (öffentliche Landstraße, Königsstraße) dem Tor näherten. Aus der Sicht des heutigen Menschen mag diese Überlegung so richtig sein. Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen wird von anderen Vorstellungen geprägt. Glaube und Aberglaube spielen eine vorherrschende Rolle. Deshalb erlaubt das einstige Bild an der äußeren Stadtmauer auch eine andere Aussage. Der inzwischen nicht mehr lebende Romäus läßt sich durch Malen seines Bildes zurückholen. Das Bild stellt nicht nur den Kriegsmann dar, er ist es selber. (Vgl. z. B. den Ikonenkult der Ostkirche oder den noch heute gebräuchlichen Talisman als vermeintlich schützender Gegenstand.) Über das Medium Bild, das hier die Person des Romäus darstellt, entsteht ein Analogiezauber bzw. Analogie-handlungszauber. Dieses magische Kraftfeld wird nun zum Beschützer der Stadt gegen all jene, die sich ihr feindlich nähern 25a).

Noch wird Romäus nicht Gegenstand des volkstümlichen Schrifttums. Sein Bild wandert stofflich – abenteuerlich in den Erzählungen der Villinger durch die Jahrhunderte. Entsprechend den Volksbüchern, wie sie im 15. und 16. Jahrhundert entstanden sind, wird der Held zum Träger von Anekdoten, werden ihm Eigenschaften zugesprochen, die als sagenhafte unglaubwürdige Geschichten sein Bild der Wirklichkeit entfernen und wie alle Mythen und Legenden das klare Denken beschweren.

Als romantische Rückbesinnung erlebte das Romäusbild im 19. Jahrhundert eine Auferstehung in der Historienmalerei. 4b der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Gemälde vollständig verwittert, der Untergrund abgeblättert. An Stelle des alten Gemäldes am Romäusturm schuf der Villinger Künstler Manfred Hettich ein neues Bild. Es wurde 1981 eingeweiht; ein Verdienst der Historischen Narrozunft Villingen.

Es ist eine Zeit, die reich ist in Erzähltem, genährt aus den Feierabendgeschichten der häuslichen Stube oder dem Wirtshaus der bäuerlichbürgerlichen Welt. Unbeschwert von einer heutigen Überfrachtung durch eine rationale phantasieraubende Medienwelt, die Sekundenbilder in den entferntesten Winkel rund um die Uhr liefert, bleibt der Rahmen der erfahrbaren äußeren Welt begrenzt. Umso mehr ließen sich die Ereignisse phantasiereich vermitteln und die Vorstellungskraft beflügeln. Daraus entstand die ungesicherte Tradition sich verändernder mündlicher Überlieferung.

Wie sehr das Volk selbst zum Erfinder charakteristischer Begebenheiten wird, berichtet noch im 19. Jahrhundert J. N. Schleicher, wenn er schreibt, „Die weiteren Gerüchte über Romeius, die den Touristen zum Nachtisch noch vorgesetzt worden, sind hier beseitigt, weil sie offenbar Persönlichkeiten der jüngsten Vergangenheit angehören“ 26). Bis heute ist Romäus in erster Linie ein „erzählter“ und nicht ein „gelesener“ Held.

2. Die schriftlichen Legenden

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wird Romäus erstmals zum Gegenstand literarischer Bearbeitung. Es ist bezeichnenderweise die Zeit der späten Romantik. In ihr wendet sich die Literatur „voller Entdeckerfreude und liebevoll deutend dem deutschen Mittelalter und der deutschen Frühzeit zu“. So sind es vor allem Wilhelm und Jacob Grimm, die, dem Volksgeist auf der Spur, in ihrem umfangreichen tiefen Werk den Deutschen, treu das Überkommene wahrend, unter anderem die Kinder- und Hausmärchen und, aus gleichem Geist geboren, die gesammelten Deutschen Sagen (1816 – 18) schenkten. In einer regionalen Anthologie jener Zeit erschien 1846, herausgegeben von August Schnezler, das „Badische Sagen – Buch, eine Sammlung von Sagen, Geschichten, Märchen und Legenden“. Soweit er hier die Geschichten über Romäus wiedergibt, bezieht er seine Kenntnisse, wie er sagt, über eine „güthige briefliche Originalmittheilung des Herrn Chorregent Dürr zu Villingen“. Sein Beitrag lautet:

 

