Das Alte Rathaus in Villingen (Bearbeitet von Werner Huger)

Erkenntnisse der Bauforschung

Noch vor drei Jahrzehnten schrieb der verdienstvolle Paul Revellio unter anderem, „es (das alte Rathaus) muß zwischen 1293 und 1306 gebaut sein. Im Verlaufe des 15. Jahrhunderts wurde dieses Rathaus weiter ausgebaut. Die Ratstube wird 1499 erwähnt.“

Für Revellio ist das alte Rathaus entstehungsgeschichtlich eine architektonische Einheit. So sieht er zwangsläufig vor seinem geistigen Auge, nicht ohne Anflug feierlicher Gestimmtheit, wie im „ehrwürdigen“ Ratsaal zum Münsterplatz hin jene Männer Einzug halten, die im Kampf in und um Villingen die geschichtlichen Kräfte personifizierten. Da erscheint 1444 der Landesherr Herzog Albrecht VI. von Österreich und trifft sich in diesem Saale mit Fürsten, Grafen, Herren und Vertretern der Städte zu einer „erlauchten Versammlung des süddeutschen Adels“. Über ein Jahrzehnt später führte derselbe Herzog angeblich hier mit dem gelehrten Villinger Mathäus Hummel die Vorbesprechungen für die Gründung der Universität Freiburg.

„Und hier war es“, nach Revellio, „wo der volksbeliebte Kaiser Maximilian, …, die letzten Vorbereitungen zu dem verhängnisvollen Schweizerkrieg 1499 traf.“

Alle diese Ereignisse sind geschichtlich verbürgt, auch jenes „ehrliche Nachtmahl auf dem Rathaus“ von 1522, das man den Armbrustschützen gab. Weil er es noch nicht wissen konnte, hatte sich Revellio geirrt: Ort der festlichen Treffen konnte der von ihm bezeichnete Ratsaal nicht gewesen sein, denn es gab ihn damals an dieser Stelle gar nicht.

 

Aus einer rückwärtigen (nördlichen) Parzellen- Überbauung der Häuser an der Rietstraße entstand aus mindestens drei Hausteilen im Endausbau der heutige Komplex des Alten Rathauses. Dieser Vorgang erstreckte sich vom 13. bis zum 16 Jahrhundert. Im Bild oberhalb des Treppenturms steigt über das Dach ein Treppengiebel. Er trennte einst den Westteil vom Mittelbau des Hauses. Beide Gebäudeteile wurden um 1288 miteinander verbunden. Erst um 1536 wurde im Ostteil der jetzige Alte Ratsaal mit seiner Fensterfront im Giebel eingebaut. Der Anbau des Treppenturms erfolgte noch später: um 1587.

Heute liegt die Geschichte des sogenannten alten Rathauses dank der Forschungen Burkhard Loh-rums und der archivalisch-historischen Ergänzungen Casimir Bumillers wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns, in dem künftig allerdings noch einige Seiten gewissermaßen vergilbter Blätter wieder lesbar gemacht werden müssen.

Um den ersten Zwischenbericht über den aktuellen Stand der Forschung verstehen zu können, begeben wir uns gedanklich in die Rietstraße mit Blick zum Riettorturm. (Die abgebildete Skizze ist uns behilflich.) Links und rechts der Straße reihen sich die Fassaden sowie die Traufen der Häuser gleichläufig mit der Straße. Die Gebäude, in alter Zeit meist drei Fenster breit, besitzen vor allem Tiefe. Um es genauer zu sagen: Die Häuser, durch eine gemeinsame Giebelwand mit dem Nachbarhaus verbunden, verlaufen ab der Straßenflucht nach rückwärts und grenzen mit ihrem dazugehörigen Grundstück schließlich an eine hintere Gasse. Wir haben es demnach mit einer Grundstücksparzelle in Form eines Rechtecks zu tun. Auf der linken (südlichen) Seite der Rietstraße ist es als rückwärtige Erschließung die heutige Webergasse, auf der rechten (nördlichen) Seite ist es die Rathausgasse. Diese Gassen sind nach ursprünglicher Funktion sogenannte Wirtschaftsgassen. Das läßt sich noch heute ablesen: Das Haus an der Rietstraße dient dem Wohnen und Gewerbe. Dem Hinterhaus folgt ein Hof. 25

 

 

Den Grundstücksabschluß bildet ein rückwärtiges Nebengebäude, das ursprünglich dem landwirtschaftlichen Bereich vorbehalten ist. Der Hof kann mit einem überdachten Bauteil überbrückt sein.

