Einerlei Forst, zweierlei Amt (Wolf Hockenjos)

Zum Fortbestehen des Staatlichen Forstamts Villingen-Schwenningen

Reformen haben möglichst geräuscharm über die Bühne zu gehen. Und weil Bürgerproteste angesichts zweier Forstämter in einer Stadt, eines städtischen und eines staatlichen, nicht zu erwarten waren, hätte die Auflösung des staatlichen Amtes den Reformern womöglich sogar in den Kram gepaßt. Gänzlich unbegründet waren die Sorgenfalten der staatlichen Forstbediensteten jedenfalls nicht in den zurückliegenden Monaten. Gemäß Ministerratsbeschluß waren im Land zwei Forstdirektionen, 27 Forstämter und 180 Forstreviere zu schließen. Wahrscheinlich war den Bürgern der Zähringerstadt ohnehin nie so recht begreiflich zu machen, weshalb neben dem städtischen Forstdirektor in der Waldstraße auch noch ein staatlicher im Kaiserring seines Amtes waltet. Ansprechpartner des Bürgers in Sachen Wald und Holz waren nun einmal seit dem Jahr 1834 städtische und nicht staatliche Förster. Und was den Herrn Großherzog im Zuge seiner Reformbemühungen einmal dazu bewogen haben könnte, der Einrichtung eines zweiten, eines städtischen Forstamtes zuzustimmen, war im Nebel der Geschichte längst nicht mehr auszumachen.

Das staatliche Forstamt hat die jüngste Organisationsreform überlebt: Gerupft zwar und beschnitten um den (an das Forstamt Triberg abgegebenen) Staatswalddistrikt „Röhlinwald“ im Norden des Bezirks sowie um seine im Osten, jenseits der Kreisgrenze liegenden Waldungen zwischen Tros-singen und Talheim. Für die Verluste entschädigt wurde es mit den Wäldern um Bad Dürrheim und Brigachtal, auch um den Staatswalddistrikt Neißwald“ im Süden zwischen Tannheim und Überauchen, bis 1975 zum alten Villinger Forstbezirk gehörend. Seine jetzt abzugebenden „Ostgebiete“ waren dem Amt anläßlich der letzten Forstamts-reform im Jahr 1975 zugeschlagen worden, denn damals war es das erklärte Ziel der Reformer, die beiden Landesteile auch behördlich miteinander zu verschmelzen und zu verklammern. Diesmal war vorrangig dem Prinzip der Einräumigkeit der Verwaltung Rechnung zu tragen, und so endet der Forstbezirk jetzt an der Ostgrenze des Schwarz-wald-Baar-Kreises.

Der eher bescheidene innerstädtische Bekanntheitsgrad des staatlichen Amtes hatte zweifellos schon immer mit der Lage des staatlichen Forstbezirks zu tun. Doch das Mauerblümchendasein, welches das Amt am Kaiserturm in den Augen der Doppelstädter fristete, war nicht nur die Folge einer stadtferneren Geographie. Der Straßenname in Villingens bestem Viertel deutet es an: stadtbekannten Persönlichkeiten vom Schlag eines Oberförsters Hubert Ganter, Städtischer Forstamtslei-ter von 1876 bis 1895, dem die Stadt sogar einen Gedenkstein gewidmet hat, war staatlicherseits, wie die Ausgangslage nun einmal war, wenig entgegenzusetzen. Erwin Gayer, städtischer Dienstvorstand von 1926 bis 1951, oder dessen ebenso geschichtsbewußter wie schreibgewandter Nachfolger Dr. Ulrich Rodenwaldt, Forstamtschef von 1951 bis 1972, standen Ganter in ihrer Popularität nur wenig nach. Noch hatten Forstamtsleiter in den Haushaltsberatungen der Kommunen ein gewichtiges Wort mitzureden. Den legendären Städtischen Bezirksförster Friedrich Hubbauer hatte man deswegen sogar für fünf Jahre (1852 1857) zum Bürgermeister gewählt.