Romeias, der Villinger Simson

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts lebte zu Villingen ein Mann, Namens Romeias Mann, der von beinahe riesenhafter Gestalt und Gliederstärke war. Als Lieblingsgeschäft trieb er die Jägerei, beschränkte sich aber nicht auf die Gemeindewaldungen, sondern holte sich auch aus den entlegeneren Forsten der Umgegend reiche Beute an Schwarz- und Edelwild, weßhalb ihn die Nachbarn, als einen verheerenden Wilderer, gar gerne gefangen und in Verwahrung und Strafe genommen hätten, wär‘ ihm nur etwas leichter beizukommen gewesen. Unser Held stund in Villingen wegen seiner herkulischen Eigenschaften in hohem Ansehen und war, wenn auch von dieser Seite nicht wenig gefürchtet, doch von Seite seines geraden offenen Gemüths, seines mannlichen Charakters und leutseligen Wesens, bei Alt und Jung im Volke sehr beliebt. In Folge des noch nicht ganz abgeschafften Faustrechts und der Villinger kriegsständiger Einrichtung waren die hiesigen Bürget in Rotten und Fähnlein eingetheilt. Anführer eines solchen Fähnleins war auch Romeias geworden und, dasselbe stets in kriegerischer Uebung zu er alten, unternahm er mit ihm bald da, bald dorthin, bald als Freund, bald als Feind, Streifzüge in die benachbarten Orte, je nachdem sie mit den Villingern auf friedlichem oder feindlichem Fuße standen. Die anderen Rottenmeister trieben es nicht viel besser, doch war Keiner so gefürchtet auf weit und breit, wie unser Held. So bekriegten sie die Städte Haslach, Hornberg, Rottweil und nahmen an Beute weg, was ihnen gefiel, wenn sie den Sieg errungen hatten.

In einem solchen Strauße mit der benachbarten Stadt Rottweil zeichnete sich nun Romeias durch ein Kraftstück aus, das ihm den Ehrennamen „der Villinger Simson“ auf ewige Zeiten erworben hat. Bei nächtlicher Weile schlich er sich, von der Dunkelheit begünstigt, durch den Graben watend, dicht an das Stadtthor, schlug mit einigen Streichen die Wachen nieder, mit ein Paar anderen das Thor ein, hob den einen schweren hölzernen Flügel desselben aus, lud ihn auf seine Schultern und trug ihn, ohne nur einmal auszuruhen, im Triumphe bis auf den Stumpen, einen zwischen Villingen und Rottweil gelegenen Berg, wo er ihn als Siegesdenkmal aufstellte.

Auf solchen Zügen wurde geraubt und gebrandschatzt, daß es oft ein Greuel war; zugleich verschmähten diese Rotten nicht, das edle Handwerk der Wegelagerei zu treiben, das sie den Rittern trefflich abgelernt hatten. Eine schöne Glocke auf einem der Thürme des Villinger Münsters ist die Beutefrucht eines derartigen Zuges nach Düningen, einem drei Stunden von da gelegenen Württembergischen Dorfe.

Bei der unbeschränkten Freiheitsliebe und Streitlust, die Romeias‘ ganzes Wesen erfüllte, konnt‘ es nicht fehlen, daß er bald in arge Händel nicht nur mit der Nachbarschaft, sondern auch mit dem Villinger Stadtrathe selbst gerieth, der ihm nichts echt nach Sinnen machte; besonders erboßt war er auf eine der ersten Rathspersonen, auf den Stadtschreiber und Schultheißen, Hans von Frankfurt genannt, der ihn einmal ziemlich hart zur Strafe gezogen. Er suchte seine Rache an ihm durch solche Stachelreden und thätliche Beschimpfungen auszulassen, daß sich zuletzt der Magistrat genöthigt sah, diesen unruhigen Kopf wo möglich unschädlich zu machen. Am Tage Mariä Empfängniß, im Jahr 1498, ward Romeias auf Befehl des Stadtraths unversehens gefangen genommen und in das Verließ des Michaels-Festungsthurmes, den sogenannten Diebsthurm, gesperrt. In diesem Thurme sieht man noch, 30 Schuh über dem Fundamente, in der Mitte des dicken Holzbodens ein Loch, durch welches unser Held hinuntergelassen wurde und durch welches er auch seine Nahrung, wie es heißt, ein ganzes gebratenes Kalb täglich, erhalten haben soll. Romei-as aber machte sich die abgenagten Knochen trefflich zu Nutze; er sammelte sich binnen kurzer Zeit einen solchen Vorrath davon, daß er sich eine Art von Stiege, die er in die Mauerritzen und gebohrten Löcher seiner Kerkermauer einkeilte, verfertigen und darauf bis zur Decke klettern konnte. Allein da das erwähnte Loch in der Mitte derselben, durch welches ihm seine Kost herabgelassen wurde, noch ohngefähr 12 Schuhe vom Saume der Mauer entfernt war, gelang es ihm doch nicht, auf diese Weise zu entkommen. Dazu verhalf ihm hingegen glücklicherweise sein eigener Gefängniswärter, den er durch Versprechung reichlichen Lohnes zu bestechen wußte. Dieser steckte ihm die nöthigen Instrumente zu, um den Bohlenboden, welcher die Decke seines Verließes bildete, zu durchbrechen. Aus dem Thurme, der an der Stadtmauer steht, entfloh nun Romeias, auf dem sogenannten Umlauf an der Ringmauer, nach St. Johann, einer ehemaligen Commende des Teutschherren-Ordens, in die sogenannte Freiheit. (Ort, in welchem Verfolgte freies Asylrecht genossen.) Da ihm dort der Stadtrath nichts anhaben konnte, beschloß er, mit ihm zu kapituliren. Wirklich fügte sich Romeias den gestellten Bedingungen, schwor sein unordentliches Leben ab und erhielt bis auf seinen Tod den Genuß der sogenannten weißen Pfründe im heiligen Geist-Spitale, in dessen Kirchlein, wo heut zu Tage das Kornhaus steht, er auch begraben wurde.