Die Grundrißaufteilung verrät die alte Hofstatt und damit die Agrarstruktur im Weichbild zur Zeit der Gründungssiedlung und im Mittelalter. Diese Raumaufteilung ist die Regel, die Verwertung des Raumes kann sich allerdings im Laufe der Zeit wandeln; so auch im Falle der Häuserparzellen Rietstraße 14, 16, 18 und 20. Ein Ergebnis der bauhistorischen Forschung von B. Lohrum ist nämlich die abzuleitende Erkenntnis, daß die Wurzeln frühester städtischer Verwaltung und Repräsentation in den Häusern an der Rietstraße zu suchen sind und hier mit Schwerpunkt im Haus Nr. 20. Das heißt, die entwicklungsgeschichtlichen Etappen führen, entsprechend wachsender Erfordernisse, zu einer räumlichen Ausweitung in den rückwärtigen Raum, in die ursprünglichen Nebengebäude an der Rathausgasse. Um es kurz anzudeuten: Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert entsteht durch Umbauten an drei rückwärtigen Gebäuden in der Flucht der Rathausgasse das jetzige Alte Rathaus. Mit dem Funktionswandel einstiger hinterer Nebengebäude wird aus drei Gebäuden in der Folge baulich ein Haus. Dabei wird die ursprüngliche Parzellenstruktur in diesem Bereich aufgegeben. Sowohl rechtlich als auch funktional entsteht eine neue rechteckige Parzelle, die sich jetzt aber nicht mehr nordsüdlich erstreckt sondern sich, um 90° gedreht, westöstlich ausrichtet. Die Anbindung an die Häuser an der Rietstraße bleibt zwar bestehen, aber auf dem neuen Grundriß ensteht ein „geostetes“ Rathaus, das im Endausbau seinen Staffelgiebel mit der gegliederten Fensterfront dem Münster und Münsterplatz darbietet, während die Traufstellung entlang der Rathausgasse verläuft. Eine bauhistorische Untersuchung hätte demnach zweckmäßigerweise mit den Häusern an der Rietstraße beginnen müssen. Das wichtigste Haus, Nr. 20, und das Haus Nr. 14 verfügen aber als Folge von Um- und Neubauten über keine historische Substanz mehr und sind in größeren Baueinheiten untergegangen. Die Häuser Nr. 16 und 18 sind in ihrer Substanz bedingt aussagefähig und bedürfen noch einer näheren Untersuchung. Der entscheidende Schritt mußte deshalb seinen Ausgangspunkt vom alten Rathaus selbst nehmen, und so erkennt Burkhard Lohrum insgesamt für die Zeitebene von 1200 bis 1300 „erste Ansätze einer rückwärtigen Bauverdichtung auf den an der Rietstraße aufgereihten Parzellen“. Die baulichen Hinweise lassen drei eigenständige Gebäude erkennen, die sich jedoch, trotz unterschiedlicher zeitlicher Umbaufolge, über gemeinsame Trennwände berühren. (Die Bauentwicklung ist allerdings sehr komplex und bedarf für die Zukunft weiterer Aufklärung.)

Während schriftliche Quellen schweigen, wurde als Befund „die älteste, exakt datierbare Bausubstanz bislang im mittleren Bauteil des Gesamtkomplexes lokalisiert“. (Es ist der Hausteil, an den später der heutige Treppenturm an der Rathausgasse angebaut wurde.) An der Südwand dieses Gebäudes datiert im Erdgeschoß ein im Verbund verlegter Eichensturz einer ehemaligen Türöffnung „in die Zeit um 1212 ± 10“ (Lohrum, Probe D 51). — Siehe hierzu abgebildetes Foto und Grundrißzeichnung EG, von B. Lohrum. —

Diese Altersbestimmung ergibt sich aus der Auswertung der Jahrringstruktur des Holzes (dendro-chronologische Daten). Um das Jahr 1288 „wurde der Mittelbau umfassend umgebaut. Neben der Nutzung wurde hauptsächlich die gesamte Vertikalstruktur verändert“, d.h. vor allem die innere Erschließung. Das Erdgeschoß erhielt ein neues Deckengebälk. Und auch „für das 2. Obergeschoß bezeugen die Dendro-Daten, daß es sich … um das Altgebälk des Jahres 1288 handelt“. Lohrum führt weiter aus, „auf diesen Unterbau war ein Satteldach aufgeschlagen. Dessen Dachprofil entsprach dem heute vorhandenen Dachwerk.

In die Südwand des Mittelbaues wurde als Sturz einer ehemaligen Tür ein Eichenbalken verlegt. Die Jahrringuntersuchung ergab das Fällungsjahr um 1212. Es ist die älteste im Rathaus nachzuweisende Jahreszahl.

