Vom Bit zum Chip (Herbert Kuon)

Hollerith in Villingen ist die Wiege

Hermann Hollerith (1860-1929) in USA, Sohn eines Deutschen mit Mutter aus USA, erfindet die Lochkarten-Maschine und gründet die „Tabulating Machine Company«. Er entsendet den Ingenieur R. Williams nach Deutschland, um eine Gesellschaft zum Erwerb seiner Patente und Vertrieb seiner Maschinen zu gründen: DEHOMAG in Berlin am 30.11. 1910.

 

Visionen entstehen in der Hoffnung, daß es sie vielleicht doch gibt. Dazu macht der Mensch wertvolle Vorerfahrungen, die er umzusetzen versucht. Theorie und Praxis, Kopf und Hand gehen ineinander. So hatte ein Amerikaner namens Hermann Hollerith eine geniale und daher so einfache Idee: Zum Zählen von 0 bis 1000 braucht man, der vergnügte Leser sollte es ausprobieren, bis 1 000 000, „wetten daß…“, immerhin ohne Unterbrechung einige Tage. Zählen ist so einfach, daß es im Automatismus (+ 1) Maschinen übernehmen können. Mit Kugeln der alten „russischen“ Rechenmaschine sollten Generationen zählen lernen. Hollerith’s Idee fällt in die Entwicklung von elektrischen Maschinen: wie können —Kugeln — gezählt und elektrisch übertragen werden? Die Möglichkeiten der elektrischen Schaltung sind von vorneherein begrenzt: „ein“ oder „aus“. Das war es schon: für „ein“-e Kugel — ein Bit — stanze ich ein Loch, für „aus“ stanze ich nicht. Die Löcher einer Karte werden an geeigneter Stelle im Stapel oder am Band abgetastet, gespeichert und digital, d. h. „ein“ oder „aus“ übertragen.

Das bis heute weltweit in dieser Datenverarbeitung führende und aus Hollerith entstandene Unternehmen IBM (Internationale Büro Maschinen) hat noch immer, wenn auch eine nicht sehr bescheidene Vision, bis zur Jahrtausendwende den mit Abstand leistungsstärksten Computer der Welt zu bauen. Er wird bis zu 3 Billionen Operationen pro Sekunde durchführen können. „Der Superrechner soll im US-Energieministerium als Simulator der Entwicklung von Atomwaffen dienen“ („Südkurier“ v. 29. 7. 96). Zum groben und banalen Vergleich: der Computer kann in einer Sekunde etwa 1 000 Waggons, die mit Reiskörnchen voll beladen sind, einzeln durchzählen.

 

Ursprung dieser Idee liegt in einer größeren Gaststätte in Villingen am Benediktinerring/Vöhrenbacher Straße, die schon im Jahre 1744 ein französischer General mit Tross zum Quartier genommen hat. Das ehemalige Gasthaus „zum Engel“ wird mit dem Saal als bedeutendes „katholisches Vereinshaus“ genutzt und soll zu einem geeigneten Produktionsgebäude ausgebaut werden. Noch bevor der Chef des Generalstabs Hindenburg die Kapitulation des I. Weltkrieges am 11.11.1918 unterschrieben hat, erkundet ein Vertreter einer kleinen Firma mit 6 Mitarbeitern — der „Deutschen Hollerith-Maschinen-Ges. m. b. H.“ — mit Stammsitz in Berlin die badische Randstadt Villingen, bezieht in der Rietstraße 15 eine größere 6-Zimmer Wohnung und entschließt sich sofort nach 4 Wochen für einen Preis von M. 10 000,— zum Kauf des Gasthauses „zum Engel“.

 

Eine Lochkarte wird mit einer dafür gefertigten Maschine gelocht. Aus rein statistischen Anwendungen wie der Volkszählung (z. B. auch in Baden 1910) oder der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin, oder etwa aus der Kriegsbewirtschaftung in zentralen Lochkartenstellen des Reiches entsteht eine neue Entwicklung der Datenverarbeitung: Saldierung, Summenlochung bis zum betrieblichen Rechnungswesen.

 

Ein kleinerer Betrieb hat eine kriegswichtige Marktnische gefunden und setzt alles auf eine rasche Umsetzung. ,Wir müssen spätestens anfangs Juli dort fabrizieren können. Die Besteller drängen täglich …“ Die Firma aus Berlin erhöht den

Damals wie heute bietet der Raum mit seinen Menschen gute Voraussetzungen für Betriebsgründungen: geschultes Human-kapital mit günstigen sozialen Verhältnissen und genügend räumlichem Potential.