In einer weiteren Sammlung „Sagen und Schwänke vom Schwarzwald“ funden sich noch andere legendäre Geschichten um Romäus: 28)

Vom Riesen Romeias

In der alten Zähringerstadt Villingen lebte vor mehr als 500 Jahren der Riese Romeias. Obwohl seine Eltern klein von Wuchs waren, war doch ihr Sohn so groß geraten, daß er den Leuten im zweiten Stock in die Zimmer schauen und sich mit den Händen die Ziegel von den Dächern holen konnte, ja, daß er sogar seinen Durst aus der Dachtraufe zu stillen vermochte. Wenn er durch das hohe Stadttor schritt, mußte er den Kopf tüchtig einziehen, sollten nicht die Federn, die an seinem Hute wippten, abbrechen. Groß wie seine Gestalt war auch sein Hunger. Die reifen Äpfel holte er sich von den höchsten Bäumen herunter, wie man sonst Stachelbeeren pflückt, und da und dort setzte er sich ungebeten an einen Tisch und aß auf, was für eine zehnköpfuge Familie hätte ausreichen sollen. Dennoch wurde er beileibe nicht satt, sondern schob sich zum Nachtisch noch ein paar Laibe Brot in die Taschen, als seien es kleine Wecken. Der gewaltige Esser hatte auch eine ungeheure Kraft. Als er eines Tages einen Wagen mit schweren Baumstämmen beladen hatte und vier Ochsen das Gefährt nicht von der Stelle brachten, spannte er einfach die Zugtiere aus, legte sie zu den Stämmen auf den Wagen und zog diesen, als sei’s ein leichter Handkarren, mitsamt seiner Last seelenruhig nach Hause. Kein Wunder, daß die Villinger diesen Mordskerl, der bald den Namen „Villinger Simson“ erhielt, zum Anführer ihrer Bürgerwehr machten. Hier war er am richtigen Platz. Bei den vielen Streitigkeiten, die seine Vaterstadt mit Hornberg und Rottweil auszutragen hatte, kam ihm seine Riesenstärke gut zustatten. Ein ganz besonderes Kraftstück vollbrachte er anläßlich einer Auseinandersetzung mit den Rottweilern. Mit seinen hohen Stiefeln durchwatete er eines Nachts den tiefen Stadtgraben, als sei’s ein flaches Rinnsal, schwang sich über die Stadtmauer wie über einen niedern Gartenzaun, und stand plötzlich mitten auf dem Rottweiler Marktplatz.

Der Wächter blies in seiner Angst Alarm, und alsbald stürzten die verschlafenen Bürger mit Spießen und Schwertern bewaffnet aus ihren Häusern. Nun würden sie endlich den verhaßten Romeias in ihre Gewalt bekommen. Der Riese aber bog ihre Lanzen zur Seite, als seien es harmlose Stecken, und schritt seelenruhig auf das sorgsam verschlossene Stadttor zu, hob dessen beide Flügel — mir nichts, dir nichts — aus den Angeln, nahm den einen auf die Schulter, den andern an den kleinen Finger und schritt gemächlich seiner Vaterstadt Villingen zu. Dreiviertel Stunden hinter Rottweil schaute er nach seinen Feinden aus und zwar auf einem Hügel, der seit diesem Tage „Guggenbühl“ heißt. Niemand hatte es gewagt dem Riesen zu folgen. So brachte er unbehelligt die beiden Torflügel nach Villingen, wo sie als Siegesbeute an dem neuerbauten „Oberen Tor“ angebracht wurden. Seine Erfolge stiegen dem Riesen schließlich so zu Kopfe, daß er sich mit einem Achselzucken über die Anordnungen seiner Obrigkeit hinwegsetzte und diese sogar offen verhöhnte. Das konnten die Villinger nicht dulden. Wie sollte man dem Riesen beikommen? Da verfiel der Rat der Stadt auf eine List. Romeias sollte eine mit Gold und Silber gefüllte Truhe gegen hohe Belohnung aus dem Verlies des Diebsturmes herausschaffen. „Nichts leichter als das“, meinte der Riese, der die Klugheit wahrlich nicht mit Löffeln gegessen hatte. Während er drunten im [erlies vergeblich nach der Schatztruhe suchte, zogen die Stadtknechte rasch die Leiter, auf der er hinabgestiegen war, zurück, so daß der Turm, der später Romeiasturm genannt wurde, dem ungeschlachten Riesen zum Gefängnis ward. So sehr dieser auch tobte und gegen die Mauern schlug, hielten sie doch stand. Täglich brachte man dem