… Nach der Dendro-Untersuchung datieren Reste der Latten in das Jahr 1289″. Durch diese bauliche Umstrukturierung des Mittelbaues wurde die Erhöhung der östlichen Trennwand notwendig, so daß Lohrum als nächstes zu dem Ergebnis kommt, die heute vorhandene „Firsthöhe des gesamten Rathauses ist das Ergebnis dieser Umbauphase“. Von der Funktion her wichtiger als der Ostbau — das ist der Hausteil zum Münsterplatz hin — ist damals noch der Westbau. Auch er wurde von der Umbauphase betroffen. Ob der West-und Mittelbau damals rechtlich auf zwei getrennten Parzellen oder einem gemeinsamen Grundstück standen, ist derzeit nicht belegbar. Die baulichen Veränderungen an West- und Mittelbau führen zu dem Schluß, daß „die im Jahre 1288 angelegte Bau- und Nutzungsstruktur des Mittelbaues“ diesen zu einem „an den Westbau angehängten Funktionsbau“ macht. Der „Nutzungsschwerpunkt“ liegt künftig im Westbau. Lohrum führt dazu folgende Hinweise an: Der alte Zugang des Westbaues an seiner Südwand (gegen den Hof und die Rückseite des Hauses Rietstraße 20) wird spätestens 1288 vermauert und fehlt künftig. Der Eingang erfolgt danach über den Mittelbau. Im ersten Obergeschoß des Mittelbaues wird eine Feuerstelle eingerichtet. Über die damit verbundene Hinterladeöffnung wird durch die Mauerwand hindurch im Westbau ein Ofen beschickt. Wir treffen hier auf den einzigen beheizbaren Raum. Als heizbares Gemach war er eine sogenannte Stube, die man als Versammlungsraum zu deuten hat. Während Mittel- und Westbau funktional verzahnt sind, bleibt der Verwendungszweck des Ostbaues bis dahin noch unbestimmt.

Welche stadtgeschichtlichen Belange lassen sich mit dieser Umbauphase verbinden?

Kehren wir deshalb zunächst zum Hause Riet-straße 20 zurück. Um das Jahr 1830 löste sich die Herrenstuben-Gesellschaft oder -Sozietät oder Gesellschaft Ehrsamer Müßiggänger (Patrizier) auf und vereinigte sich mit der „Lesegesellschaft“ zur heute noch existierenden „Museumsgesellschaft“. Nach der Inkubationszeit des Niedergangs seit den Josephinischen Reformen war dies das endgültige Aus. Eine wichtige, einflußreiche, jahrhundertealte gesellschaftspolitische Institution, deren Mitglieder aus einer Schicht sozial, wirtschaftlich und politisch herausgehobener Bürger bestand, trat kommunalpolitisch von der Bühne der Geschichte ab. Ihre Trinkstube und standes-politischer Treff, heute würde man sagen ihr Sitz, befand sich bis dahin im Hause Rietstraße 20. Auch wenn sich ihre Spuren frühestens für das 14. Jahrhundert nachweisen lassen, so ist rechtshistorisch aufgrund der sozialen Zusammensetzung nicht zu bezweifeln, daß sie auf den Rat der Vierundzwanziger zurückgehen, der 1225 erstmals urkundlich genannt wird. Dieser Rat war demnach ein lange vor die Zunftverfassung zurückreichendes genossenschaftliches Organ, eine Eidgenossenschaft abgehobener Bürger, die sich aus den sogenannten Geschlechtern rekrutierten und erstmals neben den Schultheißen als Vertreter des Stadtherren traten und das Gemeinwesen mitregierten.

Das Haus der Herrenstube war auf seiner rückwärtigen Parzelle nachgewiesenermaßen mit dem Westbau des heutigen alten Rathauses „bis ans Ratgeßlin“ über einen Zugang verbunden. C. Bumiller meint, „daß diese Parzelle nicht zufällig Ausgangspunkt für das spätere Rathaus wurde, sondern sachlich und verfassungsgeschichtlich einen Kern der später komplexeren Kommunalverwaltung bildete“.

Das zu Ende gehende 13. Jahrhundert bedeutete eine Phase des Umbruchs. Wirtschaftlich erstarkt, melden sich die nichtpatrizischen Bürger, die Handwerker und Krämer in der Organisation der Zünfte zu Wort und nahmen schließlich maßgeblichen Anteil an der Verwaltung der Stadt. In den stadtrechtlichen Bestimmungen der Auszugsordnung von 1294 tritt als Beschlußorgan neben den Schultheißen und den alten Rat zu Villingen erstmals der „nuwe“, der neue, der sich über die Zünfte ergänzte. Die städtische Verfassung, inhaltlich auf Ausgleich bedacht, war damit novelliert und einem anderen Teil der Bürger, nämlich den Zunftbürgern, gleiche Rechte und Pflichten auferlegt.