„Dem Entgegenkommen der Bürgermeisterei Villingen ist es zu danken, daß wir uns nicht für Württemberg entschlossen haben.“ Und weiter heißt es, „seitens der Karlsruher Kriegsamts-stelle sollten nicht Schwierigkeiten gemacht werden, wodurch Verzögerungen eintreten, welche ganz bedenklich auch auf die Arbeiten der kriegswichtigen Industrien, wie Krupp in Essen und München, die führenden Firmen der chemischen Industrie, Schiff werfen, die A. E. G., Siemens Halske und viele andere mehr einwirken und dort auf das Unangenehmste empfunden werden.“

Druck zur Genehmigung der Fabrikation im Schreiben v. 13. 6. 1918 an Herrn Bürgermeister Lehmann, nachdem die Stadtverwaltung die Umbaugenehmigung erteilt hat: „das Kriegamt in Karlsruhe wird wohl nunmehr keine Schwierigkeiten mehr machen, nachdem von sämtlichen Benutzern unseres maschinellen Systems Schreiben dahin gerichtet worden sind, woraus die Kriegswichtigkeit unseres Betriebes … zur Evidenz hervorgeht.“ Noch am 1. 10. 1918 erteilt die Kriegsamtsstelle die Genehmigung zur Produktion mit dem Ziel, den „Hauptbetrieb dieser Firma dorthin zu verlegen.“ Ausschlaggebend dürften betriebswirtschaftliche Zwänge zur Rationalisierung gewesen sein, „die Produktion nur in demjenigen Betrieb fortzuführen, in dem sie mit den geringsten Unkosten und mit den größten produktiven Erfolgen geleistet werden kann“ (aus der „Karlsruher Zeitung“ Nr. 97 v. 27. 4. 1927). Betriebsverlegungen, -gründungen und -Schließungen waren an der Tagesordnung. So dürfte allein wirtschaftlicher Zwang Grundlage zur Gründung wie nach 10 Jahren zur Schließung des Unternehmens in Villingen gewesen sein.

Rasch entwickelt sich der Umsatz des Betriebes entsprechend der Belegschaft von insgesamt 200 Mitarbeitern. Das kriegwichtige Produkt paßt genau zum Zwang der innerbetrieblichen Automatisierung und Rationalisierung vor allem der Verwaltungen.

Für die Verlegung nach Süddeutschland ist auch eine politische Gunst abzuwägen.

Es spricht nicht gegen das politische Ansehen des liberalen Prinzen Max von Baden, daß er ausgerechnet Anfang Oktober 1918 von einem interfraktionellen Ausschuß des Reichstages zum Kanzler vorgeschlagen wurde. Er sollte die Beziehungen zum Kaiser und zur Obersten Heeresleitung erleichtern, nachdem Ludendorff wenige Tage zuvor einen sofortigen Waffenstillstand gefordert hatte. Der Badener genoß das Vertrauen, das Reich nach Ende des Krieges in eine parlamentarische Demokratie umzuwandeln.

Entgegen der Entwicklung der allermeisten Villinger Betriebe bedeutet die Gründung von „Hollerith“ in Villingen Schaffung von Arbeitsplätzen, in gedemütigter Kriegsschuld Aufbruchstimmung, für die Uhren- und Feinwerkindustrie technologischen Anschluß an die Entwicklung in den USA, aber vor allem eine segensreiche Umstellung auf die Friedenswirtschaft und damit verbundene neue Investitionen.

 

Bis in die 80er Jahre wurden Zeit-Kontroll-Apparate vermietet und Lochkarten verkauft. Auch eine Firma in VS-Schwenningen hat sich diesem Handel gewidmet. In den „Referenzen“ sind die belieferten Schlüsselbranchen des Deutschen Reichs erwähnt.

 

Im Schatten der wirtschaftlichen und sozialen Depressionen und der damit verbundenen politischen Instabilität auch in Villingen machte sich ein Funken Optimismus breit: „In unserer Schwarzwaldstadt haben wir ein leuchtendes Haus. Man kann nachts an ihm vorbeigehen, wann man will, das Haus ist beleuchtet. Es werden darin Karten von besonderer Beschaffenheit gedruckt, bestimmt für Holle-rith-Maschinen, verwendet in den großen Industrien unseres deutschen Vaterlandes und auch weiter draußen in der Welt, um auf schnellstem Wege Licht und Aufklärung über im Dunkel gehüllte wichtige Fragen aller Art zu bringen. … Das leuchtende Haus sendet seine hellen Strahlen ungeheuer weit.“ („Villinger Volksblatt“ v. 2.12. 1925).