Gefangenen ein Kalb, ein Schwein oder ein Schaf, die er mit Haut und Haaren verzehrte. Nur die Knochen sammelte er vorsorglich, steckte sie in die Mauerritzen und erbaute sich so nach und nach im Turminnern eine Art Treppe. Als diese hoch genug geworden war, stieg er eines Tages auf ihr empor, hob die Balkendecke unter dem Turmdach und flocht sich aus dem Stroh, das er auf dem Dachboden fand, ein Seil. An diesem ließ er sich während der Nacht auf die Ringmauer hinab und entkam so aus der Stadt. Um sich bei den Villingern wieder beliebt zu machen, belagerte er ganz allein das feste Schloß Kusenberg und eroberte es. Als ruhmgekrönter Held ward er von den Villingern wieder aufgenommen und bekam sogar, als er alt geworden war, in ihrem Spital eine gute Pfründe. Sein Bild prangte lange Zeit in Lebensgröße als Wahrzeichen an der nun abgebrochenen Mauer am oberen Tor.

V. Der Riese Romäus – Auslegung der Legenden

Die urkundlichen Belege wissen nichts über Gestalt und konkretes Wesen des Romäus. Die zeitgenössischen Schilderungen des Heinrich Hug und Balthasar Maler, von seinem Sohn vermittelt, erschöpfen sich in unbestimmten Andeutungen über Taten und Wesen des Remigius Mans, und auch hier kein Wort über seine Gestalt.

Der Volksglauben geht dagegen eigene Wege und entrückt seinen Helden einer wirklichkeitsnahen Betrachtung. Die Legenden oder Sagen bilden sich nach dessen Vorstellungen. Die Menschen bewahren die Gestalt in einem abgeschirmten Behältnis, zu dem kein Schlüssel des Geschichtsanalytikers passen will. Aus dem Dunst des Übernatürlichen formt sich die Gestalt von enormer physischer Kraft und gewaltiger Körpergröße, entsteigt dem Zauberreich der Phantasie.

Die Welt der Riesen ist so vielfältig wie die Motivverbindungen. Die Riesen spielen eine nicht wegzudenkende Rolle in der Mythologie aller Völker, z. B. in den germanischen und griechischen Göttersagen. Wir finden sie ebenso im sakralen Bereich als Prozessionsfiguren 29), aber auch als Einzelfugur etwa in der Christopheruslegende, wo wir vermutlich auf eine Konversions-form aus der heidnisch – teuflischen Sphäre hin zum christlichen Bereich treffen 30). Im profanen Umkreis sind es vor allem die Sagen und Märchen, in denen uns Riesen unterschiedlicher Herkunft und Bezugs begegnen. Auch in weltlichen Umzügen, nicht zuletzt an der Fastnacht, sind sie als Umgangsriesen, von ihrer Funktion her gesehen, „darstellerisches Mittel zur Vergegenwärtigung einer erzählerischen und letztlich glaubensmäßigen Gestalt“ 31). Auf diese Weise begegnet uns Romäus Jahr für Jahr auf einem eigenen „Romäuswagen“ im Fastnachtsumzug der Historischen Narrozunft, obwohl er sich hier als Gestalt auf die Dimension eines kräftigen Mannsbildes reduziert. Nahe Verwandte der weltlichen Riesen sind die Waldgeister oder Waldleute, zu deren Vielfalt, ohne daß eine genauere Abgrenzung möglich wäre, die Wilden Leute und Riesen zählen. „Je mehr die Waldleute … einzeln erscheinen…, desto größere Berührung haben … die Männer mit riesenmäßigen Waldungeheuern“ 32). Darauf wird später im Zusaunmenhang mit dem Begriff „Teufel“ zurück zu kommen sein.