Um 1288 wurde der Mittelbau über Mauerdurchbrüche mit dem westlichen Haus verbunden. Einer der Türdurchlässe führte im ersten Obergeschoß zu einer Stube im Westteil. Sie ist als Versammlungsraum zu deuten. Im kaminartigen Wandvorbau (hinter dem Schrank) befand sich eine Feuerstelle, über die ein Ofen in der dahinter liegenden Stube beschickt wurde, dem einzigen beheizbaren Raum.

 

1297 taucht erstmals der von den Vier-und zwanzigern und den Zunftmeistern gewählte Bürgermeister als Organ auf, und 1303 lautet die Beschlußlage der Auszugsordnung ,Nir der Schultheiß, der Bürgermeister und der Rat, der merre (= der neue) und der minre der alte) …“. Die zeitliche Nähe der verfassungsrechtlichen Vorgänge und der Umbauphase des Rathauses um 1288 sind auffällig. Möglicherweise geht das neue Raumordnungsprogramm an der Rathausgasse mit der Novellierung der Ratsverfassung einher. Jedenfalls dürfte es schwer sein, einen Zusammenhang zu leugnen. Wie sich die organisatorische Raumaufteilung letztlich gestaltete, bleibt Vermutung. Fest steht, daß es einen beheizbaren Versammlungsraum im rückwärtigen Gebäude der damals schon zu vermutenden Herrenstube an der Rietstraße gab. Er befand sich somit im Westteil des heutigen Alten Rathauses. Möglicherweise diente der große Vorraum zur Versammlungsstube, der heute noch das Entree im ersten Obergeschoß des Mittelbaus bildet, und in dem jahreszeitlich eine Feuerstelle unterhalten wurde, auch als Ort der stadtschreiberlichen Verwaltung und des Archivs. Er wäre ebenfalls als Ort der Zusammenkunft denkbar. Wie zuvor erwähnt, sind auf der Zeitebene von 1300 — 1400 laut Burkhard Lohrum „Ausbau und Verdichtung der Parzellen-bebauung“ anzusiedeln. Dazu meint er, „in der Regel geschah dies wohl durch die Verlängerung der an der Rietstraße stehenden Baukörper in die Grundstückstiefe“. Zusätzlich machen bauliche Veränderungen östlich (Richtung Münsterplatz) vom funktional bereits zusammengehörenden West- und Mittelbau auf sich aufmerksam. Nach Lohrum „werden die ostwärtigen Rückgebäude den westlichen Baustrukturen zugeordnet und in einen großen Lager- bzw. Wirtschaftsbau integriert. Der aus verschiedenen Vorgängerbauten bestehende Unterbau wurde völlig neu umgestaltet“, danach wurde das bis heute „vollständige Dachwerk im Osten“ aufgesetzt. Hierzu ergibt die Holzdatierung die Zeit „um 1341“. „Aus der Zeit des Umbaus stammt die große Halle im Erdgeschoß. Ihr wurde zur gleichen Zeit noch der Erd-geschoßraum des Mittelbaues zugeordnet“. Die fotografische Abbildung in unserem Beitrag zeigt, wie in die gemeinsame Mauerwand des Mittel-und Ostbaues „zwei mit Buckelquadern überwölbte Durchlässe eingebrochen“ wurden. Die auf Sicht verarbeiteten Balken und Ständer gehören zu dieser Baumaßnahme.

 

Während einer Umbauphase, mit Schwerpunkt 1341, entstand im Ostteil des Alten Rathauses die große Halle des Erdgeschosses. Gleichzeitig wurde über zwei Mauerdurchbrüche mit Buckelquadermauerung die Verbindung zum Mittelbau hergestellt und damit das Raumangebot vergrößert.

 

 

In die Zeit um 1341 gehört die „Zusammenführung des Mittel-und Ostbaues“ bis hinauf ins einmalig gut erhaltene Dachwerk. Das Fehlen von Rauchspuren im originalen Holzwerk des Daches, verglichen mit den auf anderen Villinger Hausdächern aufgeschlagenen Dachkonstruktionen, ist ein Hinweis, daß es im Ostbau keine Feuerstelle gegeben hat. „Mit hoher Sicherheit“, so Lohrum, habe es sich deshalb „um keinen Wohnbau“ gehandelt. Er hält das Gegenteil für richtig. „Das Fehlen einer Feuerstelle deutet eher darauf hin, daß es sich hierbei um einen ehemaligen Lagerbau handelt“.