Die Farbenfabriken BASF können als eine der ersten Kunden die Maschine nicht kaufen, aber wenigstens auf 40 Jahre mieten

Das fast wunderhafte Geschehen einer „strahlenden“ Firma blieb in Villingen ein Einzelfall. Die Kriegsfolgen — Produzieren auf Pump — waren längst nicht überwunden. Also mußte Vertrauen in die Währung wenigstens durch einen psychologischen Kunstgriff wiederhergestellt werden: eine Rentenbank wurde gegründet und eine Parität auf einer Billion Papiermark von 4,20 Mark zu einem Dollar festgelegt. Der Staat war von den Kriegsschulden saniert: 154 Mrd. Mark Kriegsschulden hatten am 15. 11.23 den Wert von 15,4 Pfennigen von 1914. Schulden hatten sich für den Staat und Investoren „gelohnt“, die Flucht in Sachwerte wurde angeheizt.

Die Kaufkraft des Geldes schwand wegen fehlender Deckung, die Reallöhne blieben immer mehr hinter den Preisen zurück, sie reichten kaum zur Deckung des Existenzminimums. Der Mittelstand, Handwerker, Angestellte, Arbeiter, Beamte verarmten. Private Investitionen verkümmerten. Neben dem Schicksal »Arbeitslosigkeit“ kamen starke Jahrgänge ins heiratsfähige Alter. Trotz Bemühungen der Stadt und Wohnungsbaugesellschaften gab es so gut wie keinen Sanierungs- und Baumarkt. In den Familien mit Kindern, Alten, Kranken, erwachsenen Töchtern und Söhnen, arbeitslosen Frauen und Männern spitzte sich das Wohnen“ in jämmerliche Zustände zu. Also sollte auch in Villingen die Stadtverwaltung mit Hilfe des Wohnungsmangelgesetzes“ v. 26. 7. 1923 den Bedarf bis zur Beschlagnahme regulieren. Neben den offensichtlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten bis zur höchsten Arbeitslosigkeit 1927 entwickelte sich ein psychologisches Klima des Mißtrauens, Verdächtigens, Geredes und gegenseitigen Beschuldigens. Staatlicher Zerfall ließ auch in Villingen Bestrebungen wie „nationale Revolution“, NSDAP- und Volksfront-bewegungen emporschießen. Magischer Optimismus eines „strahlenden Hauses“ wandelte sich ins Gegenteil. Das Beispiel eines städtischen Beamten zum Vollzug des, Wohnungsmangelgesetzes“ löst im Klima der sozialen Not, der politischen Konfrontation und des Mangels an Perspektiven eine Lawine aus, die unaufhaltsam das Elend aufdeckt. Im Dachgeschoß der Firma „Hollerith“ befinden sich angeblich noch leere Wohnungen. Nach der Inspektion durch den Beamten kommt es zu einem heftigen Schriftwechsel zwischen der Firma in Berlin und der Stadtverwaltung. Aufgestautes Mißtrauen in die „öffentliche Hand“ wegen einer vermeintlichen Verweigerung einer Bauerlaubnis, der ungerechtfertigten Inspektion der Wohnungen oder Probleme mit der Energielieferung der Stadt ist unübersehbar. Polizeiliche Drohung bei Weigerung polarisiert das noch junge, Belastungen nicht gewachsene Verhältnis unter den Betroffenen.

Die Firma „DEHOMAG“ rechtfertigt ihr Vorhaben, das Werk nach Sindelfingen zu verlagern, in einem Schreiben an den „Oberbürgermeister der Kreishauptstadt Villingen in Baden“ v. 27. 3. 1928: … „richtig ist, dass die ausserordentlich betrüblichen Erfahrungen, die wir mit der Stadtverwaltung wie auch mit den kommunalen Unternehmungen gemacht haben, zweimal, wenn auch nicht der ausschlaggebende, so doch immerhin mit ein Grund für unseren Entschluss waren, unser Unternehmen in Villingen nicht auszudehnen, bezw. es nicht dort zu belassen. Dies war zum ersten Male, als wir vor der Frage standen, eine starke Vergrösserung unserer Fabrikanlage vorzunehmen und zum zweiten Male als wir uns entschlossen haben, den Villinger Betrieb mit unserer Sindelfinger Fabrik zu vereinigen und zwar mit der Fabrik, die wir gerade gekauft haben, weil die in Villingen bestehenden Verhältnisse und das Gegenteil jeglichen Entgegenkommens uns eine Ausdehnung unseres Villinger Betriebes nicht ratsam erscheinen liessen. Wir haben von dieser unserer Auffassung der Stadtverwaltung keine Mitteilung gemacht, vielmehr entgegenkommenderweise eine etwas freundlichere Darstellung der unsere Entscheidung beeinflussenden Gründe gegeben, weil wir die Angelegenheit Villingen für uns als erledigt betrachten und der Stadtverwaltung in der Oeffentlichkeit keine Schwierigkeiten bereiten wollten. Der Dank, der uns seitens der Stadtverwaltung, oder zum Beispiel seitens der Städtischen Elektrizitätswerke VILLINGEN geworden ist, war für uns charakteristisch. Die Stellungnahme, die sowohl das Wohnungsamt, wie auch nunmehr die Stadtverwaltung selbst einnimmt, ist nicht weniger charakteristisch. …