Die Systematik der von Leander Petzoldt herausgegebenen Sagen 33) berücksichtigt ein Kapitel „Volkshelden und starke Leute“. Erläuternd führt er aus, „Historische Sagen vermitteln ein Bild des Menschen in seiner sozialen Interaktion (Anm.: Wechselwirkung) und seiner Auseinandersetzung mit der Macht, gleichviel ob sie geistlich oder weltlich legitimiert … Der Stellenwert historischen Erzählguts ist durch die Neigung des Erzählers bestimmt, Geschehen gleich welcher Art zu mythisieren, Persönlichkeiten zu überhöhen und aus der Masse heraus zu heben“.

Romäus als die Vergegenwärtigung einer erzählerischen Gestalt:

 

… im historischen Festzug 1899 zu Feier des neunhundertjährigen Jubiläums der Verleihung des Markt-, Münz, Zoll- und Bannrechts an den Grafen Berthold für seinen Ort Villingen

 

So enthalten die Texte des obigen Kapitels immer wieder Erzählungen von Riesen, die sich durch die Geschichten um Romäus ergänzen ließen. Da ist der Riese Eishere, der mehrere Feinde gleichzeitig auf seine Lanze aufspießte „wie die Vögelchen“. Ein anderer, der Riese Miligedo, schlug von zwanzig Feinden gleich 15 zu Boden. Der Riese Haymon, im 9. Jahrhundert in Diensten Kaiser Ludwigs, erschlägt u. a. einen großen Drachen. Als er im Jahr Christi 878 stirbt, wird sein Leib „zu der gerechten Hand des hohen Altars im Chor begraben.“ „Sein Bildnis“, so schließt die Sage aus Tirol, „wird über viel Jahr in Holz geschnitten und noch heutig Tags gewiesen“. Man ist versucht hinzuzufügen, „wie es mit dem Bild des Romäus ebenfalls-war“. Überdies ließe sich eine ganze Reihe von „Riesen“ mit Eigennamen auflisten. Viele dieser Riesen „tragen deutliche Züge vergangener Gewaltmenschen und Raufbolde an sich, welche die Erinnerung ins Mythische erhoben hat“ 33a).

Allen diesen Erzählungen, einschließlich derer vom Romäus, ist der geschichtliche Hintergrund gemeinsam. In das reale Bild wird die irreale Gestalt des Riesen eingefügt, die im Falle des Romäus als historische Person belegbar ist.

Der Mythos Romäus, entstanden aus der anonyunen Weitergabe der Begebenheiten und, wie bei Heinrich Hug und Josua Maler berichtet wird, den „nicht zu schildernden Taten“, verbindet sich in der örtlich gebundenen Welt der Villinger mit der Vorstellung von einer übermenschlichen Gestalt, und diese wird zu deren Gemeinschaftshelden.

… im jährlichen Fastnachtsumzug der Historischen Narrozunft Villingen

 

Ein weiteres Zitat mag die obigen Ausführungen abrunden: „Als solche wird sie (die Gestalt), entsprechend der in primitiver Vorstellung wurzelnden Gleichung: übermenschlich = riesenhaft, mit Körperzügen ausgestattet, die über das Normale Maß hinausragen, die riesig sind“. 34) Diese substanzielle Verschiebung von der realen Person hin zu einem sagenhaften, mythologischen Wesen ist für Romäus schon früh erkennbar. Es ist die Bemerkung des Josua Maler, anläßlich der Besichtigung des Mauerbildes im Jahr 1569 (siehe vorne), wenn er schreibt, daß man Romäus „by sirren zyten ouch von wägen siner unverzagten Frävenheit (Verwegenheit) und das in mencklich entsessen ist (und gefürchteten Tapferkeit) Remigius Tüfel genennt…“.

Nun könnte man vorschnell das Wort „Tüfel“ in das heute gebräuchliche „Teufelskerl“ übersetzen. Für den mittelalterlichen Volks- und Aberglauben ist das so nicht ohne weiteres zulässig. Zumindest muß eine andere Begriffsauslegung gewagt werden. Der Wortsinn des mittelhochdeutschen Ausdrucks „tiuvel, tivel“, abgewandelt „tüfel“, bedeutet nicht nur „Teufel“ als „Superlativ alles Bösen“ und Widersacher Gottes. „die tiuvel“ sind auch die bereits erwähnten Waldleute, also die Waldgeister und deren Modifikation die Riesen 35). Trotz unterschiedlicher Qualität handelt es sich bei allen dreien zunächst um eine „Unheilsgemeinschaft“ (Werner Mezger), um Wesen, vor denen man sich fürchtet. Demnach könnte schon Josua Maler mit „Remigius Tüfel“ den „Riesen Romäus“ gemeint haben, wobei durch seine Informanten die christliche Umstilisierung vom Teufel zum Riesen unterbleibt und die alte sinnverwandte Bedeutung beibehalten wird.