Zur äußeren Erschließung des Erdgeschosses können zur Zeit keine endgültigen Aussagen gemacht werden. Für uns Heutige ist allerdings interessant, daß „die vorhandenen Torbögen mit Sicherheit nicht bestanden“ haben. Ein größerer Zugang könnte „innerhalb der Südwand vermutet werden“. Lohrum schließt aber nicht aus, daß eine „Erschließung über die Rathausgasse“ denkbar wäre.

Lohrum führt irrigerweise aus: ‚Während der Umbauten um das Jahr 1925 wurde in die Nordfassade des Westbaues der insgesamt dritte Torbogen eingebrochen“. Diese Feststellung trifft möglicherweise für den Bogen an der Nordfront des Ostteils zu. Der besagte Bogen befindet sich bereits im Mittelbau, östlich der gemeinsamen Giebelwand zum Westbau. Alle Baumerkmale des Torbogens in der Nordwand des Mittelbaues sprechen für ein weitaus älteres Datum. Leider wurde der Balkensturz hinter dem Rundbogen dendro-chronologisch nicht ausgewertet. Wir vermuten die Entstehung dieser Toröffnung mit frühestem Datum für die Zeit der Umbauphase um 1341, also in die von Lohrum genannte Periode der Zusammenführung von Ost- und Mittelbau im Bereich des Erdgeschosses. Die Toröffnung ist jedenfalls älter als der um 1587 angebaute Treppenturm, denn dessen äußerer westliche Abschluß stößt auf den östlichen Bogenpfeiler und verdeckt ihn teilweise.

Unbeschadet noch ausstehender eingehenderer Untersuchungen, lassen sich die Erkenntnisse Lohrums mit den gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Stadt verbinden. 1324 ist endgültig der Beginn der Zunftherrschaft, erkennbar aus dem Inhalt des Zunftbriefes aus diesem Jahr. Die Gewichte verlagern sich. Politisch und rechtlich sitzen neben dem stadtherrlichen Schultheißen und den patrizischen Vierundzwanzigern der Bürgermeister und die Zünfte, bzw. deren Vertreter, am Tisch. Der sich nur in den Zuständigkeiten unterscheidende große (merere) und kleine (min-re) Rat bestand ab 1324 aus einer Gesamtzahl von 72 Personen (1371: 82). Es stellt sich fast zwangsläufig die Frage, wo sich so viele Ratsmitglieder, außer auf dem Kirchhof (Münsterplatz), je nach Jahreszeit und bei Regen und Schnee sonst noch versammeln konnten.

Man kann in dem Um- und Erweiterungsbau der Jahre um 1341 nicht nur eine wirtschaftliche Zweckbestimmung (Lagerung und Markt) sehen sondern auch ein Raumangebot für Zusammenkünfte größeren Umfangs vermuten.

Wir haben es also nach 1341 beim Alten Rathaus mit drei Gebäudeteilen zu tun, die untereinander einen baulich verbundenen Komplex darstellen. Er überdeckt die rückwärtigen (nördlichen) Parzellenstücke der Häuser an der Rietstraße.

Nachgewiesen ist eine Verbindung zumindest zwischen dem Haus Rietstraße 20 (Herrenstube) und dem Westteil des nördlichen Komplexes. Ehemalige Rundbogenöffnungen in der Südwand des westlichen Bauteils und weitere Befunde nähren die Vermutung, „daß der südlich angrenzende Hauptbau (= Rietstraße 20) in allen Unterebenen die zentrale Erschließungsfunktion für die nördlich angrenzenden Rückgebäude aufnahm“. Für das 14. und 15. Jahrhundert würde diese Feststellung darauf hindeuten, „daß der aus drei rückwärtigen Gebäuden bestehende Komplex im Prinzip dem an der Rietstraße liegenden Gebäude zuzuordnen ist.

Andersgesagt: Noch hatte sich der Komplex funktional und als Repräsentationsbau nicht verselbständigt. Bis ins 16. Jahrhundert bleibt er gewissermaßen „rückwärtiges Hinterzimmer“ der Häuser an der Rietstraße.

In den nächsten 170 Jahren sind „nur wenige Baumaßnahmen“ zu verzeichnen.

Blick durch einen Bogen des Ostbaues in den Mittelbau und dahinter in den Westbau

 

Um das Jahr 1415 brannte das Dach über dem Mittelbau ab. Fast hundert Jahre später, um 1511, „wurde der Westbau gravierend umgebaut“. Heute fallen von außen vor allem die nördliche Fassadengestaltung mit den in den zwei Obergeschossen eingebrachten Fenstern und dem gotischen Türgewände im Erdgeschoß ins Auge; mit einiger Sicherheit „erfolgte auch die Umgestaltung des Spitz- zum Treppengiebel“. Die Giebelwand, im Innern schon seit der Baumaßnahme von 1288 über Durchbrüche die Verbindung zum Mittelbau herstellend, ist über Dach auf unserer Farbabbildung zu sehen und belegt die ursprüngliche Separierung von West- und Mittelbau. Im Innern stammen „alle drei Gebälklagen des Unterbaus“ aus der Zeit dieser baulichen Umgestaltung. Der Westbau wurde somit „völlig modernisiert“.