Um es in der Bürgerschaft zu vergleichbarem Ansehen zu bringen, hätten die staatlichen Forstamtsleiter schon die Christbäume auf dem Münsterplatz gratis abgeben müssen – recht viel genutzt hätten ihnen auch solche Kopfstände nicht. Beliebt hatten sich die Großherzoglich badischen Forstbeamten von Anfang an schon deshalb nicht gemacht, weil sie nach 1806 die Forstaufsicht auch über den Stadtwald weitaus energischer wahrzunehmen bemüht waren als man es von den orderösterreichischen Kameralförstern bis dato gewohnt war. Ein weiteres Handicap der Staatlichen lag auch in ihrer dienstlichen Verweildauer: Während die städtischen Kollegen im langjährigen Durchschnitt nur alle 28(!) Jahre wechselten, Trachten es die insgesamt 17 staatlichen Forstamtsleiter im Schnitt nur eben auf eine neuneinhalbjährige Dienstzeit. Zu Großherzogs Zeiten waren es gar nur sechs Jahre, denn dessen Forstverwaltung war militärisch zugeschnitten, und personeller Wechsel galt dort stets als probates Mittel gegen seßhafte Bequemlichkeit. Nicht selten waren es überdies ältere Beamte, die nach Villingen versetzt wurden, zuallermeist Unterländer, denen man die Beschwerlichkeiten der gebirgigen Schwarzwaldbezirke nicht mehr zumuten wollte. Und manch einer nutzte die erstbeste Gelegenheit, sich aus dem rauen Klima der Baar wieder davonzumachen.

Ein staatliches Forstamt (bis 1899 Bezirksforstei geheißen) war spätestens 1810 erforderlich geworden. Durch den Wiener Vertrag war es zu zahlreichen Gebietsabtretungen von Württemberg an Baden gekommen, so daß nicht mehr nur die Oberaufsicht über den Villinger Wald zu führen war. Eines Amtes bedurfte es zur Bewirtschaftung des säkularisierten Klosterwalds von St. Georgen ebenso wie zur Sicherstellung der Brennholzversorgung der Großherzoglich badischen Saline in Bad Dürrheim, derentwegen das Land in großem Stil landwirtschaftliche Grenzertragsstandorte aufkaufte und sodann aufforstete. Zu zwei Dritteln besteht der Villinger Staatswald seitdem aus neuem Wald, aus fichtenreichen Beständen, deren Umbau zu stabilerem Mischwald bis auf den heurigen Tag noch längst nicht abgeschlossen ist.

Jacob von Stengel, Sohn eines vormals kurpfälzischen Hof-, sodann badischen Oberhofgerichts-rats aus Mannheim, erscheint als erster in der Ahnengalerie staatlicher Forstamtsleiter. 1827 wurde er Großherzogl. badischer Revierförster in Villingen, wo er alsbald die Bürgerstochter Anna Jörger ehelichte. 1834 anläßlich der allerersten Neuorganisation der Forstverwaltung wurde von Stengel bei einem Gehalt von 800 fl. zum Bezirksförster ernannt; das reichte nicht eben üppig für den Familienunterhalt, weshalb ihm sein Dienstherr als Zubrot ein „Deputatwildbret“ von 2 Rehböcken, 15 Hasen und 15 Rebhühnern zugestand. Von Stengel war der erste wissenschaftlich ausgebildete Forstmann in Villingen. Von seinen Vorgesetzten wurde er gelobt als einer der tüchtigsten des Berufsstandes; als Botaniker sei er gar „der ausgezeichnetste“. Freilich bediene er sich zu wenig seiner wohlgenährten Pferde, da er seiner botanischen Liebhaberei wegen lieber zu Fuß gehe, wie es nicht ganz frei von Tadel in seinen Dienerakten heißt. Bereits nach drei Jahren verließ er Villingen, um Forstmeister in Stockach zu werden, wohl auch, um am See noch besser botanisieren zu können.

Vom Bodensee nach Villingen verschlug es ein halbes Jahrhundert später einen weiteren adligen Forstamtsleiter, den Freiherrn Richard von Bodmann, der 1882 bis 1890 staatlicher Oberförster war, ehe auch er sich nach einer milderen Gegend umsah und die Bezirksforstei Ichenheim mit Wohnsitz in Lahr übertragen bekam. Ihm folgte, nach diversen Vertretungen, 1893 der Forstassistent Friedrich Roth von Zwingenberg, der zeitgleich mit dem Einzug ins neuerbaute Amt im Kaiserring zum Oberförster befördert worden war. Mit Roth sollte sich endlich auch ein staatlicher Forstamtschef in der Villinger Vereinsgeschichte verewigen: Zwar war schon 1881 auf Betreiben des städtischen Kollegen Hubert Ganter der Villinger Verschönerungsverein gegründet worden, der seit 1888 auch Korporativmitglied des Freiburger Schwarzwaldvereins war. Doch der eigentliche Gründungsakt einer selbständigen Villinger Schwarzwaldvereins-sektion wurde 1899 „durch die tatkräftigen Bemühungen und unter der Leitung des Oberförsters Roth“ vollzogen. Die Gründungsversammlung fand am 12. September 1899 im Hotel „Deutscher Kaiser“ (nachmals Hotel „Ketterer“) statt. Mit dem Vereinsvorsitz klappte es dennoch nicht: Kaum vierzehn Tage später wurde Roth das Forstamt Weinheim im badischen Unterland übertragen. Auch er scheint das Weinbauklima der Bergstraße der rauen Baar vorgezogen zu haben. Immerhin sorgte er noch dafür, daß sein Amtsnachfolger, der aus Boxberg nach Villingen versetzte Oberförster Wilhelm Bauer, im Jahr 1900 zum 1. Vorsitzenden der Schwarzwaldvereins-Ortsgruppe gewählt wurde, ehe auch er sich, kaum drei Jahre später, erfolgreich um das Forstamt Überlingen bewarb. Die Liebe zur Baar pflegte erstaunlich rasch zu erkalten.