Aufschlußreich ist der mündlich überlieferte Ausdruck „Romeias, der Villinger Simson“, wie ihn der „Chorregent Dürr zu Villingen“ dem August Schnezler für sein Badisches Sagenbuch mitteilt 36). Obwohl unser „Riese Romäus“ keinen religiösen Bezug hat, wird doch eine Verbindung zu einer Gestalt des Alten Testaments hergestellt, die wegen ihrer außergewöhnlichen Leibeskräfte berüchtigt und gefürchtet war. Im A.T., Richter 16. Kapitel, erfahren wir, daß Simson (in der Vulgata: Samson) sich nach Gaza in die Stadt der feindlichen Philister begab. Diese lauerten ihm nachts auf, wollten ihn bei Tagesanbruch fangen und töten. „Simson aber schlief bis Mitternacht. Dann stand er um Mitternacht auf, ergriff die Flügel des Stadttores samt den beiden Pfosten und hob sie zusammen auf den Gipfel des Berges, der vor Hebron liegt“. Die Übertragung eines biblischen Motivs auf das Spannungsfeld zwischen den Städten Rottweil und Villingen und die daraus resultierenden Folgen sind bis ins Detail offenkundig und nachvollziehbar.

Das Villinger Simson-Motiv ist keineswegs einzigartig. In den Habsburgerlanden, zu deren Kulturbereich die vorderösterreichische Stadt Villingen ja bis Februar 1803 gehörte, gab und gibt es bis heute im Salzburgischen und in der Steiermark nachgewiesenermaßen neunmal das Simson/Samson-Motiv in Form von Umgangsriesen 37).

Lassen wir es damit bewenden. Mythen, Sagen und Legenden halten sich oft länger als Fakten. So ist der Villinger Volksheld auf uns überkommen und bleibt in den Herzen, ein „ewiger Romäus“.

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Schnezler August, Herausgeber, Badisches Sagen-Buch, Karlsruhe 1846 SVG – Schriften des Vereins f. Gesch. u. Naturgeschichte d. Baar…, in Donaueschingen, V. Heft 1885, Tübingen 1885, S. 74-95 u. S. 109 Stadt um 1300, in: Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch, Herausgeber Landesdenkmalamt Bd./Wttbg. u. a., K. Theiss-Verlag Stuttgart, 1993

Wollasch Hans Josef, Invent. d. Bestände des Stadtarchivs Vllg., Ring-Verlag Villingen, 2 Bde., Bd. I Nr. 507, 611, 653 u. 720

Anmerkungen:

1) Schleicher J. N., Romeius Manns, a. a. 0., Seite 91, Fußnote 16

2) Wollasch a. a. 0. – Zum Begriff Urfehde: Sie ist ein eidliches Versprechen, im Sinne eines beschworenen Sühnevertrags, aufgrund der Umwandlung einer verwirkten Strafe, eventuell auch einer Begnadigung, die im Urfehdebrief (Urkunde) auferlegten Bedingungen zu erfüllen und sich darüber hinaus an niemanden zu rächen. Urfehdebruch war mit schwersten Strafen, vor allem der Todesstrafe, bedroht.

3) Bürgerbuch a. a. 0., bearbeitet von Nutz

4) Pfründarchiv a. a. O.

5) Jahrzeitbuch der Franziskaner a.a.O., zitiert nach J.N. Schleicher

6) Roder Christian, Heinrich Hugs Chronik, a.a.O., Seite 3 ff.

7) Grotefund, Zeitrechnung a.a.O., S. 22 ff.: Die römische Zeiteinteilung von Tag und Nacht nach den Erscheinungen der Natur und den darauf beruhenden Lebensäußerungen … hat auch das Mittelalter auf seinen vollen Tag übertragen. (Auch im kanonischen Recht der mit Sonnenaufgang beginnende Tag.) Die Teile des lichten Tages vom Aufgang zum Untergang der Sonne …

Unsere heutige astronomische Stundenzählung beginnt um Mitternacht und beträgt 24 Stunden zu je 60 Minuten.