Aufgrund bauhistorischer Merkmale fällt auf, daß außer dem an der Rathausgasse befindlichen Türzugang der „weitaus aufwendigere Zutritt im Erdgeschoß über die zwei oben schon erwähnten „offene Bögen“ an der Südtraufe des Westbaues erfolgte. Doch gab es bei dieser „Modernisierung“ nach wie vor keine den West- bzw. Mittelbau im Innern erschließende Vertikale, im Sinne eines Treppenhauses. Es gibt sie im gesamten Rathauskomplex bis heute nicht. Das Erdgeschoß war u.a. zwar von der Rathausgasse aus zu betreten, wie uns das in der nördlichen Traufwand eingelassene Gewände mit Tür verrät, aber wer sich in die Obergeschosse begeben wollte, mußte zuerst das Erdgeschoß durchqueren und das Haus über die Torbögen an der Südtraufe verlassen. Hier läßt sich schon „die enge Verbundenheit mit dem südlich angrenzenden Bau eindeutig ablesen“. In dem hofraumartigen Bereich zwischen Rietstraße 20 und Westbau Altes Rathaus ist mindestens eine in sich geschlossene Teilüberbauung mit einem Treppenhaus und einem das nördliche und südliche Gebäude verbindenden Korridor, vielleicht als Galerie, anzunehmen.

Alle Hinweise auf die Nutzungsstruktur des Westbaues schließen eine Wohnnutzung aus. Stattdessen lassen das „repräsentative Erdgeschoß“ und der im ersten Obergeschoß den gesamten Grundriß ausfüllende Raum „eher die Funktion eines für eine ausgewählte Gesellschaft bestimmten Versammlungsort erkennen“.

Um das Jahr 1536 tritt, nach Lohrum, das Ereignis ein, das den bisherigen baulichen Entwicklungsprozeß des Rathauses entscheidend voran bringt. Es ist eine große Umbaumaßnahme, die den Osttrakt des Gebäudekomplexes erfaßt. „In dieser Zeit wurde in das erste Obergeschoß des östlichen Lagergebäudes der heute vorhandene Ratsaal eingebaut“. Mit dem Giebel zum Mün-sterplatz hin, entsteht außen eine stattliche Front, gegliedert in ein spätgotisch repräsentatives Fensterband aus drei je dreiteilig gearbeiteten Fenstern sowie drei und zwei weiteren Doppelfenstern in den Stockwerken darüber. Der Ratsaal erhält die getäferte Holzdecke und die bis zu zwei Dritteln Höhe die Wand verkleidende Täferung. Diese schließt oben mit einem umlaufenden Fries ab. In ihm ist im Türsturz zwischen flachreliefierten Putten die im Zusammenhang mit der Umbaumaßnahme bisher noch nicht gewürdigte Jahreszahl 1537 eingeschnitzt.

Der Torbogen (links) könnte in die Bauphase um 1341 gehören und eine Zufahrt für die Beschickung des Mittelbaus von der Rathausgasse her darstellen. Die spitzbogige Tür (rechts) gehört mit ihrer gegliederten Türfüllung zum Westbau und ist bei dessen Umbau um das Jahr 1511 entstanden.

 

Ihre Bestätigung erhält sie vermutlich über ergänzende Dendro-Daten des Vorraums bzw. der „Küche“ und des 2. Obergeschosses (Lohrum, Proben D 46?, D 53? I. OG, D 43 — 45? 2. OG).

Die sich darunter befindliche Tür datiert mit der Jahreszahl 1588 später. Sie stammt aus der sogenannten alten Prälatur des Kloster St. Georgen zu Villingen und gehört zeitlich nicht zu dieser Umbaumaßnahme. Auch die zwei Torbögen im Erdgeschoß des Ostgiebels und die zwei an der Nordseite gab es damals, wie erwähnt, nicht.

Der nach Lage und Ausstattung vornehme Ratsaal hat ab 1537 zweifellos auch als Ort städtischer Repräsentation eine bis heute wesentliche Rolle gespielt.

Mit der Umorientierung des Rathauskomplexes sind die gestalterischen Maßnahmen allerdings noch nicht abgeschlossen.