Bleiben wir trotzdem noch eine Weile bei Friedrich Roth. Ihm verdanken wir einen besonders intimen Einblick in die Dienstgeschäfte eines Forstamtsleiters um die letzte Jahrhundertwende, hat er uns doch sein schweinsledernes Dienstbüchlein hinterlassen. In ihm findet sich nahezu alles, was seiner Zeit ein Forstamtsleiter über seinen Betrieb wissen mußte, zusammengedrängt auf Taschenformat, ein forstliches Vademecum in filigraner Schönschrift, mit dessen Hilfe der Chef damals durch nichts und niemanden aufs Glatteis zu führen war: In Miniaturausgabe das gesamte Forsteinrichtungswerk des Villinger Staatswalds, die 10-Jahresplanung des Jahres 1890, die Beschreibung der einzelnen Waldbestände, Behandlungsvorschriften sowie die Vollzugsspalte, daneben das komplette Kartenwerk, in welches der Chef in winzigen Bleistift-Notizen Auffälligkeiten aller Art einzutragen pflegte. Er stellt uns damit auch seine allgegenwärtige Präsenz im Wald unter Beweis: Kein Waldort, an dem es nicht etwas zu entdecken und festzuhalten gegeben hätte, seien es Wegebauprojekte, Wachstumsunterschiede, Sturmanrisse oder auch einmal (mit Kreuzchen und Datum) der Erlegungsort eines in der Brunft herbeigeblatteten Rehbocks.

Mit Bleistift fein säuberlich eingezeichnet hat Roth auch die denkwürdigste Entdeckung seiner sechs Villinger Dienstjahre: das Römerbad im Staatswalddistrikt Bubenholz bei Fischbach, dessen Erstausgrabung er selbst durchgeführt hat. Außerhalb des Waldes – nicht minder akkurat eingemessen – finden sich die Grundmauern der Villa rustica dargestellt, die dann ein Jahrhundert später durch das Landesdenkmalsamt ausgegraben und restauriert werden sollten. Von den Hauer-lohntarifen über Kubierungstabellen, Jagdstrecken, von den Fahrplänen bis zu den jüngsten Wahlergebnissen in den Gemeinden seines Forstbezirks – alles hatte Platz in der Manteltasche gefunden. Heute füllt es Aktenschränke und den Speicher des Forstamtscomputers. Wann jeweils wo in den Jahren zwischen 1893 und 1899 der erste Kuckucksruf erschallte, wann die Störche kamen und wieder wegzogen, mag Roths phonologische Aufschriebe für uns Heutige nicht unbedingt mehr als nachlesenswert erscheinen lassen. Doch allein die Tatsache, daß der Kuckuck rief und daß auf den Kirchtürmen der Baar noch allerorten die Störche brüteten, allein dies schon besitzt dokumentarischen Wert.

Öffentlichkeitsarbeit zählte damals noch nicht zu den Aufgaben eines Behördenleiters. Und so dürfte es der Aufmerksamkeit der Bürger auch entgangen sein, daß sich das staatliche Forstamt einmal für eine kleine Weile wenigstens – fast wie der Nabel der forstlichen Welt vorkommen durfte. Zu danken war der unverhoffte Ruhm einem Waldbausystem, dessen Erwähnung noch heute in keinem Waldbau-Lehrbuch fehlen darf: dem sog. „Keilschirmschlag“. Der Miterfinder dieses Systems, der Chef der Badischen Forstverwaltung, Landesforstmeister Emil Kurz, war 1933 von den Nazis zum gemeinen Oberforstrat degradiert und nach Villingen in die badisch-sibirische Verbannung geschickt worden. Kurz hat den Keilschirm-schlag in den Waldungen seines Forstbezirks nach Kräften zur Anwendung gebracht, ehe er dann rehabilitiert und 1952 zum ersten baden-württembergischen Forstpräsidenten ernannt wurde.