 

 

Wir halten unsere Forderung, von jeglichem Betreten unseres Grundstückes fernerhin abzusehen, aufrecht und werden im anderen Falle die von uns in einem früheren Schreiben bereits erwähnten Konsequenzen ziehen. … Wir werden uns gezwungen sehen, doch noch nachträglich unsere gesamten und augenscheinlich immer noch ergänzungsbedürftigen Erfahrungen der Oeffentlichkeit zu unterbreiten …“ Daraufhin verfaßt Bürgermeister Gremmelspacher einen Bericht für Herrn Oberbürgermeister Lehmann zur Vorlage beim Herrn Landeskom-missär in Konstanz. Er „wird in die Lage versetzt, klar zu erkennen, von welchem Querulanten-wahnsinn gegen die Stadt die Hollerith A. G. befallen ist und welchen Abwehrkampf die Stadtverwaltung gegen eine derartig bösartige Verleumdungssucht zu führen gezwungen ist. Was sich die Firma an unerhörter Schmähsucht leistet und wie sie in geradezu pathologischer Verkennung der Sachlage glaubt, gegen uns hetzen zu dürfen, obwohl es ihr bis heute noch nicht gelungen ist, nachzuweisen oder auch nur klar auszusprechen, wieso die Stadt sie schlecht behandelt habe, das verdient endlich einmal aufs deutlichste zurückgewiesen zu werden. . ..“ (v. 25. 7. 1928).

Bereits ein Jahr zuvor „trifft die Stadtverwaltung keinerlei Verschulden. Sie war ihrerseits bemüht, im Interesse der Erhaltung des Werkes, baupolizeiliche Bestimmungen weitherzig auszulegen“, so der „Schwarzwälder“ v. 27. 6.1927. Zum 1. 7. 1927 wurde allen „100 Arbeitern und Angestellten“ gekündigt, im „Volkswille“ v. 16.5.27 nachzulesen. Die Verschmelzung der DEHOMAG mit der Sindelfinger „Optima Maschinenfabrik AG“ wurde einige Jahre später, 1934 vollzogen. Nach dem II. Weltkrieg nahm die DEHOMAG 1949 mit der Bildung zur Firma IBM — Internationale Büro-Maschinen Deutschland — eine stürmische Entwicklung. Eine Zweigstelle in Villingen befaßt sich hauptsächlich mit Service-Aufgaben.

Das Jugendstilgebäude „Hollerith“ beherbergte städtische Ämter und sollte auf Antrag der Stadt abgerissen werden, um den Platz vor dem Riettor großzügig verplanen zu können. Die Denkmalschutzbehörde konnte es durch ihren Einspruch vor dem Abbruch retten. Vielmehr konnte sie auch ohne finanzielle Zuschüsse mit der Auflage, die Fassade zu erhalten, und einen Neubau in die Anlage zu integrieren, einen Investor, die Villinger Firma TOP-Bau, zum Kauf überzeugen.

Der Verkaufspreis der Stadt Villingen-Schwenningen betrug ca. 1,9 Mill. DM. Für die gesamte Fläche für tragfähige Dienstleistungen und moderne Wohnungen von ca. 5.000 qm mußte um das Zehnfache an Investitionen veranschlagt werden („Südkurier“ v. 20. 10.1984). Die Firma TOP-Bau hat nicht nur zahlungsfähige Interessenten gefunden, sondern „in sämtlichen schwierigen Bauabschnitten Dokumentationen in Wort und Bild gewonnen, als architektonisches Nachschlagewerk unter Gesichtspunkten und Auflagen des Denkmalschutzes“ (Immobilien-Panorama 1/96 VS-Schwenningen). „Hollerith“ ist für TOP-Bau, für die Käufer wie für die ganze Stadt zu einem mustergültigen Sanierungsobjekt geworden.

So ist aus der Gaststätte „zum Engel“, dem Geburtsort von „Hollerith“ in Villingen, für künftige Generationen wiederum eine Wiege für gediegene, soziale Wohlfahrt, Vertrauen in eine rechtsstaatliche Ordnung, und ein Meilenstein geschaffen, nicht im Dunkel „leuchtend“ und nicht nur zur „Simulation“.

Anmerkung:

Arbeiten im Städt. Archiv wurden dankenswerterweise weitgehend durch Herrn Archivar i. R. Dr. Fuchs geleistet.

Das Archiv der IBM in Sindelfingen war mit Unterlagen behilflich. Im Werksmuseum veranstaltet die VHS Böblingen-Sindelfingen regelmäßig Führungen.