Im Mittelalter gab es zwar ebenfalls 24 Stunden, aber sie wurden als 2 x 12 Teile gezählt, und zwar jeweils für den „lichten Tag“ und für die Nacht. Da der lichte Tag aber von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerte, waren die Stunden jahreszeitlich unterschiedlich lang, d. h. kürzer oder länger als 60 Minuten, verteilt auf 12 rechnerische Stunden. Zur Sommersonnenwende (21. Juni) betrug die Stunde „im Tag“ etwa 75, die Nachtstunde rund 45 Minuten. Die ungleichen Stunden der Römer, wie sie auch im Mittelalter zur Anwendung kamen, waren nur zu Zeiten der Nachtgleichen, wie unsere heutigen Stunden, 60 Minuten lang. Eine Gemeinsamkeit gab es allerdings: Während des ganzen Jahres fiel das Ende der 6. Stunde auf die Mittagszeit (12 Uhr unserer Zeit). Das Anwachsen oder Schwinden betrug monatlich etwa 10 Minuten. Da Romäus im Monat der Sommersonnenwende (Juni, nach Roder 13.) aus dem Turm ausbrach, können wir die wenigen Minuten stundenzeitlicher Differenz rechnerisch vernachlässigen.

Es gibt zwei Berechnungsgrundlagen zur Ermittlung der Ausbruchszeit, die hier nicht detailiert dargelegt werden können. Die erste beruht auf der Umrechnungstabelle zur römischen Stundenzählung (Vgl. Anhang bei Christoff Neumeister, Das antike Rom, Verlag C. H. Beck, München 1991). Hier wird für die Zeit der Sommersonnenwende (21. Juni) der Sonnenaufgang mit 4 Uhr 27′, der -untergang mit 19 Uhr 33′ angegeben. Der zweiten Berechnungsgrundlage liegt das Kalendarium vom 13. Juni 1997 aus der Tagespresse Südkurier zugrunde.

Laut Zeitgenosse Heinrich Hug ist Romäus „bis an unßers heren fronlichnams abend umb die 11 stund im tag“ mit dem Ausbruch beschäftigt gewesen; das wäre demnach der 2. Donnerstag nach Pfingsten. Unterstellt man die Aussage Christian Roders als richtig, es sei dies der 13. Juni 1498 gewesen (es kommt eventuell ein früheres Datum in Frage), ergeben sich im Vergleich mit der zweiten Berechnungsgrundlage (Südkurier, Kalendarium 13. 06. 97) folgende Werte: Sonnenaufgang: 4 Uhr 25′, -untergang: 20 Uhr 23′ (die 1997 geltende Sommerzeit, mit der um eine Stunde vorgestellten Uhr, wurde wieder auf die astronomische Zeit zurückgeführt). Lediglich für den Sonnenuntergang, und damit für die Länge des „lichten“ Tages besteht zwischen den beiden Stundenangaben der Berechnungsgrundlagen ein beachtenswerter Unterschied von 50 Minuten. Danach kann nur alternativ gesagt werden, Romäus sei mit seiner „Rüstzeit“ entweder kurz nach 18 oder kurz nach 19 Uhr fertig gewesen, jedenfalls noch bei Tage.

Dagegen stimmt der Zeitpunkt des Abseilens, also des eigentlichen Ausbruchs aus dem Turm, bei beiden Berechnungsgrundlagen nahezu überein. Auf unsere heutige Stundenzählung übertragen, ergibt die Aussage „do es nacht ward zwischen 10 und 11“ die Zeit zwischen drei Uhr und 3 Uhr 45 Minuten morgens, also noch vor Sonnenaufgang. Man wird notwendigerweise von etwas Taghelle ausgehen müssen und deshalb annehmen dürfen, daß die technische Vorbereitung und der Abseilvorgang mit beginnender Dämmerung und noch vor Erwachen des Lebens in der Stadt erfolgten. Der Verfasser hat deshalb am 13.06. 1997 dafür die Zeit ab 3 Uhr 25′ empirisch ermittelt (Sommerzeit korrigiert).

8) wie Fußnote 7

9) Bei Heinrich Hug (Roder, S. 5) heißt es nach der Flucht des Remigius „und begert rechts“. Es war offensichtlich nicht Rechtseigensinn, Rechthaberei oder gar ein Kampf mit allen Mitteln um das vermeintlich bessere eigene Recht, das den Romäus bewegte, sondern das Verlangen nach Gerechtigkeit. Dieses Begehren läuft im modernen Recht auf ein Rechtsmittel hinaus. Als solches zählen die Berufung und die Revision.