In den Nachkriegsjahren haben sich im Kaiserring die hochkarätigsten Exkursionen aus aller Herren Länder die Forstamtstür gegenseitig in die Hand gegeben. Dankschreiben und Ergebenheitsbekundungen der forstlichen Großgeister jener Zeit rissen nicht ab. Alle scheint Emil Kurz für sein System gewonnen und begeistert zu haben, auch wenn böse Zungen behaupten, der Zulauf habe seine Ursache eher darin gehabt, daß man aus Entnazifizierungsgründen keine bessere Adresse gehabt habe, wo Exkursionen internationaler Kapazitäten unbesehen hingeschickt werden konnten. Das schmälert keineswegs den wirklich staunenswerten Erfolg Kurzscher Überzeugungsarbeit. Am erfolgreichsten war er beim städtischen Kollegen nebenan, wo der Keilschirmschlag – in Abwandlung – bis auf den heutigen Tag praktiziert wird. Nicht so im Staatswald und in den vom staatlichen Forstamt im Verbund bewirtschafteten Gemeindewaldungen. Die „Zwangsjacke des Keilschirmschlags“, dieses zwar wohldurchdachten, doch allzu doktrinär verordneten Waldbausystems der Zwanzigerjahre, war schon bald nach Ende der Ära Kurz abgestreift worden. Der jetzt geübte „freie Stil des Waldbaus“ wurde, versehen mit dem Segen von Forstdirektion und Ministerium, weiterentwickelt. Er kehrt unterdessen zurück zur archaischsten Form der Waldnutzung, zur Plenter-oder Femelwaldwirtschaft, wie sie 1833 durch das Badische Forstgesetz verboten worden war. Durch dasselbe Gesetz, dem die beiden Forstämter ihre Entstehung zu verdanken haben. Das novellierte Landeswaldgesetz von 1995, das von den Grundsätzen naturnaher Waldwirtschaft getragen wird, bietet einstweilen die Gewähr, daß der jetzt praktizierte naturnahe Waldbau mehr ist und bleiben wird als eine Marotte des Amtsvorstands.

Nicht das waldbauliche Ziel, allenfalls die Wege dahin unterscheiden die beiden Villinger Ämter: Hin zu einem möglichst leistungsfähigen, stabilen und vitalen, hin auch zu einem schönen Wald. Und so nimmt es denn auch niemanden wunder, wenn dieselbe Exkursion wissensdurstiger Forststudenten, die vormittags den Stadtwald besucht, um dem Keilschirmschlag die Referenz zu erweisen, sich nachmittags im Staatsforst nicht minder aufmerksam dem Thema „Plenterüberführung“ widmet. Für den Waldbesucher unterm Strich: fast einerlei

 

Keilschirmschlagsystem

Ein Wortungetüm aus dem Waldbaulehrbuch, mit dem der nichtforstliche Laie wenig anzufangen weiß. Es handelt sich dabei um ein Verfahren zur Verjüngung von Nadelwaldbeständen, das durch eine strenge, räumliche Ordnung Schäden durch Sturm und Holzernte minimieren soll.

Nachdem der Altholzschirm zunächst großflächig aufgelockert wird, damit sich darunter junge Tannen ansamen können, erfolgt die weitere Holzernte dann gegen die Hauptsturmrichtung von Ost nach West längs einer gezackten Keilfront, bis das Altholz schließlich vollends abgeräumt, der Jungwuchs auf die Freifläche entlassen wird. Fischgrätenartig werden die Stämme von der Keilmitte gegen die Rückegassen hin gefällt.

Das Keilschirmschlag-System wurde in den Zwanzigerjahren von Karl Philipp und Emil Kurz erfunden und in Baden sodann verbindlich vorgeschrieben. Bei allen Vorzügen hinsichtlich seiner Pfleglichkeit hat es, schablonenhaft angewandt, auch gravierende Nachteile.

Da die Waldverjüngung häufig zu hastig vorangetrieben worden ist, hat das System vielerorts zum Verlust der Weißtanne und zu gleichaltrigen, strukturarmen und daher krisenanfälligen Waldbeständen geführt.