Verlängert man gedanklich die Flucht der Rathausgasse entlang der Nordwand des Alten Rathauses, so wären wir im späten Mittelalter auf weitere rückwärtige Gebäude von Häusern an der Rietstraße gestoßen. Zwischen deren Nordseite und dem Münster hatte es demnach nur noch wenige Meter Zwischenraum gegeben, selbst wenn man berücksichtigt, daß der Münsterbau II aus dem 13. Jahrhundert etwas weniger breit war als der jetzige Bau III. (Analog war die Raumsituation auf der gegenüberliegenden Münsterseite, wo eine Gebäudeflucht die Kanzleigasse verlängerte.) Lohrum geht davon aus, daß noch im 16. Jahrhundert diese Gebäudeteile den Blick auf den Ostgiebel behinderten, weil eben „die Nordflucht dieser Rückgebäude weiter nach Osten reichte“. Erst als die rückwärtigen Gebäude östlich des Rathauses abgebrochen und „die weit in die Tiefe reichenden Hauptgebäude z. T. mehrere Meter gekürzt wurden“, sei durch die dann entstandene Platzwirkung die freie Sicht auf den Rathausgiebel möglich geworden. Wann diese städtebauliche Neugestaltung des Münsterplatzes begann, ist zwischen Archäologe und Bauforscher umstritten. Die Umorientierung des Rathauskomplexes in seine Ost-West-Erstreckung ist funktional endgültig mit dem Einbau des an der Nordfront in der Rathausgasse 1587 angebrachten Treppenturms vollzogen (Lohrum, Dendro-Proben D 12 und 13, 1. Dachgeschoß).

Wenn man die äußere Türe des Westbaues (siehe Bild auf S. 32) von der Rathausgasse her durchschreitet und den Raum durchquert, gelangt man an zwei ehemals offene große Wandbogen. Sie stellen spätestens ab 1511 die Verbindung zu einer rückwärtigen Vertikalerschließung über eine äußere südliche Treppe dar. Es war die einzige Verbindung in die oberen Stockwerke, gleichzeitig aber auch die Anbindung an die ehemalige Herrenstube der Patrizier im Gebäude Rietstraße 20.

 

Um 1536 wurde im Zuge einer größeren Umgestaltung der heutige Alte Ratsaal im Ostteil des Rathauses, zum Münsterplatz hin, eingebaut.

 

Mit dieser Baumaßnahme war „auch die Erschließungssituation den neuen Verhältnissen angepaßt“. D. h., man hat nun vorwiegend das Gebäude und seine Stockwerke über das schöne Renaissance-Portal betreten.

Vielleicht geht die bauliche Umorientierung auf die inzwischen eingetretenen Verfassungsänderungen zurück. Möglicherweise ist sie ein Indiz, daß der Einfluß adliger und patrizischer Geschlechter, mit Sitz in der Herrenstube an der Rietstraße, schon ab 1324, entscheidend zurückgedrängt war und die Zünfte längst die Oberhand gewonnen hatten. Das Zunftregiment wird an der Anzahl der bürgerlichen Vertreter im Rat deutlich. Als im Jahre 1418 notgedrungen der Rat mit Zustimmung des Stadtherrn, Herzog Friedrich von Österreich, auf 40 Mitglieder „gemindert“ worden war, dominierte die zunftbürgerliche Seite auch hier mit qualifizierter Mehrheit.

Außer den Baumaßnahmen am zentralen Rathauskomplex gab es im Laufe der Jahrhunderte immer wieder rechtliche und bauliche Veränderungen im Zwischenbereich der Häuser Riet-straße 14-20 und dem rückwärtigen Rathausbau. Immerhin gibt es auch für den heutigen Betrachter der Ostseite einen baulichen Übergang vom Rathausgiebel in einen nach Süden auf das ehemalige Einzelhaus Rietstraße 14 zulaufendentraufseitigen Nebentrakt. Er nimmt nach einiger Umgestaltung mit seinen Fenstern in der Fassade die Symmetrie der Fensterfront des Giebels auf und schafft so einen optisch einheitlichen Eindruck. Im Innern bedeutet er eine abgeteilte Raumerweiterung nach Süden über drei Stockwerke hinweg.

Den baulichen Abschluß bildete der um 1587 an- und eingebaute Treppenturm an der Nordfassade. Seit dieser Zeit bildet das schöne Renaissance-Portal den Haupteingang des Rathauses.