Romäus wünscht nicht, wie bei einer Berufung, die erneute beweiswürdigende Verhandlung sondern die Nachprüfung, ob richtig entschieden worden sei (Revision). Grundsätzlich ist das nur vor der Rechtskraft eines Urteils oder gar der Vollstreckung möglich. In besonders begründeten Fällen wäre im modernen Prozeß-recht nur die Wiederaufnahme des Verfahrens möglich. Der Rat (die Richter) im mittelalterlichen Villingen verfuhr hier analog. Aus rechtshistorischer Sicht erlaubt der Teilsatz“… und gab im ain ratt all sin ferschribung hin…“ nur die Auslegung, daß das Urteil nachträglich vollinhaltlich aufgehoben worden war. (mhd. „verschriben“ bedeutet u. a. auch „sich lossagen von…“ vgl. Lexers a. a. 0.) Im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens wurde nunmehr zugunsten des Romäus entschieden, wobei wir nicht wissen, ob er als Verurteilter an der erneuten Verhandlung teilgenommen hat. Nachdem die Vollstreckung bereits eingeleitet worden war, mußte der Rat die nunmehr ungerechtfertigte Strafverfolgung finanziell entschädigen, wie es aus dem historischen Sachverhalt tatsächlich erkennbar ist. Daß Romäus, wie Roder (S. 206 f.) meint, „wohl eine angedrohte oder wirklich vollzogene Berufung an die höhere Stelle des vorderösterreichischen Landgerichts zu Ensisheim (Elsaß) vorgenommen hat“, ist aus der Hug-schen Überlieferung zwar nicht erkennbar aber möglich. Viel eher dürfte allerdings die Verunsicherung des Rates durch den ungewohnten öffentlichen Druck eine Rolle bei der Aufhebung des Urteils gespielt haben.

10) Vgl. Roder, Villinger Chronik a.a.O., S. 11 ff.

11) Vgl. auch Baum Wilhelm a.a.O., S. 34

12) Vgl. Roder, Villinger Chronik a.a.O., S. 38

13) derselbe S. 48 ff.

14) Vgl. Maier Rudolf a.a.O., S. 60

15) Vgl. Huger Werner, Jahreshefte GHV II und XIX a.a.O.

16) zitiert nach J.N. Schleicher a.a.O., S. 87, Fußnote 12 Die Rechte und Freiheiten des Johanniter-Ordens in „Teutschenlannden“ dauerten auch zur Zeit der Zuflucht des Romäus an. Sie wurden noch im Jahr 1540 von Kaiser Karl V. bestätigt; vgl. Wollasch a.a.O, Bd. I, S. 258, Nr. 1369

17) Rothfelder Hubert a.a.O., S. 97

18) Vgl. Revellio Paul a.a.O., S. 474

19) Roder Chr., Der geschichtl. Romeias von Villingen a.a.O., S. 208

20) wie Anmerkung 5; damals Seelgerät genannt; heute meist Meßstiftung

21) Stadtluft, Hirsebrei und Bettelmönch a.a.O. Seite 481 sowie bei Herrmann B., Mensch u. Umwelt im Mittelalter a.a.O. S. 481

22) Buhmann Dieter, Das Leben und Leiden… a.a.O., S. 131

23) Wollasch a.a.O., 5.207 Nr. 1045 Urkunde J J 183, v. 2. August 1520, zitiert nach Roder, Der geschichtl. Romaias v. V. a.a.O., S.210

24a)Vgl. Roder wie Anmerkung 23, zitiert aus SVG – Donaueschinger Vereinsschriften V., 1885, a.a.O., S. 91

24b)Walzer, Bürgerbuch mit Kommentar, zum Datum 9. X. 1510, a.a.O.

25) Vgl. Huger Werner, Jahresheft XIX, a.a.O., S. 39 ff.

25a) Lexikon Redensarten a.a.O., Bd. 5, Stichw. „Teufel“, S.1611 Handwörterbuch Aberglauben a. a. 0., Bd. 1/Sp. 1293/Sp. 389 u.394

26) Schleicher J. N. Romeius Manns a.a.O., S. 82, Fußnote 2

27) Schnezler A., Bad. Sagen-Buch a.a.O. S. 447 ff. u. Fußn., 5.450

28) Rieple Max a.a.O. S. 65 f.

29) Beitl Klaus, Die Umgangsriesen a.a.O.

30) Mezger Werner, Narrenidee… a.a.O., S. 112

31) Beitl Klaus, a.a.O., S. 5

32) Handbuch Aberglauben a.a.O., Bd. 9, Sp. 55 f.

33) Petzoldt Leander, Sagen a.a.O., Bd. 2, 5.132 ff. u. Vorwort 334) Handwörterbuch Aberglauben a.a.O., Bd 9, Sp.1122

34) Beitl Klaus, Die Umgangsriesen a.a.O., S. 124 Im übrigen hat schon der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, „dem Gedanken Bahn gebrochen, daß das Märchen wie der Mythos allgemeinmenschliche Situationen in bildhaft-sinnbildlicher Weise veranschauliche“. (Remplin, a. a. 0. S. 280)

35) Lexers, mhd. Wörterbuch a.a.O., S.227 und Handwörterbuch Aberglauben a.a.O., Bd. 9, Sp. 55

36) Schnezler, Badisches Sagen-Buch a.a.O.

37) Beitl Klaus, Die Umgangsriesen a.a.O., S. 22 ff.