 

Die Entwicklung der Zwischenbereiche zu schildern, müssen wir uns hier versagen. Wir versagen uns auch eine Analyse der inneren Funktion des Rathauses als Verwaltungssitz und die Schilderung gesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher und gerichtlich-prozessualer Ereignisse, die der Bau in sich aufgenommen haben dürfte. Es sei lediglich, weil noch zu besichtigen, auf die im zweiten Obergeschoß verzimmerte Gefängniszelle hingewiesen. Schon im 16. und 17. Jahrhundert gab es im Rathaus, wie auf den Türmen, sogenannte keffite oder gevengknusse (= Gefängnisse), Arrestzellen, die nicht dem eigentlichen Strafvollzug sondern der vorübergehenden Verwahrung von Inhaftierten dienten. Trotzdem ist es vorgekommen, daß 1602 eine als Hexe angeklagte Frau (nach der Folter?) im Gefängnis auf dem Rathaus starb.

Noch bis in unsere Tage bezeichnete die Museumsführung das hölzerne Gefängnis im zweiten Obergeschoß des Mittelbaus als Folterkammer. Es handelt sich allerdings nicht um das soeben erwähnte Gefängnis. Die bauhistorische Untersuchung kommt allerdings zu dem Ergebnis, „bei dem hölzernen Kasten handelt es sich um einen historischen Einbau“. Die Jahrringanalyse der verbauten Hölzer ergab das Fällungsdatum 1731 (Lohrum, Holzproben D 36-42).

Nachdem keine gravierenden Reparaturen oder Umbauten mehr vorgenommen wurden, setzte ab 1876, mit der Einrichtung der Villinger Altertümersammlung, eine „rege Bautätigkeit“ ein. Unter anderem besaß „gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Ostgiebel zwei Torbögen“. Damals wurden sie mit Flügeltüren verschlossen, heute sind sie verglast. 1897 wurde die Fassade des Ostgiebels im historisierenden Stil der Zeit bemalt und der Stufengiebel mit einer schmiedeeisernen Arbeit bekrönt.

Die hier auszugsweise vorgetragenen bauhistorischen Erkenntnisse ergeben eine neue Sicht der Entstehungsgeschichte des Alten Rathauses. Zahlreiche Darstellungen der Vergangenheit erweisen sich als Spekulationen und sind gegenstandslos geworden.

Die noch nicht abgeschlossenen Untersuchungen sind nicht Selbstzweck. Sie sind notwendige Maßnahmen im Vorfeld einer Sanierung und Modernisierung des Museums „Altes Rathaus“. Letzteres geschieht vor dem Hintergrund des tausendjährigen Jubiläums der Einrichtung des Marktrechts am Ort Villingen im Jahre 1999.

Anmerkungen

In einer redaktionellen Bearbeitung werden die Ergebnisse der bauhistorischen Untersuchungen in der notwendigen Kürze mitgeteilt. Sie wurden teilweise in einen über andere Quellen ermittelten geschichtlichen Kontext gestellt bzw. in Verbindung mit diesen Quellen vom Bearbeiter interpretiert.

Die bauhistorischen Forschungen erfolgten im Auftrag der Stadt Villingen-Schwenningen. Deren Ergebnisse wurden ermittelt und vorgelegt von:

Burghard Lohrum, Ing. (grad), Ingenieurbüro für Bauforschung, Datierung, Bauaufnahme, 77955 Ettenheimmünster, Oktober 1993, Villingen-Schwenningen Altes Rathaus Villingen, maschinenschriftliche Vervielfältigungen mit Anlagen; Ders., Villingen-Schwenningen, Altes Rathaus Villingen, Dendrochronologische Untersuchung — Dachstrukturen —, Ettenheimmünster, Juli 1990, Vervielfältigung B. Lohrum.

Weitere Quellen:

Casimir Bumiller, 79283 Bollschweil, Untersuchungen zur Geschichte des Alten Rathauses in Villingen; im Auftrag der Stadt Vil-lingen-Schwenningen, August 1995, maschinenschriftliche Vervielfältigung.

Paul Revellio, Beiträge zur Geschichte der Stadt Villingen, Ring-Verlag Villingen, 1964, S.179 ff.

Karl S. Bader, Schriften zur Landesgeschichte, Jan Thorbecke-Verlag, Sigmaringen 1983: Stadtrecht und Bürgerfreiheit im alten Villingen, S. 386 ff.

Oberrheinische Stadtrechte, Heidelberg 1905, zweite Abteilung, erstes Heft: Villingen, S. 38, S. 93 f. Nr. XXIX, bearbeitet von Christian Roder.

Rudolf Maier, Das Strafrecht der Stadt Villingen, Dissertation, Freiburg 1913, S. 7 ff., S. 59 und Fußnote 4.

Thomas Keilhack, Das Münster Unserer Lieben Frau zu Villingen, archäologischer Bericht in: Geschichts- und Heimatverein Villingen, Jahresheft V, 1980, S.29 ff.